– Nahost und Ukraine-


Die Überwindung des Hasses als Voraussetzung für
dauerhaften Frieden


Von Peter Diem


Seit urgeschichtlichen Zeiten werden Kriege auf Grund sowohl rationaler
als auch irrationaler Motive geführt:


Typ 1: Verwirklichung eines realen oder imaginierten (historischen)
Anspruchs auf (fruchtbares) Land, auf Bodenschätze oder
geopolitische Vorteile. Aktuelle Beispiele dafür sind die europäischen
Kolonialkriege oder der Krieg Nazi-Deutschlands gegen die
Sowjetunion (um „Lebensraum im Osten“).
Typ 2: Befriedigung eines latent vorhandenen oder neu geschürten
Hasses auf ein anderes Land oder eine andere Volksgruppe („Serbien
muss sterbien“, „Juda verrecke“).


Bei der Analyse der Ursachen eines Konflikts – und damit auch der
Möglichkeiten für eine allfälligen Beilegung desselben – sind stets beide
oben genannten Motiv-Typen zu beachten. Sehr oft wird zwar auf die
historischen Wurzeln einer kriegerischen Auseinandersetzung
eingegangen, jedoch nicht – oder nicht genug – auf unterbewusste, nur
mit tiefenpsychologischen Methoden erklärbaren Motive.


Mithilfe der folgenden von dem österreichischen Tiefenpsychologen
Wilfried Daim (1923-2016) in seiner „Kastenlosen Gesellschaft“
(1960) entwickelten politischen Ödipal-Modelle soll der Versuch
unternommen werden, die tiefenpsychologischen Wurzeln des
Nahostkonflikts und des Ukraine-Konflikts zu beschreiben und
Möglichkeiten für Friedenslösungen aufzuzeigen.
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Der Nahost-Konflikt
Der Kampf Israels um den als religiös-historisch begründet empfundenen
Landbesitz (lt. Theodor Herzl ursprünglich nur Judäa!) paart sich mit
Hass auf einen als inferior imaginierten Gegner, die Palästinenser.
Der jüngste Terror-Überfall der Hamas – sie wird in oberflächlicher
Sichtweise mit allen Palästinensern gleichgesetzt – lässt infolge seiner
Brutalität die latenten Hassgefühle ungehindert aufbrechen, was den von
Israel zur Verteidigung ergriffenen Maßnahmen irrationale Momente
hinzufügt, die einer auf reinen Vernunftargumenten beruhenden
Konfliktlösung im Wege stehen.
Umgekehrt führte die Politik Israels, die die Rechte der Palästinenser
immer mehr einschränkte, irgendwann einmal zu einem extremen
Hassausbruch bei jenen Kräften, die sich als ideologische Speerspitze
gegen die Besetzung, aber auch gegen die Verwestlichung der Araber
fühlen: so kam es zur Radikalisierung der Hamas.


Die Vorgeschichte des aktuellen Nahost-Konflikts reicht bis ins späte
19. Jahrhundert zurück, als der Zionismus, die von Theodor Herzl
entwickelte Idee der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina, an
Popularität gewann. Dies stieß auf Widerstand bei der arabischen
Bevölkerung Palästinas, die das Land als ihr eigenes betrachtete. In der
Folge des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts kam es zu einem
starken Zustrom von jüdischen Flüchtlingen nach Palästina. Dies führte
zu Spannungen zwischen den jüdischen und arabischen Einwohnern,
die sich schließlich in Gewalttaten entluden.
In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Kriegen und
Gewaltausbrüchen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.
Es wurden mehrere Friedensabkommen versucht, die jedoch allesamt
scheiterten.


Der aktuelle Nahost-Konflikt ist u.a. von folgenden Faktoren geprägt:


• Der Streit um das Westjordanland und den Gazastreifen, die von
den Palästinensern als ihr Heimatland beansprucht werden.


