1968 Hypothesen zur progressiv 2 S.

PETER DIEM (WIEN)
Hypothesen über „progressiv”

1. Begriffe aus dem sozökopoliti-schen Bereich sind im Gegensatz zu Begriffen aus den reinen Wissenschaf-ten ihrem Wesen nach nicht eindeutig zu definieren. Ein und derselbe Be-griff nimmt je nach seinem sachlichen, örtlichen, zeitlichen Geltungsbereich und je nach der Absicht dessen, der ihn verwendet, eine andere Bedeutung an. Wenn man daher eine Begriffs-bestimmung von Ausdrücken wie progressiv”, „konservativ”, „reaktio-när” versucht, sind nähere Erläute-rungen über den vorgestellten An-wendungsbereich und die Anwen-dungsabsicht unerläßlich.
2. Im folgenden soll der Begriff progressiv für eine allgemeine Grundhaltung in Fragen der Gesell-schaft, Wirtschaft, Politik und Reli-gion verwendet werden, und zwar in nichtpolemischer Absicht. Ein solcher allgemeiner Progressivitätsbegriff zielt auf die Beschreibung des regelmäßigen Verhaltens von Personen oder Per-sonengruppen in Situationen, in denen Stillstand, Fortschritt oder Rückschritt möglich sind. Auf spezielle Einzelvor-gänge und Einzelsituationen kann die versuchte Definition nur nach ent-sprechender Modifikation angewendet werden.
3. Das Wort „fortschrittlich” wird nur dann als taugliche Übersetzung des Wortes progressiv” anzuerken-nen sein, wenn man von der Zusatz-bedeutung absieht, die dem deutschen Begriff durch seine monopolartige Verwendung seitens der kommunisti-schen Parteien und ihrer Medien ge-geben wurde. Ähnliches gilt für das Wort „links”, das im allgemein-poli-tischen Sprachgebrauch mit soziali-stisch und/oder kommunistisch assozi-iert wird. Nur wenn man diese Be-deutung ausdrücklich als auf eine (aktuelle) Geschichtsphase bezogen beiseite stellt, darf links” allgemein als Synonym für „progressiv” Ver-wendung finden. Mit anderen Worten: die Gleichung progressiv lich links gilt für unseren Defini-tionsversuch nur unter der Prämisse, daß alle drei Ausdrücke überzeitlich aufgefaßt werden. fortschritt-
4. Der Begriff „progressiv” im-pliziert zunächst Veränderung, change”. Der Progressive will ändern, und zwar in spürbarer Weise”. Die Dinge, die geändert wer-den müssen, scheinen ihm an Zahl größer als jene, die so bleiben können, wie sie sind. Insofern unterscheidet er sich vom Konservativen, der in der Regel weit mehr Dinge für erhaltens-wert als erneuerungswürdig findet, womit eigentlich ein Agglomerat gra-dueller quantitativer Unterschiede vorliegt, das im gesamten einen qua-litativen Unterschied bewirkt. Je nachdem, ob der Progressive das be-stehende System grundlegend (ganz, radikal) oder nur allmählich (unter Rücksichtnahme auf Nebenwirkungen geplanter Veränderungen) umzuge-stalten wünscht, denkt er revolutio-när” oder „evolutionär”. Diese Fest-stellungen treffen freilich nicht die volle Bedeutung des gesuchten Begrif-fes weder im Formalen noch im Materiellen. Es sei deshalb unter Zu-hilfenahme einer quasi-mathemati-schen Formel versucht, den Begriffs-inhalt des Wortes progressiv” mög-lichst erschöpfend darzustellen.
In dieser Formel seien
cnegatorische Kritik
C= propositorische Kritik
r psychische Repression
Rphysische Repression
agewaltlose Aktion
A gewaltsame Aktion
sgegebene Sozietät
S societas perfecta
e Elevation (Aufstieg der Unteren)
d Desalienation (Aufhebung der Entfremdung)
hsterblicher Mensch
H des Absoluten teilhaftiger Mensch
6. Die Definition in Worten:
Progressiv ist jene politische Grund-haltung, die die bestehenden (gesell-schaftlichen) Verhältnisse entgegen den geistigen Repressivkräften des Systems einer permanenten Kritik – sei es unter-rein negatorisch oder unter Vorlage von Alternativkonzepten zicht und durch womöglich gewalt-lose Aktion entgegen den Machtmit-teln der etablierten Ordnung danach trachtet, den Aufstieg der Unteren herbeizuführen und die Entfremdung des Menschen aufzuheben. Damit unternimmt der Progressive erklärter-maßen den Versuch, die jeweils ge-gebene Sozietät einer am Zeitende vorgestellten Idealgesellschaft asym-ptotisch anzunähern, in der nach reli-giöser Auffassung der Mensch am Absoluten teilhat; nach humanisti-scher Auffassung der Mensch als Voll-mensch mit sich selbst identisch wird.
7. Definitionen sind nur dann lupenrein, wenn über die in ihnen verwendeten Merkmale und sonstigen Bestandteile ohne weiteres Einigung erzielt werden kann. Dies scheint im gegenständlichen Fall am ehesten für ersten Teilausdruck (formal-den methodischer Teil der Begriffsbestimmung) möglich zu sein. Kritik (ob destruktiv” oder „konstruktiv”), Re-pression (ob psychisch oder physisch), Aktion (ob gewaltlos oder gewaltsam) sind relativ leicht zu fassende Begriffe.

