Peter Diem
„Holocaust” 1979-1997
Die erste Ausstrahlung im März 1979
Der Vierteiler Holocaust”, die tragische Geschichte der jüdi schen Familie Weiss im sogenann ten Dritten Reich”, war zum er sten Mal in der BRD Ende Jänner 1979 in den Dritten Programmen ausgestrahlt worden. 48%, das entsprach 20 Millionen Bundes bürgern über 14 Jahre, hatten zu mindest eine der vier Folgen gese-hen. Aufgrund dieses Erfolges entschloß sich auch der ORF, die damals wie heute nicht unum strittene Serie in sein Programm aufzunehmen. Die Ausstrahlung erfolgte an vier aufeinanderfol genden Tagen, beginnend mit 1. März 1979, in PS 2. An die letzte Folge, am Sonntag, dem 4. März, schloß sich ein Club 2 als Open end-Diskussion zum Thema Ju-denverfolgung an. Nach der da-mals verwendeten Meßmethode, einer mündlichen Befragung am Folgetag persönlicher Infra test”), wohnten nicht weniger als 61% aller erwachsenen Osterrei cher und Österreicherinnen (3,5 Mio.) zumindest einer Folge die-ser Serie bei.
Im Hinblick auf das große Me dienecho, das die Serie zunächst in der BRD und dann in Öster reich ausgelöst hatte, führte die damals eben erst gegründete Ab-teilung Medienforschung des ORF eine Reihe aufwendiger Be gleituntersuchungen durch (eine 100-seitige Zusammenfassung ist beim ORF weiterhin erhältlich).
Die Hauptergebnisse dieser Un-tersuchungen waren
1. Telefonische Blitzumfrage
Nach einer telefonischen Umfra-ge, die am Tag nach der Ausstrah-lung der letzten Folge bei rund 400 repräsentativ ausgewählten Osterreichern durchgeführt wur-de, hatten die einzelnen Folgen eine Seherschaft von 40-48%.59% gaben an, zumindest eine Folge mitverfolgt zu haben. 28% hatten alle vier Folgen gesehen. Die Be urteilung durch die Seher nach ei ner an die traditionellen fünf Schulnoten angelehnten Skala war überwiegend positiv: 30% gaben sehr gut. 33% gut. 24% vo tierten mit befriedigend, 8% mit genügend und nur 5% urteilten mit überhaupt nicht gefallen”. Der Notendurchschnitt betrug nach dieser Erhebung 2.25.
Die Serie wurde als glaubwür dig (92%), spannend (85%), wirk-lich ergreifend (79%) und ihre Ausstrahlung als notwendig (73%) bezeichnet. Der Wert fur objektiv” lag mt 68% etwas un ter den anderen Eigenschaften. Dabei zeigte sich, daß Personen bis 40 Jahre positiver urteilten als die Vorkriegsgeneration.
2. Die Ergebnisse des Infratests
Die laufenden Umfragen der bei den Institute Fessel und ifes, (Be-fragung über das Sehverhalten gestern” und vorgestern” bei täglich 200 Personen) erbrachten von der Telefonbefragung kaum abweichende Ergebnisse: zumin dest eine Folge gesehen-61%, al-le vier Folgen gesehen 28%. Die höchste Nettoreichweite (zumin dest eine Folge”) wurde bei Schülern gemessen (73%).
Damals (wie auch heute) wur-de zur genauen qualitativen Beur teilung von Fernsehsendungen der sechsstufige Infratestindex” eingesetzt, der von 0 (sehr schlecht”) bis 5 (,sehr gut”) reicht. Die Beurteilung der Sendung stieg von Folge zu Folge an, ein
sehr Interessantes Ergebnis.
Die Beurteilungsdimension glaubtwürdig, spannend, er
greifend etc. unterschieden sich nur unwesentlich vom Telefontest – am ehesten noch in der Dimensi-on objektio”, die nur von 60% der im Infratest Interviewten bestätigt wurde. Das Urteil rührselig/kitschig wurde von 13% der Be-fragten gegeben.
Die Aufnahme der ersten Aus-strahlung durch das österreichi-sche Publikum, das freilich zu 90% nur FS 1 als Alternative hatte (dort liefen Programme von Wencke Myhre, Rudi Carrell etc.), war somit sowohl quantitativ ais auch qualitativ äußerst positiv. Das Medienereignis des Jahres bildete für 71% der Österreicher das wichtigste Gesprächsthema an den Folgetagen.
