1967 Entfeudalisierte Kirche 5 S.

Entfeudalisierte Kirche
APOLOGIE FÜR WILFRIED DAIM


Dr. Peter Diem war katholischer Studentenführer und ist heute Organisationsreferent in der ÖVP-Bundesparteileitung.. Dr. Wilfried Daim ist Tiefenpsychologe, Autor umstrittener Schriften zur Kirchenreform und gilt als überaus „links”. Diems nachfolgende Apologie Daims scheint uns ein Text so recht nach FORVM-Geschmack Begegnung ansonst sehr unterschiedlicher Geister ohne Rücksicht auf etwaiges Ent-setzen der konformistischen oder auch nonkonformistischen Rechtgläubigen.

Knapp vor Eröffnung der zweiten Konzilsperiode Ende September 1963 entbrannte im österreichischen Katholizismus eine heftige Diskussion. Es ging um das kurz vorher im gewerkschaftsnahen Europa-Verlag erschienene Buch, Kirche und Zukunft”. Neben einer Abhandlung über das Zusammenleben von Christen und Atheisten von Friedrich Heer und einer Betrachtung über die verschiede-nen Funktionen von „Katholischer Aktion” und „Aktion der Katholiken”, verfaßt von August Maria Knoll, enthielt der in den Kirchenfarben Gelb-Weiß gehaltene Paperback-band 29 Thesen zur Entfeudalisierung der Kirche”. Sie stammten von dem Wiener Tiefenpsychologen Dr. Wilfried Daim, der alsbald als „Linksreformer” in das Schußfeld zahlreicher sachlicher wie unsachlicher Angriffe geriet.
Den Anfang machte der Münchner Jesuitenpater Hans Wulf in der Septembernummer 1963 der Stimmen der Zeit”. Die Forderungen der „Reformer” seien „maßlos”, ihr Buch enthalte zentrale theologische Irrtümer”, argu-mentiere,aus einer aufklärerisch-ungeschichtlichen Posi-tion” und könne deshalb dem katholischen Christen keine konkret mögliche Therapie anbieten”.
Nachdem auch der Wiener Oberhirte, Kardinal König -heute prominenter Vertreter der,,progressiven” Bischöfe-in einer Predigt in der Stadthalle mahnende Worte gefunden hatte, feuerte das amtliche Wiener Diözesanblatt eine Breit-seite unter dem beziehungsvollen Titel „Stellungnahme zu einem Buch” ab. Die Autoren von „Kirche und Zukunft” hättenden breiten Rahmen der Diskussionsfreiheit bereits überschritten und den Boden der Kirche, wenigstens zum. Teil, verlassen”. Man verspüre „nach der Lektüre ein aus-gesprochenes Unbehagen”, fordere doch das progressisti-sche Machwork nicht eine Entfeudalisierung” sondern. eine „Entgesellschaftung der Kirche”. K napp vor Eröffnung der zweiten Konzilsperiode Ende September 1963 entbrannte im österreichischen Katholizismus eine heftige Diskussion. Es ging um das kurz vorher im gewerkschaftsnahen Europa-Verlag erschienene Buch, Kirche und Zukunft”. Neben einer Abhandlung über das Zusammenleben von Christen und Atheisten von Friedrich Heer und einer Betrachtung über die verschiede-nen Funktionen von „Katholischer Aktion” und „Aktion der Katholiken”, verfaßt von August Maria Knoll, enthielt der in den Kirchenfarben Gelb-Weiß gehaltene Paperback-band 29 Thesen zur Entfeudalisierung der Kirche”. Sie stammten von dem Wiener Tiefenpsychologen Dr. Wilfried Daim, der alsbald als „Linksreformer” in das Schußfeld zahlreicher sachlicher wie unsachlicher Angriffe geriet.
Den Anfang machte der Münchner Jesuitenpater Hans Wulf in der Septembernummer 1963 der Stimmen der Zeit”. Die Forderungen der „Reformer” seien „maßlos”, ihr Buch enthalte zentrale theologische Irrtümer”, argu-mentiere,aus einer aufklärerisch-ungeschichtlichen Posi-tion” und könne deshalb dem katholischen Christen keine konkret mögliche Therapie anbieten”.
Nachdem auch der Wiener Oberhirte, Kardinal König -heute prominenter Vertreter der,,progressiven” Bischöfe-in einer Predigt in der Stadthalle mahnende Worte gefunden hatte, feuerte das amtliche Wiener Diözesanblatt eine Breit-seite unter dem beziehungsvollen Titel „Stellungnahme zu einem Buch” ab. Die Autoren von „Kirche und Zukunft” hättenden breiten Rahmen der Diskussionsfreiheit bereits überschritten und den Boden der Kirche, wenigstens zum. Teil, verlassen”. Man verspüre „nach der Lektüre ein aus-gesprochenes Unbehagen”, fordere doch das progressisti-sche Machwork nicht eine Entfeudalisierung” sondern. eine „Entgesellschaftung der Kirche”. Heute, nach drei Jahren und nach erfolgreichem, wenn auch sicher nicht alle befriedigendem Abschluß des Zweiten Vatikanums, klingen diese Argumente reichlich antiquiert. Ist doch bis in weite Kreise der katholischen Bevölkerung der johanneische Geist des aggiornamento” gedrungen. Längst wurden neue, weitergehende Forderungen gestellt, und kaum kommt es bei der Vorlage von Reformvor-schlägen heute noch zu emotionsgeladenen Gegenaktionen. Man ist gesprächsbereiter und sachlicher geworden.
Aus diesem Grunde kann es ganz nützlich sein, einmal zurückzublicken und an Hand der 1963 aufgestellten 29 Thesen Daims die Entwicklung innerhalb eines für die Weltkirche doch kurzen Zeitraums von drei Jahren zu analysieren. Diese Betrachtung kommt einer Rehabilitie-rung Wilfried Daims im Hinblick auf seine kirchen-reformatorischen Gedanken gleich – ein von seiten der Amtskirche oft erst nach Jahrhunderten üblicher Akt der Fairneß. Einer kritischen Auseinandersetzung mit Daims politischen Thesen wird dabei nicht vorgegriffen.
ABBAU DES ZEREMONIELLS


