Projekt “Sigma”
System zur Operationalisierung außenpolitischer Basisinformation
1. Allgemeine Zielsetzungen
“Sigma” steht für “Stabilitäts-Index Gastland, monatlich ausgewertet”.
Kurz gesagt geht es dabei darum, den österreichischen Vertretungs-behörden aufzutragen, die Stabilität ihres jeweiligen Gastlandes monatlich durch einen Skalenwert zwischen 100 und e auszudrücken. Der Wert 100 würde größtmögliche politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität, der Werte totale Instabilität (Krieg, Bürgerkrieg, Putsch etc.) bedeuten.
Nach dem außenpolitischen Bericht 1982 existierten per 1.2.83 170 Staaten -zu 150 davon unterhält Österreich diplomatische oder konsularische Be-ziehungen. Das gegenständliche Projekt zielt darauf ab, mittels einer allmonatlichen Durchgabe und Auswertung des Stabilitätswertes Sigma dem Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten einen aktuellen Richtwert über den Zustand der Völkergemeinschaft insgesamt und nach Staaten, vor allem aber nach Staatengruppen bzw. Regionen zu geben. Im Zeitverlauf lassen sich damit Entwicklungen beobachten, Krisenge-biete orten und Handelsbedingungen abschätzen.
2. Nullmessung und laufende Berichterstattung
Der Stabilitätsindex Sigma ist ein Globalwert über den Zustand des jeweiligen Gastlandes: die österreichischen Vertretungsbehörden er-mitteln ihn monatlich aufgrund aller ihrer Wahrnehmungen. Es soll also nicht etwa versucht werden, harte ökonomische Daten (Inflations-rate, BSP, Arbeitslosenrate etc.) umzurechnen. Vielmehr bildet der Missionschef (nach Rücksprache mit seinen Mitarbeitern) monatlich einen. gesamthaften, v.a. seinem diplomatischen Instinkt folgenden Schätzwert auf der Thermometerskala” 0 100.
Die Nullmessung für die 150-170 in Frage kommenden staatlichen Einheiten soll durch eine gemeinschaftliche Aktion aller Angehörigen des diplomatischen Dienstes erfolgen: Jeder (qualifizierte) Beamte des Bundesministeriums für Auswärtige Aagelegenheiten erhält eine Staaten-liste, in die er seine persönlichen Schlätmerte z. B. für April 1984 einträgt. Er ist dabei nicht gehalten, die Stabilität aller Staaten zu bestimmen. Er soll sich auf jene konzentrieren, die zu seinem Aufgabengebiet gehören, die er von früherer Tätigkeit kennt oder zu denen er eine besondere Beziehung hat.
Dem Höheren Dienst gehörten 1982 362, dem Gehobenen Dienst 218 Beamte an. Es ist somit von etwa 580 möglichen Teilnehmern an der Nulimessung auszugehen. Beurteilt jeder Beamte auch nur 1/5 aller Staaten, und wilrden die Listen aus diesen oder jenem Grund (Urlaub, Krankheit) von 80 Beamten nicht ausgefüllt, so könnte doch mit durchschnittlich 100 Bewertungen pro Land gerechnet werden. Aber selbst wenn manche Klein staaten nur von ganz wenigen Personen beurteilt würden, ließe sich ein Durchschnittawert (Median) für jedes Land berechnen, der als Ausgang index den jeweiligen Vertretern zugemittelt werden würde.
Die laufende Berichterstattung beschränkt sich auf die Durchgabe einer einzigen Zahl pro Staat und Monat. Es würde also etwa beinersten Routinetelex eines Monats aus Peking heißen: China/55 (Kampuchea/44, DVR Korea 52).
In der Instruktion über die Abgabe des monatlichen Sigma-Wertes ist zu betonen, daß auch leichte Schwankungen im Eindruck über die Stabilität des Gastlandes signalisiert werden sollen etwa sind größere Demonstrationen, Streiks oder Regierungmarbildungen nit wenigstens zwei Indexpunkten zu berücksichtigen, wenn solche Ereignisse nicht ohnehin zur Tagesordnung gehören.
Auswertung, Arbeitnaufwand
Das gesamte Projekt. Sigma kann pro Jahr maximal 2.040 zweistellige Zahlenswerte erbringen eine Datenmenge, die auf den kleinsten handelsüblichen Heimcomputem speicherbar und auswertbar ist, an
sich aber auf 170 kleinen Karteikärtchen Platz hat. Es ist also in keiner Weise ein großes Projekt, sondern vielmehr eine Aufgabenstellung, für die weniger als ein ganzer Dienstposten erforderlich ist handelt en sich ja zunächst nur um die Bearbeitung von max. 170 Zahlen pro Monat. Freilich wird es die Notwendigkeit von Urganzen geben. Das Projekt wird nur dann sinnvoll sein, wenn sein Beerbeiter Interesse an der Sache hat. Es sollte dafür also nicht nur ein “cenauer Buchhalter”, sondern ein Beamter mit genügend analytischem Talent eingesetzt werden, d.h. ein Mitarbeiter, der von sich aus in der Lage ist, die Signifikanz von Entwicklungen zu beurteilen und darüber zu berichten.
4. Probezeit
Es kann heute nicht mit 100prosentiger Sicherheit gesagt werden, ab und wann das Projekt Sigma das von seinen Proponenten erwartete Ziel nämlich z. B. regionale Destabilisierungen im Sinne eines “Frühwarn-systems” vorauszumelden erfüllt. Des kann nur eine gewisse, mindestens 6monatige, sahrscheinlich aber einjährige Probezeit erweisen. Da wie erwähnt der Aufwand jedoch relativ gering ist, wird vorgeschlagen, den Versuch zu unternehmen. Kartographische Darstellungen, die Bildung von Gruppierungen und Reihungen lassen sich auch ohne EDV bewältigen. Sie könnten aber auch einem Marktforschungsinstitut übertragen werden.
5. Schlußbemerkung
Die Tradition der diplomatischen Arbeit legt das Schwergewicht auf den verbalen Bericht. Operationalisierte Daten werden praktisch nur im ökonomischen Bereich eingesetzt (pro Kopf-Einkommen, Handelsvolumina etc.). Aufgrund der dafür nötigen Statistiken lassen sich diese Daten jedoch meist nur im Jahresrhythmus und mit einiger zeitlicher Verzögerung darstellen. Österreich besitzt nicht die Mittel, durch Unfrageforschung die Stimmung in den Gastländern zu erheben was auch praktisch nur in einem kleinen Teil der Staaten möglich wäre. Dan traditionelle Rollenverständnis der Diplomatie mag sich gefühlsmlißig gegen ein Projekt wie das vorliegende wehren. Dennoch sollte nicht übersehen werden, daß die empirische Sozialforschung Längst nachgewiesen hat, daß Skalierungen jedermann möglich sind, daß sie zwar subjektive, aber dennoch im Quar- und Längsvergleich (Regionalanalyse/Regressionsgerade als Trend) sehr informative Werte erbringen können. Im nationalen Bereich werden solche Messungen bereits häufig eingesetzt (Politharometer, Messung der Arbeitsplatzbesorgnis etc.)
Da die Angehörigen des Bundesministeriums für Auswärtige Angelegenheiten in ihrer Gesamtheit ein besonders qualifiziertes, durch Telex und Telephon vernetztes “naturliches Panel” darstellen, Liegt der Gedanke nahe, diese “stehende Stichprobe” für ein einfaches, kontinuierliches Meßmodell über den Zustand der Welt und ihrer legionen (monatlicher “Weltindex”, Laufende”Krisenwerte”) einzusetzen.
