CHRISTLICHES REVOLUTIONSJAHR 1967
Im Spiegel der kirchlichen Presse
Im Spiegel der ku
Konnte Johannes Messner die Frage der Revolution 1958 noch auf 15 Zeilen
abhandeln: „Es gibt kein Recht der Revolution als eines Mittels der innerpolitischen Auseinandersetzung mit einer Regierung”) konstatiert 1961 Adolf Merkl, daß sich ein gewisser Wandel der Auffassung in der Richtung eines Verständnisses der bedingten kollektiven Auflehnung gegen die Staatsgewalt” bei den Wortführern des Christentums” unter dem Eindruck der totalitären Staatsbildungen cingestellt hat.¹)
I m Verlaufe des Jahres 1967 scheint sich ein grundlegender Wandel in der Stellung der Kirche zur Frage großer gesellschaftlicher Umwälzungen vollzogen zu haben. Unter dem Einfluß kosmopoli-tisch denkender, mit den Erkenntnissen der zeitgenössischen Nationalökonomie und Soziologie vertrauter Berater (insbesondere der französischen Dominikaner) wurde der Übergang vom individuellen Widerstands-recht gegen eine ungerechte und freiheits-feindliche Staatsgewalt zum kollektiven Widerstandsrecht gegen eine darüber hinaus unsoziale Gesellschaftsordnung gefunden.
Viel entscheidender als die Bedrohung der Freiheitsrechte erwies sich aber die soziale Frage von heute der Gegensatz zwischen hochentwickelten Industrienatio-nen und den erwachenden Agrarländern der,Dritten Welt”.
Papst Paul VI. selbst eröffnete die Diskus-sion in einer Ansprache anläßlich seiner Neujahrsaudienz für das Diplomatische Corps:
Die Kirche könne weder jenen zu-stimmen, die einer abweisenden Hal-tung gegenüber der Welt das Wort reden, noch jenen, die von der Kirche verlangen, diejenigen zu unterstützen, die der Gerechtigkeit in der Gesell-schaft durch gewaltsame Reformen zur Herrschaft verhelfen wollen”. Wohl-stand und Gerechtigkeit dürften nicht auf dem Weg über gewaltsamen Umsturz des Rechtes und der sozialen Ordnung” angestrebt werden. Auf der anderen Seite führe die Kirche mit ihrer Lehre zu einer „Revolution”, wenn man darunter einen Wandel der Geisteshaltung, eine tiefgreifende Um-wandlung der Wertordnung verstehe. Die der Kirche entsprechende Haltung sei somit weder Gleichgültigkeit noch revolutionäres Engagement, sondern Liebe und Dienst.)
In einem Satz die revolutionäre Haltung fordern, um sie im nächsten Satz wieder zurückzunehmen diesem Grundprinzip kirchlicher Sozialdoktrin huldigte auch Karl Rahner bei einem im März 1967 gehaltenen Vortrag. Die theologische Tugend der Hoffnung verlange und das Konzil erwarte eine „revolutionäre Haltung der Christen”. Diese Haltung stürze aber die Christen keineswegs in cin wildes Revoluzzertum”, das ja das Gegenteil von Hoffnung bedeute.”)
Am 26. März 1967 wurde die Enzyklika Populorum Progressio” veröffentlicht. Sie enthält besonders in den Artikeln 30-32 Aussagen zum Thema Revolution und Sozialreform, die trotz der taktischen. Grammatik, in die sie verpackt sind, an Deutlichkeit nichts vermissen lassen.
In einem Leitartikel in der dem Öster-reichischen Seelsorgeinstitut nahestehenden Zeitschrift,,DER SEELSORGER” beschäftigt sich der deutsche Experte für Entwick-Jungshilfe, Dr. Jochen Schmauch, mit dem Thema „Kirche und Revolution”.”) Der revolutionäre Antrieb sei im „Westen” zu einer „Kaffeehaus-Attitude” geworden, dic Revolutionäre der Stunde” dürften. die Rolle der modernen Hofnarren spielen”. Im Osten” habe Revolution als Praxis des Widerspruchs” ver-standen die Funktion, die Freiheitsrechte, die gegenüber den sozialen Forde-mungen der revolutionären Anfangszeit zu kurz kamen, nachzuliefern. Einzig allein in der „Dritten Welt” könne Revolution im Vollsinn aktualisiert werden. Deshalb würden dort die revolutionären Bewe-gungen an Bedeutung, wenn nicht an Radikalitāt zunehmen”.
Wie sicht Schmauch die Haltung der Kirche?