3. Vorurteilsforschung
Das interessanteste Ergebnis der Befragungen rund um die erste Ausstrahlung 1979 betraf zweifel-los die Einschätzung der Histori-zität der Massenmorde an den Ju-den. VOR der Sendung gaben 16% an, die Massenmorde seien historisch nicht erwiesen”, NACH der Ausstrahlung ergab die selbe Fragestellung einen Wert von 11%. Während in jenem Bevölke rungssegment, das keine einzige Folge gesehen hatte, offenbar keinerlei Gesinnungswandel ein-getreten war, hielten von den Se hern wenigstens einer Folge 9% die Morde für nicht bewiesen. In der Studie wurden noch weitere Fragen gestellt, etwa jene nach der Mitverantwortung der Österrei cher, auf die weiter unten einge-gangen werden wird.
Analysiert man alle Fragestel-lungen genau und zieht man dann aus den damaligen Befunden ei nen Durchschnittswert, so kann man feststellen, daß die vierteilige Sendung im Zusammenwirken mit der Begleitpublizistik bei rund 5% oder 300.000 Österrei-chern eine meßbare Einstellungs-änderung ausgelöst hatte. Ein Medienereignis hatte Wirkung ge zeigt – zumindest kurzfristig
4. Telefonanrufe
Mit insgesamt 8.227 Anrufen zum Thema „Holocaust” war das Tele fonecho 1979 in Österreich im Verhältnis zur jeweiligen Bevöl kerungszahl ungefähr doppelt so intensiv wie in der BRD. Vor al lem in Wien liefen die 33 eigens vorbereiteten Amtsleitungen heiß (über 4.600 Anrufe). Während nach der ersten Folge die negati ven Meinungen noch überwogen (40% positiv zu 44% negativ), kehrte sich das Meinungsspek trum bis zur letzten Folge um (58% positiv zu 30% negativ). Inogesamt standen 19% positi ven 39% negative Anrufe ge genüber, der Rest war neutral. Dabei reagierten die Frauen weit positiver als die Männer, ebenso die jungen Seher. Etwa ein Zehn-tel der Anrufe enthielt latent anti-semitische Statements; bei weite ren 8% kam es zur manifesten Äußerung von Judenhaß beson
ders deutlich konnte dies bei den damaligen Anrufern aus Kärnten und Steiermark registriert wer-den.
5. Zuschriften an den ORF
Im Umfeld der Ausstrahlung langten 1979 beim ORF-Kunden dienst insgesamt 526 Zuschriften ein, die in ihrer Meinungsvertei lung den Anrufen glichen (47% positiv, 38% negativ). Manifesten Antisemitismus enthielten 13% der Briefe.
6. Begleitpublizistik
Erfaßt wurden 1979 insgesamt 1099 publizistische Items, von de nen 505 (46%) Leserbriefe waren. Dazu traten 131 (12%) Kommen tare, der Rest waren reine Pro-grammankündigungen. Während in den Printmedien durchschnitt lich dreieinhalb mal so viele posi tive Kommentare (49%) wie nega tive (14%) erschienen, waren un ter den Leserbr.efen nur doppelt so viele positiv wie negativ. Am positivsten waren die Meinungs-
kommentare in den SPÖ-Medien und den kirchlichen Druckschrif-ten, gefolgt von den der ÖVP na-hestehenden Blättern. Positiv, aber im ganzen doch etwas kriti-scher, waren die unabhängigen Zeitungen mit z. T. großen re-gionalen Unterschieden.