Nicht weniger als 9 der 29 Thesen hatten die Reform des Zeremoniells und der äußeren Formen des kirchlichen Lebens zum Inhalt. Die diesbezüglichen Vorschläge Daims sind zum größten Teil Wirklichkeit geworden.
So legte Paul VI. am 13. 11. 1964 die Tiara ab, um sie als Opfergabe den Armen der Welt zu schenken. Damit war das laut Daim (These 2) massivste Feudalsymbol” der Kirche zu einem historischen Ausstellungsobjekt geworden. Das Haupt der „dienenden Kirche” wird künftig nicht mehr jenes Zeichen weltlicher Machtfülle tragen, das Christus einst abgelehnt hatte. Dasselbe gilt für die phara-onischen Straußenwedel, die ebenfalls unter Paul VI. ins Mobiliendepot wanderten, dasselbe für die sedia gesta-toria”.
Wie der Salzburger Erzbischof vor einiger Zeit bekannt-gab, hat die österreichische Bischofskonferenz in ihrer ersten Sitzung nach dem Konzil auf die Titel und Anreden Eminena” und Exzellenz” verzichtet. Auch damit wurde eine Forderung Dains (These 13) Wirklichkeit, nach-dem sie im Dezember 1964 von der Wiener Monatsschrift Der Seelsorger” unter dem Titel „Entrümpelung der Seelsorge” wiederholt worden war.
Damit ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu der eigent lich christlichen Form zwischenmenschlicher Beziehung, nämlich zur bewußten Brüderlichkeit, getan worden. Zu keiner Periode der Kirchengeschichte seit der Urkirche ist der Zug zur universellen Brüderlichkeit so deutlich spürbar gewesen, wie in der nachkonziliaren Gegenwart. In nahezu allen Papstreden und Enzykliken seit Johan-nes XXIII. spielt das Wort „Brüderlichkeit” eine bedeut-same Rolle. Laut Kardinal Bea sind die nichtkatholischen Christen unsere Brüder kraft ihrer Taufe”. Dies entspricht dem Beitrag Dr. Dainis, den er unter den Sammeltitel. Rückkehr zur Brüderlichkeit stellte; er forderte eine weitgehende Reduktion des Vatertitels in der Kirche; dieser sei möglichst durch den Bruderbegriff zu ersetzen (These 1). Die unter Christen übliche Anrede Bruder” ist, wie Josef Ratzinger nachgewiesen hat, spätestens vom 3. Jahr bundert an immer mehr zurückgegangon. Heute findet sie sich noch bei vielen amerikanischen Sekten. Diese haben damit außerhalb der Kirche einen Bestandteil echt christ-licher Lebensform bewahrt, der innerhalb der Kirche durch deren Verflechtung mit weltlichen Sozialformen verloren-gegangen ist. Je mehr sich die Kirche von solchen Sikula-rismen löst, umso leichter wird den Katholiken die Wieder-besinnung auf ihre ursprünglichen Verhaltensformen fallen. Eine weitere These (4) beschilftigt sich mit der Reduktion der auf die Person des Papstes bezüglichen Titel und Förm-lichkeiten; auch dieser Vorschlag Daims nähert sich, zu mindest teilweise, der Verwirklichung.
Nach dem Vorbild des ersten Papstes, Petrus, soll der Bischof von Rom weder die Wir-Formel” noch den Titel Heiliger Vater” verwenden. Wenn wir die Strafrede Christi an die Pharisler (Matth. 23, 8-11) ernst nehmen, können wir nicht umhin, uns auch mit dieser Frage objektiv ausein-anderzusetzen. Hatte Johannes XXIII. mehr oder weniger unbekümmert die Regeln des vatikanischen Protokolls durchbrochen (Ich bin Jasef, euer Bruder!”), so geht Paul VI. behutsamer vor. Immerhin, es gibt auch in seinem Pontifikat bereits Augenblicke, wo er bei Ansprachen in die dritte Person Einzahl ausweicht (Rede vor der UNO) oder sogar die Ich-Form verwendet. So berichtet Kathprell am 12. September 1966:


