1975 Weder Marx noch Murx 8 S.

VP-Grundsatzdenker Peter Diem:


Er betrachtet den politischen Alltag in Bezug auf die ideologischen Basis:
die SPÖ erscheint ihm wählbar, die FPÖ nicht. Doch der VPFortschrittsprediger Peter Diem wird die eigene Partei wählen: erstens
erscheint ihm die rote Regierungsmannschaft als untauglich, und zweitens
möchte er als VP-Abgeordneter selbst ins Parlament.


Wenn Peter Diem über seine Arbeit nachdenkt, vergleicht er sich mit einem
Couturier: „Das ist ähnlich wie in der Pelzmode. Im März denke ich mir
alles aus, und im November kaufen es sich dann die Leute.“ Doch die
Mäntel, die er anmisst, erscheinen seinen Kunden meist zu schick.


Denn der bärtige Grundsatzideologe, Meinungsforscher und
Auslandsreferent der Volkspartei mit Abteilungsleiter-Posten im schwarzen
Hauptquartier sieht den Fortschritt durch rosarote Brillen: „Was ich will, ist
ein sehr offener Konservatismus, ein sehr reformfreudiger, auch ein
liberaler, der die Interessen von Arbeitnehmern und Intellektuellen
verbindet.“ Doch sein Streben, über „die Mitte hinauszugreifen“, „weil auch
jemand, der links von der Mitte steht, in der ÖVP Platz haben muss“, stößt
schwarze Spitzen vor den Kopf. Wiens Parteiführer Franz Bauer riecht die
Unruhe im schwarzen Fußvolk: „In der Wiener Partei kommt sein Linkskurs
schon sehr ungünstig an.“


Und Diem-Freund und VP-Gesundheitssprecher Günther Wiesinger hält
Ratschläge für den schwarzen Grübler bereit: „Wenn er gut beraten ist,
sagt er nicht mehr solche Dinge, die dann alle vor den Kopf stoßen.“


Diems letzter Schreckschuss vor schwarze Funktionärsstirnen war freilich
eigenbezogen. Der VP-Grundlagenforscher, der „das Naturgesetz, dass
einer aus der Bundesparteileitung in der Politik nichts werden kann“,
brechen will und einen Mandatsplatz auf der Wiener Nationalratswahlliste
anstrebt, verkündete, er wolle im Parlament „vor allem die
parteiungebundenen Intellektuellen“ vertreten. Wiens schwarze
Mandataren-Crew heulte vom „Diem-Diem-Geschoß“ (die „Wochenpresse“
über Diem-Aggressionen) weidwund getroffen auf. Franz Bauer: „Damit
sagt es dann beinahe, dass wir das jetzt nicht können. Aber wir haben eine
der besten Nationalratsmannschaften.“ Und Doktor Kurt Fiedler, Parteichef
in Diems Heimatbezirk Döbling: „Das war nicht sehr klug von ihm.“


VP-Doktor Wiesinger weiß auch hier Rat: „Er hätt’ halt sagen sollen, dass
die Intellektuellen sein Schrebergarten sind, in dem er arbeiten will, wie für
einen anderen die Bergbauern. Die anderen Abgeordneten sind auch nicht
dumm. Von den 14 Wiener Nationalräten sind immerhin 73 Prozent
Akademiker.


Doch Peter Diem, Jus-Doktor der Universität Wien, akademischer EnglischÜbersetzer und Politologie-Master of Science der Southern Illinois
University (USA), bleibt, so fürchten seine Freunde, unbelehrbar.


Als Jung-CVer verschreckte er Cartellbrüder mit der unkonventionellen
Verbindungszeitschrift „Thesen“ und musste „einige Ausschlussverfahren
überstehen“ (Diem). Auf einem Bildungsseminar des Cartellverbandes in
der Steiermark schockte er die versammelten Honoratioren mit der
Behauptung, in zehn Jahren werde der traditionell katholische Verein für
allen Konfessionen offen sein und dem Abschiedsgruß „Shalom“. Und bei
einem Festkommers der CV-Verbindung „Bajuvaria“ ritt er gegen verkalkte
Strukturen Attacke: „Unser ganzes System ist so erstarrt, dass wir uns
endlich etwas Neues einfallen lassen müssen.“


Innerparteilichen Stau wirbelte Peter Diem Anfang 1973 auf, als er in einem
Artikel für die christdemokratische Polit-Zeitschrift „panorama“ für eine
reformierte Beziehung der konservativen Parteien zum Marxismus eintrat:
„Die Verwendung des von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten
gesellschaftskritischen Instrumentariums in Kombination mit der
neomarxistischen Methodik der Frankfurter Schule darf für eine moderne
christliche Demokratie kein Tabu sein.“


