Die Stellungnahmen der christlichen Publizistik zum Thema der Studentenunruhen in aller Welt sind erwartungsgemäß ambivalent. Während sich die allgemeinen soziologischen Analysen und journalistischen Reports über Ursachen und Wirkungen der studentischen Revolte bereits zu Bergen türmen — siehe ausgewählte Bibliographie im vorigen und in diesem Heft —, fehlt es noch an profilierten Meinungsäußerungen aus dem kirchlichen Bereich. Gelegentliche Statements wie „das Engagement der demonstrierenden Studenten in aller Welt ist sicher berechtigt … aber die katholischen Studenten haben alles verschlafen und die Zeichen der Zeit nicht gespürt“ — Mario von Galli — oder „ein sattes Wohlstandsdenken und eine geschickt gelenkte Konsumbefriedigung können nicht normierende Kräfte der Gesellschaft sein“ — Kardinal Döpfner — sind erste tastende Versuche kirchlicher Amtsträger, sich mit einer Bewegung auseinanderzusetzen, deren Stoßrichtung auf nichtmaterielle Werte geht.
Die deutsche Wochenzeitschrift Christ und Welt hat in einer Reihe von Artikeln ihrer Sorge über die Entwicklung in der Studentenschaft Ausdruck verliehen und dabei insbesondere eine Ablösung des Polizeieinsatzes durch eine zielführende Politik verlangt.
In einer Wortmeldung allerdings, in von Helmut Schoeck angestellten „Betrachtungen zur Sozialpsychologie der antiparlamentarischen Opposition“, behielten die Emotionen die Oberhand. Unter den „revolutionsberauschten Gemütern“, selbst oder gerade wenn sie Theologie studierten, gebe es einige, die „unverkennbar von einem quälenden Nihilismus erfüllt“ seien. Diese Nihilisten seien daran, notfalls durch „Selbstmordkommandos“ ein geordnetes Zusammenleben unmöglich zu machen und zusammen mit dem „Establishment“ die zivilisierte Gesellschaft selbst zu vernichten. Der Autor meint, man habe allseits den „durch nichts Sonderliches ausgewiesenen mittleren Semestern“ zuviel Publicity geschenkt, wodurch sich die randalierenden Studenten als Emissäre einer souveränen Großmacht zu fühlen begännen und mittels einer „Salamitaktik der Aggression“ alles wegzufegen versuchten.
Auf den Gedanken, daß die Art und Weise des Einsatzes staatlicher Machtmittel bei der von ihm analysierten Eskalation intellektuellen Protestes eine Rolle gespielt haben könnte, kommt Helmut Schoeck offensichtlich nicht.
REFORM DURCH REVOLTE
In den ersten beiden Nummern der Evangelischen Kommentare finden sich zwei ausführliche Artikel zum Thema studentischer Gesellschaftskritik. Der zweite, ungezeichnete Beitrag gibt eine detaillierte Geschichte der Bemühungen zur Reform der deutschen Hochschulen und eine Analyse der zunehmenden Politisierung der Studentenschaft. Besonders interessant darin ist die Meinung, daß sich in Westeuropa auf absehbare Zeit keine wirklich historischen gesellschaftlichen Veränderungen abspielen werden und deshalb die studentische Linke auch kein eigentliches Revolutionskonzept verfechte. Sie beschränke sich vielmehr auf das Programm einer „revolutionären Reform durch Revolten“ oder, wie die SDS-Vorsitzenden Frank und Karl Dietrich Wolff es ausdrücken, eines „revolutionären Realismus“.
Dabei wird auch auf die zum Teil recht heftige Kritik hingewiesen, die K. H. Flach und Jürgen Habermas an manchen Methoden der jungen Linken übten: Sie habe dadurch über das Ziel geschossen, daß sie zwar provoziere, es darauf jedoch an Diskussionsbereitschaft mangeln lasse und damit selbst faschistoide Züge annehme.
Die treffendsten Gesamtdarstellungen studentischer Unrast in katholischen Periodica brachten das Novemberheft 1967 der Stimmen der Zeit und das Jännerheft 1968 von Wort und Wahrheit. Der Mannheimer Soziologieprofessor M. Rainer Lepsius stellt in seinem Beitrag den Politisierungsprozeß innerhalb der Studentenschaft als Vorgang der Solidarisierung verschiedenster studentischer Gruppierungen auf Grund von bewußt offengelassenen Konfliktsituationen dar. Lepsius ist für eine „Brechung der Isolierung, in der die radikalen Gruppen heute stehen“. Als Mittel hierzu empfiehlt er einen Klub als „freie Vereinigung von Individuen zum Zwecke der Zeitkritik“, der zu „kooperativer literarisch-politischer Selbstreflexion“ Gelegenheit geben solle.
