Peter Diem
Erinnerungsmängel Wiener Zeitung 4.5.2021
Der jüngste Gastkommentar von Regina Polak vom 24. April bietet den
Anlass, die bis heute wirkenden Wurzeln des Antisemitismus systematisch
aufzuzeigen und zu analysieren. Werden doch in den meisten
Auseinandersetzungen mit diesem Thema nur Teilaspekte behandelt. Peter
Diem (Jahrgang 1937) studierte Jus und Dolmetsch in Wien sowie
Politikwissenschaft in den USA. Er war Leiter der Grundlagenforschung der
ÖVP, Leiter der Medienforschung im ORF und Online-Forscher bei GfK.
Sein aktuelles Hauptarbeitsgebiet ist die Symbolforschung.
Religiöse Wurzeln
Das Urchristentum rekrutierte sich aus dem Judentum. Dieser Ursprung
wurde bald vergessen, ja verleugnet. Es entwickelten sich verschiedene
Formen religiös begründeter Judenfeindschaft. Anknüpfungspunkt war der
als fix angenommene Verrat Jesu durch Judas Iskariot. Dass die Übergabe
des Galiläers Jeschua durch den ortskundigen Judäer Judas an die
Pharisäer eine unter Freunden abgesprochene Vorgangsweise zur
Erfüllung des Heilsgeschehens und kein hinterlistiger Verrat war, spielte
dabei keine Rolle. Die Kirchenväter begannen die Juden zu verteufeln:
“Das vierte Jahrhundert ist das fatale Jahrhundert für die Juden, hier
werden die Feuer angezündet, die Feuer des christlichen Hasses und
Tötens, die bis heute nicht erloschen sind”, stellte Friedrich Heer 1967 fest.
Der mittelalterlichen Kirche dienten die Juden als willkommenes Feindbild.
Die Errichtung von Ghettos, Zwangstaufen und die Stigmatisierung der
Verfemten mit spitzem “Judenhut” und gelbem “Judenfleck” (Vorläufer des
NS-Judensterns) waren die Folge. Der Name “Judas” wurde zum
Schimpfnamen; “Judaskuss” und “Judaslohn” wurden zu stehenden
Redewendungen.
Die langfristigen Auswirkungen des frühen und mittelalterlichen christlichen
Antijudaismus werden gerne unterschätzt. Sie reichen von den
Grausamkeiten der Kreuzzüge über die Hinrichtung von mehr als 200
Jüdinnen und Juden in Wien-Erdberg wegen “Hostienfrevels” (1421) und
die Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel (1492) bis hin zu
den heute unvorstellbaren Hasstiraden und Gewaltaufrufen des
Reformators Martin Luther gegen die frevelhaften “Gottesmörder”,
“Brunnenvergifter” und “Kindesmörder”, die man notfalls “wie die tollen
Hunde” verjagen müsse (1543). Erst in der beginnenden Neuzeit und im
Zeitalter der Aufklärung ging der religiös begründete brutale Judenhass
zurück. Jedoch wirken Begriffe wie “Gottesmörder” oder “Brunnenvergifter”
bis heute nach.
Erst 1958 (!) ließ Papst Johannes XXIII. die Formulierung von den
“treulosen Juden” (“Perfidis Judaeis”) aus der Karfreitagsliturgie streichen.
In “Nostra Aetate” (1965), der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den
nicht-christlichen Religionen, die das Zweite Vatikanische Konzil
verabschiedete, beklagte der Vatikan zwar “alle Manifestationen des
Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem
gegen die Juden gerichtet haben” – ein eindeutiges “Mea Culpa” ist das
freilich nicht.
Wirtschaftliche Wurzeln
Spätestens seit dem kanonischen Zinsverbot (1215) und dem
mittelalterlichen Zunftzwang, der sie von wichtigen Handwerksberufen
ausschloss, wurden die europäischen Juden immer stärker in Tätigkeiten
auf dem kaufmännischen und finanziellen Sektor gedrängt. Das hatte
langfristig zwei Auswirkungen: Einerseits konnten viele Juden durch Bankund Kreditgeschäfte große Vermögen erwerben, die sie zu mächtigen
Investoren in der frühindustriellen Zeit machten. Andererseits qualifizierten
sich die von Kindheit an zum Lesen, Lernen und zu geistiger
Auseinandersetzung erzogenen Juden immer stärker für gehobene Berufe.
Beides erklärt ihren gesellschaftlichen Aufstieg und die steigende Zahl
jüdischer Wissenschaftler, Rechtsanwälte, Ärzte, Industrieller und Banker
im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Leider aktivierte eines dieser Berufsbilder
den biblischen Archetyp der Wechsler und Händler, die Jesus aus dem
Tempel trieb. Eine der Auswirkungen der wirtschaftlichen Potenz des
jüdischen Großbürgertums war die vom Wiener Bürgermeister Karl Lueger
in dessen Wahlkämpfen ausgenutzte Angst der kleinen Gewerbetreibenden
vor finanzieller Ausbeutung. Leider paarte sich dieser vorwiegend
wirtschaftlich begründete Antisemitismus in der Folge mit einem auf
rassischen Argumenten beruhenden Judenhass – eine äußerst explosive
Mischung.
Rassistisch-nationalistische Wurzeln
Wir vergessen gerne, dass im österreichischen Raum neben dem
“taktischen” Antisemitismus Luegers der mit Rassenunterschieden
begründete “moderne” Antisemitismus seinen Nährboden hatte. Das
“Linzer Programm” der Deutschnationalen (1882 veröffentlicht, 1885 von
Georg von Schönerer überarbeitet) führte den “Arierparagraphen” ein, der
vor allem von Burschenschaften und alpinen Vereinen übernommen wurde.
