Das Vorurteil der geborenen Österreicher gegen die Zuwanderer
Wodurch unterscheidet sich ein Minarett von einem „normalen“ Turm?
Erstens dadurch, dass ein Minarett ein religiöses Symbol ist, und zwar
eines einer bereits seit 1912 in Österreich anerkannten
Religionsgemeinschaft. Zweitens – und das ist in Bezug auf die hier
behandelten meist unbewussten Kastendistanzen viel wesentlicher – ist
das glatte, weiße Minarett einem erigierten Penis viel ähnlicher als der
schlankste Zwiebelturm: meist ein kerzengerader, heller Schaft, darauf eine
eichelartige Verdickung und eine Spitze, aus der in der Regel ein Stab mit
Halbmond herausragt. Das muslimische Phallussymbol steht stellvertretend
für die als unterkastig empfundenen „Migranten“ (das Wort insinuiert, dass
sie – hoffentlich –bald weiterwandern): Türken und Angehörige der
Balkanvölker sind in der Mehrzahl etwas dunkler als die heimische
Bevölkerung, verrichten in der Regel einfache, oft mit Schmutz verbundene
Arbeiten und sind in der Mehrheit deutlich weniger gebildet. Sie sind
vorwiegend Muslime oder gehören einer orthodoxen Kirche an.
Im Fall der türkischen Minderheit kommt noch die angenommene höhere
Fruchtbarkeit der Frauen hinzu, die ja umgekehrt eine hohe Potenz der
Männer voraussetzt. “Die Migranten begrapschen unsere Mädchen” (©
H.C. Strache).
Dazu kommen Ärgernisse wie fremde Kochgewohnheiten und gelegentlich
rüpelhaftes Benehmen. Alle diese Elemente gehen als Kastengegensätze
mit allfälligen ökonomischen Konflikten Hand in Hand.
Sie erklären die besonders für die unmittelbar angrenzenden (oft auch anwohnenden) unteren Bildungsschichten charakteristische
Konkurrenzangst und Aggressivität. Diese Emotionen sind oft irrational, weil sich für
viele Arbeiten, die Zuwanderer verrichten, überhaupt keine Österreicher finden. Es verwundert aber nicht, dass in den Bezirken
mit hohem Arbeiteranteil der Wechselmännlicher Wähler von der SPÖ zur FPÖ
beinahe zur Regel geworden ist (bei der Wiener Gemeinderatswahl am 10.10.2010
verlor die SPÖ bei einem durchschnittlich vierprozentigen Verlust in Simmering 13, in
Floridsdorf 12 und in Favoriten 10Prozentpunkte). Und warum wechseln die Frauen? Bewundern sie
unterbewusst die stolzen Türkinnen, die sie gleichzeitig wegen der mehrfach kassierten Kinderbeihilfe kritisieren? Ist es das Kopftuch?
Das Kopftuch (in Istanbul sieht man es kaum) ist das psychologische
Gegenstück zum Minarett – ein Symbol für weibliche Unterkastige. Wird es
nicht als Hermes-Accessoire im Sportwagen oder im kirchlichen Umfeld
getragen, ist es ja auch in unseren Breiten meist ein Zeichen, das seine
Trägerin untergeordnete, manuelle Tätigkeiten ausübt, zum Beispiel als
Bedienerin. Ist das Tragen eines Kopftuches (als pars pro toto der Burka)
vielleicht gar ein Ärgernis für oberkastige Männer, die gern den ganzen
Körper der unterkastigen Frau sehen möchten? Oder ist es einfach die
Betonung des Fraulichen – eine Geste, die der emanzipierten Frau im
Westen nicht mehr bedeutsam erscheint? Während das Kopftuch bei
älteren türkischen Frauen Ausdruck anatolischer Tradition ist, wird es von
vielen jungen Türkinnen freiwillig als Symbol ihrer ethnischen Zugehörigkeit
getragen. Darin liegt nicht nur Stolz, sondern auch Trotz, was die
Überwindung der dadurch betonten Kastendistanz nicht einfacher macht.
“Was tun?”
Wilfried Daim hat in seiner Studie auch Christentum und Kirche einer
genauen Analyse unterzogen. Gerade in unseren Tagen wird es uns nicht
verwundern, wenn der Autor schon 1960 sehr deutliche Grenzen zwischen
dem biblischen Christentum und der historisch gewordenen Kirche
gezogen hat. Um mit Kardinal Schönborn zu sprechen, fand Daim in
seiner Analyse der Katholischen Kirche um die Mitte des
20. Jahrhunderts “Zu viel Kirche und zu wenig Christus” vor.
Für Daim ist das jesuanisch verstandene Christentum eine
Befreiungsreligion in der Tradition des Judentums, das auf der
grundsätzlichen Gleichheit der Menschen aufbaut. Sein Grundanliegen, die
universelle Geschwisterlichkeit, ist in die “Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte” (1948) eingegangen, deren Artikel 1 lautet:
“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie
sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der
Brüderlichkeit begegnen.”
Die Lösung der Kastenproblematik auf der Basis des Prinzips der
„universellen Geschwisterlichkeit“ klingt einfach, ist aber komplex und
schwierig. Es handelt sich dabei de facto um eine „Realutopie“ – also einen
prinzipiell möglichen, aber in der Praxis auf Jahrzehnte, wenn nicht auf
Jahrhunderte hinaus unwahrscheinlichen Quantensprung in der
Menschheitsentwicklung. Zunächst müssten Krieg und Gewalt total
geächtet worden sein – also die „Schwerter zu Pflugscharen“
umgeschmiedet worden sein, wie dies der Prophet Micha verheißen hat:
„Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von
Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden
zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu
Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen
das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen,
Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum
wohnen, und niemand wird sie schrecken. (Mi 4:1-4)
Dann müsste ein fast genetischer, globaler Sinneswandel eingetreten sein,
durch den die Nächstenliebe zum gesellschaftsgestaltenden Prinzip erklärt
würde, wie dies im ersten Petrusbrief angedeutet ist.