Paul VI. zelebrierte auf dem Hauptplatz des auf-strebenden Industriestädiclieus Colleferto vui Tausenden von Arbeitern und ihren Angehörigen eine heilige Messe Nach dem Evangelium richtete der Papst in ungemein herzlichem Ton seine Ansprache an die Ver-sammelten… Unser wirklicher, großer Gruß gilt heute euch Arbeitern. Um eurerwegen bin Ich gekommen. Ihr seid der Hauptgrand Meines Besuches. Es lobe das arbeitende Colleferro rief der Papst und lüste damit erneut ungeheuren Beifall aus.”
Abgesehen von der weiterhin feudalen” Großschreibung der ersten Person zeigt dieser Bericht deutlich das Abgehen yon linest überholten Animarka Weitgehend erfüllt ist auch Dalms Forderung nach Ab schaffung von Kniefall und Ringkuß (These 5). Sie war unter Berufung auf Apg. 10,26 erfolgt. Beide Förmlichkeiten gehören praktisch der Vergangenheit an. Viele Bischöfe, darunter auch der Salzburger Erzbischof Dr. Rohracher, haben sie von Anfang ihres Amtes an abgelehnt.
DER ROMISCHE ADEL VERLIERT SEINE FUNKTIONEN
In fünf weiteren Thesen (7, 9, 10, 15, 16) beschäftigte sich Wilfried Daim unter anderem mit der Eliminierung des Einflusses der römischen Aristokratie auf die Kirche, mit den Ritterorden und der Vereinfachung des vatikanischen Protokolls. In bezug auf diese Vorschläge Daims ist ebenfalls viel geschehen.
So wurde die Amtseinführung von 27 neuen Kardinälen im Februar 1965 ohne Mitwirkung von Staatschefs nach vereinfachten Richtlinien durchgeführt. Auch die Kleidung der Kardinäle wurde vereinfacht.
Die vielfachen Verffechtungen des Heiligen Stuhls mit dem Hochadel konnten nur durch einen deutlichen Schritt des Papstes abgebaut werden. Paul VL. anternalun die not-wendige Distanzierung in unmißverständlicher Weise zu Beginn des Jahres 1964. Wörtlich erklärte der Papst auf den Neujahragruß, den ihm Fürst Colonna überbrachte:
Vor Ihnen, Erben und Vertretern der alten und füh renden Familien des päpstlichen Rom und des päpstlichen Staates stehen Wir mit leeren Händen. Wir können Ihnen nicht mehr Amter, Benefizien, Privilegien und Vorrechte, aber die ein weltlicher Staat verfügt, übertragen. Wir können nicht mehr, wie in der Vergangenheit, Uns Ihrer weltlichen Mitarbeit bedienen. Wir sagen dies zögernd und mit innerem Unbehagen und befürchten, Wir könnten den Traditionen zu wenig verbunden scheinen, Thre Verdienste zu wenig anerkennen. Aber dem ist nicht so. Das Konzil stellt der Kirche das gewaltige Problem, sich zu modernisieren, ein Problem, mit dem sich auch der Vatikan auseinandersetzen mull.”


