1971 Linkskatholizismus 1965-67 12 S.

Peter Diem

„Linkskatholizismus“, „progressiver Katholizismus“ oder „revolutionäres Christentum“?

Der Linkskatholik ist nicht bereit, in allem und jedem der kirchlichen Autorität zu gehorchen. Er schränkt ihre Autorität funktionell auf den dogmatischen Bereich ein. Das Recht der hierarchischen Autoritäten, in Politik, Wissenschaft und Kunst Normen zu geben, sieht er als sehr beschränkt, als nur negativ an. So kann die Kirche zum Beispiel verlangen, dass ein christlicher Psychologe keine Psychologie ohne Seele vertritt, kann ihm jedoch keine Vorschriften machen, den Ödipuskomplex für wichtig oder für unwichtig zu halten. (Wilfried Daim, Linkskatholizismus, S. 71)

Wilfried Daim widmete diesem Themenkomplex in den Jahren 1965–1967 insgesamt vier Bücher: Linkskatholizismus 1965, Progressiver Katholizismus 2 Teile, 1967 und Christentum und Revolution 1967. Alle vier bauen auf den Erkenntnissen auf, die Daim bei der Erarbeitung der Theorie von der „kastenlosen Gesellschaft“ gewonnen hatte und noch zu Beginn des Zweiten Vatikanums in seinen 29 Thesen zur Entfeudalisierung der Katholischen Kirche, Kirche und Zukunft, 1963, konkret angewendet hatte.

Seine Thesen zur Kirchenreform 1961–1963 waren nicht der einzige Grund, warum Wilfried Daim als „Querdenker“ und immer öfter als „Linkskatholik“ bezeichnet wurde.

Er selbst nahm diese Punzierung niemandem krumm. Im Gegenteil. Sein am 10. September 1964 in Moskau gehaltener Vortrag und das Buch mit dem Bericht darüber tragen den Titel Linkskatholizismus. Die von Daim gesetzte „katholische Initiative in Moskau“ — so der Untertitel des Buches — hatte als eigentliches Ziel, anhand einer Analyse der feudalen und hierarchischen Struktur der römisch-katholischen Kirche dem kommunistisch-stalinistischen System in der Sowjetunion einen Spiegel vorzuhalten. Die politische Absicht Daims war klar: Knapp vor der dritten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanums, in welcher die Religionsfreiheit zur Debatte stand, wollte er einen Beitrag zur Liberalisierung des atheistischen Sowjetkommunismus leisten.

In einem Vortrag über „Fundamentalismus“, den Daim in den späten 80er Jahren vor einem CV-Publikum hielt, schildert er, wie es zu der Einladung kam:

Ein oder mehrere kommunistische Hörer Knolls hatten versucht, die Sowjetrussen zu einem Dialog mit dem kritischen Katholizismus zu ermuntern. Und diese versuchten zögernd — und neugierig — darauf einzugehen. Und so sollte Knoll an der Moskauer Lomonossow-Universität einen Vortrag über den Katholizismus halten. Plötzlich stellten sich jedoch bei ihm Ausfallserscheinungen, Bewegungsstörungen etc. ein, die sich als Symptome eines äußerst aggressiven Gehirntumors herausstellten. Er starb nach wenigen Wochen. …

Knoll war so als Vortragender ausgefallen. Daher suchte mich einer seiner Hörer, wenn ich mich recht erinnere, aus der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft auf und fragte mich, ob ich bereit wäre, statt Knoll diesen Vortrag zu übernehmen. Mir war klar, dass ich dies tun musste, das war eine Frage des positiven Gewissens, des Gewissens, das nach sorgfältiger Überlegung zum Schluss kommt, dass man nicht etwas unterlassen muss, sondern etwas ganz Bestimmtes tun, besonders dann, wenn es niemand anderer tun kann. Dies entweder, weil es eben niemand anderer kann oder weil niemand anderer greifbar war. Das war eine Chance, die unbedingt genützt werden musste. Dabei hatte ich mir als Thema „Linkskatholizismus“ gewählt, was natürlich notwendig machte, auch den rechten Katholizismus zu skizzieren …

Ich hatte mich noch nie so sehr auf einen Vortrag vorbereitet. Ich wollte neben einfacher Information auch durch die Kritik an der Kirche die analogen kritischen Fähigkeiten bei meinen Hörern wecken, wie dies Knoll so erfolgreich bei seinen Hörern verstanden hatte. Dabei erklärte man mir, dass ich als Publikum nur Professoren und Dozenten haben würde. An Studenten wollte man mich offensichtlich doch nicht heranlassen, die waren nicht so „ideologisch gefestigt“, in der Kirche heißt dies „standhaft im Glauben“. Aber, wie sich alsbald zeigen sollte, war davon keine Rede. Meine Ausführungen gingen hinein wie in Butter. (Vortragstext)

Vor seiner Abreise nach Moskau ersuchte der damalige Chefredakteur der Kathpress, Dr. Richard Barta, ob er das Manuskript einsehen dürfe. Daim hatte damit kein Problem. Später berichtete Barta:

Ich habe den Vortrag dem Kardinal zum Lesen gegeben, und er hat gesagt: „Er geht aber sehr hart mit uns um.“

Daim: „Uns“, das ist wohl die „Kirche“, wobei mit Kirche ausschließlich der hohe Klerus gemeint ist. Dies ist man als „Laie“ ja gewöhnt. Barta erklärte ihm meine Überlegungen zu der Sache und der Kardinal habe schließlich gesagt: „Na, wenn der Daim meint, dann soll er halt.“ …

Daim konzentrierte sich darauf, anhand diverser Beispiele — auch solcher aus der russischen Kirchengeschichte — die Unterschiede zwischen progressiven, konservativen und reaktionären Katholiken herauszuarbeiten.

