2010 Kastenlose Gesellschaft 35 S.

Die kastenlose Gesellschaft, Manz, München 1960 (2010)


Wir sind es gewohnt, die Themen Gesellschaft und Politik einer Sphäre
rationaler Gesetzlichkeit zuzuweisen oder wenigstens eine weitgehend
rationale Beherrschbarkeit derselben anzunehmen. Eine in Bezug auf das
Individuum gehegte derartige Auffassung hat durch die epochemachenden
Erkenntnisse Sigmund Freuds so manche Änderung erfahren. Die
Psychoanalyse hat die Wirksamkeit des Unbewussten im Menschen
aufgezeigt und in den Dienst der individuellen Psychotherapie gestellt.
Einen weiteren Schritt bildete die Beschäftigung mit dem kollektiven
Unbewussten, ein Gebiet, auf dem C. G. Jung Beachtliches geleistet hat.
Das Hauptarbeitsgebiet Wilfried Daims liegt auf dieser Linie: die
Untersuchung von Motivationsprozessen in der Gesellschaft, die im
sozialen Unbewussten (dem „Untergrund” – ein Ausdruck von Friedrich
Heer) ihren Ausgang nehmen.


In der nach jahrelanger Forschungsarbeit 1960 fertiggestellten
„Kastenlosen Gesellschaft” finden die Methoden der kollektiven
Tiefenpsychologie Anwendung auf ein Problem, das sich in der
Entwicklung menschlicher Gemeinwesen aus ihren ersten Anfängen bis in
die heutige hochkomplizierte Gesellschaft verfolgen lässt:
Das Auftreten und die Wirksamkeit teils offenkundiger, vorwiegend aber
unbewusster Trennungslinien zwischen einzelnen Gruppen der
Gesellschaft, den Kasten.


Die Gewohnheit Daims, nicht nur Probleme aufzuzeigen, sie
durchzudenken und eine sozialpsychologische Diagnose zu stellen,
sondern immer auch konkrete Lösungsvorschläge zu machen, hat in der
„Kastenlosen Gesellschaft” ihre besondere Ausprägung gefunden. So
gipfelt die auf dem System des psychologischen Interviews aufgebaute,
darüber hinaus jedoch in eine abstrakte Gesellschaftsanalyse
einmündende Untersuchung in einem praktisch programmatischen Entwurf
einer anzustrebenden, kastenlosen Gesellschaftsordnung. Neben der
Untermauerung dieser Gesellschaftsordnung mit selbst für den Laien
frappierend einleuchtendem tiefenpsychologischen Material ist es vor allem
der indirekte und direkte Hinweis auf die gewaltige Schuld der Christen von
gestern und heute an der Mangelhaftigkeit unseres gesamten sozialen
Systems, der aufhorchen lässt.


So kann der Aufruf zu einer besseren Befolgung des Wortes Christi „Ihr alle
aber seid Brüder” als Leitgedanke des Buches gelten.


Begriffsbestimmungen


Zunächst soll versucht werden, die Kernideen des Verfassers über das
Wesen der Kaste und ihre Äußerungsformen darzulegen. Der traditionelle
Kastenbegriff stammt aus Indien und bezeichnet eine eng abgeschlossene
Gruppe in der Gesellschaft, deren gemeinsame Lebensform,
Kulteigenheiten, Heiratsgewohnheiten usw. diese Gruppe sichtbar von
anderen gesellschaftlichen Gruppen abheben. Von dieser, als Institution
erfassbaren Kaste unterscheidet Daim die in unserer gegenwärtigen
Gesellschaft vorhandene, jedoch weit weniger zutage tretende Erscheinung
der Kaste, als deren Kennzeichen eine „inoffizielle” Selbst-Abkapselung
einer Bevölkerungsschicht zu setzen ist.


„Mitglieder einer Kaste essen nur miteinander, heiraten nur untereinander,
erziehen ihre Kinder gemeinsam, und geben sich im Extremfall auch nur
unter- einander die Hand. Sie bleiben unter sich” (S. 16).
Die Feststellung dieser Distanzierungen stößt deshalb auf Schwierigkeiten,
weil der unsere abendländische Wertordnung bestimmende, bei jedem
Individuum nachweisbare jüdisch-christliche Kern an Verpflichtungen dem
Nächsten gegenüber sowie die grundsätzlich bejahte Gleichheit aller
Menschen ein freies Zugeben, noch mehr natürlich ein Propagieren der
eigenen Abkapselung verhindert. Anders gesagt: Wo es Kastengeist und
Kastenverhalten gibt, gibt es auch diesbezüglich ein schlechtes Gewissen.
Für die tiefenpsychologische Feststellungsmethode ist dieser Umstand
aber keineswegs ein unüberbrückbares Hindernis. Im Gegenteil sind es
gerade die Konfliktstellen in den Aussagen der von Daims Mitarbeiterstab
interviewten 200 Versuchspersonen, die Schlüsse auf vorhandene
Kastencharakteristika zulassen.


Charakteristika der Kaste im Sinne Wilfried Daims
Hauptmerkmale der Kaste (im Folgenden ist mit diesem Begriff immer das
nichtinstitutionelle, „inoffizielle” Phänomen der Kaste im Sinne Daims
gemeint) sind Abkapselung, angenommene eigene Reinheit und


Endogamie.


Die Ekelschranke bildet eine der am weitesten ins Unbewusste reichenden
Trennungslinien zwischen den Kasten. Sie scheidet „Reine” von
„Unreinen”, „Schmutzigen”. Die in der postindustriellen Gegenwart noch
verbleibende manuelle Arbeit wird fast automatisch mit Schmutzarbeit
identifiziert. Ausdrücke, wie „White collar workers” (im amerikanischen
Sprachgebrauch zur Bezeichnung der Angestellten im Gegensatz zu den
Arbeitern, den „Blue collar workers”), „dreckiger Prolet”, „Saujud“ und
„Rassenreinheit” lassen die Bedeutung des Schmutzes als latentes
Unterscheidungsmerkmal soziologischer Gruppen deutlich erkennen.
Ein weiteres typisches Merkmal der Kaste ist die „Versammlung“ um einen
Zentralwert, der laut Daim sakralisiert und dadurch zu einem absoluten
Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen wird.
Die jeweils anderen, kastentranszendenten Menschen sinken dadurch zu
„uneigentlichen” Menschen herab. Das klassische Beispiel dafür ist der
Begriff der „arischen Rasse“ im Nationalsozialismus, der zwischen den
(arischen) Edelrassigen und den (jüdischen oder slawischen)
Untermenschen differenzierte.


Auch die Sakraldistanz ist ein kastenbildendes Element. So zeigen
Priesterschichten oft die Tendenz, sich von den sogenannten Laien (seit
„Lumen gentium“ , der Dogmatischen Konstitution des Zweiten
Vatikanischen Konzils über die Kirche vom 21. November 1964 sollte man
besser „Weltchristen“ sagen) zu distanzieren, indem sie ihre Sakralfunktion
verabsolutieren. Diese wohl die gesamte Kulturgeschichte durchlaufende
Erscheinung beschränkt sich nicht nur auf die katholische Kirche, deren
hierarchische Struktur hierzu allerdings gesteigerte Möglichkeiten bietet.
Erst vor kurzem wurde in einer österreichischen Pfarrerbefragung
festgestellt, dass Pastoralassistenten, die des Priestermangels wegen
Obliegenheiten von Pfarrern übernehmen, dazu tendieren, auch deren
Privilegien und Habitüden anzunehmen, zu „presbyterialisieren“: Indem sie
am Sozialprestige des Klerus partizipieren, grenzen sie sich von anderen
Weltchristen ab (Paul M. Zulehner, Wie geht’s, Herr Pfarrer? Styria, Graz,
2010)


Die Herrendistanz ergibt sich aus einem Vorgesetztenverhältnis, das –
kastenhaft verzerrt – zu einem Herr-Sklave-Verhältnis wird. Von einem
primären Herrentum unterscheidet Wilfried Daim ein Sekundär-Herrentum:
„Neue, aufstrebende Schichten sehen es als besonders herrentümlich an,
wenn sie sich ein Reitpferd halten können und Pferderennen besuchen” (S.
65).


Hier liegt eine Nachahmung von Feudalgewohnheiten vor.
Ähnliche kastenbildende Kraft kommt den sozialen Faktoren Vermögen und
Bildung zu. Beides lässt sich leicht belegen; der Autor zitiert hierzu Stellen
aus den „Lausbubengeschichten” von Ludwig Thoma und geht auch auf
die in Österreich existierenden, oft übertriebenen Abgrenzungen zwischen
Nichtmaturanten, Maturanten und Akademikern – etwa im Staatsdienst –
ein. Freilich ist gerade dazu zu sagen, dass sich in den fünf Jahrzehnten
seit dem Erscheinen der kastenlosen Gesellschaft viel verändert hat und
der „Herr Doktor“ heute kaum noch jene Distanz schafft, die noch Mitte des
letzten Jahrhunderts spürbar war.
Die Herkunftsdistanz, institutionalisiert im Adel, bildet eine besonders
wirkungsvolle Möglichkeit zur Kastenbildung. Ist doch gerade hier die
Zugehörigkeit kraft Geburt – eines der wesentlichsten kastenformenden
Elemente – Zentralmerkmal:


„Schon das Kind in der Wiege hat die entscheidenden Werte, ohne noch
irgendeine Leistung vollbracht zu haben. Das Kind ist einfach schon
wertvoller, weil es das Kind von … ist” (S. 97).


Unter den mehr als 200 Versuchspersonen der Jahre 1958-1960 befanden
sich auch fünf Aristokraten, deren Auffassung auch für den heutigen
österreichischen Adel (ob das Führen von Adelstiteln nun verboten ist oder
nicht) repräsentativ sein dürfte: Herkunft allein rechtfertigt nicht soziale
Abschließung. Wie weit dies etwa in Großbritannien eingestanden würde,
wäre zu untersuchen.