Dumit ist zumindestens die Idee, daß Geburtsvorrechte in der katholischen Kirche fürderhin keine Bedeutung haben, offiziell ausgesprochen worden. Ihre Durchführung wird sicher noch Jahre in Anspruch nehmen.
Dasselbe gilt für die Reduktion der zahlreichen, die menschliche Eitelkeit in durchaus unchristlicher Weise befriedigenden Orden, Ehrenzeichen und Würden”. Paul VI., der schon als Erzbischof von Mailand gewissen Praktiken des Malteserordens einen Riegel vorzuschieben versuchte, ist auch der Mann, um eine Reduktion der nicht-karitativen Aktivitäten der Ritterorden herbeizuführen.


DIE DIENENDE KIRCHE


Daims Beitrag in Kirche und Zukunft” hatte in zwei Punkten (Thesen 2 und 11) ausgesprochene Akte der Demut seitens der Amtskirche gefordert. Einerseits ein umfas sendes Schuldbekenntnis des Papstes im Namen seiner christlichen Brüder für die Untaten der Kirche an den Juden, den Islamiten, den Heiden, den eigenen Mitgliedern, die zu Unrecht verfolgt, gemartert, indiziert etc. wurden, an den Sklaven, den Farbigen an den Bürgern, am Proletariat etc. für alle Handlungen und Unterlassungen”,

andererseits die Verpflichtung aller kirchlichen Funktions-träger nicht nur zur Fußwaschung, sondern auch zum gemeinsamen Tisch mit Vertretern der verschiedensten. Volksschichten”.
Beide Forderungen Daims wurden zumindest ansatzweise verwirklicht.
Am 29. 9. 1963 wandte sich Paul VI. an die bei der Eröffnung der 2. Konzilsperiode anwesenden Beobachter der getrennten christlichen Gemeinschaften und erklärte:
Wenn irgendeine Schuld für diese Trennung uns zua schreiben ist, so bitten wir demütig Gott um Verzcihung und bitten die Brüder am Vergebung, falls sie sich von uns verletzt fühlen.”
Wie weit ist das nachkonziliäre, Volk Gottes” von jenem triumphalistischen Kirchenbild entfernt, das uns vor wenigen Jahren noch als durchaus endgültig erschien! So konnte der Papst anlaßlich einer Generalaudienz am 11. 8. 1966 sagen, er wolle von der demütigen Kirche sprechen, von der Kirche, die ihre eigenen menschlichen Grenzen kennt, ihre Fohler, die weiß, daß sie der Barmherzigkeit Gottes und der Verzeihung der Menschen bedarf:
Demütige Kirche, nicht nur in den Reiben des gläubigen Volkes, sondern vor allem auch in den höchsten Graden der Hierarchie, die in dem Bewußtsein und in der Ausübung ihrer Gewalt… weiß, daß sie diese zur Erbauung und zum Dienst an den Seelen verwenden mull. Das gilt auch für den höchsten Grad, jenen des Petrus (sic!), der sich selbst als Diener der Diener Gottes definiert und der mehr als alle anderen das Millverhältnis zwischen der von Christus erhaltenen Sendung und der eigenen Schwäche und Unwürdigkeit empfindet.”
Es ist schwer verstellbar, daß solchen Worten nicht Taten folgen werden. Johannes XXIII. hat die auf Christus selbst zurückgehende Fußwaschung wieder eingeführt. Sic ist aber nur ein Formalakt der Demut. Bedeutungsvoller wäre die Einführung des gemeinsamen Mahles der Kleriker mit den Weltchristen. Dazu Daim: Wieviel würde ein Bischof erfahren können, wenn er sich die Mühe machte, mit Vertretern aller Volksschichten zu Mittag oder zu Abend zu essen!”
Weitgehend verwirklicht, wenn in manchem auch nur durch grundsätzliche Annahme der Idee, ist Daims These 19, die sich mit der Umgestaltung und Vereinfachung der Meß-feier beschäftigt. Die Diskussion um die Liturgiereform hat so ziemlich alle ihre Aspekte, von der Landessprache bis zum Laienkelch, berührt.
Auf der Weihnachtsseelsorgertagung 1965 forderte der Grazer Univ.-Prof. Dr. Karl Amon die Verwendung von echtem Brat in der Eucharistie an Stelle der wie Papier aussehenden schneeweißen Hostien” ein Anliegen, dessentwegen Dr. Daim zwei Jahre vorher erheblichen Angriffen ausgesetzt war. Es wird auf die Intensität der mit Zustimmung der Bischöfe vorgenommenen liturgischen Pionierarbeit ankommen, ob das für richtig Befundene auch praktisch Wirklichkeit werden kann.