Vor allem aber seien die Professoren aufgerufen, sich zu Trägern der Hochschulreform zu machen. Nur ein grundlegender Strukturwandel der Hochschulen könne zum Ziel führen. Damit aber sei der Zusammenhang mit der Gesellschaftsreform gegeben. Der Rückgriff der Neuen Linken auf Marx sei weniger Ausdruck einer Gesinnung als vielmehr Ausdruck für das Fehlen neuer kritischer und analytischer Konzepte.
Curt Hohoff beleuchtet in seiner Darstellung unter anderem das Verhältnis der jungen Linken zu den christlichen Kirchen. Er schreibt:
Den Studenten verweigert die Gesellschaft, was sie jedem zwanzigjährigen Arbeiter und Handwerker dringend empfiehlt: die Heirat und die Kinder. Wenn eine studentische Mutter vergebens einen Kindergarten für ihr Kind sucht, soll sie aufgeklärt werden, daß einflußreiche Gruppen der Gesellschaft, die Kirchen an der Spitze, durchgesetzt haben, daß kleine Kinder zu Hause zu erziehen sind. Die Methode des Love-in richtet sich gegen Bastionen der Reaktion und ist, der Idee nach, alles andere als eine Verteidigung der Promiskuität. Unschwer erkennt man auch hier die romantische Wurzel der freien Liebe und ihren paradiesisch-sakramentalen Untergrund. Der Kampf gegen die Kirchen wird als Kampf gegen einen Interessenverband betrieben. Man mag das billig und agitatorisch finden; wahrscheinlich hat die Masse der Studenten einen unzureichenden Begriff oder überhaupt keine Vorstellung vom Wesen der Kirche. Es gibt jedoch zu denken, daß unter jungen Theologen begeisterte Mitläufer der aufrührerischen Studenten zu entdecken sind. Ein evangelischer Theologe in Berlin meinte zu mir: Es fehlt nur noch ein Luther, dann gibt es die zweite Reformation, und dann vergeht uns Hören und Sehen.
Tatsächlich hat man den Eindruck, die Bewegung könnte in Revolution umschlagen, wenn sich noch eine charismatische Persönlichkeit finden würde. Diese Studenten wollen keine Reden und Verhandlungen, sondern Aktionen. Daher ihre erschreckende Faszination gegenüber allen Versuchen zum Ausgleich. Die Parallelen zwischen gesellschaftlicher und christlicher Zeitkritik liegen auf der Hand, behaupten die Studenten. Sie bekämpfen eine Welt, für die zu beten Jesus sich geweigert hat. Auch sonst gibt es Parallelen: Ablehnung der Autorität, der Askese, der bürgerlichen Moral und der Hierarchie.
Die bürgerkriegsähnlichen französischen Studentenunruhen geben den Gazetten erneut Stoff zur Reflexion über die seltsame „Studentische Internationale“. So kamen die katholischen Neuen Zürcher Nachrichten zunächst zu dem Schluß, daß die gegenwärtige Welle studentischer Provokationen einerseits durch eine „eklatante Ziellosigkeit“, andererseits durch einen „Hang zu romantischen Utopien“ gekennzeichnet sei:
So verschieden die Situation in den einzelnen Ländern und an ihren Hochschulen sein mag, die linksextremen studentischen Minderheiten sind sich überall sehr ähnlich. Zwar sind ihre Programme verschwommen, und im Mittelpunkt steht nur der Ruf nach Revolution, nach radikaler Umgestaltung der Gesellschaft. Aber überall sind die Vorbilder die gleichen: Ho Tschi Minh, Mao, Guevara, Castro. Seltsam, daß alle diese Helden der Dritten Welt angehören, den Entwicklungsländern. Seltsam auch, daß sie auf einer politischen Philosophie beruhen, die jetzt schon mehr als hundert Jahre alt ist: dem Marxismus.
Es ist bemerkenswert, daß diese politisch extreme Jugend als Ideal noch keine andere Philosophie gefunden hat als die marxistische. Das Neue ist nun aber der Marxismus in einer maoistischen oder castristischen Prägung. Es ist ein Marxismus, der noch ein Stück Romantik zuläßt und deshalb wohl dem Utopiedenken dieser Studenten entgegenkommt.
Der Marxismus in seiner osteuropäischen Ausprägung dagegen sagt ihnen nichts. Er gehört bereits zum Establishment und ist ihnen deshalb verächtlich.