Es ging zunächst darum, eine Typologie von progressiv und konservativ zu entwickeln. Vor allem einmal geht es dem Konservativen um ein Beharren auf dem Gegenwärtigen und, wenn verändert werden muss, dann möglichst wenig. Dem Progressiven geht es primär um Veränderungen, natürlich zum Positiven. Aber es gibt auch gewollte Veränderungen, die bereits vollzogene Entwicklungen wieder umkehren wollen, weil diese eben nicht als sinnvoll eingeschätzt werden. Hier handelt es sich um Reaktion. Während sich Konservative also mit verschiedenen Entwicklungen abgefunden haben und nur das Gegenwärtige verteidigen, wollen die Reaktionäre zu früheren Zuständen zurückkehren …

Ich sagte in Moskau wörtlich: „Das Weltbild des Rechtskatholizismus hat für infantile Naturen den großen Vorteil, klar und einfach zu sein … Dem entlastenden Vorteil, den die Einfachheit mit sich bringt, steht nur ein großer Nachteil gegenüber, dass es nämlich sicher falsch ist.“

Denn die konservative Grundposition: „Es ist ohnehin im Wesentlichen alles in Ordnung“ ist substantiell falsch. Wahr ist die progressive Position. Sicherlich muss man den Konservativen auch ihr Terrain lassen, wenn sie sich dem Fortschritt nicht öffnen können. Hier liegt eine Fixierung vor, eine fundamentale Erstarrung, die eine Antwort auf eine tiefsitzende Unsicherheit ist. Ein Festklammern an eine Große Mutter aus Angst vor der Freiheit und eigenständiger Verantwortung. (Vortragstext)

In der stundenlangen Rede — im Buch sind es 25 Druckseiten — führte Daim verschiedene Beispiele für das Ringen zwischen konservativen und progressiven Kräften in der Kirche an. Als eifriger Schüler von August Maria Knoll wagte er schließlich eine Prognose, die sich — wie manche andere Ansichten Daims zur sozio-ökonomisch-politischen Entwicklung — aus heutiger Sicht als höchst problematisch erweisen sollte:

Die bürgerliche Demokratie wird schließlich in ein neues System münden. Ich bin mit Ihnen der Meinung, dass die Zukunft insofern dem Sozialismus gehört, als eine neue und echt humane Relation zwischen Produktionsmitteln und Produzenten den Sieg über das kapitalistische Wirtschaftssystem davontragen wird. Ich glaube nicht, wie etwa Gustav A. Wetter, dass Atheismus und Religionsfeindlichkeit das Wesentliche am Kommunismus sind. Bezeichnend für den Kommunismus ist vielmehr sein moralisches Engagement, sein Kampf gegen die „Lohnsklaverei“, gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Essentiell ist am Kommunismus sein Eintreten für eine Gesellschaft, in der kein Mensch mehr gezwungen ist, seine Arbeitskraft an einen Mitmenschen zu verkaufen, nur weil dieser die Produktionsmittel besitzt. Das, und nichts anderes, halte ich für das moralische Rückgrat des Kommunismus und für seine moralische Lebensbasis, die er nie aufgeben kann, ohne sich selbst aufzugeben. (S. 81)

Daim schloss seine Rede mit der Bemerkung, dass er als Linkskatholik durchaus Verständnis für die antichristlichen Aggressionen des Kommunismus habe. Die Frage sei aber letztlich, was man für wichtiger halte — die Realisierung einer klassenlosen, ausbeutungslosen Gesellschaft oder den Atheismus. Wer die neue Gesellschaft für wichtiger hält, werde es begrüßen, dass Christen das gleiche Ziel haben, wenngleich sie es mit der von Jesus verkündeten universellen Brüderlichkeit begründen.

Ein interessantes zeitliches Zusammentreffen bestand darin, dass zu Beginn des Moskaubesuches von Wilfried Daim das sogenannte Togliatti-Testament in der Prawda veröffentlicht wurde. Es handelte sich dabei um ein Memorandum, das der Führer der italienischen Kommunisten, Palmiro Togliatti, knapp vor seinem Tod auf der Krim, 21. August 1964, an Nikita Chruschtschow gerichtet hatte, in dem er die Politik der Sowjetunion und die zu zaghafte Destalinisierung kritisierte sowie demokratische Freiheiten in Kultur und Religion einforderte. Er schrieb wörtlich:

Wir müssen zu den Vorkämpfern der Freiheit des intellektuellen Lebens werden, des freien künstlerischen Schaffens und des wissenschaftlichen Fortschritts. Das erfordert, dass wir nicht in abstrakter Weise unsere Konzeptionen den Tendenzen und Strömungen anderer Art entgegenstellen; sondern eröffnen wir einen Dialog mit diesen Strömungen und bemühen wir uns auf diese Weise, die Fragen der Kultur, wie sie sich heute stellen, zu vertiefen. Nicht alle, die auf den verschiedensten Gebieten der Kultur, in der Philosophie, in den historischen und sozialen Wissenschaften uns heute fernstehen, sind unsere Feinde oder Agenten unseres Feindes. (S. 118)

Daim kehrte mit dem Gefühl heim, dass seine Botschaft sehr wohl verstanden worden sei und dass man sich bewusst sei, dass auch der Kommunismus eine Entfeudalisierung nötig habe. Der damals sehr bekannte Journalist Gerd-Klaus Kaltenbrunner besprach Daims Buch Linkskatholizismus in der Zeit Nr. 48/1965 und führte dabei unter anderem aus:

Daim hielt im Herbst 1964 — einige Tage nach Togliattis Tod und vor Chruschtschows Sturz — an der Moskauer Lomonossow-Universität einen Vortrag über „Linkskatholizismus“. Der vorliegende Band enthält außer dem umfangreichen Referat noch einen impressionistischen Erlebnisbericht, Anmerkungen sowie eine Dokumentation. Daims Vortrag hat programmatischen Charakter …

Viel wichtiger ist Daims sokratisches Geschick, einem verblüfften und doch bemerkenswert aufgeschlossenen Publikum sein religiöses und politisch-soziales Engagement zu erläutern. Nicht ohne eine Spur von Sendungsbewusstsein, aber auch mit Witz, List, Ironie vertritt er seine und seiner Freunde Position. Zweifellos verursachte seine Initiative bei manchen Hierarchen — katholischen und marxistischen — Unbehagen. Daim gibt jedoch zu bedenken, dass der Linkskatholizismus „die Alibis für morgen abgibt“. Kritik gegenüber den Institutionen der eigenen Konfession; restriktive Auslegung der klerikalen Autorität; nicht nur Tolerierung, sondern geradezu Apologie des Gegners; Wiederentdeckung von Recht, Würde und Amt des „Laien“ oder „Weltchristen“; Rehabilitierung der „linken“, egalitär-fraternitären Ursubstanz des Christentums sind wesentliche Punkte von Daims Konzept.

So wie die Kirche eingesehen habe, dass sie an keine bestimmte Sozial- und Wirtschaftsordnung fixiert sei, so müsse der Kommunismus seinerseits davon ablassen, auf dem Atheismus als einzig möglicher Ideologie zu bestehen. Bei einem solchen Verzicht könnten sich die Kommunisten durchaus treu bleiben. Die „klassenlose Gesellschaft“ sei wesentlich, nicht aber der Kampf gegen die Religion.

Geradezu amüsant wird Daim, wo er sowjetische Zustände mit kirchlichen vergleicht, etwa wenn er von leninistischen Betschwestern, atheistischen Exorzismen oder wenn er seiner Leningrader Begleiterin vom als „Judas“ verfemten Trotzki erzählt: „Selbst, wenn er ein Judas gewesen wäre, so hat er doch eine wesentliche Rolle gespielt. Wir können Judas auch nicht aus der Bibel entfernen … Ihr werdet zu euren Häretikern auch noch ‚getrennte Genossen‘ sagen, wie wir die unsrigen jetzt ‚getrennte Brüder‘ nennen.“

Daims Buch, besser gesagt dessen Titel, zog eine Reihe von Kommentaren nach sich, die in einer Enquete der Furche vom 14. März 1965 einen einstweiligen Höhepunkt fand. Einige der Teilnehmer trugen interessante Aspekte zu einer Definition des Begriffs „Linkskatholizismus“ bei. Hier einige Beispiele:

Ferdinand A. Westphalen, Wirtschaftswissenschafter:

Die Ebene, auf der der „Linkskatholizismus“ argumentiert, ist sicherlich nicht die der Glaubenswahrheiten. Darüber soll kein Zweifel herrschen. Sein Anliegen ist die Stellung der Kirche zu sozialen Doktrinen oder Konzepten der Gegenwart, insbesondere zu Sozialismus, Marxismus, Kommunismus, ist weiter die Anpassung der äußeren Formen des hierarchischen Aufbaues der Kirche an die neuen soziologischen Voraussetzungen der Zukunft, als welche der Sozialismus, vielleicht der Kommunismus, angesehen wird …

Josef Dobretsberger, Nationalökonom:

In Fragen der Glaubenslehre kann es kein linksgläubig oder rechtsgläubig, sondern nur ein rechtgläubig geben. Die innerkirchlichen Reformen der Liturgie, des Kirchenrechtes, der Kirchenunion, des Verhältnisses zu anderen Religionen gehören in ein anderes Kapitel und haben mit Linkskatholizismus nichts zu tun. Dieser bedeutet ausschließlich eine bestimmte Stellung des Katholiken zu den Fragen der Gesellschaftsordnung.

Karl Heinz Ritschel, Chefredakteur der Salzburger Nachrichten:

Zur zweiten Frage, was ich in der konkreten österreichischen Situation unter dem Begriff Linkskatholizismus verstehe, kann ich nur auf die Antwort eins verweisen, möchte aber hinzufügen, dass meines Erachtens der sogenannte „Linkskatholizismus“ eine Gruppe von Intellektuellen umfasst, die aus ihrer Überzeugung heraus, dass Österreich eine Mittlerrolle zum Osten spielt, zusammengefunden hat. „Linkskatholisch“ wird gleichbedeutend mit antideutsch, anti-EWG und einer Vorliebe für den Donauraum gesetzt, wobei vergessen wird, dass diese Vorliebe heute die Traditionen sprengt, weil der Donauraum kommunistisch ist. Mit dem Atheismus aber gibt es, wie jüngst erst der österreichische Kardinal betonte, keine Gemeinsamkeit.

Romuald Riedl, christlicher Gewerkschafter in der Arbeiterkammer:

In der konkreten österreichischen Situation reicht für einen praktizierenden Katholiken die Zugehörigkeit zur SPÖ bei weitem nicht aus, um die Beförderung zum Linkskatholiken zu erreichen. Das könnte unter Umständen sogar hinderlich sein! Der als existent vermuteten Spezies „Linkskatholik“ stehen kompliziertere Eigenschaften zu, nach Möglichkeit kombiniert mit einem Naheverhältnis zur „rechten“ ÖVP, am besten natürlich mit Sympathien für die christliche Arbeiterbewegung. Ein akademischer Titel erhöht ebenfalls die Chance, zum Linkskatholiken wider Willen zu werden. Zu den auf dem Weg vom einfachen Katholiken zum linken Katholiken förderlichen Eigenschaften gehören unter anderen eine gewisse Abneigung gegen den Atomkrieg — ist nicht gleich mit vorweggenommener Kapitulation —, imputierte Ostanfälligkeit sowie eine kritische Einstellung gegenüber verschiedenen Erscheinungen in Kirche und Gesellschaft.