DER GUTE HIRTE
Erfüllt ist ferner Daima These 12 von der größeren Mobilität des Bischofs von Rom”. Die Reisen Pauls VI. nach Israel, Indien und zur Vollversammlung der UNO waren von offenkundiger kirchen- und friedenspolitischer 

Bedeutung. Niemanden würde heute eine Flugreise des Papstes nach Kanada sonderlich überraschen, oder eine Friedensmission nach Vietnam. Wann die Zeit freilich reif sein wird für Reisen des Papstes in die Zentren des Un-glaubens, um im Sinne des Hirtengleichnisses (Matth. 18,12) den Versuch zu unternehmen, die verlorenen Schafe heim-zuholen, bleibe dahingestellt.)
Daima These 14, die Forderung nach Begrenzung der Amtsdauer in kirchlichen Funktionen, war cine bei Veröffentlichung des Buches als unerhörte Anmaßung empfundene Anregung Am 6. 8. 1966 erging das Motu proprio Ecclesine sanctae”. In diesem
werden alle Diözesanbischöfe und alle ihnen rechtlich Gleichgestellten wärmstens gebeten, nicht später als nach Vollendung des 75. Lebensjahres aus freien Stücken der zuständigen Autorität den Verzicht auf ihr Amt zu erklären.”
Innerhalb eines Monats langten in Rom eine Reihe von Rücktrittsgesuchen ein, darunter jene der Kardinále von Malaga, Paris und Bologna. Allein in Italien gab es zu diesem Zeitpunkt 54 Bischöfe im Alter von mehr als 75 Jahren. Die Rücktrittserklärungen gelten als annahme-pflichtige Gesuche.)
Soll nun etwa auch der Rücktritt eines Papstes aus Alters-gründen möglich werden? Vatikanische Kreise demen-tierten gleich nach Auftauchen derartiger Gerüchte diese Möglichkeit. Tatsache bleibt jedoch, daß Paul VI. anläßlich einer Wallfahrt nach Fumone am 1. 9. 1966 sehr deutlich an einen seiner Vorgänger, an Coelestin V., erinnerte, der im Jahre 1294 in der Überzeugung, nicht zum Papsttum berufen zu sein, nach Erlassung einer Konstitution über die Abdankung von Päpsten selbst die Tiara niederlegte.
Es gibt auch eine Meinungsentwicklung in Richtung auf Daima These 18. Er forderte darin eine proportionale Fest-setzung der Wahimänneranzahl für die Papstwahi ent sprechend der Volkszahl der Katholiken. Allein dadurch werde der Papst zu einem echten Repräsentanten der Welt-kirche.
Mitte September 1966 wurde im Turiner Bistumsblatt, dem offiziellen Sprachrohr des Erzbischofs Michele Pellegrino, – der Vorschlag gemacht, die Funktionen des Kardinals-kollegiums in Zukunft der Versammlung der Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen zu übertragen. Die Mitglieder dieser Versammlungen sollten alle bisher den Kardinalen vorbehaltenen Rechte, einschließlich des Rechtes der Papstwahl, übernehmen.
Damit wäre auch das Problem der Verjüngung des Kardinalskollegiums gelöst, da seine Zusammensetzung praktisch den nationalen Bischofskonferenzen überlassen sei-desgleichen das Problem der universalen Repräsentanz der Weltkirche, wenn auch noch nicht gemäß der Zahl der Katholiken in den cinzelnen Ländern.
Dennoch: der demokratische Gedanke, die Idee, Autori-tät nach unten abzugeben, fallt immer mehr Fuß. Und dies nicht nur hinsichtlich der höchsten kirchlichen Gremien,