Die Langzeitwirkung von „Holocaust”
Aus der untenstehenden Grafik ist ersichtlich, daß sich der Pro-zentsatz jener Österreicher und Österreicherinnen, die die Juden-morde als nicht historisch erwie ser ansehen in der Folge als an-tisemitisches Kern-Residuum (AKR) bereichnet unmittelbar nach der Ausstrahlung von „Ho locaust” im März 1979 von 16 auf 11% reduzierte, bis zum Sommer 1979 aber wieder auf 15% anstieg. In der Folgezeit wurden jeweils im Spätherbst die gleichen Fragen wie vor und nach der ersten Aus-strahlung gestellt. Wie sich zeigt, sank der AKR-Anteil allmählich
unter die 10%-Marke, welche aber gelegentlich (1990 und 1995) wie-der überschritten wurde. Genera-tionsablöse und demokratische Aufklärungsarbeit haben also ihre positiven Auswirkungen ge-habt aber wieso können immer noch bis zu ein Zehntel der Österreicher Zweifel an den furchtbaren Verbrechen der na-tionalsozialistischen Ära hegen? Während in den drei westlichen Bundesländern Ende 1996 „nur” 4-5% Kern-Residuum nachzu-weisen war, erreichte dieser Wert in Wien 8,6%. In den übrigen Bundesländern zählen 10% (00, St) bis 13% (K, B) zu den „Ewig-Gestrigen eine schaurige Fest stellung 52 Jahre nach Kriegsende und kein Kompliment für elterli-che Erziehung, Schule und Mas-senmedien. Sollte es wirklich nicht nur genetische Vererbung, sondern auch soziales Erbgut ge-ben? Üben bestimmte welt- oder wirtschaftspolitische Konstella-tionen einen äußeren Einfluß auf den latent immer noch vorhande-nen Antisemitismus in Öster-reich aus? Einigen dieser Fragen soll weiter unten noch einmal nachgegangen werden.
Die erneute Ausstrahlung von „Holocaust” 1997
1. Der (angebliche?) Wunsch nach Wiederausstrahlung
Im Rahmen der jährlich wieder-holten Holocaust-Befragungen wurde jeweils festgestellt, wie vie le Osterreicher die Fernsehserie bereits gesehen hatten und wie viele für eine erneute Ausstrah-lung eintraten. Erwartungsgemäß fiel der Prozentsatz derer, die die
Sendung schon einmal gesehen hatten, über die Jahre von den be-reits erwähnten 61% auf zuletzt 28,5% während der Anteil derer, die für eine neuerliche Ausstrah-lung waren, von 40 auf 52,6% an-stieg. Nicht zuletzt diese Umfrageer-gebnisse bewogen den ORF zu ei ner Wiederausstrahlung im Rah-men seines zeitgeschichtlichen Programmschwe:punktés 1997 Hitlers Helfer Hitlers Opfer” Allerdings wurde der 1977 zur Gänze in Osterreich und Deutsch-land gedrehte Fernsehfilm nicht wie beim ersten Mal um 20.15 Uhr, sondern ers um 21.45 Uhr-diesmal im ersten ORF-Kanal ausgestrahlt.
Trotz des Generationswechsels handelte es sich bei „Holocaust” 1997 um eine Wiederaufführung. Man konnte dem Programm sein Alter in Machart und technischer Qualität ansehen. So wurde im Hinblick auf die aktuelle Marktsi tuation (in 72% der österreichi-schen Haushalte sind über 20 deutschsprachige Konkurrenz-sender zu empfangen) und die da-mit gegenüber früher geänderten Sehgewohnheiten entschieden, nicht im ersten Hauptabend zu senden eine Programmierung, uber die man geteilter Meinung sein kann. Dennoch spricht nach Vorliegen der Einschaltquoten ei-niges dafür, daß die Entscheidung richtig war.
2. Die Ergebnisse des Teletests
Seit 1990 wird die Fernsehnutzung auch in Österreich telemetrisch, d. h. sekundengenau, gemessen. Die Reichweite ist somit eine Funktion der Lärge der jeweiligen Beteiligung an einem Programm. Schalten Zuschauer später ein Nicht zuletzt diese Umfrageer-gebnisse bewogen den ORF zu ei ner Wiederausstrahlung im Rah-men seines zeitgeschichtlichen Programmschwe:punktés 1997 Hitlers Helfer Hitlers Opfer” Allerdings wurde der 1977 zur Gänze in Osterreich und Deutsch-land gedrehte Fernsehfilm nicht wie beim ersten Mal um 20.15 Uhr, sondern ers um 21.45 Uhr-diesmal im ersten ORF-Kanal ausgestrahlt.