Ex-Unterrichtsminister Heinrich Drimmel braute in der „Furche“ das verbale
Strafgewitter, während sich Diem in einer VP-internen Mitteilung bei VPGeneral Kohlmaier rechtfertigen musste: „… von einer Befürwortung … des
Marxismus kann nicht die Rede sein.“


Seine spektakulärsten Auftritt absolvierte er aber erst 1972, als sich
Österreichs vereinigte Linke zum Protest gegen die amerikanische
Vietnampolitik zusammenfand. Gemeinsam mit einer Handvoll
gleichgesinnter VP-Angestellter unterschrieb er die Protestresolution und
schickte US-Botschafter John Humes eine Absage in den diplomatischen
Salon, in den er zu einer Diskussion über den Nixon-McGovern-Wahlkampf
geladen war. Doch der ungestüme Aufruhr „vor allem gegen das inhumane
Weihnachtsbombardement der Amis“ schlug höhere Wellen, als es der
anglophile Diem erwartet hatte20; von VP-Generalsekretär Herbert
Kohlmaier zum Rapport zitiert, drohte ihm der schwarze Arbeitgeber den
Rausschmiss im Wiederholungsfall an.


Unerwartete Früchte seines Aufbegehrens konnte Peter Diem zwei Jahre
später ernten. Das südvietnamesische Außenministerium lud ihn,
„wahrscheinlich wegen meinem Vietnamprotest“, ein, sich an Ort und Stelle
von der politischen Lage zu überzeugen. Doch, nachdem er in der
Vietkong-bedrohten Hauptstadt Saigon mit Parlamentariern, Journalisten
und Diplomaten diskutiert und Informationen gesammelt hatte, kehrte er mit
neuem Zweifel zurück: „Ich weiß nicht, ob für Südostasien ein westlicher
Kapitalismus der richtige Weg ist.“


Kapitalismus ist dem Ideologie-Designer von jeher suspekt. In seinem
Beitrag zur Diskussion des neuen VP-Programms untergrub er 1972 mit
seinem Zukunfts-Vorstellungen vom Leben „in der dritten Phase der
sozialen Marktwirtschaft“ Binsenwahrheiten aufstiegswilliger
Industriemanager: „Eigentliches Ziel der Wirtschaft ist ja nicht die
Maximierung von Produkten oder Profit, sondern die Selbstverwirklichung
des Menschen durch schöpferische Tätigkeit, nicht zuletzt im Dienste der
Daseinsfürsorge“. Und das linke Reizwort vom Eigentum der
Produktivmittel fand eine Diem’sche Auslegung: „Die Eigentumsordnung
der Zukunft ist der breitgestreute Besitz von Produktivvermögen.“
20 In einer unmittelbar nach dem Protest durchgeführten Meinungsumfrage befürworteten
43 Prozent der Befragten das Vorgehen „einiger jüngerer ÖVP-Mitarbeiter“
(Fragestellung). Von den ÖVP-Wählern zeigten sich sogar 45% mit der Aktion
einverstanden.
Die Suche nach einem neuen schwarzen Selbstverständnis beendet
Columbus (CV-Couleurname) Diem bei „fortschrittlicher Mitte“ und
„fortschrittlichem Realismus.“
Den Ansatzpunkt christlich-sozialer Politik sieht Peter Diem im sozialen
Depressionsbereich. Sozialer Realismus will, so Diem bei seiner Rede am
Salzburger VP-Parteitag im November 1972, „den materiellen, sozialen und
kulturellen Aufstieg der Unteren durch auf Leistung gegründete mutige,
aber machbare Reformen sichern.“


Wobei der Parteireformer Grenzen zieht. Seine fortschrittliche Mitte grenzt
sich sowohl von „sozialistischen und linksgerichteten
Gesellschaftsmodellen“ (… die zu anonym herrschenden Apparaten
führen“) als auch von „national-liberalem und rechtsgerichtetem
Gedankengut“ („… dem mangelndes Verständnis … und ethnozentrische
Vorurteile zu eigen sind“) ab.