Richard Barta, Chefredakteur der Kathpress:

Der Ausdruck Linkskatholizismus oder Linkskatholik wird in Österreich meistens in diffamierender Form verwendet. Den Linkskatholiken gibt es nicht, wie es in Österreich ja kaum Menschen gibt, bis auf ganz wenige Ausnahmen — weniger als Finger auf einer Hand —, die sich selbst als Linkskatholiken bezeichnen. Linkskatholik ist man in Österreich immer nur für jemanden, der sich dadurch von dem, den er so bezeichnet, distanzieren will. Man wird keine fünf Menschen in Österreich treffen, die eine einheitliche Definition des Linkskatholizismus geben können.

Alle zitiert nach Trautl Brandstaller, Die zugepflügte Furche, Europaverlag, Wien, 1969, S. 329 ff.

Das Kastl „Linkskatholik“ hat also zwei Fächer, ein positives und ein negatives. Eines wurde jedoch bei allen Definitionsversuchen anerkannt: Linkskatholiken, progressive Katholiken, wollen etwas bewegen. Je nach eigener Position wird diese Dynamik als Zug zum Guten oder zum Schlechten verstanden.

In seinen beiden Büchern Progressiver Katholizismus I 1966 und Progressiver Katholizismus II 1967 setzt sich Daim ausführlich mit diesem Thema auseinander.

Der progressive Christ

Im ersten, allgemeinen Teil bestimmt Daim unmissverständlich seine Wertposition:

Wir halten den Aufstieg der jeweils unteren „Klasse“ für einen echten Wert; was einem solchen Aufstieg dient, ist fortschrittlich, progressiv. Die Zementierung der bestehenden Verhältnisse dient natürlich den jeweils Herrschenden, ist konservativ und als solche fortschrittshemmend. Dabei soll der Einwand der konservativen „Fortschrittlichen“, dass nur eine allmähliche Änderung der Systeme zu rechtfertigen sei, da radikale Änderungen gerade jenen schaden, denen zu nützen sie vorgeben, durchaus Beachtung finden.

Aber all das soll uns nicht hindern, die Grundposition klar darzustellen. Ohne die Verachtung, die irgendwelche „Eliten“ der „Masse“ entgegenbringen, wird hier der Aufstieg unterer Gruppen nach oben bewusst bejaht und als fortschrittlich bewertet. (S. 12 f.)

Wollte man diese Grundhaltung Daims mit gängigen politologischen Begriffen beschreiben, käme man ein wenig in Bedrängnis. Die Begriffe „kommunistisch“ und „sozialistisch“ scheiden aus. Die mit ihnen zwar nicht notwendigerweise, aber aus der historischen Entwicklung verständlicherweise verbundenen Elemente Atheismus, Agnostizismus und Antiklerikalismus sind Daims Sache nicht. Trotz seiner oft herben Kritik an der Amtskirche hat Daim Zeit seines Lebens engen Kontakt mit dem Klerus gehalten. Könnte man vielleicht die beiden genannten Begriffe „taufen“? Nein, auch „christlicher Kommunismus“ und „christlicher Sozialismus“ würden am Kern der Gesellschaftstheorie Daims vorbeigehen, obwohl es Anklänge gibt, wie wir sehen werden.

Da der Begriff „sozial“ zu allgemein ist, bliebe noch „christlich-sozial“. In der Tat stammt Wilfried Daim ja aus der christlich-sozialen Kernschicht, aus dem Milieu der katholischen Kleinbürger der Wiener Arbeiterbezirke. Aber er hat diesen „Urgrund“ spätestens bei seiner Begegnung mit dem fortschrittlichen Pater Weinand in der Pfarrjugend von Hernals verlassen. Den seit den Zeiten eines Karl Lueger bei Fußvolk und Führung der christlich-sozialen Bewegung verankerten Antisemitismus hat Daim nie akzeptiert, die anti-liberale, typisch christ-katholische Kultur- und Weltfeindlichkeit der Christlich-Sozialen hat er ebenfalls schon früh hinter sich gelassen. Zwar war der autoritäre Ständestaat, in dem Wilfried Daim seine prägenden Teenagerjahre verlebte, bereits weit entfernt von der Geistigkeit eines Hermann Bielohlawek 1861–1918, der als christlich-sozialer Abgeordneter mit Sprüchen auffiel wie „Kultur ist, was ein Jud vom andern abschreibt“ oder „Wenn i a Biachl siach, hab is scho’ g’fressen“.

Doch auch im Staate eines Rudolf Henz, Guido Zernatto und Clemens Holzmeister war der kulturelle Blickwinkel noch sehr verengt. Und natürlich ist der Begriff „christlich-sozial“ mit den anti-demokratischen, verfassungs- und menschenrechtswidrigen Praktiken der Dollfuß-Schuschnigg-Zeit belastet.

