Zwischen „Schalom“ und „Confrontatie“
Eindrücke von einer Studienreise des ÖCV nach Holland Anfang 1967
Ein von vielen holländischen Katholiken ernstgenommener Zynismus
lautet: ”In den Niederlanden wird heute alles gewandelt — außer Brot und
Wein” Tatsächlich ist das Elfmillionenvolk der Holländer – dicht
zusammengedrängt auf 52.000 km agrarisch untermischter
Stadtlandschaft, heute ein Volk im Umbruch. Seit der Reformation
jahrhundertelang durch starre konfessionelle Fronten gespalten, bahnte
sich nach dem Zweiten Weltkrieg und mehr noch nach dem Zweiten
Vatikanum eine neue Entwicklung an: Die Wechselwirkung zwischen
reformierter Kirche und Katholiken (je ca. 40% der Bevölkerung) wird
immer stärker spürbar; das ökumenische Gedankengut fällt in Holland nicht
nur theoretisch, sondern auch praktisch auf fruchtbaren Boden. Der
gesellschaftliche Strukturwandel, in dem zur außereuropäischen Welt weit
offenen Küstenstaat beschleunigt diesen Prozess die Rolle des Christen in
der „Einen Welt“, gesegnet mit den Errungenschaften moderner
Technologie und bedroht von Hunger und Vernichtung, wird zu einem alle
konfessionelle Eigenbrötelei überragenden Zentralproblem.
Der in der Osmose mit dem Protestantismus in den holländischen
Katholizismus eingefilterte demokratische Gedanke ist die vielleicht
auffälligste Wirkkraft jener innerkatholischen Aufbruchsbewegung, für die
“NL” heute Markenzeichen geworden ist. Das Mitspracherecht der Laien in
kirchlichen Angelegenheiten bleibt längst nicht mehr auf eine geduldete
Beraterrolle in den „weltlichen“ Dingen auf Pfarr-, Dekanats-Diözesan- und
Landesebene beschränkt. Immer deutlicher zeichnen sich Ansätze einer
echten Volkswahl kirchlicher Amtsträger ab. So stellte das Kapitel der
Diözese Hertogenbosch den Gläubigen über die Presse und von der
Kanzel die Frage, mit wem der vakant gewordene Bischofsstuhl besetzt
werden sollte, beziehungsweise welche Eigenschaften der neue Oberhirte
besitzen sollte. In einem Gespräch bezeichnete Mgr. Bluyssen, der auf
diese Art kreierte Bischof die Volkswahl mit nachfolgender Bestätigung
durch den Vatikan als durchaus zukunftsträchtig. Es sei
nichtauszuschließen, meinte der dynamische Vertreter des jungen
holländischen Episkopats, die apostolische Sukzession auch durch
Volkswahl begründet werden könne. Der Bischof sei vor allem Bindeglied
der Gemeinschaft der Diözese zur Universalkirche. Und letztlich müsste
auch eine Möglichkeit bestehen, einen für die Gemeinde untragbar
gewordenen Amtsträger abzuwählen. Da blieb selbst den progressivsten
unter den durch nächtelange theologische Diskussionen bereits
konditionierten Besuchern aus dem barockfrommen Österreich der Mund
offen. Schließlich raffte man sich zu der bangen Frage auf, ob der Herr
Bischof nicht Sorge habe, dass die holländische Kirchenprovinz mit diesen
und anderen Ideen völlig isoliert werden würde. Freundlich aber nicht ohne
Selbstbewusstsein kam die Antwort: “Ja, ich habe eine gewisse Sorge,
aber als kleiner Teil der Weltkirche kann Holland sich weiter vorwagen als
andere Länder. Die Laiensynode hat uns geneigt, dass wir keineswegs
isoliert sind.”
Neben der Demokratisierung der Organisationsstruktur der Kirche ist es die
liturgische Praxis, in der der neue Geist die misten Früchte getragen hat.
Mit der Einführung der Landessprache für alle Teile der Messe und die
Sakramenten-spendung kam langsam, aber sicher der Wunsch nach
größeren Variationsmöglichkeiten auf. Man weiß auch in unseren Breiten,
dass gewisse Teile des Canons in wörtlicher Übersetzung heute kaum
brauchbar sind. Wie der Leiter des holländischen Liturgieinstituts, P. Lucas
Brinkhof, ausführte, existieren in der niederländischen Kirchenprovinz
bereits an die 20 verschiedene Capones, von denen 5 in Rom vorgelegt
wurden, davon einer in Form einer möglichst wörtlichen Übersetzung. Mit
Beginn des Advents wollte man einen dreijährigen Evangelienzyklus
einführen, der nach langwierigen Verhandlungen mit dem Vatikan in Druck
gegangen ist. Die Hauptschwierigkeit lieg im Fehlen einer modernen
Bibelübersetzung – die letzte brauchbare niederländische Fassung stammt
aus dem Jahre 1939!
