2011 Rechts – Links – Mitte 5 S.

Knapp rechts von der Mitte (IMAS-Report)
http://www.imas.at/index.php/de/imas-report-de/archiv/141-rechts-mitte
Basis: Österreichische Bevölkerung ab 16 Jahre
Die Österreicher positionieren sich im politischen Spektrum etwas rechts vom Scheitelpunkt. GRÜNE und FPÖ nehmen nach Ansicht der Bevölkerung die Extrempositionen ein. Die Wähler suchen in der Parteienlandschaft nach Kontrasten. Der “goldene Mittelweg” ist ein Konzept ohne Profilierungsmöglichkeit.
Die SPÖ kann von sich behaupten, seit mehr als vier Jahrzehnten mit nur einer Ausnahme (2002) alle Nationalratswahlen als stimmenstärkste Partei beendet zu haben. Freilich: Die absoluten Mehrheiten unter Bruno Kreisky sind Geschichte. Noch länger zurück liegen die goldenen Zeiten der ÖVP unter ihren legendären Kanzlern Julius Raab und Leopold Figl. Inzwischen sind im Wandel des politischen Geschehens neue Parteien aufgetaucht, die mit speziellen Zielsetzungen um die Gunst der Wähler werben. 

Unter all diesen Aspekten stellt sich die Frage, wie weit links oder rechts die einzelnen Parteien von den Österreichern eigentlich empfunden werden. Um Aufschluss darüber zu erhalten, hat das IMAS-Institut einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung gebeten, die politischen Positionen der Parteien auf einer Skala zwischen 0 (= ganz links) und 100 (= ganz rechts) einzustufen. Aus den Antworten errechnet sich für die SPÖ ein durchschnittlicher Skalenwert von 42,2. Erheblich weiter links (bei 29,2) empfindet man jedoch die GRÜNEN. Die ÖVP wird von der Bevölkerung bei der Position 53,9, das BZŐ bei 68,7, die FPÖ hingegen bei 73,0 positioniert. Ergänzend dazu erkundigte sich das IMAS bei den Befragten, wo sie sich selbst politisch sehen. Eine solche Ermittlung ist zumindest in Deutschland ein wenig mit dem Geruch eines Tabus behaftet. “Niemand in Deutschland, der noch bei Trost ist, bezeichnet sich selbst als rechts”, schrieb der prominente Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer in seinem Bestseller Unter Linken. Rechts sei nicht die andere Seite des Meinungsspektrums, sondern ein Verdammungsurteil. Unabhängig davon, ob die deutsche Szene der österreichischen gleicht oder nicht, steht fest, dass die Bevölkerung hierzulande keine Scheu hat, sich als zumindest knapp rechts der Mitte (beim Skalenwert 50,2) zu beschreiben. Dieser Sachverhalt wurde vom IMAS bereits seit 1994 mit leicht unterschiedlichen Ausprägungen der Ergebnisse beobachtet. Die Positionierung rechts der Mitte wurde lediglich im Juli 2009, während des Höhepunkts der vorangegangenen Wirtschaftskrise, kurzfristig unterbrochen. Wo vermutet man die Mehrzahl der Österreicher?
Ergänzend zu den Fragen nach den Markierungen der Parteien sowie der eigenen Position wollte das Institut von den Auskunftspersonen wissen, wo ihrem Gefühl nach die Mehrzahl der Österreicher politisch angesiedelt ist. 34 Prozent sahen sich außerstande, darauf eine klare Antwort zu geben und antworteten mit “weiß nicht”, weitere 22 Prozent vermuten den politischen Schwerpunkt der Bevölkerung genau in der Mitte. Von den konkreten Angaben entfielen 30 Prozent auf die Vermutung eines politischen Übergewichts rechts der Mitte; lediglich 14 Prozent haben das Gefühl einer Linkslastigkeit des öffentlichen Bewusstseins. Die ziemlich schwache Zuweisung der Mehrheitsmeinung zur Mitte überrascht zunächst, weil sie der notorischen Neigung der Menschen zu Kompromissantworten zu widersprechen scheint. Des Rätsels Lösung dürfte darin bestehen, dass die Bevölkerung mit “politischer Mitte” im Grunde nichts anzufangen weiß. Das politische Bewusstsein tendiert offenkundig zu einem Denken in politischen Kontrasten: Entweder, man befindet sich in einer “linken”, oder in einer bürgerlich-konservativen “rechten” Lebenswelt.
So gesehen, hat der Ratschlag des römischen Dichters Ovid in den Metamorphosen “Auf der Mitte des Weges gehst du am sichersten” für die Politik wenig Relevanz, denn der “goldene Mittelweg” bedeutet weder oben noch unten, weder links noch rechts, weder dies noch das. Er ist zugleich Ausdruck von Risikoscheu und mangelnder Reformfreudigkeit und letztlich eine Absage an ein innovatives, zukun’tsorientiertes Denken.
Die “Mitte” eignet sich aus demoskopischer Perspektive somit zwar zur Beschreibung eines sozialen und wirtschaftlichen Konstrukts (“Mittelschicht”/”Mittelstand”), nicht aber zur Anpreisung als politische Heimat. Parteien, die dies anstreben, unterschätzen den Wunsch der Wähler nach klaren Orientierungen und Konturen.
Dokumentation
Zeitraum der Umfrage: 21. September – 06. Oktober 2011 Sample: n = 1.021 Personen, statistisch repräsentativ für die österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren, Quotaauswahl, face-to-face
Zahl der Interviewer: 95
Archiv-Nummer der Umfrage: 011091