Oder mlhe de Besuch des cowchen Staatsprisidenten Podguray dafia zumindest protokullarische Grundlagen bi?
Auch sine Reihe ungarischer Bach, darunter der Versitrende der Bischofskonferens, lesbiche Hamvas, haben um Pensiunirang gobeten. 

etwa durch Einsetzung des Bischofsrates”, Unter Bezug-nahme auf die zu gründenden Priesterräte rief der Papst in einer Ansprache am 13. 9. 1966 zu einer Vertiefung des Verhältnisses zwischen Bischof und Priestern auf:
Es ist klar, daß dieses Verhältnis immer ausge-prägter, immer solidarischer und immer wirksamer werden muß… Und wie die Bischöfe bereit sein werden, Euch an ihren Gesprächen teilnehmen zu lassen und Euch ein wenig an der Fürsorge für die jeweilige Diözese teil-haben zu lassen so sollt Ihr dafür sorgen, ihren Dienst leichter zu gestalten.”
Freilich ist der diözesane Priesterrat in seiner gegen-wärtigen Konstruktion (Einberufung und Tagesordnung im Ermessen des Bischofs; Ablehnung gewählter Mitglieder ohne Angabe von Gründen möglich) wenig mehr als das. Heraufdämmern der konstitutionellen Monarchie
Seit Anfang November 1966 besitzt die Erzdiözese Wien einen aus 15 Mitgliedern bestehenden Laienrat.
Was Daims These 17 betrifft: Wahl der Bischöfe durch das gläubige Volk hat ein australischer Bischof dies als durchaus möglich bezeichnet.
GENT GEDANKENFREIHEIT?
Die Thesen 21 bis 25 hatten die geistige Freiheit, die Stellung der Kirche zur Wissenschaft und die geistliche Erziehung zum Inhalt. Als besonders emotionsgeladen erwies sich gerade im Zusammenhang mit der Veröffent-lichung von Kirche und Zukunft” die Indexfrage. Dabei wurde am heftigsten die Praxis des (mittlerweile in Kon-gregation für die Glaubenslehre” umbenannten) Heiligen Offiziums kritisiert, die eine Rechtfertigung seitens des indizierten Autors nicht zuließ. Inzwischen ist auch dieser Forderung Daims Rechnung getragen. Mit Wirksamkeit vom 14. 6. 1966 wurde der Index librorum prohibitorum” aufgehoben.
Der Index verliert dadurch seine rechtliche Verbindlich-keit; die Autorität zur Kontrolle von glaubensgefährdenden Veröffentlichungen geht auf die Bischöfe über. Dennoch behält sich der Heilige Stuhl das Recht vor, in schwer wiegenden Fragen selbst Urteile über Veröffentlichungen: abzugeben. Allerdings muß dabei der Verfasser gehört werden.
Ein derartiger Fall ist schon eingetreten. Anfang August 1966 wurde der holländische Theologe Jan van Kilsdonk SJ zu einem Dialog” nach Rom eingeladen. Es ging umm heikle theologische Fragen, die der dem progressivsten Flügel der niederländischen Katholiken angehörende Studentenseelsorger in der Öffentlichkeit behandelt hatte.. Man schied, so heillt es, nachdem die Standpunkte dea Dialogpartner wechselseitig teilweise anerkannt worder waren, mit dem Wunsch nach weiterem Gedankenaus tausch. So ist eine vier Jahrhunderte alte, fortschritthern-mende römische Institution nach den Worten Kardina Ottavianis eines natürlichen Todes gestorben”.
Daim fordert in seiner 21. There die Abschaffung des chefideologischen Position der Scholastik in der Theologie”. Hiebei geht es ihm hauptsächlich um die Dynami-sierung der katholischen Soziallehre, die unter dem Einfluß der aristotelischen Philosophie konservativ gewor den dem eigentlichen Wesen des Christlichen nicht gerecht werde. Es gelte, die sozialrevolutionären Impulse, die vom Judentum ausgingen, in die katholische Kirche zu reintegrieren und diese so zu einer echt progressiven Hal-tung zu bewegen.
Was das Verhältnis der Kirche zum Judentum betrifft, konnte sich das Konzil aus vielschichtigen, nicht zuletzt politisch-taktischen Rücksichtnahmen nur zu einem Mini-mum guten Willens entschließen. Nach langwierigen Ver-handlungen war es möglich, in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen” den Antisemitismus mit Entschiedenheit zu beklagen”. Zu einer Verurteilung (condemnatio”) aller Manifesta-tionen der Judenfeindschaft wie zu einem Freispruch der Juden vom Gottesmord” konnte man sich nicht durch ringen.
Doch weist die Aufwertung des Alten Testamentes im Rahmen der Konstitution über die Offenbarung irgendwie in die Richtung einer ernsteren Auseinandersetzung mit den Fragen des Judentuma.


