2021 Hirtenwort Antisemitismus 4 S.

„Wir sind Geschwister“
Fiktives Hirtenwort der österreichischen Bischöfe


Liebe Mitbrüder und Ordensangehörige,
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
Der Friede sei mit Euch!


Die österreichischen Bischöfe verfolgen mit großer Sorge die in letzter Zeit
häufiger auftretenden Fälle von Antisemitismus. Feindschaft gegen Juden
und Jüdinnen – egal ob aus religiösen, wirtschaftlichen, nationalen oder
rassistischen Motiven – ist ein Vergehen gegen den Geist des
Evangeliums. Sie ist ein schwerer Frevel, den wir mit aller Kraft überwinden
müssen. Das ist nicht leicht, aber wir müssen uns dieser Aufgabe stellen.
Wir Katholiken müssen zunächst unser Gewissen erforschen und eine
„Reinigung des eigenen Gedächtnisses“ vollziehen. Die Führung unserer
Kirche hat schwere Schuld auf sich geladen – seit den ersten
Jahrhunderten nach der Geburt von Jesus von Nazareth bis in die jüngste
Vergangenheit.


– Das Christentum entfaltete sich aus dem Judentum. Dieser
Ursprung wurde vergessen, ja verleugnet. Es entwickelten sich
verschiedene Formen einer christlichen Judenfeindschaft.
Anknüpfungspunkt war die Auffassung, dass Judas Iskariot seinen
Meister „verraten“ habe und dass die Juden „Gottesmörder“ waren.


– Prominente Kirchenväter begannen die Juden zu diskreditieren:
Ambrosius von Mailand (339-397) fragte „soll dem Unglauben der
Juden ein Platz geschaffen werden auf Kosten der Kirche?“


– Johannes von Antiochia (349-407) meinte, der Mord an Christus
sei ein schlimmeres Verbrechen als Kindesmord.


– Augustinus von Hippo (354-430) beschuldigte die Juden des
Gottesmordes. Sie seien eine „triefäugige Schar“ und „aufgerührter
Schmutz“.


– Agobard von Lyon (769-840) hielt judenfeindliche Predigten und
versuchte, den Kaiser von der Sündhaftigkeit der
Judenbegünstigung zu überzeugen.


Der mittelalterlichen Kirche dienten die Juden als willkommenes Feindbild.
Die Vernichtung jüdischer Siedlungen durch christliche Kreuzfahrer,
Zwangstaufen und die Stigmatisierung der Verfemten mit dem spitzen
„Judenhut“ und dem gelben „Judenfleck“ waren die Folge. Der Name
„Judas“ wurde zum Schimpfnamen; „Judaskuss“ und „Judaslohn“ wurden
zu stehenden Redewendungen. Das alles hatte langfristige Auswirkungen.
Auch in unserer Heimat wütete die mittelalterliche, von der Kirche
mitverantwortete oder mindestens geduldete Judenfeindschaft.
Im Mai 1420 ließ der streng katholische Habsburgerherzog Albrecht V.
sämtliche Juden Wiens gefangen nehmen. Die Ärmeren, etwa 800, wurden
auf Booten ausgesetzt und mussten die Donau abwärts treiben. Die
wohlhabenderen Juden blieben in Haft. Am 12. März 1421 kam es zu einer
Massenhinrichtung auf der sogenannten „Gänseweide“ – ungefähr dort, wo
heute das Hundertwasserhaus steht. 120 jüdische Frauen und 92 jüdische
Männer wurden in einem mörderischen Massenspektakel verbrannt.