Trotz des Generationswechsels handelte es sich bei „Holocaust” 1997 um eine Wiederaufführung. Man konnte dem Programm sein Alter in Machart und technischer Qualität ansehen. So wurde im Hinblick auf die aktuelle Marktsi tuation (in 72% der österreichi-schen Haushalte sind über 20 deutschsprachige Konkurrenz-sender zu empfangen) und die da-mit gegenüber früher geänderten Sehgewohnheiten entschieden, nicht im ersten Hauptabend zu senden eine Programmierung, uber die man geteilter Meinung sein kann. Dennoch spricht nach Vorliegen der Einschaltquoten ei-niges dafür, daß die Entscheidung richtig war.
2. Die Ergebnisse des Teletests
Seit 1990 wird die Fernsehnutzung auch in Österreich telemetrisch, d. h. sekundengenau, gemessen. Die Reichweite ist somit eine Funktion der Lärge der jeweiligen Beteiligung an einem Programm. Schalten Zuschauer später ein lung korrelierten mit dem Bilden als durch die Zusammenset zung der insgesamt 65 (1) Anrufe, die diesmal beim ORF-Kunden dienst registriert wurden:
46 neutralen Anfragen standen 14 negative und 5 positive Meinungen gegenüber.
Die Anfragen bezogen sich auf Termine, Stoppzeiten und Schau spieler. Während sich fünf Kun-den für die Ausstrahlung bedank ten, bedauerten die Hälfte der ne gativen Anrufe den späten Sen dungsbeginn. Zwei Stimmen for-derten endlich mit dieser Zeit auf zuhören und ein Anrufer meinte, daß mit solchen Filmen der Juden-hali nur wachse”. Wenn man will-keine wirklich antisemitische Re aktion per Telefon.
Diese blieb dem einzigen Brief, einem fingierten Schreiben, vor behalten, das aus München ein langte und vorgab, von einem Rabbiner zu stammen, während es voll verstecktor Angriffe und Schmähungen war, die Ereignisse der Reichskristallnacht zu ver harmlosen suchte und den ORF dazu aufrief, endlich aufzuhören, mit Schmitz um sich zu werfen”
Fazit
Holocaust 1997″ löste weder ein nennenswertes publizistisches noch ein merkbares Publikums echo aus. Wenigen zufriedenen Sehern stand eine an diesem Pro-dukt offenbar nicht (mehr) inter essierte Mehrheit anspruchsvoll gewordener Fernsehkunden ge genüber.
Aktuelle demoskopische Befunde
Anlaßlich der Wiederaustrah lung von Holocaust” führte das Institut Integral im Auftrag des ORF zwei telefonische Repräsen tativuntersuchungen mit jeweils 1000 Befragten durch. Die erste Untersuchungswelle lief von 10. bis 16. Februar, die zweite von 3 bis 10. März 1997 (also vor und nach der Serie). Einer der wichtig sten Parameter bei der Beurtei lung der Präsenz antisemitischer Vorurteile im Zeitverlauf ist die
bereits erwähnte Frage nach der Historizität der missenweisen Er mordung unschuldiger Juden in der nationalsozialistischen Ara.
Diese Frage wurde vor und nach der Ausstrahlung 1997 ge-stellt. In beiden Umfragen gaben insgesamt 8% der Personen 14+ an, die Masservernichtungen seien historisch nicht erwiesen. Dabei ergaben sch interessante Unterschiede in der Verteilung
Bofragtengruppe
Wird Wiederholung sicher nicht” ansehen (Februar): Sah 1997 keine enzige Folge Holocaust” (Marx):
Wird Wiederholung auf jeden Fall ansetten (Februar Sah 1997 wenigsens eine Folge Holocaust” (März):
der Meinungen:
Da es sich nicht um die selbe Stichprobe (Panel) handelt, son dern um verschiedene Befragten gruppen, ist eine statistisch voll abgesicherte Aussage nicht mög lich. Es sieht jedoch so aus, als sei die Zahl der Urbelelubaren” in den jüngeren Bevölkerungsgrup pen (14-29) ein venig zurückge gangen. Dem steht eine offenbar gegenteilige Reaktion älterer Se mester gegenüber, woraus sich der eingangs erwähnte Gleich stand (vor und nach der Sendung 5% AKR in der Gesamtbevölke rung) erklären liefde. Um einen weiteren Vergleich mit 1979 an stellen zu können, wurde auch bei der diesmaliger Telefonbefra gung eine Schulnete erhoben. Als Durchschnitt erichnete sich ein Wert von 2.0-also auch hier eine Verbesserung. Ge-sprächsthema war die Serie dies-mal nur für 22% der Befragten. leichte
Die Zahl jener Österreicherin-nen, die datur entritt, endlich Gras über die Vergangenheit wachsen zu lassen”, lag NACH der Sendung 1997 mit 24% etwas höher als DAVOR (22%), wobei diese Ansicht jedoch sehr alters abhängig ist (bis zu 20% bei den unter 50jährigen, um die 40% bei 60+), 1979 erklärten sich noch
doppelt so viele Befragte als An-hänger des Nichtaufrührens der Vergangenheit”.