Heute wird der Begriff „christlich-sozial“ von einer neuen Generation von Journalisten und Politikern oft schon so verwendet, als gäbe es diese Belastungen nicht. Ihn für die Gesellschaftstheorien Wilfried Daims zu verwenden, verbietet sich aus den genannten Gründen dennoch. So bleibt eben neben „linkskatholisch“ nur die Wortform „progressiver Katholizismus“. Und warum er die letztere bevorzugte, als er zwei Bücher darüber verfasste, teilt uns der „Querdenker“ im Vorwort selber mit:

Der ursprüngliche Titel hätte „Linkskatholizismus“ sein sollen. Da das Wort „links“ stark affektbetont ist, wurde es, um konservativ ausgerichteten Kreisen den Zugang zu der Arbeit nicht zu versperren, durch „progressiv“ ersetzt. Damit wurde im Rahmen der Arbeit auch eine Auseinandersetzung um eben diese Affektbesetzung und ihre psychologische Basis unnötig. So reizvoll es auch sein mag, die politische Psychologie des Wortes „links“ zu erkunden, so wäre dadurch doch auch die Darstellung belastet worden, und die Klarheit des systematischen Aufbaues dieser Arbeit hätte darunter gelitten.

Nach den von Wilfried Daim vorangestellten Begriffsdefinitionen — die in allen seinen Werken viel zur gedanklichen Klarheit beitragen — setzt sich der Autor im ersten Band des Progressiven Katholizismus mit einer Reihe von historischen Entwicklungen auseinander. Er wählt dafür folgende Formen:

  • eine Analyse der Französischen Revolution: „Die Französische Revolution besitzt einen satanischen Charakter“ — Joseph de Maistre;
  • eine Darstellung der neueren Kirchengeschichte: „… jene törichte und irrige Meinung — oder noch besser jener Wahnsinn, es solle für jeden die Freiheit des Gewissens verkündet und erkämpft werden.“ — Gregor XVI. in Mirari Vos, 1832;
  • eine Auseinandersetzung mit den Thesen von Karl Marx zur Religion: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“

Diese Analysen führen Daim automatisch zu der Frage, welche Hinweise das Neue Testament dem Christen für die Gesellschaftsgestaltung und für die Haltung gegenüber den Nichtchristen gibt.

Daim zitiert hier nicht die Bergpredigt — Mt 5–7; Friedrich Heer meinte einmal, dass viele diesen Text als „linkskatholische Interpolation“ empfänden —, sondern konzentriert sich auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Lk 10,29–37.

Das Besondere an diesem Gleichnis liegt ja darin, dass die Barmherzigkeit, die der Priester und der Priesterkandidat verweigern, nicht von einem einfachen Juden, sondern von dem Angehörigen eines verachteten, „unreinen“ und häretischen Mischvolkes, eben von einem Reisenden aus Samaria, geleistet wird. Auf ähnliche Weise greift Jesus im Gleichnis vom Gastmahl, Lk 14,16–24, für Außenstehende Partei. Daim leitet daraus die Verpflichtung des Christen zum Dialog mit Andersgläubigen oder Gegnern ab. Er begründet sein Modell einer „brüderlichen Gesellschaft“ — innerkirchlich und in der Welt — mit der deutlichen Problematisierung des Vaterbegriffes durch Jesus, Mt 23,2–12.

Interessant ist, dass ein Kritiker Daims, der katholische Publizist Felix Gamillscheg, zwar den Gedanken der „brüderlichen Kirche“ gutheißt, ihn aber mit folgender Begründung korrigieren will:

Mit dieser horizontal-brüderlichen Komponente muss in der Kirche aber die vertikal-hierarchisch-autoritative Komponente zusammenwirken, um die für alle Christen gebotene Kreuzesform zu wahren. In der Diskussion, wenn auch nicht im Referat, gab selbst Daim die Notwendigkeit funktioneller Autorität widerspruchslos zu. Für diese Komponente haben die Konservativen, die „Rechtskatholiken“ zu sorgen, ohne die der Katholizismus ebenso unvollständig wäre wie ohne Linke. (Die Presse, 18. Jänner 1965)

Der wohlmeinende Kritiker argumentiert hier seltsam formal — „die Kreuzesform zu wahren“ —, weil ihm eben kein wirkliches Argument für seine These der „Unvollständigkeit“ einfällt. Man kann sich fragen: Wird die Kirche oder auch die Gesellschaft wirklich dadurch „vollständig“, wenn sich hierarchische Autorität als Gegengewicht zu egalitären Bestrebungen etabliert? Müssen die Initiativen eines Johannes XXIII. und die Fortschritte des Zweiten Vatikanums tatsächlich durch die autoritären Eingriffe eines Benedikt XVI. kompensiert werden, um Vollkommenheit herzustellen? Wird die katholische Kirche durch Maßnahmen wie die Wiederzulassung der Priesterbruderschaft Pius X. und das Wegräumen der Volksaltäre, wie etwa in der Wiener Rochuskirche, „vollständig“?

Unseres Erachtens genügt die rein menschliche Trägheit und Fehlerhaftigkeit, um brüderlich-egalitäre Bestrebungen nach Art der Vorschläge Wilfried Daims nicht in den Himmel wachsen zu lassen. Man denke nur an die für Daim in den 60er bis 80er Jahren wohl unvorstellbare Rückentwicklung der kommunistischen Gesellschaftssysteme im Sowjetblock und in China in Richtung Marktwirtschaft und Kapitalismus. Der Eigennutz des auch nach Daim ohne individuelle Schuld erbschuldbeladenen Menschen sorgt schon dafür, dass sich ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ und das damit verbundene „neue Jerusalem“ gebührlich verzögern.