Ganz unabhängig von der Kastentheorie Daims entnehmen wir der
Wikipedia einen Hinweis auf kastenähnliche Strukturen innerhalb der an
sich eher egalitären Gesellschaft der USA:


Die Brahmanen von Boston


Als Brahmanen von Boston (engl. Boston Brahmins) werden die
vornehmsten Familien Bostons bezeichnet. Sie führen ihre Abstammung
auf die puritanischen Gründer der Kolonie Massachusetts zurück und
bilden eine Art Adel Neuenglands. Einige wenige Familien wie die
Emersons schafften es auch durch finanziellen Erfolg und strategische
Heiraten, zu den First Families of Boston aufzusteigen.
Der Begriff Brahmane bezeichnet im indischen Kastensystem die höchste
Kaste. Oliver Wendell Holmes, Sr. übertrug ihn 1860 in einem Artikel der
Zeitschrift Atlantic Monthly auf die neuenglischen “oberen Zehntausend”.
Die Brahmanen von Boston zeichnen sich bis heute durch einen
ausgesprochen vornehmen Dialekt aus, der mehr an das britische als an
das amerikanische Englisch erinnert. Ihre Eloquenz rührt auch von ihrer
Erziehung her; sie besuchen traditionell die Harvard-Universität. Selbst die
mindestens ebenso elitäre Yale-Universität galt ihnen lange als
zweitklassig. Sie heirateten in den vergangenen Jahrhunderten bevorzugt untereinander, so dass viele vornehme Bostoner sich als Angehörige gleich
mehrerer Clans bezeichnen können.


Dynamische Prozesse


Unter Kastendynamik versteht Wilfried Daim die Veränderung des
Kastenbildes einer gegebenen Sozietät. Im Allgemeinen besteht eine
starke Tendenz zur Fixierung einer erreichten Kastenstruktur. Als Mittel zur
Bewahrung der Kaste dient die Isolation, eine Art gewohnheitsmäßigen
Verkehrsverbotes mit „Außerkastigen“.


Dies kann ein für die Kastenmitglieder unerträgliches Ausmaß annehmen,
wie ein Ausspruch Kaiser Josefs II. zeigt:


„Wenn ich nur mit meinesgleichen verkehren wollte, dürfte ich mich nur in
der Kapuzinergruft aufhalten” (S. 131).


Anderseits glaubt Daim nicht, dass Isolation in jedem Fall funktionslos ist:
„Auch die Notwendigkeit, einmal das Wollen einer Gruppe zu klären und
auf die Ausweitung vorzubereiten, benötigt Isolation. Wenn etwa die
Großgesellschaft einen falschen Weg einschlägt, kann es für jene, die
normale Tendenzen vertreten, sinnvoll sein, in die „innere Emigration” zu
gehen, sich zu isolieren und in Reserve zu halten, für die Zeit des
Zusammenbruchs der falschen Ideale der Großgesellschaft” (S. 131 f.
Anm. 2).


Tradieren von Kastenmerkmalen


In einem Abschnitt über die Tradierung von Kastenstrukturen behandelt
Daim das pädagogische Verhalten der Eltern und das Verhältnis von
Schule und Kaste. Ähnlich wie bei der Adelsfrage wäre hier ein Hinweis auf
das englische System, auf die extrem kastenbewussten Privatschulen
(paradoxerweise „Public Schools” genannt) angebracht.
Weitere Fälle von Kastendynamik sind Eindringen und Ausbrechen
einzelner in die beziehungsweise aus der Kaste. Musterbeispiel für
letzteres Verhalten war Erzherzog Johann (1782-1852), dessen Heirat mit
der Postmeisterstochter Daim als Hauptgrund für seine „fast ans
Mythologisch-Legendäre grenzende Popularität” ansieht.


Nach einer ausführlichen Behandlung der Auf- und Abstiegsmöglichkeiten
im Kastenbereich folgt eine Darlegung des Begriffspaares Aggression und
Identifikation. Zunächst ergibt die Untersuchung, dass aggressive
Affektballungen sich am stärksten gegen die unmittelbar angrenzenden
Schichten richten. (Beispiel: Arbeiter gegen wenig gebildete Angestellte,
einheimische Unterschicht gegen Zuwanderer)
So sagt ein interviewter Malermeister von den Beamten:


„Sie sitzen alle dorten und glauben, sie sind der Kaiser. Wenn man ins Amt
kommt, bleiben s’ ruhig sitzen, plaudern miteinander, lassen an ruhig
stehen, wie wenn man niemand wär.” (S. 171.)


Dies zeigt, dass die Versuchsperson der ihr nächsten erreichbaren Schicht
die Oberkastigkeit am wenigsten gönnt.
Identifikation nach oben – das sich Messen mit Mitgliedern höherer
Kasten ist einer der stärksten und interessantesten gesellschaftsformenden
Faktoren:


„Häufig fühlt sich der Hausmeister als Hausherr, der Lakai als Aristokrat
und viele Monarchisten als Miniaturmonarchen.” (S. 172.)


Identifikation nach unten tritt bei vielen Revolutionären auf – Daim weist
in mehrfachen Analysen des Judentums auf Moses als Mitglied der
ägyptischen Pharaonenfamilie hin, der sich mit den ungefähr die soziale
Stellung der heutigen Roma einnehmenden Juden identifiziert, sie befreit
und in das Gelobte Land führt. Auf derselben Linie liegt die Identifikation
des aus einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie stammenden Dr. phil. Karl
Marx mit dem Proletariat, dem er eine diesseitig-religiöse Führungsaufgabe
geben will. Mao Tse-tung, Autodidakt und später Universitätsbibliothekar,
identifizierte sich schon in seiner Jugend mit den „dreckigen Bauern”
Chinas. Näher liegen uns vielleicht die beiden Parteiführer Viktor Adler und
Otto Bauer aus der Frühzeit der Sozialdemokratie. Viktor Adler stammte
aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie mit Wohnsitz in einer Döblinger Villa,
absolvierte das Schottengymnasium und wurde Arzt, bis er sich dem
Journalismus zuwandte und mit seiner Zeitschrift „Gleichheit“ auf das Los
der Wienerberger Ziegelarbeiter hinwies. Er war es, der 1885 die SDAP
gründete. Auch Dr. iur. Otto Bauer, wichtigster Vertreter des
Austromarxismus, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Er
wurde Journalist und verfasste an die 4.000 Zeitungsartikel.


Kastenkampf


Aus dem bisher Wiedergegebenen ergibt sich die logische Folgerung, dass
das Verhältnis der Kasten zueinander zu Konkurrenzkämpfen, ethnischen
oder religiösen Auseinandersetzungen, ja zum physischen Kampf um die
gesellschaftliche Hegemonie führen kann. Daim verwendet daher auch den
Ausdruck „Kastenkampf“. Für ihn, den Freudianer, ist eines der wichtigsten,
wenn auch latenten bzw. unbewussten Objekte dieses Kampfes die Frau.
Dies mag beim ersten Anblick aus der Luft gegriffen erscheinen, lässt sich
jedoch tiefenpsychologisch nachweisen. Daim argumentiert auf der Basis
der dualistischen Trieblehre der orthodoxen Tiefenpsychologie, deren
Elemente Libido und Todestrieb er in etwas modifizierter Form in sein
theistisch-christlichen Weltbild einbaut.


„… die Verachtung für den Schmutz und das schmutzige Kind wird auf den
Schmutzarbeiter übertragen. Zugleich gelangt der Verachtende in die
elterliche Position. So wird die Verachtung des Schmutzarbeiters
verständlich, jedoch weder vor der Vernunft noch vor der Menschlichkeit
gerechtfertigt. Auch dieser selbst fühlt sich der übrigen Gesellschaft
gegenüber wie ein schmutziges Kind und hat entsprechende
Minderwertigkeitskomplexe, die er nun auf spezifische Weise zu
verarbeiten trachtet.” (S. 227)


Was hier in Bezug auf die uns schon bekannte Ekelschranke gesagt wird,
gilt mutatis mutandis für andere trennende Kriterien wie Bildung,
Vermögen, physische Stärke.
Der angewandte Ödipus-Komplex
Die zentrale Bedeutung, die dem Kampf um die Mutter in der Entwicklung
des männlichen Individuums von der Tiefenpsychologie zugemessen wird,
überträgt Daim auf die Sozietät, wo dem Ödipaldreieck Vater – Mutter –
Sohn die soziale Konstellation Oberkastiger – Frau – Unterkastiger
entspricht.


Wie einst Ödipus seinen Vater Laios tötete, ohne um dessen Identität zu
wissen, und seine Mutter zur Frau nahm, nachdem er gerade dieses
Grundes wegen ausgesetzt worden war, stehen sich hier einander überbeziehungsweise untergeordnete Gruppen in gegenseitiger Aggression
(latenter Kastrationswunsch!) gegenüber. Der Oberkastige empfindet das
Heraufkommen bislang untergeordneter Schichten als Bedrohung seiner
Position. Dies bedeutet aber nichts anderes als eine missverstandene
Vater- oder Autoritätsrolle, die die natürliche Erziehungsaufgabe des
Übergeordneten nicht wahrhaben will. Aus dem Blickwinkel des
Unterkastigen gesehen, ergibt die geschilderte Situation den Drang zu
Aggression und Revolution.


Von der Ödipalphase die Kindheitsstadien zurückverfolgend, gelangen wir
über die anale und orale Phase zur Uterinität. In ihrer in die Sozietät
investierten Bedeutung spielen sie der Reihe nach für die Rein-SchmutzigDialektik, den Kastenabbau durch Tischgemeinschaft und das Fehlen von
Kastengrenzen im Allgemeinen eine Rolle.
Der allgemeine Teil des Buches schließt mit einer tiefenpsychologischen
Definition der Kaste als einem sozialneurotischen Kompromissprodukt aus
Eigenliebe und Sozialgefühl: Kasten sind Produkte des
Gruppennarzissmus.