Trotz solcher Ideologiezäune sind für Peter Diem Österreichs Sozialisten
auf Grund ihres Parteiprogramms wählbar, Freiheitliche Stimmwerber
dagegen hätten bei dem VP-Intellektuellen – „schon auf Grund ihrer
Haltung in der Minderheitenpolitik“ – keine Chance. Dass Peter Diem
trotzdem die eigene Partei wählen wird, verdankt die schwarze Herde
weniger „dem Marx, sondern dem Murx“ (Diem über den Hauptfehler der
SPÖ) im roten Polit-Zauber. Denn eine „Politik des Weder-Noch“, glaubt
Diem, führe zur Verstümmelung sozialen Engagements: „Da wird dann so
lange vor Reformen zurückgeschreckt, bis die vorhandenen
gesellschaftlichen Kräfte aufgedeckt und befriedigt werden.“


Parteiprogrammbastler Diem, der bei längeren Diskussionen eine Pfeife
hervorholt, an der er als intellektuelles Prestigesymbols saugt, agiert in
seinem Polit-Alltag wie ein Straßenbahnschaffner: er markiert zuerst
Fahrscheine, bevor er Umsteigmöglichkeiten erklärt. Die Mühen des
Ideenfinders mit eigenen Grundsätzen im Parteiapparat haben ihn sein
Verhalten gelehrt: „Man muss zuerst immer etwas mehr von dem, was man
will, vorschlagen, als man für realistisch hält. Denn die programmatische
Arbeit ist, auch wenn sie noch so engagiert ist, Millimeterarbeit.“ Seinen
„ideologischen Kleinkrieg“ führt er nach Strategieprinzipien: „Analyse,
Alternative, Aktion.“


Doch Aktionen auf Diem-Alternativvorschläge erfolgen meist zurückhaltend.
Zwar freut sich der VP-Analytiker, „etwas von der Frankfurter Schule und
von Marcuse“ ins Parteiprogramm gebracht zu haben, doch der DiemDufreund und SP-Klubsekretär Heinz Fisher bleibt skeptisch: „Er kann doch
die ÖVP in Wirklichkeit gar nicht beeinflussen. Was soll denn das neue
Parteiprogramm da geändert haben.“


Für den roten Diem-Gegenpol Fischer ist der VP-Ideologie-Manager ein
„bunter Farbfleck im langweiligen ÖVP-Grau“, der seine Legitimität im
Konzept der schwarzen Führer daraus bezieht, „dass er auf gewisse Kreise
eine Attraktivität ausübt, die sich bei einem Ermacora mit Grauen
abwenden“. Und: „Oft trennt ihn viel mehr von der eignen Partei als von der
SPÖ.“


Doch Peter Diems Parteitreue bleibt in den eigenen Reihen unbestritten.
Obwohl sich VP-Politiker in Definitionsschwierigkeiten verirren. Günther
Wiesinger: „Er ist sicher kein konservierendes, statisches Element. Aber er
ist auch kein Linker. Ich glaub’, er ist ein evolutionierender Faktor in der
Partei.“


Wiens Parteiobmann Franz Bauer sieht den Parteirebellen individueller:
„Der ist halt aus religiösen Gründen ein unruhiger Geist, der lang die
christliche Soziallehre studiert hat und mit der Gesellschaft unzufrieden ist.“
Allzu großes Engagement für den VP-Verlebendiger schließt Bauer, den
Diem zu seinen Freunden zählt, jedoch aus: „Er ist auf keinen Fall mein
Mann. So wie der Wiesinger zum Beispiel.“


Um eines Förderers willen aber eigene Standpunkte aufzugeben ist nicht
Diems Sache. Er geht lieber unkonventionelle Wege, die in verschiednen
Richtungen zu führen scheinen.


Für ihn selbst ist es das Erbe seiner Jugend.


Als er am 7. April 1937 geboren wird, so weiß Peter Diem heute, prägen
ihn Erbanlagen und Milieu zu „so einem seltsamen Mischling.“ Sein Vater
ist ein liberal gesinnter Briefmarkenhändler, „der alle Marken auswendig
kennt“, seine Mutter eine konservativ-katholische Frau aus einer
Waldviertler Bauernfamilie. Die letzten Kriegsjahre verbringt die Familie aus
Angst vor alliierten Fliegerbomben im Waldviertel.


Im Horner Wald begegnet der Zehnjährige dem Endkampf. Er findet einen
abgestürzten britischen Jagdbomber, dessen Pilot mit zerquetschtem
Schädel im Cockpit hängt. Der verstümmelte Soldat verformt sich zu Diems
stärkster Kindheitserinnerung.