ARBEITER IN DEN WEINBERG
Nicht mehr tabuisiert scheint Daims Forderung in These 25. man möge in den pädagogischen Einrichtungen der Kirche für Erweckung von Kritikfähigkeit” und „Reduktion der Gehorsamsideologie” sorgen. Immer mehr setzt sich die Meinung durch, daß Kritik dem Anschen der Kirche nicht schade. Dazu Kardinal König in der Oktobernummer 1966 der Zeitschrift,Analyse”:
Ich glaube, dail es gut ist, wenn man alles, was angreifbar ist, auch wirklich angreift und kritisiert. Die Kirche soll nicht geschont werden. Wir wollen keine Ausnahmestellung. Die Chance der Kirche liegt in ihrer Freibeit. Diese Freiheit ist aber nicht nur eine Freibeit für sie selbst, sondern auch für alle anderen.”)
Schwerer fällt die Durchführung der wenigen vom Konziladekret über die Priestererziehung ermöglichten Reformen. Wie brennend notwendig diese sind, zeigt die Situation der nordamerikanischen Priesterseninare; der wenig aufgeschlossene Geist an vielen dieser Ausbildungs-stätten scheint einer der Gründe für den starken Rückgang im Priesterberuf (bis zu einem Drittel gegenüber 1965). Freilich liegt die Vermutung nahe, daß auch das liberalste System der Priesterausbildung samt bewußter Erziehung zu Kritik und Initiative ohne Aufhebung des Zölibates für Weltpriester nur eine Teillösung bleiben wird. Auch darüber -Daims These 29-ist seit Erscheinen von,Kirche und
Zukunft die Diskussion auf breiter Linie aufgebrochen. Die Wiedereinführung des Diakonats für verheiratete Männer durch das Konzil kann mit Fug und Recht als Kompromißformel betrachtet werden. Ihre Gültigkeit wird weitgehend von der Entwicklung der Priesterberufungen abhängen. Wird doch die Notwendigkeit, eine wachsende Weltkirche seelsorgerisch zu betreuen, letztlich das ent-scheidende Kriterium bei der Lösung dieser Frage kirch-licher Disziplin sein.
Wie weit die allgemeine Meinung einer Aufhebung des Zölibats zuneigt, zeigt eine im September 1966 vom hollan-dischen Attwood-Institut durchgeführte Umfrage: 77% der Gesamtbevölkerung, 57% der Katholiken befürworten die Priesterehe. Die holländische Nationalsynode wird sich mit der Zölibatsproblematik offiziell befassen.
Auch die unbewußte Kehrseite des Zölibats, der über lieferte Satz mulier raceat in ecclesia”, gerät ins Wanken. Zweifellos wird sich in nächster Zukunft der Grundsatz der liturgischen Gleichberechtigung der Geschlechter weiter Bahn verschaffentrotz den im Juli 1966 plötzlich ergan-genen Richtlinien des Rates zur Durchführung der Litur-giekonstitution, nach denen die Verwendung (sic!) von Frauen und Mädchen beim Altardienst und als Lektorinnen nicht gestattet ist. Andererseits wurde den Oberinnen von Schwesternkonventen, besonders in Gegenden mit Priester-mangel, die Kommunionspendung erlaubt.
Und der Apostolische Delegat in Großbritannien, Erz bischof Cardinale, erklärte vor kurzem auf der Jahres-versammlung der St. Joan’s Alliance’, er scheue die Diskussion über das Frauenpriestertum nicht, zumal da es keine stichhaltigen Gründe dagegen gebe (,,Kathpre” vom 9.9. 1966).