Ausprägungen des Kastensyndroms


Es ist selbstverständlich, dass sich bei dieser Thematik eine große Vielfalt
von soziologischen Erscheinungen zur Behandlung aufdrängen. Daim
versucht, die Wechselbeziehungen der wichtigsten davon zur Kaste
darzustellen. So lesen wir von Kaste und Beruf, Kaste und Stand (Adel,
Klerus, Bauerntum, Bürgertum, Proletariat), Kaste und Klasse. Fragen wie
„Warum ist der westeuropäische Bauer konservativ?” finden hier eine
Beantwortung in völlig neuer Sicht. In Bezug auf die Relation Kaste-Klasse
zeigt sich, dass den Kern des sogenannten Klassenkampfes nicht
ökonomische Fragen bilden, sondern dass ein Kastenkampf der Parias
gegen die Oberkastigen vorliegt, wobei die letzteren im Zuge eines
Racheaktes ausgebootet werden sollen.
Wenn Marx meinte, er habe die hegelsche Dialektik umgedreht („Bei Hegel
stand die Dialektik auf dem Kopf; ich habe sie wieder auf die Füße
gestellt“), indem er postulierte, dass sich die objektive Wirklichkeit der Welt aus ihrer
materiellen Existenz und deren Entwicklung erklären lässt und nicht als
Verwirklichung einer absoluten Idee oder des menschlichen Denkens, wie
im Idealismus angenommen, so hat Daim diesem Gedanken das fehlende
zweite Bein hinzugefügt: gesellschaftliche Dynamik – wie auch
gesellschaftliche Statik – haben nicht nur (national)ökonomische, sondern,
ganz wesentlich, auch (tiefen)psychologische Ursachen.


Judentum und Christentum


Die zentrale Bedeutung der Befreiungstat des Moses für das Judentum
wurde schon angedeutet. Der sich nach unten mit den Frondienste
verrichtenden Juden identifizierende Pharaonenzögling Moses erhält den
Revolutionsauftrag aus einem brennenden Dornbusch – nach Daim „ein
Symbol lodernden Widerstandes”. Das Abgehen der Juden vom
theokratisch-prophetischen Ideal, ihr Übergang zum Feudalismus und ihre
eindeutig kastenhafte Abschirmung nach außen gegenüber den „Gojim”
(Reinheitsgesetze, koscheres Essen) werden in der “kastenlosen
Gesellschaft“ ausführlich dargestellt.
Kaste und Ideologie


Der Wichtigkeit des Themas für die christlich-abendländische Kultur
entsprechend, hat Wilfried Daim die Untersuchung des Verhaltens des
biblischen Jesus in Bezug auf unterkastige Bevölkerungsschichten
besonders sorgfältig durchgeführt. Anhand mehrerer Beispiele werden die
ausgeprägte Kastenfremdheit des Nazareners und sein Gebot der
Überwindung von Kastengrenzen demonstriert. Hier die wichtigsten
Bibelstellen, auf die sich Daim bezieht.


Jesus und die Samariterin – gegen die ethnische Ausgrenzung
Joh. 4:7-9 Ermüdet von der langen Wanderung hatte sich Jesus an den
Brunnen gesetzt. Das war gegen zwölf Uhr mittags. Kurz darauf kam eine
samaritanische Frau, um Wasser zu holen. Jesus bat sie: “Gib mir etwas zu
trinken!” Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zu
essen zu kaufen. Überrascht fragte die Frau: “Wie kannst du mich um
etwas zu trinken bitten? Du bist doch ein Jude und ich eine Samariterin.” –
Die Juden vermeiden nämlich jeden Umgang mit Samaritern. –
Die Fußwaschung – Symbol der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen
Joh. 13:14 -17. Wenn nun ich, der Herr und der Rabbi, euch die Füße
gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, euch gegenseitig die
Füße zu waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit ihr genauso
handelt. Ja, ich versichere euch: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr
und ein Gesandter nicht größer als sein Auftraggeber. Das wisst ihr jetzt.
Nun handelt auch danach, denn das ist der Weg zum wahren Glück.”
Das letzte Abendmahl – die ultimative spirituelle Verbrüderung
Mk. 14:22-24 Noch während sie aßen, nahm Jesus ein Fladenbrot, dankte
Gott dafür, brach es in Stücke und gab es seinen Jüngern mit den Worten:
“Nehmt, das ist mein Leib.” Dann nahm er einen Becher mit Wein, sprach
das Dankgebet und reichte ihnen auch den; und alle tranken daraus. Er
sagte: “Das ist mein Blut, das Blut, das für viele vergossen wird und den
Bund zwischen Gott und Menschen besiegelt.
Petrus und Kornelius – gegen die traditionellen Reinheitsgebote
Apg. 10:27 f. Petrus fand dort viele Leute versammelt. “Ihr wisst ja”, sagte
er, “dass es für einen Juden nicht erlaubt ist, engen Kontakt mit einem
Nichtjuden zu haben oder ihn gar zu besuchen. Doch Gott hat mir gezeigt,
keinen Menschen als unrein oder unberührbar zu betrachten.“
Die Abkehr des Christentums von der Lehre des Rabbi Jesus
In einer Betrachtung der Geschichte des Christentums betont Daim die
Einwirkung von Feudalkräften auf die ursprünglich kastenfeindliche
christliche Religion. Die wichtigste Rolle spielte dabei die Feudalisierung
der Bischöfe durch Kaiser Konstantin. Die Stärkung der Macht der
Bischöfe in der Folge der Mailänder Vereinbarung aus dem Jahre 313
n.Chr. führte dazu, dass auch nach dem Zusammenbruch des
weströmischen Reiches Ende des 5. Jahrhunderts eine weitgehend intakte
Rechts- und Verwaltungsstruktur in Gestalt der römischen Kirche erhalten
blieb.


Bitter bemerkt dazu der kritische Kirchenhistoriker Deschner:
„Die Kirche, die das Evangelium der Bergpredigt verkündete, wurde zu
einer unter kaiserlicher Oberleitung stehenden Reichskirche, zum Bundesgenossen eines Staates, der seine Völker bis aufs Blut ausbeutete und
gegen andere zu Felde zog. Mit einem Wort: Die Kirche erkaufte ihre
Förderung mit dem Verlust ihrer Freiheit …“ (Karlheinz Deschner, Abermals
krähte der Hahn, 1962/1996, S. 432)


Daim nennt auch den starken Einfluss des germanischen Feudalismus, wie
er im Heliand zum Ausdruck kommt. In diesem altsächsischen Großepos
aus dem


9. Jahrhundert wird das Leben Jesu Christi in fast 6.000 stabreimenden
Langzeilen nacherzählt. Christus wird dort als „Himmelskönig“, „Heerführer“
und „erhabener Fürst“ bezeichnet. Seine Jünger werden als kriegerische
Gefolgsleute dargestellt, sie sind von edler Geburt und mit ihrem Herrn
durch ein Treueverhältnis nach germanischem Recht verbunden.
(Vergleiche dazu das im 20. Jahrhundert betonte Christkönigsmotiv, das
auch in der Biographie Daims eine Rolle spielt).
Der bis ins 19. Jahrhundert hineinreichende, ja selbst im Pontifikat Pius’
XII. noch deutlich spürbare Zusammenhang Episkopat-Adel war nach Daim
ein entscheidender Faktor in der verspäteten Mobilisierung sozialreformatorischer Kräfte in der katholischen Kirche. Direkt durch die
Bettelorden, indirekt durch die Französische Revolution (und ihre
grundlegend christlichen Ideale) wurde der Entfeudalisierungsprozess in
der katholischen Kirche vorbereitet, der im Zweiten Vatikanischen Konzil
(1962-1965) seinen Höhepunkt fand. In Salzburg hatte Erzbischof Andreas
Rohracher bereits 1951 auf die Bezeichnung „Fürsterzbischof“ verzichtet.
Die Papst Paul VI. legte im November 1964 die Tiara, das traditionelle
Symbol päpstlicher Feudalmacht, zugunsten sozialer Projekte nieder.
Seine beiden Nachfolger, Johannes Paul I. und Johannes Paul II., ließen
sich zwar nicht mehr mit der Tiara krönen, führten diese aber weiterhin im
Wappen. Erst Benedikt XVI. ersetzte auch im persönlichen Papstwappen
die Tiara durch eine einfache Mitra.
Wir werden beim Thema „Kirche und Zukunft“ noch näher auf den im
Denken Daims so wichtigen Entfeudalisierungsprozess der katholischen
Kirche zurückkommen.


Im Gespräch weist Wilfried Daim darauf hin, dass der Papst Benedikt XVI.
nicht nur „gleichgestellte“ Würdenträger – wie den Erzbischof von
Canterbury oder orthodoxe Patriarchen – umarmt, sondern auch Kardinäle,
die ihm eigentlich ja hierarchisch unterstellt sind.
Kaste und Ideologie
Wir wollen nun versuchen, die Gedankengänge Wilfried Daims in Bezug
auf einige verbreitete Ideologien und neuzeitliche politische Systeme kurz
nachzuvollziehen.
Französische Revolution. Die Kastendynamik, die den Kampf des
französischen Bürgertums gegen die Privilegien von Adel und Kirche
begleitete, ist uns aus
dem Theaterstück von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais,
„Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro“ aus dem Jahre 1778 bekannt,
wo es darum geht, die Ausübung des jus primae noctis durch einen
dümmlichen, aber mächtigen Aristokraten zu verhindern. Besonders die
blutigen Höhepunkte bei der Beseitigung des Ancien Régimes in der Zeit
von 1789-93 sind durch ökonomisch bedingte Klassengegensätze allein
nicht erklärbar.