Unter Hinweis auf die schon von Jesus Christus eingenommene Position des Außenseiters und Querdenkers lässt sich Daim auch in Sachen Pazifismus durchaus als Utopist und Sektierer bezeichnen, indem er an Isaias erinnert:

Zu Pflugscharen macht man die Schwerter
Die Speere zu Winzermessern,
Nicht erhebt sich Volk wider Volk
Nicht übt man fürderhin die Kriegskunst
Wohlan also Jakobsvolk, kommt,
Lasset uns wandeln im Lichte Gottes. (Is 2,4–5)

Wir werden dem Pazifisten Wilfried Daim weiter unten, bei der Besprechung seines Anti-Bundesheer-Buches Analyse einer Illusion, noch näher begegnen.

Teil I des Progressiven Katholizismus endet mit Reflexionen über die Sinnhaftigkeit von Utopien. Als Beispiele dienen ihm Textstellen aus der 1516 von Thomas Morus 1478–1535 verfassten Romanutopie Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia. Der Heilige und Märtyrer beschreibt darin ein egalitäres Gesellschaftsmodell, indem er gleichzeitig heftige Kritik an Adel und Amtskirche übt.

Nach dem Konzil

Wilfried Daim wurde vom Ford-Institut, wo er Scholar war, 1964–1966 für die Arbeit am Progressiven Katholizismus freigestellt. Der zweite Band des Werkes, abgeschlossen im Herbst 1967, konnte bereits wesentliche Aussagen des Zweiten Vatikanums berücksichtigen. Er wendet sich „primär an innerkirchliche Gesprächspartner“.

Im Hinblick auf den spürbaren „Roll-back“ in der katholischen Amtskirche — also auf die Tendenz, die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils entweder beiseite zu schieben oder gar als „Irrtümer“ zu bezeichnen —, sind die auf der Basis des Buches Kirche und Zukunft erstellten Thesen von Progressiver Katholizismus II auch heute noch beziehungsweise wieder aktuell. Sie können hier deshalb relativ kursorisch dargestellt werden, weil wir uns ja im vorigen Kapitel mit der Thematik ausführlich auseinandergesetzt haben.

Zunächst geht es wieder um die Entfeudalisierung der Amtskirche. Daim verbeugt sich tief vor Johannes XXIII., wenn er schreibt:

Johannes XXIII. vollzog eine „Revolution von oben“, das heißt, er begann sie und besiegelte sie mit seinem Tod. Schon heute kann man sehen, wie seine gigantische Figur einen Schatten wirft, von dem alle Päpste der letzten Jahrhunderte verdunkelt werden, fand er doch in einer Weise zum Geist des Christentums zurück, die man bei einem Papst nicht für möglich gehalten hätte. Wir wollen nun den sicherlich schwierigen Versuch unternehmen, sein Pontifikat zu würdigen. Johannes XXIII. ist — bei der wohl meist unterschätzten Wohlüberlegtheit seiner Schritte — in seinem Grundanliegen nur aus einer urchristlichen Intention heraus zu verstehen. Seine „Revolution von oben“, als die man seine entscheidenden Aktionen verstehen kann, war ebenso tief im Christlichen verwurzelt, wie die kirchliche Basis vor ihm unchristlich war. (S. 18)

Daim fasst das Wirken des Giovanni-Papstes zusammen:

Bei Johannes XXIII. finden wir eine Zusammenfassung der progressiven Symptome, das progressive Syndrom: Selbstkritik, Kritik auch gegenüber der Kirche, eine viel positivere Vorstellung von den Gegnern der Kirche, eine Betonung des Bruderbegriffes gegenüber dem Vaterbegriff, Freiheitlichkeit und Kritikoffenheit, eine optimistische, wenn nicht gar „utopische“ Einstellung gegenüber der Zukunft.

Sein Konzil — es ist und bleibt sein Konzil — war ein Versuch, der, wie wir ausführlich zu zeigen beabsichtigen, einen unerhörten Erfolg zeitigte in der Weckung und Befreiung der schöpferischen, in der Kirche schlummernden Energien, wobei die liberalen Freiheiten auch für die Kirche ernst genommen wurden. Er glaubte nicht daran, dass er alles und die anderen nur wenig wüssten. (S. 21)

Natürlich ist nach dem Tod von Johannes XXIII. unter dem Pontifikat von Paul VI. 1963–1978 und unter dem Einfluss der konservativen Kurie vieles im Ansatz stecken geblieben. Wilfried Daim setzt sich im Einzelnen mit dem erst durch das Konzil wieder eingeführten Bruderbegriff und der Liturgiereform auseinander. Er zitiert dabei ausführlich den Schweizer Konzilstheologen Hans Küng, dem 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen werden sollte, weil er Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papstes geäußert hatte. Küng habe gemeint, „allein schon die Liturgiereform hat das Konzil gelohnt“. Breiten Raum nimmt im Buch die Frage des Verhältnisses Papst–Bischöfe ein, das Problem der Kollegialität, das bis heute nicht wirklich gelöst zu sein scheint. Damit verbunden sind Bischofswahl und Demokratisierung der Kirche — Forderungen, die Daim selbst als „geradezu utopische Zukunftsbilder“ bezeichnet. (S. 104)

Optimist Daim: „Viele große Pflanzen beginnen mit einem zarten Trieb. Vor allem wird abzuwarten sein, was in den nächsten Jahren aus dem Bischofsrat wird.“

Dieser Bischofsrat wurde als „Bischofssynode“ von Papst Paul VI. durch das Motu proprio Apostolica sollicitudo am 15. September 1965 eingerichtet. Die Synode hielt seither insgesamt zwölf Generalversammlungen zu Themen wie Familie, Evangelisierung, Priesterausbildung etc. ab. Zuletzt 2008 diskutierten 256 Bischöfe aus 118 Ländern über das Thema „Eucharistie“. 177 Teilnehmer waren in den regionalen Bischofskonferenzen gewählt worden, 39 nahmen aufgrund ihres Amtes teil und 40 weitere wurden von Papst Benedikt XVI. persönlich ernannt. Zwölf nichtkatholische Kirchen und kirchliche Gemeinschaften waren eingeladen, Vertreter zur Synode zu entsenden.