Später, nach Kriegsende, als russische Besatzer kommen, sich alle
koitusfähigen Frauen verstecken und eine alte Bäuerin Eierspeise für
Rotarmisten zubereitet, klettert er auf abgestellten Panzern herum, schließt
Bekanntschaften mit den gefürchteten Besatzungssoldaten.
Nach Wien zurückgekehrt, wählt er am Realgymnasium neben Englisch
Russisch zur zweiten Fremdsprache. Sein Sprachlehrer, Ferdinand Lacina,
erscheint ihm als Kommunist. Er selbst gerät unter US-Einfluss, besucht
die österreichisch-amerikanische Gesellschaft, lernt Folkmusik kennen und
spielt im Klub der US-Soldaten Basketball. Mit der Jugendmannschaft
„Union Babenberg“ sogar gegen die „Harlem Globetrotters.“ Resultat: 7:37.


In den Ferien jobbt er als Aushilfslehrling bei einem Automechaniker. Dort
lernt er „die Welt der Arbeit“ kennen. Zunächst mit allen Nachteilen der
Neulinge: ältere Arbeiter locken ihn angezogen unter eine Dusche und
drehen das Wasser auf. Nach zweimonatigem Intensivkurs glaubt er „viel
gelernt zu haben, sowohl Handwerkliches als auch Soziales.“.


Das Wissen um soziale Gegensätze vertieft sich, als Peter Diem, bereits
Jus- und Dolmetschstudent, zweimal in den Sommerferien „als
Gastarbeiter“ in ein Schweizer Nobelhotel nach Vulpera zum
Tellerabwaschen fährt. Während er von den Küchenmädchen Italienisch
lernt, „Hab‘ ich die Speisereste in riesige Tonnen, wie auf einem
Autofriedhof geworfen.“


Das Gastarbeiterleben weckt aber auch „meinen Patriotismus“. Bis dahin
einem Vereinsleben gegenüber kritisch eingestellt, tritt er dem CV bei. Er
wählt sich eine der strammsten Verbindungen, die „Rudolfina“, die später
zu den aktivsten Proponenten der „Aktion Landesverteidigung“ zählt. Seine
Vaterlandsliebe dichtet sich Peter Diem im ÖCV-Bundeslied vom Herzen:
„Auf des Glaubens Felsengrund / stehe du, Cartellverband, /wohlgeeint zu
jeder Stunde, / treu zu Gott und Vaterland! … Heil CV, du meine Welt!“ Der
nationale Überschwang erlischt bald. Bei dem „RudolfinaVerbindungsbruder Wilhelm Daim findet er progressives Gedankengut und
Linkskatholizismus, studiert Daims „Kastenlose Gesellschaft“, christliche
Soziallehre und päpstliche Sozial-Enzykliken.
1960 erhält er mit Hilfe eines Austauschstipendiums die Möglichkeit, in
Amerika weiterzustudieren. An der Southern Illinois University in
Carbondale, einem Kaff mitten im reaktionär-konservativen Bible-Belt der
USA (Diem: „Ein Entwicklungsgebiet wie das Südburgenland“), inskribiert
er Politikwissenschaft und graduiert nach einem Jahr. Als er nach einer
sechswöchigen Autoreise durch fast alle US-Bundesstaaten und NordMexiko nach Österreich zurückkehrt, bringt er eine These mit: „Die
Wahrheit der Dinge liegt in der Mitte des Atlantiks.“


Die österreichische Wahrheit bescherte ihm zunächst einen
Einberufungsbefehl. Peter Diem entschließt sich zur „intelligenteren
Ausbildung“ als Einjährig-Freiwilliger (Diem: „Ich hab‘ mir gedacht, wenn
die Kuh hin is, is Keibl a hin“), macht mit der „Häusltour“ des Militarismus
Bekanntschaft, nach seiner Grundausbildung „mit all den Dingen, die das
Bundesheer in der Offiziersausbildung schön machen.“


Heute tischt Reserveleutnant Diem („Ich war damals noch nicht so
pazifistisch“) passionierten Vaterlandsverteidigern herbe Ernüchterung in
der Grundsatzdiskussion auf: am Salzburger VP-Parteitag forderte er, „die
Schaffung eines Berufsheeres… unter gleichzeitiger Ausbildung der
Gesamtbevölkerung in gewaltfreien Widerstandsmethoden“ ins Auge zu
fassen.