Rassismus ist nach Daim die Vorstellung, eine bestimmte Rasse als
„summum bonum“ darzustellen. Von ihr stamme alle Kultur, sie allein sei
das schöpferische und generell positive Element einer Gesellschaft. Daher
ist ihre Reinzucht und kastenhafte Abtrennung von der übrigen
Gesellschaft und die Beherrschung der Gesellschaft das zentrale Gebot,
wenn man das Wohl aller will. Die Andersrassigen seien demgegenüber konstitutionell und für alle Zeiten kulturell impotent und daher zu
unterkastiger Tätigkeit bestimmt – ihre Ethik bestehe im „willigen Dienen“.
Dem Kapitel „Kaste und Rassismus” steht ein Ausspruch von Lanz von
Liebenfels voran: „… sie sollen den Rassenkampf haben, Rassenkampf
bis aufs Kastrationsmesser”. Wir erahnen hier bereits das Ödipaldreieck:
Nordischer Edelmensch – blau-blonde Zuchtmutter – Minderrassiger.
Rassismus ist nach Daim nichts anderes als eine neurotische Verformung
der Gesellschaft. Dabei besteht ein Zusammenhang zwischen der
Rassenideologie und dem Feudalismus. Denn auch für den Feudalismus
ist der Primärwert des Menschen durch seine Abstammung gegeben. Die
primäre Herkunftswertung haben
Feudalismus und Rassismus gemeinsam. Die konstitutionelle Infantilität der
Unterkasten, die prinzipiell regierungsunfähig sind, ist eine
Feudalbehauptung, die im Rassismus wiederkehrt.
Es liegt daher nahe, den Rassismus als einen konsequenten
Sekundärfeudalismus anzusehen, als eine Möglichkeit für einzelne
Mitglieder der Gesellschaft, sich als Feudale zu fühlen, ohne „eine Familie“
zu haben und einen adeligen Stammbaum zu besitzen. Man vergleiche
hierzu das angenommene Adelsprädikat des bürgerlichen Adolf Josef Lanz
aus Wien-Penzing).


Es ist nicht schwierig, Rassismus anhand des oben erwähnen
Ödipaldreiecks im
Hinblick auf die Gegensätze zwischen weißen und schwarzen Amerikanern
durchzudeklinieren, wenn man sich die Einzelheiten in der Geschichte der
Bürgerrechtsbewegung in den USA vor Augen hält.
Der Antisemitismus hat nach Daim drei Aspekte: einen religiösen, einen
nationalistischen und einen rassistischen. Hauptsächlich verantwortlich für
jüdisch-nichtjüdische Konfliktsituationen sei die Vater-Sohn-Beziehung
zwischen Judentum und Christentum. Daneben ist der Jude den
Nationalisten „volksfremdes Element”, ebenso wird seine „rassische
Minderwertigkeit” postuliert. Neben Wilfried Daim hat sein Freund Friedrich
Heer in seinem bekannten Buch „Gottes erste Liebe“ (1967) die Rolle des
Christentums in der Geschichte des Antisemitismus herausgearbeitet.
Die idealtypische Form des Kasteneffekts stellte der Nationalsozialismus
dar. Die “deutsche Volksgemeinschaft” wurde auf einen sakralisierten
Zentralwert, nämlich jenen der “nordischen Rasse”, die allen anderen
Rassen überlegen sei, ausgerichtet. Neben anderen “Untermenschen” –
wie den “Negern”, “Zigeunern” und Slawen – waren es die Juden, auf die
die meisten Aggressionen gerichtet wurden. Der Jude wurde zum
minderwertigen “Sünden-Bock” stilisiert, der sich erfrechte, nach den
arischen Mädchen zu greifen (Ödipaldreieck!). Die Weimarer Republik – ein
nach der Demütigung durch den Ersten Weltkrieg bei vielen Teilen der
Bevölkerung verhasster Staat, der sich zudem mit “Judenbengeln”
eingelassen hatte -, sollte abgeschafft werden, um die Wiedervereinigung
mit der “Mutter Germania”, der rassenreinen Volksseele, zu erlangen. Denn
“Wie viel hat der Jude unserer Mutter Deutschland angetan!” (Joseph
Goebbels).


Der Nationalsozialismus hatte nach Wilfried Daim drei ideologische
Hauptkomponenten: eine sekundär-feudale (Vorliebe für – längst
funktionslose – Stiefel, Militarisierung der gesamten Gesellschaft), eine
sekundär-jüdische (sein rassistischer Hass beruht auf einer
uneingestandenen Bewunderung des „auserwählten Volkes“) und eine
sekundär-germanische. Ds letztere war eine besonders radikale
Identifizierung von Personen mit österreichisch-slawischer und sogar
jüdischer Abstammung mit dem „reinen“ Germanentum (klassisches
Beispiel der Wiener Gauleiter Odilo Globocnik).
Nur die mit modernsten Propagandamitteln bewerkstelligte Indienstnahme
des bereits vor dem Nationalsozialismus existenten Antisemitismus
zusammen mit der These von der Überlegenheit der “arischen Rasse”
konnte jene Dynamik auslösen, die Deutsche (und Österreicher) dazu
antrieb, ihrem “Führer” in einen perfiden Angriffskrieg zu folgen und dabei
mitzuwirken, seinen mörderischen Befehl zur “Endlösung der Judenfrage”
auszuführen.


Für den Marxismus ist die Identifikation nach unten das bestimmende
Merkmal.
Während der Nationalsozialismus den zentralen Kastenwert im Handeln
der „Herrenrasse“ sah, kommt die aktive Rolle im Verständnis des
Marxismus dem Proletariat zu, dem geradezu mythologische
Erlösereigenschaften zugeschrieben werden. Zur „Wiedergewinnung des
Menschen“ stilisiert Karl Marx das Proletariat zum Träger der
Weltrevolution hoch. Daim merkt an, dass dabei – wohl vorwiegend
unbewusst – die Beseitigung der Ekelschranke eine große Rolle spielte.
Sowohl Marx als auch Mao Tse-tung versuchten, das Bild vom „dreckigen
Proleten“ umzukehren, indem sie die Kapitalisten als „schmutzig“ und das
aufständische Proletariat als „rein“ bezeichnen. Und noch Nikita
Chruschtschow verglich die Koexistenz von Kapitalismus und
Kommunismus mit der Arche Noah, in welcher nach seinen Worten sieben
„reine“ und sieben „unreine“ Tiere zusammen befördert worden seien. Er
zitierte allerdings das Alte Testament nicht korrekt, denn in Gen. 7:1-2 steht
zu lesen:


Dann sagte Jahwe zu Noah: “Geh mit deiner ganzen Familie in die Arche,
denn du bist der einzige Gerechte in dieser Generation. Nimm dir von allen
reinen Tieren je sieben Männchen und Weibchen mit, von den unreinen
aber nur je ein Pärchen.
In der praktischen Umsetzung ist – so Wilfried Daim – dem Kommunismus
die Aggression gegen die Oberkastigen wichtiger, während der
demokratische Sozialismus die Besserstellung der Unterkastigen in den
Vordergrund stellt.


Interessant und fast erheiternd in der zutage geförderten Infantilität sind die
Beispiele, die Daim für die sekundär-kapitalistischen Ambitionen der
sowjetischen Kommunisten zitiert. Sie versuchten vor allem in Stilfragen
(chromgeputzte Straßenkreuzer, Wolkenkratzer im unverbauten Gelände)
es den Amerikanern gleichzutun. Dazu kam noch ihre Unfähigkeit, die
Vermögensschranke, wie dies die totale Verstaatlichung bezweckte, in der
Praxis niederzureißen. Wie Milovan Dilas überzeugend dargelegt hat,
waren vielmehr die Verfügungsrechte bloß vom privaten Eigentümer auf
den staatlichen Verwalter übergegangen, was in einer „Neuen Klasse” (so
sein 1958 erschienenes Buch) von Besitzenden resultiert. Daim
bezeichnet diese als „bewusste Nichtbesitzer und unbewusste Besitzer”.
Der demokratische Sozialismus


Von besonderer Bedeutung ist die Auseinandersetzung des Buches mit der
Sozialdemokratie, dessen „in den letzten Jahrzehnten vollzogene
Adaptationsleistung nur in verkrampft konservativer Haltung Fixierte
leugnen können”. Es besteht nach Daim Grund zu der Annahme, dass die
Reste des „Trotzkampfes” gegen die Oberkastigen mehr und mehr
abgeworfen und der Weg zu Kastenfremdheit und Zusammenarbeit, wenn
auch widerstrebend, eingeschlagen wird. Daim: „Die oft zahlreichen
Einschaltungen in der Presse, die vom Ableben eines prominenten
Sozialisten in Vorstand oder Aufsichtsrat staatlicher oder halbstaatlicher
Gesellschaften berichten, zeigen sie nicht deutlich die Problematik des von
den Wellen der eigenen Bewegung auf die sekundärkapitalistische
Sandbank geschwemmten „Arbeiterführers”? Später hat man dafür den
Ausdruck „Nadelstreifsozialismus“ geprägt.


Ein weiteres Moment in der psychologischen Strukturverschiebung des
Sozialismus ist der steigende Prozentsatz von „White collar workers” in der
Gesellschaft, der zu Wortgrotesken wie „arbeitende Menschen” und
„Werktätige” geführt hat, die den unbewussten Ekelgehalt des Begriffs
„Arbeiter” aus der Welt schaffen sollten.


Kaste und weltpolitische Lage


Das Kapitel „Kaste und Staatsform” leidet unter terminologischer und
inhaltlicher Ungenauigkeit, was wir aber dem Verfasser, der ja Psychologe
und nicht Staatsrechtler ist, nicht weiter ankreiden wollen. So bezeichnet
der Begriff „Republik” jede nicht- monarchische Staatsform und ist
keineswegs von der Wahl der Staatsorgane durch das Volk abhängig.
Umgekehrt ist die Demokratie eine Regierungsform, die sich allen
Staatsformen anpassen lässt und daher begrifflich auf einer anderen
Ebene liegt. Der Einfluss des demokratischen Gedankens auf die
Bereitschaft zur und Ablehnung der Kastenbildung kommt in der
Behandlung jedenfalls zu kurz.


Wenn wir mit dem Auge des Autors die Völkergemeinschaft zu Mitte des
20. Jahrhunderts betrachten, ergab sich eine große psychologische
Differenzierung: den alten, ihres Kolonialbesitzes weitgehend ledigen
„Vaternationen” Westeuropas standen blutjunge Nationen in deutlicher
Infantil-Situation gegenüber. Daneben erlebten alte Kulturvölker, wie die
ostasiatischen, einen zweiten Frühling ihres Daseins. Vom großen
Selfmademan USA („Uncle Sam”) unterschied sich der Parvenü UdSSR
durch seine unterkastige Herkunft und sein geringeres Alter.
Damalige Schlussfolgerung von Wilfried Daim: „Es liegt an Europa, seinen
autoritären Führungsanspruch gegen eine kastenfremde Beraterrolle zu
vertauschen.”