Wie man sieht, ist in dieser Konstellation eine der Forderungen Daims zumindest in formeller Weise erfüllt, vgl. These 23 in Kirche und Zukunft. Wie weit die Beratungen tatsächlichen Einfluss auf die Geschicke der römischen Kirche nehmen, kann hier nicht beurteilt werden.

Ähnlich schwierig zu beurteilen ist der Effekt zahlreicher Schuldbekenntnisse, die Vertreter der Amtskirche in den Jahrzehnten seit dem Konzil ausgesprochen haben. Für Daim sind sie die Basis für einen echten Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen. Aber auch hier muss man fragen: Wenn die formale Bereitschaft zum Dialog heute ungleich größer ist als je zuvor in der Kirchengeschichte, wo bleiben die inhaltlichen Fortschritte? Zwar pflegen sich der Papst und die Spitzen der „getrennten Brüder“ mittlerweile zur Begrüßung ungezwungen zu umarmen, doch harrt die Christenheit weiter auf konkrete Schritte zur Einheit.

Ein besonderes Anliegen Daims war und ist das Verhältnis der Christen zu den Juden. Er führt die Verabschiedung einer Konzilserklärung über die Juden auf die Wirkung des Theaterstücks Der Stellvertreter von Ralph Hochhuth, Uraufführung am 20. Februar 1963 in Berlin, und die darauffolgende Diskussion über das Verhalten von Pius XII. im Angesicht des Holocaust zurück:

Mit Ächzen und Stöhnen, mit Ach und Weh gebar das Konzil eine Aussage über die Juden. Viele Kräfte waren am Werk, den Geist dieser Aussage auszulöschen. Es gelang ihnen nicht. Sehr wohl gelang es jedoch, ihn zu dämpfen. Es wäre sicherlich gelungen, ihn auszulöschen, wäre der Heilige Geist nicht wieder einmal über „außerkirchliche Stützpunkte“ in Aktion getreten. Hochhuth hat das moralische Problem der Unterlassung eines heroischen Einsatzes der Christen für die Juden — aber schließlich auch für Zigeuner, Russen — zum Problem gemacht. (S. 146)

Statt in einer eigenen Erklärung zum Judentum wurde die Haltung der Kirche zu den Juden in die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen vom 28. Oktober 1965, Nostra Aetate, aufgenommen. Dort heißt es:

Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, dass nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. …

Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat. Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, dass „ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören, wie auch die Väter und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“ Röm 9,4–5, der Sohn der Jungfrau Maria. …

Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm „Schulter an Schulter dienen“ Soph 3,9. Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, vgl. Joh 19,6, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, dass niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.

Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben … (Hervorhebung pd — kein wirkliches „Mea Culpa“)

Obwohl sowohl Wilfried Daim als auch viele andere Kritiker diesen Text immer noch als unzureichend ansehen, soll doch darauf hingewiesen werden, dass die Aufforderung zur „Umkehr vom Götzendienst zum Dienst am lebendigen und wahren Gott“ 1 Thess 1,9 nach den Erkenntnissen des Konzils nicht auf die Juden angewendet werden darf. Deshalb gibt es heute auch keine „judenmissionarischen“ Aktivitäten mehr. Zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk geht es um die Begegnung „auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität“ Papst Johannes Paul II., 12. März 1979. Das ist ein gewaltiger Fortschritt.

Sozialer Katholizismus

Das Buch endet mit einem Kapitel über „Sozialisierung“. Grundsätzlich geht Daim in dieser Schaffensperiode mehr oder weniger deutlich davon aus, dass es nach Überwindung des Kapitalismus zu einer liberal-sozialistischen Gesellschaftsordnung kommen werde. Zwar bezeichnet er dies selbst als „Arbeitshypothese“, doch ist die Parallele zur Geschichtsauffassung des historischen Materialismus deutlich sichtbar.

Vielleicht hat sich Wilfried Daim in dieser einen seiner Grundthesen zu sehr von den Ideen August Maria Knolls leiten lassen, der ja in seinem Buch Katholische Kirche und scholastisches Naturrecht, abgeschlossen im März 1962, die Voraussage wagte, am 15. Mai 1971 würde der Papst in einer Enzyklika „Octogesimo Anno“ „wesentliche Elemente des Ost-Sozialismus“ aufnehmen und „vielleicht schon die Kolchosen verstehen und positiv würdigen“. Hier zeigt sich wieder einmal, wie gefährlich Prognosen sind. Während nichts gegen die genaue Analyse und schonungslose Kritik vergangener oder bestehender gesellschaftlicher Strukturen spricht, sollte der Sozialwissenschaftler ein wenig mehr Bescheidenheit bei der Beschreibung von Entwicklungen üben, die er in ferner Zukunft auszumachen meint.

In der Tat gab es am 14. Mai 1971 eine päpstliche Sozialenzyklika. Sie hieß zwar nicht „Octogesimo Anno“, sondern Octogesima Adveniens. Sie bezog sich damit ausdrücklich auf Rerum Novarum und — wie üblich — auf alle darauffolgenden wichtigen Sozialenzykliken. Allerdings war sie weit breiter angelegt als Knoll vermutet hatte, indem sie nämlich eine Reihe von sehr konkreten Problemen der Zeit ansprach — Probleme, die uns auch heute, nach vierzig Jahren, noch bewegen —, so die Probleme des Bevölkerungswachstums, der Verstädterung, der Umweltzerstörung und der Massenmedien. Insofern unterscheidet sich diese Enzyklika wohltuend von vielen anderen, im Allgemeinen steckenbleibenden päpstlichen Enunziationen.