Bei näherer Analyse werde diese Meinung durch den Umstand bestätigt, daß die „spontane Revolution“ der französischen Studenten zwar die „politische Revolution“ der Gewerkschaften auslöste, die Aktionseinheit beider aber keineswegs hergestellt wurde. Durch die Kanalisierung des Aktionswillens der Arbeiterschaft in die Bahnen der traditionellen Lohn- und Freizeitforderungen wurde der eigentliche Revolutionselan, den die Studenten den Arbeitern vermitteln wollten, gebrochen. So paradox es klingt: Die „Berufsrevolutionäre der Kommunistischen Partei“ schienen den Gaullismus retten zu wollen. Warum? Die Neuen Zürcher Nachrichten nennen folgende vier Gründe:
- Die KPF ist eine traditionalistische, orthodoxe und stets moskauhörige Partei, die keine intellektuellen Führungsansprüche duldet;
- der Einfluß der traditionellen KPF an den Universitäten ist gering;
- die KPF hat wahrscheinlich im gegenwärtigen Augenblick gar kein Interesse an einem Regimewechsel; einerseits hat sie an der Außenpolitik de Gaulles nichts auszusetzen, andererseits wäre nicht sie allein die Gewinnerin eines Umsturzes, sondern vor allem die aufbegehrenden Studenten;
- schließlich wären die Linksparteien und Gewerkschaften unfähig, die zahlreichen Versprechen gegenüber der Studentenschaft einzuhalten, wenn die Macht an sie übergehen sollte.
Daraus ergibt sich schlüssig, daß eine revolutionäre Aktionseinheit der Studenten und der Arbeiterschaft — wenn sie nicht einmal in Ländern mit starken kommunistischen Parteien möglich ist — in keinem der westeuropäischen Industriestaaten Chance auf Realisierung hat.
STOSSWEISE EVOLUTION
Die selbstgestellte Aufgabe der studentischen Opposition bleibt daher die der „stoßweisen Evolution“: nach fruchtlosem Einsatz der Mittel der regulären öffentlichen Meinung durch provokative Aktionen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Probleme der Hochschulen und der Industriegesellschaft zu lenken.
Wie verhalten sich die konfessionellen Studentenorganisationen zu den von der Neuen Linken aufgeworfenen Fragen? Im allgemeinen zeigt sich bei den evangelischen Studentenvereinigungen eine stärkere Bereitschaft zum hochschul- und gesellschaftspolitischen Engagement als bei den katholischen. Viele diesbezüglichen Aussagen bewegen sich allerdings im luftleeren Raum, sind doch umfassende empirische Erhebungen über die politischen Vorstellungen spezieller Gruppen in der Studentenschaft seit 1966 nicht mehr durchgeführt worden.
Konkret berichten die in München erscheinenden Werkhefte über neue Konzepte für die katholische Studentenarbeit. Danach sei die künftige Hochschulgemeinde in Form der liturgischen Gemeinde nicht mehr realisierbar. Die Gemeinde hätte vielmehr einen überzeugenden Bezug zu Hochschule und Gesellschaft herzustellen. Diesem Ziel diene ein in München gegründeter „Studentischer Arbeitskreis Kritischer Katholizismus“ — STAKK —, ein „Demokratisch-katholischer Arbeitskreis“ in Berlin und ähnliche Gruppen in Bochum und Frankfurt.
Die katholische Hochschulgemeinde habe in Zukunft unter anderem folgende Aufgaben: Theologiekritik; Emanzipation der christlichen Studenten in Fragen privater wie gesellschaftlicher Moral; Förderung der innerkirchlichen Demokratie; Erlernung des Umgangs mit der Gewalt, den Gewaltigen und den kirchlichen Autoritäten in „Modellen des Ungehorsams“; Politisierung der Öffentlichkeit durch Teilnahme an Demonstrationen und anderen direkten Aktionen.
Im Kielwasser der Bestrebungen, ein geschlossenes System einer „Theologie der Revolution“ zu schaffen, wird auch die christlich orientierte Studentenschaft zunehmend reformbewußt. Die konfessionellen Hochschulorganisationen beanspruchen neuerdings für sich ein „politisches Mandat“ nach der zunehmenden Überzeugung, daß das „Heil“ — theologisch gesprochen — nicht privat, sondern primär das Heil der Gesellschaft sei.
Ausgehend von einer Kritik an Theologie und Kirche sei es Aufgabe der progressiven katholischen Studenten, dem Christentum eine neue „Befreiungsfunktion“ zu geben, die eine größere Mündigkeit des einzelnen in Kirche und Gesellschaft zum Ziele habe.
Es ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, daß die Theoretiker dieser neuen Bewegung in der katholischen Studentenschaft die strukturellen Analogien zwischen Christentum und Marxismus, das immanent revolutionäre Potential des Christentums und die Notwendigkeit eines „Auszuges der Kirche aus dem Establishment“ hervorheben. Bedenklich ist nur die in diesem Zusammenhang geäußerte Ansicht, es sei sinnlos, mit ausgesprochen reaktionären Exponenten des Katholizismus überhaupt in eine Diskussion einzutreten.