Im Allgemeinen scheint die Liturgiereform bei den holländischen Katholiken
gut anzukommen. Wie eine im Februar 1966 durchgeführte Kirchenbesucherzählung ergab, liegt die Dominikantenquote in den Großstädten
bei 35%, in den ländlichen Gemeinden erreicht sie bis zu 95 %. Das ergibt
für ganz Holland einen Durchschnitt von 65%. Neben der radikal gekürzten
Form des Kanons fällt dem Besucher aus Österreich vor allem der hohe
Anteil an Kommunikanten auf. Pastoraltheologisch geht dieser auf ein
neues Verständnis des Bußsakramentes zurück: nur bei schwerer Sünde
wird die Individualbeichte, meist in Ausspracheform, gefordert. An die
»Stelle der Andachtsbeichte ist die Bußandacht mit Generalabsolution
getreten. Neu ist auch die Art der Kommunionspendung in 75% der
holländischen Kirchen empfängt der Kommunikant die Hostie auf die linke
Hand, von wo er sie mit der Rechten zum Mund führt.
Wie zu erwarten, ziehen liturgische Experimente wie die Beatmesse in den
städtischen Ballungsräumen die Jugend weiterhin stark an. Aus
Diskussionen mit Liturgieprofessoren ergibt sich, dass man bereits intensiv
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am Einbau von nicht—sprachlichen Kultformen wie Tanz und Pantomime in
die Eucharistiefeier, deren Mahlcharakter nach Meinung mancher
holländischer Katholiken noch immer nicht voll zur Geltung kommt, arbeitet.
An den in einige Zentren zusammengelegten Priesterausbildungsstätten
gehen die Studenten der Theologie – wie 90% aller Geistlichen — in
Zivilkleidung ihrem Beruf nach. Die Priesterstudenten haben nach der
Reform des Seminarstudiums heute annähernd die gleichen Freiheiten wie
ihre weltlichen Kollegen. Viele von ihnen wohnen zu dritt oder zu viert in
modernen Wohnblocks, ihr fünfjähriger Ausbildungsgang konfrontiert sie
mit allen Aspekten der modernen Industriegesellschaft. Die theologische
Schulung wird von der philosophischen nicht mehr getrennt, von großer
Wichtigkeit scheint für sie die Auseinandersetzung mit
Existenzialphilosophie und Phänomenologie zu sein. Nur mehr etwa die
Hälfte der Seminaristen, so stellte sich in Gesprächen heraus, neigt
politisch der Katholischen Volkspartei zu. Die übrigen haben bei den letzten
Parlamentswahlen im Februar 1967 eine neuentstandene
Intellektuellenpartei “Demokraten 66”, die Sozialisten oder die Pazifisten
gewühlt. Insbesondere fällt die starke Bedeutung der Fragenkomplexe
Entwicklungshilfe und Vietnam auch in theologischen Diskussionen auf. Die
Problematik des Zölibats ist interessanterweise etwas in den Hintergrund
getreten. Zwar führt das soziologische Institut der (katholischen) Universität
Nimwegen gegenwärtig eine Vollerhebung unter Welt- und
Ordensgeistlichen der Kirchenprovinz durch, doch steht der Punkt bisher
noch nicht auf der Tagesordnung der holländischen Nationalsynode.
Freilich hört man aus den Gesprächen mit Theologen eines heraus: die
Zölibatsenzyklika Paul VI. hat vorwiegend historische Argumente gebracht;
in Holland geht das Gespräch weiter und wird zu gegebenem Zeitpunkt
auch zu Entscheidungen führen. Bis zu einem solchen Termin wäre
immerhin denkbar 1) verheirateten Männern mehr als bisher den Zugang
zum Priesterstand zu gewähren und 2) auf Grund der Zölibatsvorschriften
entlassenen Priestern die Ausübung ihres Amtes wieder zu gestatten. Trotz
einer gemessen an anderen Ländern überdurchschnittlichen Zahl von
Priesterberufungen ist in letzter Zeit in den Niederlanden eine Abnahme zu
verzeichnen. Wie man im Pastoralinstitut in Rotterdam erfährt, liegt der
Grund hierfür jedoch weniger im Problem des Zölibats als in einer
allgemeinen Krise des Selbstverständnisses des Priesters, in einer
Rollenunsicherheit, die ihre Wurzeln in zu geringem Bildungsniveau und
zurückgegangenem Sozialprestige zu haben scheint.