Zwar geht der angeblich von Dominikanern verfasste Text auch auf ideologische Systeme wie Marxismus, Sozialismus und Liberalismus ein. Nirgendwo findet sich aber die Anerkennung der Kollektivwirtschaft oder des Ostsozialismus. Im Gegenteil: Der Text analysiert die verschiedenen innerideologischen Strömungen und ruft zur Vorsicht bei der Beurteilung von Sozialismus und Marxismus auf. So heißt es etwa in Abschnitt 13:

Es ist also ein sehr scharfes und genaues Urteil erforderlich, da die vom Sozialismus angezogenen Christen recht oft dazu neigen, ihn sich allgemein und umfassend als etwas allseitig Vollkommenes vorzustellen; dann wird der Sozialismus zum Streben nach Wahrung gegenseitiger Gerechtigkeit, gegenseitiger Zusammengehörigkeit und Gleichheit.

Man gewinnt hier fast den Eindruck, die Verfasser der Enzyklika hätten Daim oder andere linkskatholische Werke gelesen.

Doch die Katze lässt das Mausen nicht. Auch eine innerkirchliche Utopie muss her. Daim tritt unbekümmert für eine „Rückkehr der Kirche zur Armut“ ein, da sie „nach wie vor mit tausend goldenen Ketten an den Kapitalismus gebunden sei“.

Daim zitiert den brasilianischen Bischof Dom Hélder Câmara 1909–1999, einen der Begründer der Befreiungstheologie, der am Vorabend der zweiten Sitzungsperiode des Konzils im Jahre 1963 einen offenen Brief an seine Mitbischöfe gerichtet hatte, in dem er sie beschwor, den äußeren Reichtum abzulegen, um die Distanz zwischen ihnen und den arbeitenden Menschen zu verringern. Ein anderer Konzilsvater, Erzbischof Frane Franić 1912–2007 aus Split, hatte vorgeschlagen, im Schema über die Kirche deutlich auszusagen, dass

die Armut eine nötige Voraussetzung für die Heiligkeit der Bischöfe sei und dass diese gerade heute der Kirche sehr fehle. (S. 191)

Abschließend berichtet Daim in diesem Zusammenhang über zwei symbolische Handlungen. Die eine betraf den Hang des Klerus, sich entgegen den ausdrücklichen Worten Jesu Mt 23,5 mit Äußerlichkeiten abzugeben:

Kardinal Innitzer, persönlich ein wirklich anspruchsloser Mann, verlor anlässlich des Sturmes junger NS-Gangster auf das erzbischöfliche Palais zu Anfang der deutschen Besetzung Österreichs seine goldene Bischofskette. Arbeiter fertigten ihm daraufhin eine neue aus Stahl. Aber er begriff nicht: Kaum war die NS-Zeit vorbei, war auch die goldene Kette wieder da. (S. 190)

Die zweite, gegenteilige Vorgangsweise sei von den melkitischen Bischöfen unter Vorsitz von Konzilsvater Maximos IV. Sayegh 1878–1967 gewählt worden:

Auf der Grundlage des Beschlusses des Vatikanischen Konzils haben wir folgende Regelung getroffen:

Von unseren Insignien und Gegenständen legen wir alles ab, was aus Gold gemacht ist, oder wir ersetzen es durch weniger wertvolles Metall … Wir werden von unserer Kleidung alles ablegen, was nicht von der Liturgie verlangt wird. Wir werden ferner unseren Lebensaufwand verringern, weniger luxuriöse Autos fahren usw. Wenn wir berechtigte Klagen der Massen hören, werden wir uns nicht scheuen, ein Wort zu sprechen, selbst auf die Gefahr hin, die Reichen zu schockieren, die dann aufhören werden, unsere Wohltäter zu sein. Wir verlangen gerechte Löhne und wir beginnen bei uns selbst, den Angestellten der Diözesen oder Kirchen solche Löhne zu geben. Wir gehen mit gutem Beispiel voran und verwandeln unseren Großgrundbesitz in Genossenschaften für alle Bearbeiter dieses Bodens.

Es ist auch richtig, dass wir in Hinkunft alle pompösen Titel ablegen. Dieser neue Geist wird uns veranlassen, unsere Bischofspaläste zu verlassen und den Besitz auszuteilen und die wertvollen Gefäße und Geschirre zu verkaufen. Quelle: Le Progrès Égyptien, 8.3.1966, S. 192

Es ist zu befürchten, dass die heutigen melkitischen Würdenträger diesen wohl auf der Begeisterung der Konzilsaula beruhenden Worten nicht unbedingt Taten folgen ließen. Im Übrigen sollte man einmal grundsätzlich überlegen, welcher tiefere Sinn in der Kleidung eines Geistlichen und bestimmten kirchlichen Symbolen liegt. Daneben wäre zu prüfen, ob es auf Äußerlichkeiten ankommt oder nicht vielmehr auf das persönliche Wirken, den persönlichen Einsatz und das persönliche Beispiel.

Daim wäre nicht Daim, hätte er nicht noch einen Zahn zugelegt und mehr oder weniger gleichzeitig mit den beiden Büchern über Progressiven Katholizismus ein weiteres Werk über den gesellschaftsverändernden Charakter des rechten — linken? — katholischen Glaubens vorgelegt: Christentum und Revolution.