VERKÜNDIGUNG IM RAUMZEITALTER
Daims Thesen 8 und 28 fordern den Einsatz moderner Propagandamethoden und technisch-organisatorischer Hilfsmittel für die Selbstdarstellung des Christentums.
Zwar ist weder der Vorschlag, die vatikanischen Behörden in einem modernen Bürohaus unterzubringen, noch die Anregung, einen kirchlichen Fernsehsatelliten zur Unter-stützung von Radio Vatikan zu starten, aufgegriffen worden. Wie sehr aber die kirchlichen Verkündigungs-formen den Erfordernissen der Gegenwart angeglichen wurden, zoigen Seminare über kirchliche Kommunikations-strategie ebenso wie  Veranstaltungen nach Art der „Agape66″ oder der „Pötzleinsdorfer Jugendgottesdienste”. Und kaum eine der neuerrichteten Seelsorgeanlagen hat noch Ähnlichkeit mit dem wehrhaften Pfarrhof aus dem letzten Jahrhundert,
Im vorstehenden wurde der Versuch gemacht, an Hand cines zeitlich und inhaltlich fixierbaren Forderungskatalogs einen Überblick über den durch Konzil und allgemeine Kirchenentwicklung erzielten Fortschritt im kirchlichen Bereich zu geben. Wie jede Betrachtung globaler Erschei nungen ist dies ein Versuch mit beschränkter Aussicht auf Erfolg. Die Rückblendung bietet aber immerhin die Möglichkeit einer Neueinschätzung der Gegenwart. Heute wird längst die Forderung nach Überwindung der „bürger-lichen” Phase der Kirche erhoben, so in der Julinummer 1965 der St. Pöltner KA-Zeitschrift „Der Rufer”, in der es heißt, die Kirche müsse ihre feudalen und bürgerlichen Züge ablegen, damit sie in ihrer Gestalt auch dem Lebensstil und den Bedürfnissen des Arbeiters entgegenkomme. Die Gläubigen könnten nicht mehr eine kirchliche Herrschafts-struktur akzeptieren, die gesellschaftlich überholt sei. In dieser Richtung wird das demnächst im (katholischen) Manz-Verlag, München, erscheinende zweibändige Werk Progressiver Katholizismus von Wilfried Daim wohl noch manche Überraschungen bringen.
Was ist also, abstrakt gesehen, unter dem Begriff,,Fort-schritt in der Kirche” zu verstehen? Als Definition bietet sich an: Fortschritt in der Kirche ist die Summe aller Ens-wicklungen (auch restaurativer), die zu einer Intensivierung des Verhältnisses einer möglichst großen Anzahl von Men-schen zu Christus und einer gesteigerten Erfüllung Seines universellen Liebesgebotes führen.
Damit ist hinreichend klargestellt, daß nicht jede Ver-änderung „Fortschritt” bedeuten muß. Sicher aber ist, daß alle Erscheinungen im kirchlichen Raum, die geeignet sind, die Distanz zu Christus zu vergrößern oder den Wirkungs-grad christlicher Verkündigung zu mindern, reformbedürftig sind.
Dem überzeugten Christen wird die Wahl zwischen viel Tradition mit wenig Zugang zum Inhalt und wenig Tradition mit viel Zugang zum eigentlich Christlichen nicht schwerfallen.