„Die Kirche besitzt kein eigenes revolutionäres Programm. Sie hat weder ein Inhaltsverzeichnis revolutio-närer Ziele noch eine Gebrauchsan-weisung für deren Durchsetzung anzu-bieten. Was ihr genuin zukommt, ist eine Kritik der Rahmenbedingungen, in denen Mensch und Gesellschaft ihr Leben entfalten, und die Beurteilung der sittlichen Qualität der mensch-lichen und gesellschaftlichen Hand-lungen. Daraus mag sich der ge-schichtsbegleitende Charakter der kirchlichen,Soziallehre erklären.”
Das Neuc an der Beurteilung der Revo-lution in Populorum Progressio” liegt nach Schmauch in der „Rationalisierung der Gemeinwohlgerechtigkeit durch die Einführung der Grundrechte der mensch-lichen Person als der entscheidenden Kriterien für die sittliche Erlaubtheit der Revolution”. Hiedurch werde wenn auch in negativer Formulierung – die Verwirklichung eben dieser Menschen-rechte als sittlich geboten dargestellt. Nicht aber würden damit wie Günther Nenning meintes)-alle bisherigen und kommenden modernen Revolutionen kirchlich gorocht-fertigt: zur vollen Verwirklichung der Menschenrechte bleibe auch nach den Revolutionen Anlaß genug, die, Praxis des Widerspruches auszuüben”.
Diese Ansicht Schmauchs deckt sich mit einem Gedanken des Münsteraner Funda-mentaltheologen Johannes Metz, der die christliche Religion als,, Institution schöpfe-rischer Gesellschaftskritik” bestimmt¹) cine Widerlegung der Thesen Nennings enthält sie allerdings nicht.
Auf den Tag genau einen Monat nach der Veröffentlichung der Fortschritts-enzyklika fand in Marienbad die dritte große Begegnung von Christen und Marxisten im Rahmen der Paulus-Gesell-schaft statt. In einem Artikel in der mittler-weile in eine echte Krise geratenen „FURCHE”, ebenfalls zum Thema „Kirche und Revolution”, datiert vom 4. 11. 67, er Z innert sich Rudolf Weller an denselben in Johannes Metz, der in Marienbad m formulierte: S
,,Wenn christliche Liebe sich gesell-schaftlich mobilisiert als unbedingter P Wille zur Gerechtigkeit und zur Frei-se heit für die anderen, dann kann unter n Umständen gerade diese Liebe selbst revolutionäre Gewalt gebieten. Wo ein gesellschaftlicher Status quo eben-soviel Ungerechtigkeit enthält, wie eventuell entsteht, wenn er revolutio-när abgeschafft wird, kann eine Revolution für die Gerechtigkeit und Freiheit, der geringsten unter den Brüdern’ auch im Namen der christlichen Liebe nicht unerlaubt sein.”)
Wie ändern sich die Zeiten! Weiler bezeichnete 1965 in derselben Zeitschrift) die,,Linkskatholiken” als „Unzufriedene”, die am liebsten alles abschaffen wollten, ohne konkret Neues vorschlagen zu können, als Revolutionäre”, die Tabus anfassen wollten und damit Dinge meinten, die auf dogmatischem Gebiet zum Beispiel praktisch durch Jahrhunderte als gesicherte Wahrheiten verkündet wurden” und als politisch linksorientierte katholische Kreise, die den Marxismus taufen wollen und darin das Heil sehen für Menschheit und Kirche”. Heute schreibt er von einem ,,notwendigen Nachholvorgang”, der nicht ohne revolutionäre Ideen auskommen kann, um auf dem Weg in die Zukunft aufzubrechen”. Damals wetterte Weiler gegen den fast kindisch anmutenden Fortschrittsglauben”, ob er marxistisch motiviert sei oder im krankhaften Bemühen gelegen, nur ja humanistisch-wissenschaftlich zu gelten heute fordert er einen christlichen Sozialhumanismus” und eine daran orientierte offene christ-liche Sozialbewegung”, die eine unermüd-liche Stimme der Mahnung zum humanen und sozialen Fortschritt ist….. Eine Pastoral ohne revolutionäres Engagement wäre genau die Fortsetzung des verhängnis-vollen Irrtums aus dem 19. Jahrhundert mit anderen Vorzeichen.”