Abgerüstet und von seinem Gerichtsjahr frustriert, in dem er gegen
Scheidungs- und Fürsorgeakten Windmühlengefechte austrägt, geht er auf
Arbeitssuche, findet jedoch nirgends Interessenbefriedigung, bis ihm CVFreund Gerhard Weis, heute TV-Intendant, vorschlägt, sich um den
freigewordenen Posten des Organisationsreferenten in der ÖVPBundesparteileitung zu bewerben. Und der damalige VP-Generalsekretär
Hermann Withalm engagiert das Partei-Nichtmitglied.


Erstes Eigenleben zeigte das schwarze Enfant terrible, als er 1964 bei der
Diskussion über das „Klagenfurter Manifest“ mit dem rechten Flügelmann
und Diem-Intimfeind Heinrich Drimmel („Peter Diem ist nicht der einzige
Demokrat…, der auf die Gleitbahn gerät, die heute letzthin Moskau
kontrolliert“) über Formulierungen diskutierte und schließlich der eigenen
von der „neuen Mitte“ zum Durchbruch verhalf. Zwei Jahre später weitete
er seine Parteitätigkeit als „Generalstab ohne Truppe“ (Diem) auf
Meinungsforschung und theoretische Arbeit aus, bis ihm 1970 ein
„Genieblitz“ (Diem) des frischgebackenen VP-Generalsekretärs Karl
Schleinzer ein Abteilungsleiterbüro für Grundlagenforschung im dritten
Stock der VP-Zentrale bescherte.


Nebenher schuf er sich eine Haus-Ohnmacht: er ist Mitglied des schwarzen
Arbeiter – und Angestelltenbundes (seit 1. Jänner 1964), Vizepräsident der
Gesellschaft für Politikwissenschaft, Mitglied der ideologischen Kommission
der christdemokratischen Europaunion UECD und Autor
politwissenschaftlicher Artikel und Bücher (Beitrag im Mock-Buch „Die
Zukunft der Volkspartei“). Im Anlauf auf ein Nationalratsmandat sieht er die
Möglichkeit, Begonnenes fortzuführen: er will die Öffnung der schwarze
Gesinnungsgemeinschaft durch rechte Sicherheits- und
Stabilitätsgedanken am linken Flügel abrunden. Denn, so glaubt Diem, „je
reformfreudiger die ÖVP ist, desto gefährlicher ist sie für die SPÖ.“


Masochistisch sieht Ideologiegesprächspartner Heinz Fischer neue
Pluspunkte im angestrebten Parlamentseinzug des schwarzen
Mandatskämpfers: „Das wäre sicher ein Beitrag zum Abbau des
Ideologiedefizits.“ Die Diem‘sche Gefahr für seine Genossen dreht er aber
um: „Er wär’ sicher ein Abgeordneter, der bei ÖVP-Mandataren eine
Gänsehaut verursachen könnte.“ Doch Chancen sieht er für den
befreundeten Arbeitskollegen im Grundsatzmetier keine: „Solange die ÖVP
so strukturiert ist, wird sich der Diem sicher nicht durchsetzen.“


Im aussichtslos apostrophierten Kampf bleibt der unbequeme VPVordenker Optimist: „Ich hoffe auf einen Kampfplatz auf der Mandatsliste.“
Die Vorbereitung für seinen Vorwahlkrieg sucht Peter Diem im
Kreativitätstraining: er bastelt Collagen. Aus den demolierten Puppen
seiner beiden Töchter, Uhrenfedern, Farbe und gebrauchten
Autoersatzteilen verfertigt der seit zehn Jahren verheiratete Bildersammler
und Amateurfotograf abstrakte Schaubilder sozialer Weltmisere, während
ihm US-Folkbarde Bob Dylan aus der Stereoanlage vom nuklearen
Weltuntergang erzählt (Diem-Lieblingssong: „A hard rain’s gonna fallin“).
Von den 14 Collagen, die er bisher verfertigte, verschenkte er den Großteil.
Drei schmücken sein Büro in der Kärntner Straße. Darunter: „Der
Untergang des Popcorns“, Diems Version vom „Versagen der Amerikaner
als Weltpolizei“ (Eigeninterpretation), bei dem sich die gerösteten
Maiskörner über das farbbekleckste Weltchaos legen, ohne Hilfe bringen
zu können.


Das Exklusiv-Hobby verstärkt freilich sein Einzelgänger-Image im
Parteiapparat noch mehr. Charakterisiert ihn ein CV-Freund: „Irgendwie ist
er ein Parzival-Typ. In der Partei glauben sie, er irrt noch immer mit seinem
Klappergaul durch die Welt. Dabei hat er die Aufklärung durch den
Eremiten längst hinter sich. Beim Gral ist er allerdings auch noch nicht.“