Auch an anderen Orten Österreichs gab es Judenvertreibungen – von einer
Intervention der Kirche gegen diese Schandtaten ist nichts bekannt.
Johannes Capistranus (1386 -1456), Ordensbruder der Franziskaner und
1690 heiliggesprochen, ist in Österreich kein Unbekannter. Mehrere
Pfarren und Straßen sind nach ihm benannt. Er setzte sich vehement für
die oben beschriebene „Judentracht“ ein. Nach Vorwürfen der
Hostienschändung wurden am 2. Mai 1453 in Breslau 318 Juden inhaftiert
und gefoltert. 41 von ihnen ließ Capistranus auf dem Scheiterhaufen
verbrennen. Die übrigen wurden vertrieben, ihre Kinder mussten sie
zurücklassen; sie wurden zwangsgetauft.
Das „Anderl von Rinn“: Nach einer Ritualmordlegende wurde Andreas
Oxner, ein dreijähriger Bub aus Rinn bei Innsbruck, angeblich an
durchreisende Juden verkauft und von diesen geschächtet. Daraus
entwickelte sich ein irrationaler Kult, der 1753 von der römischen
Ritenkongregation approbiert wurde. Er wurde erst 1989 vom Innsbrucker
Diözesanbischof Reinhold Stecher beendet.
Im Spanien des ausgehenden Mittelalters wütete die Inquisition unter den
vielfach zwangsgetauften Juden. Sie wurden Marranos (= Schweine)
genannt und beim Verdacht, heimlich ihrem alten Glauben anzuhängen,
öffentlich verbrannt.
Am 31. März 1492 erließen die „katholischen Könige“ das sogenannte
Alhambra-Edikt, das die Vertreibung der Juden aus Spanien innerhalb von
vier Monaten anordnete. Wer sich nicht taufen ließ, musste das Land
verlassen. So traten rund 100.000 sephardische Juden die Reise ins
Ungewisse an. Das Alhambra-Edikt wurde erst 1992 durch den spanischen
König Juan Carlos I. außer Kraft gesetzt.
Aus heutiger Sicht unvorstellbar sind die Hasstiraden und Gewaltaufrufe
des ehemaligen Augustinermönchs Martin Luther (1483-1546) gegen die
„frevelhaften Gottesmörder, Brunnenvergifter und Kindesmörder“, die man
notfalls „wie die tollen Hunde“ verjagen müsse (1543).
Im Österreich des 19. Jahrhunderts entwickelte sich vor allem durch das
Wirken von Georg Schönerer (1842 -1921) ein deutschnational geprägter
Antisemitismus. Leider begleitete der österreichische Klerus diese
Bewegung durch eine religiös begründete Judenfeindschaft bis 1933.
Führende Vertreter waren der Theologe und päpstliche Hausprälat
Sebastian Brunner (1814-1893) und der Pfarrer von Wien-Weinhaus, Dr.
Joseph Deckert (1843-1901), der die Juden des Ritualmords und der
Weltverschwörung beschuldigte. 1920 forderte Prälat Ignaz Seipel (1876-
1932) einen Numerus Clausus für Juden im höheren Bildungswesen.
1925 veröffentlichte Adolf Hitler das Buch „Mein Kampf“. Es wurde trotz
seiner rassistischen Inhalte nicht in den bis 1965 bestehenden „Index der
verbotenen Bücher“ aufgenommen.
Am 27. März 1938 wurde die „Feierliche Erklärung der österreichischen
Bischöfe“, bei der Volksabstimmung am 10. April über den Anschluss an
Deutschland zu stimmen, in allen Kirchen von den Kanzeln verkündet. Sie
endete mit den Worten „Wir erwarten von allen gläubigen Christen, dass
sie wissen, was sie ihrem Volk schuldig sind.“
Erst 1958 ließ Johannes XXIII. die Formulierung von den “treulosen
Juden” (perfidis judaeis) aus der Karfreitagsliturgie streichen. In „Nostra
Aetate“ (1965) beklagt das Konzil „alle Manifestationen des Antisemitismus,
die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden
gerichtet haben“.
Die österreichischen Bischöfe nehmen diese Worte zum Anlass, sich für
alle antisemitischen Aussagen ihrer Vorgänger zu entschuldigen. Wir
bereuen alle Unterlassungen, die dazu beitrugen, dem jüdischen Volk auch
in Österreich Schaden zuzufügen. Gleichzeitig anerkennen wir die
Verdienste aller, die nicht damit einverstanden waren, wenn Juden
gedemütigt wurden, oder die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet
haben, wie Irene Harand und andere, die damals keinen Rückhalt durch die
kirchlich Verantwortlichen erhielten.
Doch Worten müssen Taten folgen. Tiefsitzende tradierte Vorurteile sind zu
überwinden. Denn: „die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8:32)
Die katholischen Bischöfe sind bereit, die führende Rolle in der
Bekämpfung der Reste von Judenfeindschaft und Antisemitismus in
Österreich zu übernehmen.


Aus diesem Grunde ordnen wir an:


– Dieses Hirtenwort trägt den Titel „Wir sind Geschwister“ und ist in
allen Pfarren am kommenden Sonntag zu verlesen.
– Bis Ende September sind in allen Pfarren drei Predigten zu jenen
Stellen der Evangelien zu halten, in denen Jesus – aus der Tora
schöpfend – zu Nächstenliebe und universeller Geschwisterlichkeit
aufruft.
– Im September ist in allen Pfarren ein außerordentlicher
Pfarrgemeinderat zum Thema „Von der Judenfeindschaft zum
Dialog“ abzuhalten – mit Grundsatzreferaten von Theologen,
Historikern und Psychologen. Dazu ist mit dem
Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit
Kontakt aufzunehmen. Wenn möglich, sollen jüdische Mitbürger
zum freundschaftlichen Dialog eingeladen werden.
– Die Bischofskonferenz wird bis September auf ihrer Homepage
ausreichendes Material zum Thema „Wir sind Geschwister“
bereitstellen, das von den Pfarren auf ihre Webseiten und in ihre
sozialen Medien übernommen werden soll.
– Die Bischöfe werden diese Kampagne publizistisch unterstützen,
denn der „Dialog und die Freundschaft mit den Kindern Israels
gehören zum Leben der Jünger Jesu“ (Enzyklika Evangelii
Gaudium, 248).
– Möge der Hauch Gottes unser Denken von allem Bösen befreien
und das Feuer der Liebe in unseren Herzen entzünden!


Mit Segensgruß
Die österreichischen Bischöfe
Wien, am 30. Mai 2021