Heute, ein halbes Jahrhundert nach dieser Einschätzung, muss man
sagen, dass sich vieles, aber nicht alles geändert hat. Man denke an die
Effekte der Globalisierung, das Schicksal mancher Entwicklungsländer und
das Entstehen der sogenannten „Schwellenländer“.


Eine Analyse der Sowjetunion der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
ergab für Daim zwei psychologische Komponenten, die er mit zahlreichen
Beispielen belegte: eine sekundärkapitalistische und eine
sekundärzaristische. Während für die erstere eine geheime Bewunderung
der „bösen Kapitalisten” motivierend ist, hat die letztere ihren Ursprung in
einer Identifizierung der kommunistischen Führungsschicht mit der
vorrevolutionären Feudalschicht (so sind die Zwangsarbeitslager der Fünfjahrpläne und die Modebäder auf der Krim typische Erscheinungen
einer sekundären Feudalstruktur). Erst der Entstalinisierungsprozess
(1953-1964) brachte Ansätze kastenreduzierender Verhaltenswesen, für
die der umgängliche Nikita Chruschtschow nach Daim ein gutes Beispiel
darstellte.


Der Raketenwettlauf


Zwar waren nach Wilfried Daim in dem hektischen Bemühen der beiden
Weltmächte in den 50er und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, einander in
der Raketentechnik zu übertrumpfen, zweifellos auch rationale Elemente
vorhanden: das allgemeine Streben des Menschen, in Neuland jeder Art
vorzustoßen, die Erschließung neuer Rohstoffquellen, die
Propagandawirkung eines Weltraumerfolges usw.
Die Rationalität dieser möglichen Erfolge konnte jedoch als Motiv für den
ungeheuren Aufwand nicht ausreichen. Eine wesentliche – wenn auch
unbewusste -irrationale Motivationskraft war auch hier in einem ödipalen
Konkurrenzkampf um die Frau zu suchen, als deren deutlichstes Symbol
der Mond (la Luna) auftritt.


Ganz nach Daims Modell der Konkurrenz zwischen Unter- und
Oberkastigen, legten die Sowjets in ihrem Raketenprogramm besonderen
Wert auf einen robusten Antrieb, während sich die Amerikaner mehr um
einen raffinierten Steuerungsmechanismus kümmerten. Daim führte dazu
aus:


Die Sowjets erwiesen sich als Meister, was Größe und Gewicht betrifft, und
zeigten damit ihre urwüchsig gewaltige Potenz, aber auch eine
bemerkenswerte Parallele zu den Feststellungen des Kinsey-Reportes.
Dort wird das Sexualverhalten unterkastiger Männer durch starke Kraft und
Urwüchsigkeit, bei geringer Differenzierung des Reizspiels, das
Sexualverhalten oberkastiger Männer jedoch durch verfeinertes Reizspiel
und subtilere Raffinesse der Werbung charakterisiert (S. 426).


Am 4. Oktober 1957 brachte R-7, die weltweit erste Interkontinentalrakete,
Sputnik 1 in seine Umlaufbahn. Der damit ausgelöste „Sputnikschock“
führte zur Gründung der NASA und eröffnete das Rennen um die
Eroberung des Mondes. Auch hier hatten die Sowjets die Nase vorn. Die
unbemannte Sonde Lunik 2 landete am 13. September 1959 auf der
Mondoberfläche. In der tiefenpsychologischen Interpretation Daims war
damit die Defloration der Mondgöttin Luna gelungen.


In der Karikatur (Abb. 1) werden der amerikanische „Uncle Sam“ und der
russische „Ivan“ als Nachtwandler mit dem Drang zum Mond dargestellt.
Bekanntlich misst die Tiefenpsychologie seit Freud dem Witz eine große
Bedeutung für die Erforschung des Unbewussten zu. Nach der
tiefenpsychologischen Literatur ist das unbewusste Motiv des
Nachtwandelns der Wunsch, zur Mutter zu gelangen.
Zu Abbildung 2 meint Daim:


Der Mond zeigt hier das dralle Gesicht einer sowjetischen Panjinka, mit
stilechtem proletarischem Kopftuch. Sie lächelt der auf sie zufliegenden
sowjetischen Rakete freundlich entgegen und bietet ihr Salz und Brot als
Willkommengruß an. Die Frau Mond empfängt also mit unverkennbarer
Erwartung die sowjetische Rakete.


Wir sehen, dass die Raketenkonkurrenz bis in Details hinein dem oben
skizzierten ödipalen Kampf zwischen dem Kind (proletarische Sowjets) und
dem Vater (kapitalistische US-Amerikaner) um die Mutter (Mond)
entspricht, wobei die Welt durch diesen »friedlichen Wettstreit« insofern
entlastet wird, als man den Kampf um die »Mutter Erde« nicht mehr mit der
gleichen Heftigkeit zu führen braucht, da man den Mond als Ersatzobjekt
benützen kann. Als nächstes Kampfobjekt steht ja bekanntlich die Venus
auf dem Programm.


Die Milliardenprojekte der USA und der UdSSR zur Eroberung des
Weltraums erweisen ihre Unterlagerung durch infantil fundierte
Triebreaktionen mit entsprechenden Rationalisierungen, und die Erkenntnis
dieser Tatsache sollte für Ost und West gleich heilsam sein. Ebd.


Nach der ersten Landung von Menschen auf dem Mond (Apollo-Mission,
21. Juli 1969) ging das „Space Race“ bis in unsere Tage weiter. Erst der
neue US-Präsident Barack Obama wagte es, den milliardenschweren
Raketen- und Rüstungswettlauf einzudämmen. Nach Auslaufen des Space
Shuttle-Programms müssen die USA ab 2011 die Transporte zur
Internationale Raumstation ISS bei den Russen bestellen – eine für viele
Amerikaner schwer zu verkraftende psychologische Niederlage. Nicht
zufällig konnte es erst Obama wagen, den irrationalen Prestigekampf der
beiden Weltmächte zu stoppen – ist er doch der erste, ursprünglich
„unterkastige“ Präsident, der durch Bildung und Leistung alle
Kastenschranken durchbrochen hat. Es wundert nicht, dass die meist
„oberkastigen“ Republikaner so erbost sind, wenn dieser „afrikanische
Emporkömmling“ (Obamas Vater stammte aus Kenia) jetzt auch noch die
Sozialversicherung für die schwarzen Unterschichten einführt…
Aber nicht nur die Interkontinentalraketen der Großmächte mit ihren
pseudomännlichen Namen wie „Atlas“, „Titan“ oder „Poseidon“ und die
anderen großen phallischen Flugkörper spielen eine Rolle im Kampf um
nationales Prestige. Wenn Nordkorea entgegen dem Verbot des
Sicherheitsrats immer wieder ballistische Raketen abschießt, so ist das
genauso eine typisch „unterkastige“ Machtdemonstration wie der Einsatz
der 1.80 m langen Qassam-Raketen, die die palästinensische Hamas
bisher rund 4.000 Mal als „Nadelstiche“ auf Israel abgefeuert hat.


Rot-China


Die 1960 erschienene „kastenlose Gesellschaft“ enthält auch eine Analyse
der Entstehung der chinesischen Revolution. Anhand der
Lebensgeschichte Mao Tse-tungs – er war von einem starken Vaterhass
geprägt – beschreibt Daim die sozialen Mechanismen, die vor allem von
einem – wieder ödipal begründeten – Kampf an der Seite der „schmutzigen
Bauern“ geprägt sind. Daim beschäftigte sich danach noch öfters mit der
chinesischen Revolutionsdynamik. Ähnlich wie im Falle der Sowjetunion
konnte er allerdings die künftige Entwicklung Rotchinas (Kulturrevolution
1966-1976, Liberalisierung der Wirtschaft) nicht voraussehen. In seinem
vorwiegend kulturgeschichtlichen Buch „Die Chinesen in Europa“ (1973)
widmete er das Schlusskapitel der damaligen chinesischen Innenpolitik,
indem er u.a. die Attraktivität der Kulturrevolution auf die Jugend der USA
und Westeuropas zu analysieren suchte.


Der Entfeudalisierungsprozess in der Kirche


Mit Johannes XXIII. (Pontifikat 1958-1963) hat in der katholischen Kirche
eine Tendenz zur Abkehr von feudalem Gedankengut eingesetzt. Die
Wiedereinführung der Fußwaschung, das Weintrinken des Heiligen Vaters
mit Arbeitern und seine Gefängnisbesuche, die Bestrebungen, zu einer
Verständigung mit den anderen christlichen Bekenntnissen zu kommen, die
Ernennung von farbigen Kardinälen, das ökumenische Konzil – alles das
sind eindeutige Bestrebungen in Richtung echt christlicher
Kastenfremdheit. Daim berichtet, dass „Papa Giovanni“ einmal einen im
Vatikan arbeitenden Handwerker gefragt habe, welche Partei er wähle. Auf
die Antwort, er sei Kommunist, habe der Papst erwidert „Nun, da hast Du
wenigstens eine Weltanschauung“.
Wilfried Daim hebt drei Punkte hervor in denen die Kirche ihre von Christus
vorgelebte Kastenfremdheit besonders betonen könnte:


– ein umfassendes Schuldbekenntnis von Seiten Roms für historische
methodische Fehler (Protestantenverfolgungen, wohl auch
Inquisition)


– Besuch der Exponenten der anderen christlichen Bekenntnisse
durch den Papst (auch zum Beispiel des Patriarchen von Moskau)
und


– stärkere Berücksichtigung der Verfolger der Kirche im Gebet
Dies wären Beispiele praktizierten, „in seiner zentralen Substanz
verstandenen” Christentums auf weltweiter Basis. Daim weist im Gespräch
darauf hin, dass sich Papst Benedikt XVI. zwar bei Polen, nicht aber bei
Russland für den deutschen Angriffskrieg entschuldigt habe. Wir werden
bei der Analyse von „Kirche und Zukunft“ noch näher auf die Thesen Daims
zur Entfeudalisierung der katholischen Kirche eingehen.
Bevor wir uns abschließend dem positiven Entwurf einer „brüderlichen
Gesellschaft“ zuwenden, sei das Kapitel „Jenseits der Kaste” kurz
dargestellt.