Die religiös-weltanschauliche Aufbruchsbewegung in Holland führte zur
Herausbildung von echten Extremgruppen. Im politischen Spektrum sind
dies linksaußen die Pazifisten, rechtsaußen die Bauernpartei, deren
Zustrom in den Städten zunimmt. In den katholischen und protestantischen
Zentrumsparteien hat sich ein starker christlich-radikaler Flügel formiert,
der beim Parteitag der KVP am 8. Dezember 1967 die Einsetzung von
Reformkommissionen für Programmatik und Politik erwirken konnte.
Im religiösen Bereich am weitesten vorgewagt hat sich die SchalomGruppe, eine informelle Organisation, die Mitgliedern aller christlichen
Bekenntnisse offensteht. Diese Gruppe hat sich die Integration von Welt
und Kirche zum Ziel gesetzt, die Verwirklichung einer brüderlichen
Friedensordnung, die Versöhnung der Rassen und Völker. In einer
Kerngruppe von dreißig Aktivisten – darunter drei katholische Priester –
wird jeden Freitag ein ökumenisches Abendmahl gefeiert. Zwischen die
Lesungen aus der Schrift und geistliche Lieder setzt man Betrachtungen
über aktuelle Probleme anhand von Zeitungsberichten und Informationen
durch geladene Gäste. Jeder Teilnehmer bricht sodann für seinen
Nachbarn das Brot und reicht ihm den Wein – die priesterliche Funktion
wird von der gesamten Gemeinde erfüllt. Andere Aktivitäten der Gruppe
umfassen die Teilnahme an Friedenskonferenzen, die Propagierung des
UNO-Gedankengutes und konkrete politische Aktionen, wie die
Rücksendung einer Lohnsteuersenkung an den Finanzminister mit dem
Hinweis, dass zuerst das Entwicklungshilfebudget erhöht werden solle,
bevor man der Bevölkerung Steuergeschenke mache. Wenn auch die
Schalom-Gruppe nur etwa 5.000 Mitglieder zählt, so sind ihre Gedanken
durch die Massenmedien doch weithin bekannt geworden.
Verständlich, dass sich gegen diese und ähnliche experimentierende und
reformierende Strömungen alsbald Gegengruppen bildeten. Eine davon,
der Una-Voce-Bewegung verwandt, ist ein Kreis von Klerikern und Laien,
viele davon Konvertiten, um die Zeitschrift “Confrontatie”. Sich selbst als
“orthodoxe” Katholiken definierend, opponieren sie gegen alles, was nicht
direkt aus Rom kommt. So vor allem gegen den im Auftrag des
holländischen Episkopates in 400.000 Exemplaren verbreiteten “Neuen
Katechismus”, dessen deutsche Übersetzung ja bekanntlich nicht
ausgeliefert wird, obwohl schon etliche Exemplare auch im
österreichischen Klerus zirkulieren. In einer Bittschrift an den Papst (“Ad
pedes Sanctitatis Vestrae provoluti”) beklagt “Confrontatie“ das Fehlen
einer Aussage über die biologische Jungfräulichkeit Marias, die Existenz
der Engel und fünf weitere grobe theologische Mängel, die “ohne Zweifel zu
einer großen Gefahr für die Seelen” werden müssten. Der niederländische
Klerus scheint demgegenüber von dem für 10 Gulden erhältlichen
Erwachsenenkatechismus in der Mehrheit begeistert zu sein, bietet er doch
das Glaubensgut in der Sprache unserer Zeit und ohne den Beigeschmack
klerikaler Indoktrination. Dabei soll der Wert einer warnenden Stimme, wie
es “Confrontatie” sein will, nicht übersehen werden. Betrüblich ist nur, dass
ihre Vertreter allzu leicht statt Argumenten Beleidigungen und statt
Gegenvorschlägen Bannflüche von sich geben.
Die Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen holländischen
Katholizismus könnte sich auch für die Erneuerungsbestrebungen der
Kirche in unserem Land fruchtbringend erweisen, wenn sie von
Geistlichkeit und Weltchristen mit der nötigen Offenheit, aber auch mit dem
erforderlichen Ernst geführt wird.
Als erste Studiengruppe aus Österreich besuchten 12 Angehörige des ÖCV
unter Führung des Amtsträgers für Bildungsfragen, Dr. Maximilian
Liebmann, in der Zeit von 26. Oktober bis 2. November 1967 eine Reihe
von Instituten und Institutionen der Kirche in Holland. Den nebenstehenden
Bericht stellte Dr. Peter Diem aus seinen eigenen Eindrücken für den
“Volksboten” zusammen.