Weiler setzt jedenfalls keinen Irrtum fort, wenn er schlußfolgert: „Von der Antwort der Kirche auf die Lebensfragen der Neuzeit eine solche ist die Revolu-tion! wird aber ihre Stellung in der industriellen Welt der Zukunft entscheidend abhängen.” Die 1840 gegründete katholische englische G – Zeitschrift THE TABLET” beschäftigt sich se in einem Aufsatz von Donald Nicholl di mit dem politischen Stil der sogenannten ver Slant-Gruppe.19) Hauptvorwurf an die katholische Linke Englands: ihre kom–plizierte Sprache. Eine verwirrende politi-sche Rhetorik korrespondiere mit einer nicht weniger verwirrenden theologischen Rhetorik:
The reason why their language is so obscure is that they are constantly shirking the political question, the w question that a real revolutionary such in as Lenin never stopped asking, chto delat? what is to be done?
Nicholl kommt zu der Erkenntnis, daß K die moralischen Fragen, die sich aus dem o Evangelium ergeben, dann erschreckend k ) revolutionär seien, wenn der Fragesteller P nach Erhalt der Antwort zu handeln S gedenkt:
Clearly no question is revolution- F ary if it is only meant to keep a discussion group going such C questions are essentially conservative.” E
Daher seine Forderung an die Slant-s Gruppe, die revolutionäre Rhetorik auf-zugeben und dafür alle arrivierten Grup-pen” mit dem Evangelium zu konfron-it tieren: F
to hammer away at the Catholic, e Marxist, Leftist, and revolutionary establishments with Gospel questions.”
er Denn es gelte, die Welt zu verbessern, en nicht zu revolutionieren” Revo-hlution” sei schon Teil des Establishments en geworden. Hierin trifft sich Nicholl mit Schmauch und dessen in die Wohlstands-ert gesellschaft integrierten Kaffeehausrevo-“lutionären.
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-50 „Ours is an age of revolution” läßt die US-amerikanische Jesuitenzeit-schrift, AMERICA” einen Bericht über eine Tagung von 17 Bischöfen aus Entwick-lungsländern von Brasilien bis Ozeanien beginnen.11) Die Teilnehmer hätten darauf verwiesen, daß das Evangelium selbst so revolutionär war, daß es vor zweitausend Jahren die damalige Gesell-schaft bis in ihre Grundfesten erschütterte. Die mächtigsten Nationen der Welt scien
am Her en u-Her nd
ja selbst in irgendeiner Form auf revo-lutionären Wege entstanden. Die Kirche könne heute nicht abseits stehen, wenn unter Revolution einerseits der Bruch mit einem System verstanden werde, das das^Gemeinwohl nicht gewährleiste, ander-meits die Errichtung einer neuen Ordnung, die geeigneter ist, das Gemeinwohl zu verwirklichen:
The revolution of which we are here speaking will either remain peace-ful, and therefore Christian, or it will be more violent than any the world bas yet soen.”
Von echter Aktualität ist das Spannungs-verhältnis Christentum-Revolution mur in Lateinamerika. Die Baumeister eines christlich-revolutionären Gedankengeblu-des sind nicht die Dissidenten in der Katholischen Volkspartei der Niederlande, obwohl sie sich als Christlich-Radikale” konstituiert haben, noch viel weniger die Professoren und Dozenten für christliche Soziallehre an den österreichischen Hoch-schulen, obwohl sie vor kurzem eine Arbeitstagung zum Problem Kirche und Revolution” abhielten. Die geistigen Grundlagen werden an den Universitäten Brasiliens, in verlotterten Kolonialhäusern in Kolumbien, in den Kellergeschossen von Franziskanerklöstern und in den Dis kuniontzirkeln von Santiago di Chile crarbeitet. Das praktische Exerzierfeld ist der lateinamerikanische Subkontinent mit seinen 250 Millionen Einwohnern und einem Maximaleinkommen der durch schnittlichen Bauernfamilie von 5000 Schil-ling pro Jahr.
Einen überaus interessanten Einblick in die Problematik der Wirksamkeit des Christentums in einer nach „kühnen, bahnbrechenden Umgestaltungen und drängenden Reformen” (Populorum Pro-gressio”) schreienden Gesellschaft geben. zwei Artikel des gegenwärtig in Bolivien tätigen Publizisten Gerhard Drekonja in WORT UND WAHRHEIT”, “) Der erste be-schäftigt sich mit der Situation in Kolum bien, einem in tiefer Konservativität verharrenden Agrar und Bergbaustaat. Die Kirche sei weiterhin den überkommenen Strukturen verhaftet, die organisatorischen Vorbereitungen für den Eucharistischen Weltkongrell 1968 in Bogotá erlaubten es dem jeder Reform abhoiden Kardinal Concha Cordoba, die meisten Neuerungs-bestrebungen im Keime zu ersticken. Kein Wunder, daß gerade dieses Land einen