Das Bewußtsein über die Mit-verantwortung der Österreicher an den Massenmorden hat sich seit 1979 erheblich verändert: Wa ren damals nur rund die Hälfte der Befragten der Meinung, dali die Schuld nicht allein die Deut schen, sondern auch die Österrei cher treffe, liegt dieser Prozent
Morde nicht historisch
9%
3%
satz heute bei über 70%. Nur mehr 13% (1979: 37%) sagen, die Deutschen träfe die gesamte Ver antwortung. Daß die nationalso zialistischen Verbrechen auch noch heute verfolgt werden soll ter, meinten nach der Sendung 1979 24% (davor 17%), nach der Ausstrahlung 1997 sagen dies 38% (davor 371%). Man sieht auch an diesen Werten, dail sich in den beinahe zwei Jahrzehnten seit der Erstausstrahlung von Holo caust” trotz aller Unbelehrbarkeit einer kleinen Minderheit einige an Bewußtseinsbildung über zett geschichtliches Geschehen gelun gen ist.
Dr. Peter Diem, Studium der Rechtswissenschaft und Anglistik in Wien und der Politikwissen-schaft in den USA. Seit 1979 mit dem Aufbau und der Leitung der Abteilung Medienforschung im ORF betraut. dungsgrad (Akademiker: 9,7%/4.7). Nur die Seher in Kärnten scherten bei einer durchschnittli-chen Reichweite von 5,2% mit ei ner Note von 3.7 aus dem allge meinen positiven Trend aus.
Eine Kumulationsanalyse über die vier Folgen von 1997 ergab, daß die wenigstens von einer Fol-ge erreichte Gesamtseherschaft (als Seher gelten dabei nur Perso-nen, die einer Folge zumindest zur Hälfte beiwohnten) knapp über 11% (-740.000 Erw.) lag. Daraus leitet sich auch ab, daß im Schnitt nur zwei der vier Folgen gesehen wurden bzw. daß nur 1,3% (85.000 Erw.) alle vier Folgen zu-mindest zu 50% mitverfolgt hat ten. Alle vier Folgen zur Gänze gesehen haben weniger als ein Prozent der Österreicher und Österreicherinnen.
Verantwortlich für die relativ geringe Schbeteiligung bei einem insgesamt nicht unwichtigen und auch leicht faßlich dargestellten Thema sind wohl mehrere Grun de:
Holocaust 1997″ war und blieb eine Wiederholung, auch wenn weniger als 30% die Erstausstrahlung 1979 gesehen hatten. Der Wunsch von 53% re präsentativ Befragten nach Wie derausstrahlung drückte mehr ein sozial erwünschtes Verhalten als eine konkrete persönliche Sehab-sicht aus.
Dem 1977 gedrehten ameri-kanischen Vierteiler konnte man sein Alter in Material, Machart, Regie und inhaltlicher Aussage ansehen. Heutige Filme sind von ganz anderer Qualität. Das be-weist nicht zuletzt der Erfolg von Schindlers Liste” auch in Oster-reich: Am Karfreitag, dem 28.3. 1997, um 20.15 Uhr auf ORF 1 aus-gestrahlt, erzielte Stephen Spiel-bergs neues Holocaustdrama eine Reichweite von 15,6% (1 Mio. Erw.) bei einem KaSat-Marktan-teil von 37% und einer Benotung von 4.5 (praktisch über alle Sozial-schichten und Bundesländer glei che Ergebnisse mit Ausnahme der Steiermark, wo nur 9% mit der hohen Note 4.6 zusahen). Aller
dings auch hier tur ein Treuein-dex von 51% (lange) TV-Pro-gramme vermögen heute eben nur mehr einen Teil des Publi-kums zur Gänze an den Schirm zu fesseln. Das Durchschnittsalter der Seher lag bei 39 Jahren.