• Der zuletzt forcierte israelische Siedlungsbau im Westjordanland,
der von den Palästinensern als illegal angesehen wird. Dazu
kamen gelegentliche Gewaltakte von Siedlern gegen ansässige
Palästinenser.


• Die Gewalttaten von palästinensischen Extremisten gegen
israelische Zivilisten, zuletzt der Terrorangriff der Hamas am
7. Oktober 2023.


Frieden in Nahost


Eine dauerhafte Lösung des Nahost-Konflikts mit militärischen Mitteln
erscheint nicht möglich, da die Hamas auch nach Auslöschung ihrer
aktuellen Struktur als „Idee“ weiterleben und weiteragieren würde.
Umgekehrt ist ein baldiger Abbruch der Kämpfe seitens Israels aus
innenpolitischen Gründen nicht zu erwarten.
Eine dauerhafte Friedenslösung würde zunächst die umfassende
Bewusstmachung der Wurzeln des gegenseitigen Hasses erfordern.


Darauf könnte ein für beide Seiten tragbares Modell, wie etwa die
„Kantonisierung“ Israels, entwickelt werden: die Schaffung eines
israelischen Bundesstaates mit einem größeren jüdischen und einem
kleineren palästinensischen „Teilstaat“.
Der Ukraine-Konflikt
Der Kampf Russlands um die als ethnisch-historisch begründet
empfundene Oberhoheit über die vier vorwiegend russischsprachigen
Ostbezirke der Ukraine paart sich mit unterbewusstem Hass auf einen
als inferior und verräterisch imaginierten Gegner, das gegenwärtige
westukrainische Regime. Dazu kommt die strategische Absicht
Russlands, eine neutrale Ukraine als militärischen „Cordon Sanitaire“
gegen den Westen zu schaffen. In den besetzten Ostgebieten der
Ukraine befindet sich das Gros der Bodenschätze und industrieller
Strukturen, während die Krim aus historischen und geopolitischen
Gründen als legitimer und strategisch gebotener russischer Beitz
betrachtet wird.
Auf der anderen Seite beruht der Hass der Ukrainer nicht nur auf der
verständlichen Wut auf einen ausländischen Okkupanten. Weil Russland
als Brudervolk imaginiert wird, dessen Religion in Kiew ihren Ursprung
hatte, wird der Überfall als besonders infam empfunden.

Die Vorgeschichte des aktuellen Ukraine-Konflikts reicht bis in die
1990er Jahre zurück, als die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion
ihre Unabhängigkeit erlangte. Russland betrachtet die Ukraine als Teil
seiner Einflusssphäre und hat in den letzten Jahren versucht, seinen
Einfluss in dem Land zu stärken.
Im Jahr 2013 kam es in der Ukraine zu Protesten gegen die Regierung
von Präsident Viktor Janukowitsch, der sich weigerte, ein
Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen.
Die Proteste wurden von Russland unterstützt, und im Februar 2014 kam
es unter amerikanischen Einfluss zu einem Machtwechsel in der
Ukraine.


Im Anschluss daran begann Russland, die Halbinsel Krim zu
annektieren. Im Osten der Ukraine bildeten sich separatistische
Bewegungen gegen die Unterdrückung der russischsprachigen
Bevölkerung, die in den folgenden Jahren zu einem bewaffneten Konflikt
zwischen den Separatisten und der ukrainischen Regierung führten.
Seit 24. Februar 2022 führt Russland einem zunächst groß angelegten
Angriffskrieg gegen die Ukraine, der sich aber zu einem Stellungskrieg
um die vier östlichsten Oblaste entwickelte.
Die wichtigsten Faktoren, die den aktuellen Konflikt bestimmen, sind:
• Der russische Anspruch auf die Ukraine als Teil seiner
Einflusssphäre.
• Die politische und wirtschaftliche Ausrichtung der Ukraine nach
Westen, insbesondere die enge Kooperation mit der NATO.
• Dir Repressionen gegen die ethnischen Mehrheiten in den
Ostgebieten der Ukraine.
Frieden in der Ukraine
Eine Lösung des Ukraine-Konflikts auf dem Schlachtfeld erscheint auf
Grund der gegenwärtigen Stärkeverhältnisse unwahrscheinlich. Es gibt
zwar Anzeichen, dass die moralische und militärische Unterstützung der
Ukraine durch die USA und Westeuropa bröckelt, doch wird sich der