Jenseits der Kaste


Schlaf, Rausch und Tod sind aus tiefenpsychologischer Sicht Zustände, in
denen das Unbewusste über das Bewusste dominiert. Hier existieren keine
Kastenschranken – das Gefühl des Versinkens in der Welt vor dem
Einschlafen, die Umgänglichkeit Betrunkener und die
Verbrüderungswirkung unmittelbarer Lebensgefahr beweisen dies
hinlänglich.


Das gemeinsame Mahl gilt seit Urbeginn der Menschheit als verbindender
Faktor, nicht minder das gemeinsame Werk. Interesse für die Probleme
des Mitmenschen (Akzeptation) und ein kastentranszendentes
Autoritätsbild (Bejahung und Unterstützung des Aufstiegswillens der
Untergebenen) sind weitere wichtige Punkte. Schließlich beinhaltet das
Wissen um den gemeinsamen Gott, also die Anerkennung der
Gotteskindschaft aller Menschen, die logische Forderung nach brüderlicher
Einigkeit.


Daims Utopie einer brüderlichen Gesellschaft
Die weitgespannte Untersuchung Daims über das Phänomen der Kasten
hat in ihrem sozialdiagnostischen Teil ein Abweichen der Gesellschaft von
einem aus intramundanen und metaphysischen Gründen erstrebenswerten
Idealbild gezeigt.


Die Aufgabe, die sich Wilfried Daim im letzten Teil des Buches gestellt
hatte, war es, den Weg zu einer „asymptotischen Annäherung” an ein
Gesellschaftsideal zu zeigen,
„das der tieferen Wirklichkeit der menschlichen Natur und der
menschlichen Gesellschaft entspricht.” (S. 458)


Kritisch muss zu diesem Versuch gesagt werden, dass Systematik und
gedanklicher Umfang mehr Aufmerksamkeit vertragen hätten. Das mag
aber einerseits an der sprudelnden Produktionsweise Daims, anderseits an
dem Entwurfscharakter der Arbeit liegen.


Das von Wilfried Daim angestrebte Fernziel ist eine Menschheitsintegration
auf christlich-geschwisterlicher Basis. Richtig verstandene Autorität solle zu
einer Emporhebung aller Unterlegenen verwendet werden, die Hebung des
Bildungsniveaus der gesamten Menschheit müsse damit Hand in Hand
gehen. Die Entwicklung der Technik – insbesondere des Nachrichten- und
Verkehrswesens –
habe die Globalisierung der Gesellschaft praktisch durchführbar gemacht
und bereits eingeleitet. Die Wirkungen von Mechanisierung und Automation
hätten die Notwendigkeit von (mit Beschmutzung verbundener) Handarbeit
weitgehend beeitigt. Man könne bereits von einer beginnenden
„Verwissenschaftlichung unseres Daseins” sprechen. Der Wert der
Herkunft werde im Vergleich zu dem der Erziehung immer geringer. Damit
hörten sich aber auch die Rassengegensätze auf.


Weder Planwirtschaft noch schrankenloser Markt
Auf wirtschaftlicher Ebene sei das Konkurrenzprinzip durch das Prinzip der
Zusammenarbeit zu ersetzen. „Ein integrales Konzept von Plan- und
Initiativwirtschaft, das Zusammenarbeit und schöpferischen Einsatz
zugleich fördert, scheint der kastenlosen Gesellschaft am meisten dienlich
zu sein.” (S. 479) Funktionelle Autorität und Verschönerung der
Arbeitsbedingungen – beides scheint in der westlichen Welt schon zu einem
hohen Grad verwirklicht – würden zu einem Abbau sozialer Trennungslinien
beitragen und das Arbeitsethos durch Freude an der Arbeit heben. Breite
Streuung des Eigentums, etwa durch Kleinaktien und Eigenheime, wird als
ein weiterer wichtiger Punkt genannt.


Die „kastenlose Gesellschaft“ sei unter gebührender Berücksichtigung der
verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen in den verschiedenen Ländern
auf globaler Basis anzustreben. Ihre Erfolgschancen würden trotz aller
Schwierigkeiten dann am besten sein, wenn der Hauptakzent politischer
Planung von der wirtschaftlichen auf die geistig-ethische Seite verlegt wird.
Dies führt freilich wieder zum Ausgangspunkt aller Gesellschaftsreform,
zum Problem Erziehung und Bildung zurück.


Der europäische Provinzialismus, so Daim, sei abzuwerfen. Bereits auf
dem Grundschulniveau solle die Kenntnis anderer Kulturen vermittelt
werden – auch im Umweg über Musik und darstellende Kunst, auf deren
informative und völkerverbindende Wirkung zugunsten derjenigen von
Schlachten und anderer historischer „Leistungen” immer wieder vergessen
werde. Die wachsende Freizeit sei zu geistiger Entfaltung zu nutzen – ein
wichtiger Ansatzpunkt für eine Intellektualisierung der Gesellschaft.
In rein politischer Hinsicht sei auf Prestigebestrebungen zu verzichten und
in Außen- und Innenpolitik der brüderliche Kontakt zu suchen. Daim im
Jahr 1960: „Die amerikanische Opposition gegen die Aufnahme Rotchinas
in die Vereinten Nationen ist im Lichte des Gesagten wie auch rein
praktisch in Bezug auf eine allgemeine Abrüstung auf die Dauer unhaltbar“.
Die Volksrepublik wurde im Oktober 1970
UNO-Mitglied.


Bewertung


Ist Daims sozialpsychologische Studie „Die kastenlose Gesellschaft“ aus
dem Jahr 1960 heute, nach einem halben Jahrhundert, noch aktuell? Wie
steht es mit der Stichhaltigkeit ihrer Argumente? Können die von Wilfried
Daim geäußerten Thesen an anderen als den von ihm gewählten
Beispielen verifiziert oder falsifiziert werden? Im Gegensatz zu vielen anderen Gesellschaftsanalysen von Plato über Karl
Marx bis Niklas Luhmann beruhen die Thesen des linkskatholischen
Denkers auf empirischen Ermittlungen: das Rohmaterial stammt aus 200
professionell durchgeführten Tiefeninterviews mit Personen der
verschiedenen sozialen Schichten in Österreich – vom aristokratischen
Gutsbesitzer bis zum Straßenkehrer und von der katholischen Chemikerin
bis zum konfessionslosen Versicherungsangestellten. Auch wurden
zahlreiche manuelle Arbeiter und Landwirte befragt, um für die (damalige)
Bevölkerung Österreichs repräsentative Aussagen machen zu können. Die
aufwändige empirische Erhebung wurde übrigens von der Vereinigung
Österreichischer Industrieller initiiert und finanziert – ein bemerkenswert
liberales vorgehen, da die Auftraggeber vom oben geschilderten Ergebnis
nicht unbedingt begeistert waren.
Unserer Ansicht nach ist dem Autor mit der „Kastenlosen Gesellschaft“ weit
mehr gelungen, als nur eine phänomenologische Beschreibung von
schichtspezifischen Verhaltensnormen und traditionellen
Vorurteilsstrukturen. Mit Hilfe des von ihm gewählten tiefenpsychologischen
Instrumentariums wies Daim nach, dass hinter den ökonomischen
Ursachen gesellschaftlicher Konflikte meist unbewusste, irrationale Motive
wirksam sind:


“Die Problematik der sogenannten Klasse, der Klassenkampf, ist im
Grunde nichts anderes als die Rationalisierung der viel tiefer liegenden
Problematik der Kasten und ihrer Spannungen untereinander“.
Auf mehr als 500 Druckseiten führte der Autor seine These, dass den
meisten wirtschaftlichen, sozialen, politischen und religiösen
Spannungszuständen Kastengegensätze zu Grunde liegen, bis ins Detail
aus. Nach seiner Untersuchung liegt das Phänomen der Kaste immer dann
vor, wenn die Angehörigen einer sozialen Gruppe einem zentralen Wert
verpflichtet sind und sich gegenüber ihrer Mitwelt, der sie sich überlegen
fühlen, abkapseln.


Es handelt sich bei den von Daim beschriebenen Phänomenen um vom
gesellschaftlichen Bewusstsein nicht oder nicht genügend erfasste
Tendenzen, die bewusste Motivationsvorgänge unterlagern und
beeinflussen. Die praktische Bedeutung dieser Erkenntnis liegt darin, dass
eine Bewusstmachung solcher Tendenzen die Möglichkeit zur rationalen
Beeinflussung von Motivationsvorgängen eröffnen kann und daher von
großem politischem Wert ist.


Es ist uns zu wenig, die „Kastenlose Gesellschaft“ bloß als einen
„originellen“ Beitrag zu einer Theorie der Gesellschaft zu bezeichnen.
Wenn es aber mehr als eine zum Teil ins Utopische reichende Abhandlung
über soziale und politische Prozesse ist, warum ist das Werk dann nicht
bekannter geworden? Gilt hier einfach „nulla propheta in patria“? War es
die mangelnde akademische Verankerung Wilfried Daims, der ja nur den
„kleinen“ Professorentitel trägt? Oder ist der Umstand, dass die Argumente,
die freudianisch-tiefenpsychologisch oder christlich-biblisch begründet
werden, einfach nicht geeignet, in einer naturwissenschaftlichsäkularisierten Gesellschaft ernst genommen zu werden? The proof of the
pudding is in the eating: wenn es gelänge, mit dem Daim‘schen
Instrumentarium reale gesellschaftliche Konflikte von heute zu analysieren
und realistische Empfehlungen zu ihrer Überwindung abzugeben, müsste
doch eigentlich der Beweis für die Gültigkeit der Thesen Daims erbracht
sein. Wir wollen es anhand einiger Beispiele versuchen.