Nicht nur die Zahl der Mehr kanalhaushalte hat sich von 1979 auf heute versiebenfacht, auch die Attraktivität von 20 deutschspra-chigen Konkurrenzkanälen hat sich vervielfacht.
Es ist als sicher anzunehmen, daß sich in den letzten 18 Jahren nicht zuletzt durch das Fernsehen das Bewußtsein in Bezug auf die tragischen Ereignisse der Na-zi-Ara insgesamt verändert hat. Damit ist der Bedarf nach ein schlägiger harter” Non-Fiction (Dokumentation), aber auch nach weicherer” Fiction (Dokudrama, Infotainment) erheblich geringer als früher. Dem steht freilich die Tatsache gegenuber, daß in Oster reich weiterhin ein hartnäckiges antisemitisches Residuum in der Größenordnung von 8-10% vor-handen ist ein Umstand, an dem ein öffentlich-rechtlicher Sender wohl nicht achtlos vorbeigehen kann..
Eine vorsichtige Schätzung der ORF-Medienferschung ergibt, daß die Ausstrahlung der Serie um 20.15 Uhr statt um 21.50 Uhr unter den heutigen Konkurrenz bedingungen (72% Mehrkanal haushalte) wahrscheinlich auch nicht mehr als 3% an Durch schnittsreichweite (500.000 Erw.) erbracht hätte.
3. Die Begleitpublizistik 1997
Im Auftrag der ORF-Medienfor schung lieferte der Ausschnitte dienst MMO insgesamt 48 (1) pu-blizistische Items folgender Art: 35 Programmarkündigungen
12 Kommentare 1 Leserbrief
Der Großteil der 35 Programm-ankündigungen und Programm-tips enthielt cine kurze, neutrale Inhaltsangabe. Einige Zeitungen bezogen sich auf die im Auftrag des ORF durchgeführte Mei nungsumfrage (53% an Wieder ausstrahlung interessiert”, s.o.).
Das verwendete Bildmaterial war spärlich. Insgesamt überwog die Routine, es gab keinerlei Aufge-regtheit im Blätterwald.
In den 12 Kommentaren herrschte ein abgeklärter Ton vor. Mehrfach wurde auf das gewalti ge und sehr kontroversielle Echo der Erstausstrahlung hingewie sen. Einige Autoren beklagten die späte Sendezeit. Während der Kommentator der Wiener Zei tung” meinte, die Serie habe kel ne Spur von Patina” angesetzt und auch Profil” anerkannte, dali sich das Familiendrama um dich-te Information ohne voyeuristische Detailversessenheit” bemühe, ent puppte sich der Film für die, Salz-hurger Nachrichten” 18 Jahre nach seiner vieldiskutierten Erstaus-strahlung” als „Peinlichkeit und her be Enttäuschung”. Läppische Dialo ge”, banale Regie”, Jaarsträubende Handlungsstränge sowie teilweise schlechte Recherche führten laut „SN” dazu, daß der Straßenfe-ger” von 1979 heute wie eine ma kabre Seifenoper” wirke. Das Blatt rühmt Holocaust dennoch, weil die Serie die „Initialzündung” zur Bewußtseinsbildung gewe-sen sei, eine Generation aufgerät telt und die Wahrheit salonfähig gemacht habe. Dieser Analyse ist im großen und ganzen beizustim men wie oben erwähnt, kann Holocaust” sein Alter nicht ver leugnen.
Unter den dem ORF übermit-telten Presse-Ausschnitten befand sich ein einziger Leserbrief. Er war von der Kleinen Zeitung” in Graz abgedruckt worden und wandte sich unter dem Titel „Ein-seitig gegen den ORF, der am laufenden Band die Holocaust-Berie selung in das Programm nähme und es verabsäume, ebenso unge-schminkt die Praktiken der Sieger des 1. und 2. Weltkrieges seriemneise zu bringen.”
4. Fünf Dutzend Anrufe und ein (gefälschter) Brief
Die doch etwas überraschende to-tale Gleichgültigkeit des Publi-kums anläßlich der Wiederaus-strahlung von Holocaust” 1997 könnte nicht besser illustriert wer-
Quelle: Nid-Library