Jahrzehnte später, im Jahr 1920, sollten der spätere Kanzler Engelbert
Dollfuß und Nivard Schlögl, der deutschnational gesinnte Bibelübersetzer
und Novizenmeister von Jörg Lanz (von) Liebenfels, versuchen, den
“Arierparagraphen” auch im Cartellverband einzuführen – vergeblich.
Die Agitation Schönerers gipfelte im zutiefst diffamierenden Spruch: “Was
der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei.” (Getaufte
Juden wurden im mittelalterlichen Spanien als “Marranos” = Schweine
bezeichnet. Skulpturen der Juden säugenden “Judensau” sind an etwa 30
Kirchen vor allem in Deutschland – unter anderem in Wittenberg, Köln und
Brandenburg – bis heute zu sehen). Bis etwa 1933 fühlte sich auch der
Großteil des österreichischen Klerus bemüßigt, an der antisemitischen
Hetze teilzunehmen. Ein bekannter Vertreter dieses Ungeistes war der
“tapfere Gottesstreiter” Pfarrer Josef Deckert (Wien-Weinhaus), der 1897
forderte: “Die Juden müssen für die christlichen Völker unschädlich
gemacht werden; man muss sie unter ein Fremdengesetz stellen . . .”
Die auf lange Sicht schrecklichsten Folgen aber hatten die Publikationen
des Ex-Zisterziensers und Okkultisten Lanz (von) Liebenfels. Zwischen
1905 und 1917 erschienen 89 Hefte seiner “Ostara”, die auf
“ariosophischer” Basis einen wütenden Rassismus vertrat. Die Juden
wurden darin zu geilen “Äfflingen” gestempelt und den “reinblütigen BlondBlauäugigen” gegenübergestellt. Es gilt als sicher, dass Adolf Hitler in
seiner Wiener Zeit (1907 bis 1913) “Ostara”-Hefte las. Der Soziologe
August Maria Knoll (1900 bis 1963) konnte mit Recht sagen: “Der
Nationalsozialismus war jene Bewegung, die der österreichischen Narretei
das preußische Schwert geliehen hat.”
Tiefenpsychologische Aspekte
Die Theologin Polak fordert in ihrem Gastkommentar mit Recht eine
“vertiefte Auseinandersetzung mit den zahlreichen wandelbaren Formen
des Antisemitismus”. Eine vertiefte Auseinandersetzung ist mehr, als
beständig an die Shoa zu erinnern und den aktuellen Rechtsextremismus
zu beklagen. Der Wiener Sozialpsychologe Wilfried Daim (1923 bis 2016)
hat in seiner viel zu wenig beachteten “Kastenlosen Gesellschaft” (1960)
aufgezeigt, dass alle rassistischen Vorurteile auf unterbewusste Motive
zurückgehen. Der Aggression gegen “den” Proletarier, “den” Migranten,
“den” Farbigen oder “den” Juden liegt die Angst der “Oberkastigen”
zugrunde, dass der “dunklere”, “unsaubere” “Unterkastige” kraft seiner
sexuellen Potenz eine Bedrohung für die Frauen der “Oberkastigen”
darstelle.
In “Mein Kampf” instrumentalisierte Hitler diese Urangst, wenn er von der
“Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige,
widerwärtige Judenbankerte” spricht. Es ist eine tiefe Tragik, dass die
damals noch selbst in einem religiösen Antijudaismus gefangene
“Volkskirche” nicht massiv gegen das 1925/26 erschienene Machwerk
Hitlers auftrat.
Was ist zu tun, um die Macht der “Familiennarrative” zu brechen?
Die Juden sind keine Gottesmörder. Die Juden waren auch nie
Ritualmörder. Die Juden sind keine Rasse, sondern ein Volk mit
gemeinsamer religiöser Basis und Schicksalsprägung – auch wenn die
Männer wie Jesus von Nazareth beschnitten sind und die Frauen wegen
der Speisegebote gerne zwei Geschirrspüler hätten. Von jüdischen
Männern geht keine Gefahr für blonde Frauen aus. Ja, in Folge ihrer
jahrtausendelangen Bedrohung haben die Juden ein starkes
Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt und wurden kluge Netzwerker.
Doch das ist keine “Weltverschwörung”. Diesbezügliche unterbewusste
Aggressionen sind ans Licht zu holen; dazu tradierte Vorurteile müssen wir
uns aus dem Herzen reißen. Der Aufruf Jesu zu universeller
Geschwisterlichkeit verpflichtet die lokalen Kirchen, den
jahrhundertelangen christlichen Antijudaismus zu bekennen und
aufzuarbeiten. Ein “Roma locuta” genügt da nicht. Daraus werden die
Kirchen die Kraft schöpfen, in neuer Form auf das Judentum zuzugehen
und damit zu dokumentieren, dass wir Christen die jüngeren Geschwister
der Juden in der großen Völkerfamilie sind.
Unter der Führung der Kirchen muss auf die historischen und
psychologischen Wurzeln besonders des österreichischen Judenhasses
eingegangen werden. Es genügt nicht zu hoffen, dass das häufige Erinnern
an die Gräuel des Nationalsozialismus die Reste des antisemitischen
Ungeistes vertreiben wird.
Zugegeben, es ist keine leichte Aufgabe, im Unbewussten wurzelnde, im
Volk immer noch verankerte Motivbündel an den Tag zu heben. Aber es
muss sein. Es ist dies die besondere Verantwortung der älteren Generation
und eine wichtige Aufgabe von Schule, Erwachsenenbildung und Medien.