Islamistischer Terror


Die Selbstmordattentate vom 11. September 2001 zielten auf wichtige zivile
und militärische Gebäude in den Vereinigten Staaten von Amerika. Drei
normale Verkehrsflugzeuge wurden auf Inlandsflügen entführt. Die
Terroristen lenkten zwei davon in die Türme des World Trade Centers
(WTC) in New York City und eines in das Pentagon bei Washington, D.C.
Das vierte Flugzeug, möglicherweise mit dem Ziel, das Kapitol, den Sitz
des US-Kongresses, zu treffen, brachten die Entführer nach Kämpfen mit
Passagieren selbst zum Absturz. Bei den Anschlägen wurden rund 3.000
Menschen getötet. Als Motive für die Anschläge gelten
– Die angeblich verfehlte Nahostpolitik des Westens, vor allem jene
der USA und Israels. Nach Ansicht der Al-Qaida deckt der „große
Satan“ (die USA) den „kleinen Satan“ (den Staat Israel), um die
islamisch-arabische Nation zu unterdrücken.


– Das Problem der kulturellen Modernisierung/Überfremdung im
arabischen Raum. Verstärkte Besinnung auf die eigenen Wurzeln.


– Die Verarmung in Teilen des Nahen Ostens und der islamischen
Welt durch die globalisierte Wirtschaft.


– Anti-semitische und anti-christliche Motive: Hass auf „Juden und
Kreuzfahrer“.


Wenn man nun die kapitalistische Weltmacht USA (Vaterfigur) im Mark
treffen wollte, wie müsste man vorgehen? Am unteren Ende der Insel
Manhattan, im Zentrum der wirtschaftlichen Macht, standen zwei über 400
m hohe Türme – der Nordturm noch von einem 110 m hohen Mast überragt.
Ein Doppelphallus. Ihn zu abzuschneiden, wäre das nicht die für die stolze
Nation psychologisch schmerzvollste Operation? Leider ist dieser Plan am
11.9.2001 furchtbare Wirklichkeit geworden.


Hier ging es eindeutig nicht um materielle Motive, vielmehr um einen
ideologischen, einen „heiligen“ Krieg, in dem es sich zu sterben lohnte –
vielleicht, um tatsächlich die im Paradies wartenden Jungfrauen zu
erlangen? Um jemandem (der Mutter? Der Braut? Der Familie?) zu
imponieren? Als „Mutprobe“? Oder eben aus Hass auf den als Übervater
empfundenen „Großen Satan“? Wir können davon ausgehen, dass dem
Denken und Handeln der Al-Qaida eine hochneurotische Konstellation
zugrunde liegt, deren Wurzeln nicht einfach freizulegen sind. Das
Instrumentarium Wilfried Daims zur tiefenpsychologischen Interpretation
der psychologischen Ursachen sozialer Konflikte legt es nahe, ein
Ödipaldreieck anzunehmen, in welchem die USA den Vater/Usurpator
darstellen, der es auf die – als weiblich empfundene –
heimatliche Tradition/Religion/Kultur abgesehen hat. Es ergibt sich also
auch hier das Motiv der aggressiven Verteidigung der eigenen Frau(en),
wie dies ja auch im Nationalsozialismus (s.d.) der Fall war.


Das Vorurteil der geborenen Österreicher gegen die Zuwanderer
Wodurch unterscheidet sich ein Minarett von einem „normalen“ Turm?
Erstens dadurch, dass ein Minarett ein religiöses Symbol ist, und zwar
eines einer bereits seit 1912 in Österreich anerkannten
Religionsgemeinschaft. Zweitens – und das ist in Bezug auf die hier
behandelten meist unbewussten Kastendistanzen viel wesentlicher – ist
das glatte, weiße Minarett einem erigierten Penis viel ähnlicher als der
schlankste Zwiebelturm: meist ein kerzengerader, heller Schaft, darauf eine
eichelartige Verdickung und eine Spitze, aus der in der Regel ein Stab mit
Halbmond herausragt. Das muslimische Phallussymbol steht stellvertretend
für die als unterkastig empfundenen „Migranten“ (das Wort insinuiert, dass
sie – hoffentlich –weiterwandern): Türken und Angehörige der Balkanvölker
sind in der Mehrzahl etwas dunkler als die heimische Bevölkerung,
verrichten in der Regel einfache, oft mit Schmutz verbundene Arbeiten und
sind in der Mehrheit deutlich weniger gebildet. Sie sind vorwiegend
Muslime oder gehören einer orthodoxen Kirche an.


Im Fall der türkischen Minderheit kommt noch die angenommene höhere
Fruchtbarkeit der Frauen hinzu, die ja umgekehrt eine hohe Potenz der
Männer voraussetzt. “Die Migranten begrapschen unsere Mädchen” (©
H.C. Strache).


Dazu kommen Ärgernisse wie fremde Kochgewohnheiten und gelegentlich
rüpelhaftes Benehmen. Alle diese Elemente gehen als Kastengegensätze
mit allfälligen ökonomischen Konflikten Hand in Hand. Sie erklären die
besonders für die unmittelbar angrenzenden (oft auch anwohnenden)
unteren Bildungsschichten charakteristische Konkurrenzangst und
Aggressivität. Diese Emotionen sind oft irrational, weil sich für viele
Arbeiten, die Zuwanderer verrichten, überhaupt keine Österreicher finden.
Es verwundert aber nicht, dass in den Bezirken mit hohem Arbeiteranteil
der Wechsel männlicher Wähler von der SPÖ zur FPÖ beinahe zur Regel
geworden ist (bei der Wiener Gemeinderatswahl am 10.10.2010 verlor die
SPÖ bei einem durchschnittlich vierprozentigen Verlust in Simmering 13, in
Floridsdorf 12 und in Favoriten 10 Prozentpunkte). Und warum wechseln
die Frauen? Bewundern sie unterbewusst die stolzen Türkinnen, die sie
gleichzeitig wegen der mehrfach kassierten Kinderbeihilfe kritisieren? Ist es
das Kopftuch?
Das Kopftuch (in Istanbul sieht man es kaum) ist das psychologische
Gegenstück zum Minarett – ein Symbol für weibliche Unterkastige. Wird es
nicht als Hermes-Accessoire im Sportwagen oder im kirchlichen Umfeld
getragen, ist es ja auch in unseren Breiten meist ein Zeichen, das seine
Trägerin untergeordnete, manuelle Tätigkeiten ausübt, zum Beispiel als
Bedienerin. Ist das Tragen eines Kopftuches vielleicht gar ein Ärgernis für
oberkastige Männer, die gern den ganzen Körper der unterkastigen Frau
sehen möchten? Oder ist es einfach die Betonung des Fraulichen – eine
Geste, die der emanzipierten Frau im Westen nicht mehr bedeutsam
erscheint? Während das Kopftuch bei älteren türkischen Frauen Ausdruck
anatolischer Tradition ist, wird es von vielen jungen Türkinnen freiwillig als
Symbol ihrer ethnischen Zugehörigkeit getragen. Darin liegt nicht nur Stolz,
sondern auch Trotz, was die Überwindung der dadurch betonten
Kastendistanz nicht einfacher macht.


Israelis-Palästinenser


In Israel leben über eine Million Araber, im Westjordanland und im GazaStreifen 3,7 Millionen Palästinenser – insgesamt sind das an die 5 Millionen
arabisch sprechende Menschen. Dieser Volksgruppe stehen etwa 6
Millionen Israelis gegenüber. In den letzten Jahren wurden die
Palästinensergebiete durch eine hohe Betonmauer vom übrigen Israel
abgetrennt. Israel will bei der Einbürgerung von Nicht-Juden künftig einen
Treueschwur auf einen jüdischen und demokratischen Staat verlangen.
Zwischen den in der Mehrzahl „weißen“ Israeli und den etwas dunkleren
Palästinensern – beide eine semitische Sprache sprechend – besteht eine
mehrfache Kastenschranke. Sie ist durch die verschiedene Religion (der
Islam ist jünger als das Judentum), durch unterschiedliche Speisegesetze
und -Gewohnheiten sowie durch den Umstand determiniert, dass die
Israelis die Palästinenser häufig für niedere, manuelle Arbeiten
heranziehen. Das letztere bedingt eine (un)bewusste Ekelschranke. Dazu
kommt die geringere Bildung der großen Masse der Palästinenser.


Schließlich ist noch auf die höhere Fruchtbarkeit der Palästinenserinnen
hinzuweisen, was wieder die verbreitete Vermutung der höheren Potenz
der männlichen Palästinenser nach sich zieht. Dass diese Idealkonkurrenz
praktisch aller kastentrennenden Merkmale nicht aus der Luft gegriffen ist,
zeigen nicht zuletzt demütigende Verhaltensweisen israelischer
SoldatInnen gegenüber gefangenen PalästinenserInnen, wie sie in auf
YouTube angebotenen Videos wiedergegeben werden. Natürlich gilt diese
massiv ödipal-neurotische Konstellation auch in umgekehrter Richtung. In
dieser Blickrichtung bildet die militärische Stärke und übermächtige
Bewaffnung Israels ein demütigendes Moment für die sich dem großen
arabischen Kulturkreis zugehörig fühlenden Palästinenser.


Ungeachtet der leidvollen Erfahrungen in der eigenen Geschichte ist das
von Arabern umringte Israel mehrheitlich nicht dazu imstande, sich aus
dieser “psychologischen Falle” zu befreien und ein echtes Friedensangebot
zu machen. Das Gleiche gilt umgekehrt. Da die unbewussten
Kastengegensätze trotz aller Friedensgespräche nicht releviert werden,
bleiben die ober- und unterirdischen Mauern bestehen – ebenso wie die
innerlichen Schranken auf beiden Seiten. Es gäbe noch eine ganze Reihe
von Beispielen, an denen wir die Wirksamkeit von Kastenschranken in
sozialen Konflikten nachweisen könnten. Denken wir nur an die
Rassentrennung in den USA: Die Integration der afro-amerikanischen
Schwarzen in die Gesellschaft wurde erst nach dem am 28. August 1963
von Martin Luther King geführten Marsch auf Washington durch das
Bürgerrechtsgesetz vom 19. Juni 1964 rechtlich begründet – fast zwei
Jahrhunderte nach der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, deren
Präambel mit den Worten beginnt:


“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that
they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that
among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”
Oder nehmen wir den Nordirlandkonflikt, der von 1969 bis 1998 andauerte.
Wikipedia erläutert die Gegensätze zwischen unionistischen Protestanten
und nationalistischen irischen Katholiken in der Provinz Ulster wie folgt:
Die Begriffe „katholisch“ und „protestantisch“ haben jedoch in Nordirland
eine einzigartige Bedeutung. Hier dienen sie als Unterscheidungsmerkmal
zweier gesellschaftlicher Gruppen, die seit jeher gegensätzliche soziale,
politische, wirtschaftliche und schließlich auch religiöse Geisteshaltungen
pflegen.


