2021 Aramäische Evangelientexte 6 S.

Beispiele unbewusster oder bewusster Falschübersetzung von aramäischen Bibeltexten ins Griechische bzw. Deutsche

Quellen und Autoren:

Aus: Günther Schwarz, Das Jesus-Evangelium.

Chronologie der Jesus-Überlieferung

Aus den oben angeführten Darlegungen von Torrey und Aland sowie aus den Informationen der Deutschen Bibelgesellschaft stellt sich die Jesus-Überlieferung in den ersten vier Jahrhunderten dar, wie in Abbildung 4 skizziert:

  • Noch während Jesu Lebzeiten entstand eine mündliche Überlieferung, die ungefähr bis Ende des 1. Jahrhunderts reichte;
  • aus dieser mündlichen Überlieferung der Worte und Taten Jesu entstanden die von Rabbi Jochanan ben Zakkai erwähnten aramäischen Evangelien, die gemäß Torrey vernichtet wurden, wahrscheinlich Ende des 1. Jahrhunderts;
  • für die Griechisch sprechenden Gemeinden im Mittelmeerraum wurden die aramäischen Evangelien ins Griechische übersetzt.


Abb. 4: Chronologie der Jesus-Überlieferung in den ersten vier Jahrhunderten d. Z.
Diese griechischen Evangelien wurden bis ins 4. Jahrhundert in den sich bildenden christlichen Gemeinden handschriftlich vervielfältigt (und verändert);
die bedeutendsten griechisch überlieferten Handschriften der Evangelien finden sich im Codex Vaticanus Graecus 1209 und im Codex Sinaiticus, die aus dem 4. Jahrhun-dert stammen (und den gesamten Bibeltext enthalten).
Zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert wurden die griechischen Evangelien für Altsy-risch sprechende Christen in ihre Sprache (rück-)übersetzt. Dieses Altsyrisch stand dem Aramäischen Jesu in der Aussprache und im Vokabular sehr nahe, da Israel und Syrien aneinander grenzten. Es wurde allerdings nicht mit hebräischen, sondern mit syrischen Buchstaben geschrieben (Tabelle 9, Seite 36). 21
Die in Abbildung 4 in der Umrahmung zusammengefassten altsyrischen Evangelien enthalten viele Fehler, die auch in den griechischen Texten vorhanden sind. Somit handelt es sich um Rückübersetzungen griechischer Vorlagen ins Syrische/Aramäi-sche, keinesfalls um originale Texte. Aber: Sie unterscheiden sich sowohl untereinan-der als auch vom griechischen Standard-Text und bieten an ungezählten Stellen an-dere Begriffe und Vokalisationen als der griechische Text. Daher haben sie einen we-sentlichen Beitrag für die im Folgenden dargestellte aramäische Bearbeitung von Je-sus-Worten geliefert. Insgesamt sind sie sprachlich näher am Original und bieten Übersetzungen und Erkenntnisse, die aufgrund des Griechischen nicht möglich sind.
Unzuverlässigkeit neutestamentlicher Texte
Im Hinblick auf die Zuverlässigkeit des griechischen Textes war Martin Luther bereits 1566 zu anderen Erkenntnissen gekommen, denen jedoch bis heute wenig Beachtung geschenkt wird:
>>>Die ebräische Sprache ist… schlicht und wenig von Worten, aber da viel hinter ist; also dass es ihr keine nachtun kann… Wenn ich jünger wäre, so wollte ich diese Sprache lernen, denn ohne sie kann man die heilige]. Schrift nimmer-mehr recht verstehen. Denn das neue Testament (!) obs wohl griechisch ge-schrieben ist, doch ist es voll von Ebraismus und ebräischer Art zu reden¹. Dar-um haben sie recht gesagt: Die Ebräer trinken aus der Bornquelle; die Griechen aber aus den Wässerlein, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.<<<2
Luther hatte erkannt, dass man >>die heilige Schrift ohne die ebräische (= aramäi-sche) Sprache nimmermehr recht verstehen kann<<. Und seine Einschätzung der Bedeu-tung des Aramäischen kleidete er in ein einprägsames Bildwort: vom Trinken aus der Bornquelle, den Wässerlein und den Pfützen.
Den Weg zur Bornquelle wies knapp 330 Jahre später der Theologe und Orientalist Julius Wellhausen (1844-1918), der als Professor für Altes Testament in Greifswald so-wie für Orientalische Sprachen in Halle, Marburg und Göttingen lehrte. Er schrieb:
>>Wer die Reden Jesu wissenschaftlich erklären will, muss imstande sein, sie nötigenfalls in die Sprache zurückzuübersetzen, die Jesus gebraucht hat.Günther Schwarz:
• Mehr als die Hälfte aller Jesus-Worte sind falsch übersetzt,
missverständlich übertragen oder bewusst gefälscht. Das meiste
von dem, was die Christenheit glaubt, Jesus hat es nicht gelehrt. Und
was Jesus gelehrt hat, die Christenheit weiß es nicht.
• Jesu Muttersprache, das Aramäische, war damals vom Griechischen
so weit entfernt wie heute etwa das Deutsche vom Arabischen. Das ist
eine der Hauptursachen dafür, dass die real/ existierenden Kirchen
ihre ursprüngliche jesuanisch-geistig-revolutionäre Sprengkraft
verloren haben und für immer mehr Menschen spirituell saft- und
kraftlos geworden sind… Jesu Worte wurden im Laufe der
Jahrtausende beliebig verkürzt, ergänzt oder verändert – und
dadurch in ihrer ursprünglich poetischen Form zerstört sowie
weitgehend ihres Sinnes beraubt. Jesus verwendete viele aramäische
Symbolwörter, die den damaligen Zuhörern vertraut waren, uns aber
fremd sind. Erst im Aramäischen gewinnen „Jesu Meisterworte ihre
ursprüngliche Frische“.