nunmehrige Stellungskrieg zumindest bis zur US-Präsidentenwahl
fortsetzen.
Eine dauerhafte Friedenslösung würde zunächst die Bewusstmachung
der Wurzeln des gegenseitigen Hasses erfordern.
Danach müsste die „Kantonisierung“ einer künftig neutralen Ukraine
erfolgen: Schaffung eines ukrainischen Bundesstaates mit einem
größeren westukrainischen und einem kleineren ostukrainischen
„Teilstaat“ – beides wären autonome Regionen getrennt durch eine
international kontrollierte Waffenstillstandslinie.


Die Notwendigkeit, die Wurzeln des Hasses freizulegen
Wir haben den Versuch unternommen, die psychologischen Aspekte der
kriegerischen Aggression des jeweils „Überlegenen“ mit dem Modell
des Ödipaldreiecks zu erklären. Dabei steht der „Kastrationswunsch“ für
den von Hass begleiteten Wunsch, den Gegner möglichst auf Dauer
auszuschalten oder wenigstens unter Kontrolle zu halten.
Wenn wir uns umgekehrt mit den psychologischen Aspekten eines
Friedensschlusses zuwenden, so ist auf die Vorstellung der Existenz
jeweils zweier „Brudervölker“ mit Gemeinsamkeiten in Religion,
Volksglauben, Kultur und geschichtlicher Entwicklung zu verweisen.
Israeli und Palästinenser:


Beide Völker sind Nachfahren semitischen Volksgruppe im Nahen
Osten. In der abrahamitischen Religion gelten die Söhne Abrahams,
Isaak und Ismael, als Urväter der Juden und der Araber.
Isaak ist der Sohn Abrahams und seiner Frau Sara. Er ist der Vater
von Jakob, der wiederum der Vater der zwölf Stämme Israels ist.
Die Israeliten sind nach der Tora die Vorfahren der heutigen Juden.
Ismael ist der Sohn Abrahams und seiner Frau Hagar, einer
ägyptischen Sklavin. Er ist der Vater von zwölf Stämmen, die als
Araber bekannt sind. Diese Vorstellung ist auch in der islamischen
Tradition verankert. Im Koran wird Abraham als der erste Muslim und
als der Vater aller Muslime bezeichnet.


Russen und Ukrainer


Die beiden slawischen Völker haben eine gemeinsame Geschichte,
die bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht, als das Kiewer Rus gegründet
wurde. Russisch und Ukrainisch sind beides ostslawische
Sprachen, die sich aus dem Altkirchenslawischen entwickelt haben.
Und beide Völker teilen viele kulturelle Gemeinsamkeiten, darunter
die orthodoxe Religion, die Volkskunst und die Musik.
Der extrem schwierige Prozess der Bewusstmachung


der Wurzeln des Hasses


Dauerhafter Friede erfordert kollektive Gewissenserforschung auf allen
Seiten. Eine solche wird nur unter Anleitung weiser und allgemein
akzeptierter Staatsmänner gelingen, die das Talent zur Einsicht in die
jeweilige psychologische Motivlage haben und ihre Hand dem jeweiligen
„Brudervolk“ glaubhaft entgegenzustrecken vermögen.
Jeder der „nationalen Friedensmacher“ muss eine untadelige
Persönlichkeit sein, die nicht nur politisch zu führen vermag, sondern
auch eine geradezu magische Kraft zur Bewusstmachung und
Überwindung des mit dem beizulegenden Konflikt verbundenen Hasses
besitzt.