Diese Kulturen haben sich aus dem Kontrast zwischen den
alteingesessenen Iren (die arm, bäuerlich und katholisch waren) und den
kolonialisierenden schottischen (bzw. englischen) Siedlern (wohlhabend,
industriell, protestantisch) entwickelt. Ihren ethnischen Klang erhielten die
Konfessionsbegriffe schließlich durch die Selbstdefinition der heimisch
gewordenen Siedler als „Protestanten“. Tatsächlich können die
nordirischen Communities als Ethnien bezeichnet werden – Ethnien hier
verstanden im Sinne einer organisierten Gruppe, die sich der Zugehörigkeit
zur eigenen Gruppe in Abgrenzung zu den „anderen“ überdurchschnittlich
stark bewusst ist und sich diesen „anderen“ in Religion, Sitten,
Geschichtsmythos und territorialem Anspruch überlegen fühlt.
Ein klassischer Fall, in welchem die ökonomischen Gegensätze von
religiösen und kulturellen Differenzen überlagert wurden – mit allen
Elementen des bei Daim beschriebenen Kastenverhaltens.
Betrachten wir zuletzt noch zwei vollkommen gegensätzliche Beispiele für
die Existenz von Kastenschranken in der Gegenwart: die Praxis der
Endogamie des europäischen Adels und die Hilflosigkeit europäischer
Staaten im Umgang mit den korrekt als Roma bezeichneten „Zigeunern“.
Ohne auf Details eingehen zu wollen, steht doch fest:


– Eheschließungen im (Hoch)adel erfolgen nur ausnahmsweise zwischen
aristokratischen und bürgerlichen Partnern, was auf ein weiterhin
bestehendes ausgeprägtes Kastenbewusstsein schließen lässt.
– Obwohl die ganz überwiegende Mehrheit der Roma seit vielen
Generationen, in Südosteuropa seit Jahrhunderten und in Mitteleuropa
spätestens seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ortsfest lebt,
werden die in der NS-Zeit blutig verfolgten Roma insgesamt immer noch
als eine nomadisierende Ethnie empfunden, die sich so stark als „Kaste“
abkapselt – oder abgekapselt wird -, dass ihre Integration in die
Mehrheitsvölker praktisch nicht möglich erscheint.


Wir haben gesehen, dass Kastenschranken nicht etwa nur mit der
Geschichte Indiens zu tun haben, sondern oft bittere Realität auch in
unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft sind. Es erhebt sich somit
die berühmte Frage Lenins


“Was tun?”


Wilfried Daim hat in seiner Studie auch Christentum und Kirche einer
genauen Analyse unterzogen. Gerade in unseren Tagen wird es uns nicht
verwundern, wenn der Autor schon 1960 sehr deutliche Grenzen zwischen
dem biblischen Christentum und der historisch gewordenen Kirche
gezogen hat. Um mit Kardinal Schönborn zu sprechen, fand Daim in
seiner Analyse der Katholischen Kirche um die Mitte des 20. Jahrhunderts
“Zu viel Kirche und zu wenig Christus” vor.


Für Daim ist das jesuanisch verstandene Christentum eine
Befreiungsreligion in der Tradition des Judentums, das auf der
grundsätzlichen Gleichheit der Menschen aufbaut. Sein Grundanliegen, die
universelle Geschwisterlichkeit, ist in die “Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte” (1948) eingegangen, deren Artikel 1 lautet:


“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie
sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der
Brüderlichkeit begegnen.”


Die Lösung der Kastenproblematik auf der Basis des Prinzips der
„universellen Geschwisterlichkeit“ klingt einfach, ist aber komplex und
schwierig. Es handelt sich dabei de facto um eine „Realutopie“ – also einen
prinzipiell möglichen, aber in der Praxis auf Jahrzehnte, wenn nicht auf
Jahrhunderte hinaus unwahrscheinlichen Quantensprung in der
Menschheitsentwicklung. Zunächst müssten Krieg und Gewalt total
geächtet worden sein – also die „Schwerter zu Pflugscharen“


umgeschmiedet worden sein, wie dies der Prophet Micha verheißen hat:
„Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von
Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden
zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu
Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen
das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen,
Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum
wohnen, und niemand wird sie schrecken. (Mi 4:1-4)


Dann müsste ein fast genetischer globaler Sinneswandel eingetreten sein,
durch den die Nächstenliebe zum gesellschaftsgestaltenden Prinzip erklärt,
wie dies im ersten Petrusbrief angedeutet ist.
Ihr habt der Wahrheit gehorcht und euch dadurch gereinigt, so dass ihr jetzt
zu aufrichtiger geschwisterlicher Liebe fähig seid. Bleibt nun auch dabei,
euch gegenseitig mit reinem Herzen zu lieben (Petrus 1:22)


Der Leser wird sich höchstwahrscheinlich fragen, warum hier mit
Bibelzitaten argumentiert wird. Nun, es gibt nichts daran zu rütteln, Wilfried
Daim, der die Bibel im Tornister an die Russlandfront mitgetragen hatte,
war und ist im Herzen gläubiger Christ und steht nicht an, sich in seiner
Argumentation auch an die Heilige Schrift zu halten. Auf die Frage des
Verfassers, ob er nicht doch die Bibel zu wörtlich nehme, antwortete Daim
mit der Gegenfrage: „Steht nicht hinter jedem Mythos eine Realität?“
Und welchen Sinn hätte es, gesellschaftlichen Utopien nachzulaufen?
Daim: „Selbst die Verwirklichung eines kleinen Teiles einer Utopie ist ein
Erfolg.“


Wie dem auch sei, eines ist sicher: Will man den gesellschaftlichen
Konflikten zu Leibe rücken, ist es angezeigt, als Erstes die tieferen Wurzeln
der Kastenkonflike aufzudecken. Die jeweiligen Konfliktparteien müssen
sich die irrationalen Elemente ihrer Auseinandersetzung bewusst machen.
Danach ist es Aufgabe der Oberkastigen, die Unterkastigen nicht weiter
unten zu halten, sondern “heraufzuziehen”. Der Motor dafür ist die Idee der
universellen Geschwisterlichkeit, der wichtigste Treibstoff ist die Bildung.
Gerade in der postindustriellen Gesellschaft ist Qualifikation das einzige
Rezept zur Erlangung von Wohlstand. Der durch Bildung und Ausbildung
erzielbare Wohlstand aber ist die Grundlage einer friedlichen Weiterentwicklung der Gesellschaft. So meint etwa der nationalkonservative ungarische Parlamentarier Tibor Navracsics zur RomaFrage:
“Wir haben es hier nicht mit einem ethnischen, sondern mit einem bildungsund beschäftigungspolitischen Problem zu tun. Ziel muss es sein, die
Roma-Kinder auszubilden und den erwachsenen Roma Arbeit zu geben.”
Im Gespräch mit einer Ethnologin wurde dem Verfasser vorgeworfen, den
Daim’schen Kastenbegriff unkritisch zu übernehmen. Es sei heute keiner
Ethnie oder sozialen Gruppe zuzumuten, diese als „unterkastig“ zu
bezeichnen. Diese Argumentation ist unzutreffend, denn die
sozialpsychologische Analyse mit dem von Wilfried Daim entwickelten
Instrumentarium beabsichtigt nicht, Menschengruppen äußerlich zu
punzieren, sondern verfolgt den Zweck, unterbewusste gesellschaftliche
Mechanismen aufzuspüren. Werden solche festgestellt, müssen sie auf
den Begriff gebracht werden. Kastenmechanismen nicht als solche,
sondern eventuell als „Motivationen unter- oder überprivilegierter Gruppen“
zu bezeichnen, ist demnach reine Haarspalterei. Ihre Existenz zu leugnen,
heißt den Kopf in den Sand zu stecken und sich vor einer empirisch
nachweisbaren sozialen Wirklichkeit zu versecken.


Mit dieser ausführlichen Darstellung der 1960 erschienen „Kastenlosen
Gesellschaft“ sollte nicht behauptet werden, dass die Bewusstmachung
und Lösung von Kastenkonflikten das einzige Rezept zur Gestaltung einer
menschenwürdigen Gesellschaft darstellen. Aber ohne entsprechende
Berücksichtigung der beschriebenen psychologischen Konfliktfaktoren wird
es wohl nicht gehen.

So ist etwa im Hinblick auf den Umgang mit den für die Zukunft Österreichs
demographisch wichtigen Zuwanderern ein Umdenken im oben
angeführten Sinn dringend erforderlich.
Der gesamte, in seinem Wesen irrationale Vorurteilskomplex gegenüber
bestimmten Gruppen von Zuwanderern und Neubürgern wird durch
manipulative und verantwortungslose Darstellungen in den
Boulevardmedien (Verallgemeinerung von Asylantenkriminalität,
Gleichsetzung von Islam und Islamismus, sinnlose Burkabilder etc.) seit
Jahr und Tag geschürt. Das Ergebnis ist ein empirisch feststellbares
negatives Meinungsbild, insbesondere die Muslime betreffend. Die auf
Mehrheiten schielende Politik zieht Populismus vertrauensbildenden
Maßnahmen vor. Aus den zuletzt genannten Gründen sind die christlich-demokratischen
Politiker wohl noch mehr gefordert als die sozialdemokratischen. Beiden
Parteien ist dringend zu raten, ihren “Sekundärpopulismus” an den Nagel
zu hängen und endlich eine positive Integrationspolitik zu entwerfen.

Quelle: Nid-Library