Ihr habt der Wahrheit gehorcht und euch dadurch gereinigt, so dass ihr jetzt
zu aufrichtiger geschwisterlicher Liebe fähig seid. Bleibt nun auch dabei,
euch gegenseitig mit reinem Herzen zu lieben (Petrus 1:22)
Der Leser wird sich höchstwahrscheinlich fragen, warum hier so viel mit
Bibelzitaten argumentiert wird. Nun, es gibt nichts daran zu rütteln, Wilfried
Daim, der die Bibel im Tornister an die Russlandfront mitgetragen hatte,
war und ist im Herzen gläubiger Christ und steht nicht an, sich in seiner
Argumentation auch an die Heilige Schrift zu halten. Auf die schon
erwähnte Frage des Verfassers, ob er nicht doch die Bibel zu wörtlich
nehme, antwortete Daim mit der Gegenfrage: „Steht nicht hinter jedem
Mythos eine Realität?“
Und weiter: welchen Sinn hat es, gesellschaftlichen Utopien nachzulaufen?
Daim: „Selbst die Verwirklichung eines kleinen Teiles einer Utopie ist ein
Erfolg.“
Wie dem auch sei, eines ist sicher: Will man den gesellschaftlichen
Konflikten zu Leibe rücken, ist es angezeigt, als Erstes die tieferen
psychologischen Wurzeln freizulegen. Die jeweiligen Konfliktparteien
müssen sich die irrationalen Elemente ihrer Auseinandersetzung bewusst
machen. Danach ist es Aufgabe der Oberkastigen, die Unterkastigen nicht
weiter unten zu halten, sondern “heraufzuziehen”. Der Motor dafür ist die
Idee der universellen Geschwisterlichkeit, der wichtigste Treibstoff dafür ist
die Bildung. Gerade in der postindustriellen Gesellschaft ist Qualifikation
das einzige Rezept zur Erlangung von Wohlstand. Der durch Bildung und
Ausbildung erzielbare Wohlstand aber ist die Grundlage einer friedlichen
Weiterentwicklung der Gesellschaft.
So meinte etwa der national-konservative ungarische Parlamentarier Tibor
Navracsics zur Roma-Frage:
“Wir haben es hier nicht mit einem ethnischen, sondern mit einem Bildung und beschäftigungspolitischen Problem zu tun. Ziel muss es sein, die
Roma-Kinder auszubilden und den erwachsenen Roma Arbeit zu geben.”
(„Die Presse“ 8.4.2010)
Im Gespräch mit einer Ethnologin wurde dem Verfasser vorgeworfen, den
Daim’schen Kastenbegriff unkritisch zu übernehmen. Keine Ethnie oder
andere soziale Gruppe würde es heute zulassen, als „unterkastig“
bezeichnet zu werden. Diese Argumentation ist unzutreffend, denn die
sozialpsychologische Analyse mit dem von Wilfried Daim entwickelten
Instrumentarium beabsichtigt nicht, Menschengruppen äußerlich zu
punzieren, sondern verfolgt den Zweck, unterbewusste gesellschaftliche
Mechanismen und Konfliktpotentiale aufzuspüren. Werden solche
festgestellt, müssen sie auf den Begriff – und ins Bewusstsein – gebracht
werden. Manifeste Kastenmechanismen nicht als solche, sondern etwa als
„Motivationen unter- oder überprivilegierter Gruppen“ zu bezeichnen, ist
demnach reine Haarspalterei. Ihre Existenz zu leugnen, heißt den Kopf in
den Sand zu stecken und sich vor einer empirisch nachweisbaren sozialen
Wirklichkeit zu verstecken.
Mit dieser ausführlichen Darstellung der 1960 erschienen „Kastenlosen
Gesellschaft“ sollte nicht behauptet werden, dass die Bewusstmachung
und Lösung von Kastenkonflikten das einzige Rezept zur Gestaltung einer
menschenwürdigen Gesellschaft darstellt. Aber ohne entsprechende
Berücksichtigung der beschriebenen psychologischen Konfliktfaktoren wird
es wohl nicht gehen.
So ist etwa im Hinblick auf den Umgang mit den für die Zukunft Österreichs
demographisch wichtigen Zuwanderern ein Umdenken im oben
angeführten Sinn dringend erforderlich.
Der gesamte, in seinem Wesen irrationale Vorurteilskomplex gegenüber
bestimmten Gruppen von Zuwanderern und Neubürgern wird durch
manipulative und verantwortungslose Darstellungen in den
Boulevardmedien (Verallgemeinerung von Asylantenkriminalität,
Gleichsetzung von Islam und Islamismus, sinnlose Burkabilder etc.) seit
Jahr und Tag geschürt. Das Ergebnis ist ein empirisch feststellbares
negatives Meinungsbild, insbesondere die Muslime betreffend. Die auf
Mehrheiten schielende Politik zieht Populismus vertrauensbildenden
Maßnahmen vor.
Aus den zuletzt genannten Gründen sind die christlich-demokratischen
Politiker wohl noch mehr gefordert als die sozialdemokratischen. Beiden
Parteien ist dringend zu raten, ihren “Sekundärpopulismus” an den Nagel
zu hängen und endlich eine positive Integrationspolitik zu entwerfen.