 

 

Schwieriger ist es schon, die Bestimmung der beiden Elemente des
zweiten Teilausdrucks (materiell-finaler Teil) vorzunehmen. „Elevation”
bezicht sich vor allem auf die sozioökonomische Ebene: der Aufstieg der
„Unteren” ist erstes Anliegen des Progressiven’). Dabei reicht das soziale Spektrum noch weiter als das ökonomische -von der Alphabetisation bis zur Drittelparität sozusagen, vom
Taufkonsens bis zum Laienpriestertum, vom Paria zum Stimmbürger im sozialen Rechtsstaat, Elevation ist Aufhebung der Klassen, Rassen- und Kastenschranken, der aus dem Egalitätsprinzip schöpfende Versuch der Emanzipation des Menschen in Richtung Befriedigung der Lebensbedürfnisse plus Beteiligung an der gesellschaftlichen Willensbildung. Insofern sind auch die Grenzen gegenüber dem Begriff „Desaliena-tion” schwimmend. Dieser Ausdruck meint die Aufhebung jener Entfrem-dung, in die der Mensch auf der bis-her höchsten ökonomischen und poli-tischen Entwicklungsstufe, nämlich in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, durch deren inhärente Tenden-zen gerät: durch die Eintönigkeit des Produktionsprozesses, durch die mani-pulativen Kräfte von Massenmedien und Drogen, den Konsumzwang, die Zivilisationsschäden, die Bürokratie usw. Der Versuch der Desalienation bezicht seine Kraft aus dem genuinen Liberalitätsprinzip. Vollends ins Phi-losophieren und Theologisieren gerät man schließlich bei der Reflexion des letzten Teilausdrucks unserer Formel (teleologisch-utopischer Teil). Nach traditioneller theologischer Auffas sung ist die Unterscheidung zwischen h = H h = h eindeutig. Ob dies nach Teilhard Chardin und nach manchen holländischen Theologen noch ohne weiteres aufrecht bleibt, bildet e

inen der faszinierendsten (und bislang unterbewerteten) Teilaspekte des christlich-religiös/marxistisch-hu-manistischen Dialoges: die Gegenüber-stellung der Eschatologien. Auf die Einführung des Begriffes Transzen-denz” wurde in diesem Zusammen-hang mit Rücksicht auf die im Grunde bedauerliche Einengung, die derselbe bei Herbert Marcuse erfahren hat, verzichtet).

zum Problem 8. Weniges noch christlicher Progressivität”. Folgt man der gegebenen Definition, kommt man zu der Einsicht, daß die innerwelt liche Phase” (Methode und Zweck) D der Progressivität Christen und Nicht-christen kaum scheidet. Wenn Chri-stentum eine Institution schöpferi-scher Gesellschaftskritik” (Johannesb Metz) ist, dann ist,,C” Christenpflicht als Basis des Schöpfungsauftrages macht euch die Erde untertan” (1 Mos 28). „e” kann aus dem univer-sellen Liebesgebot, „d” aus der Gottes-ebenbildlichkeit des Menschen, der durch Christus zur Freiheit berufen” ist (Gal 5, 13), abgeleitet werden.
Von nicht geringer Relevanz scheint das christliche Gewissen bei der Ent-sdheidung zwischen gewaltloser und gewaltsamer Aktion (a / A) zu sein es ist dies die Kernfrage vor kur-zem in Mode gekommenen Theologie der Revolution”. Wenn immer mehr Theologen dazu neigen, die gewalt-same Aktion unter Berufung auf das Alte Testament im konkreten Einzel-fall der individuellen Gewissensent-scheidung anheimzustellen (die Gleich-setzung von Christentum und Gewalt-losigkeit sei naiver Biblizismus”), taucht die Frage 

 

nach einem regelbil-denden Kriterium auf. Es dürfte in der Entwicklungsstufe der gegebenen Sozietät (s) liegen: was in Europa möglich ist, kann in Lateinamerika unmöglich sein. „a” und n * A ^ n sind für den Christen jedenfalls keineswegs einfache Alternativen: vielmehr bleibt die gewaltsame Aktion subsidiäres Mittel³). Aber selbst in diesem Fall wird der humanistische Gesprächs-partner nicht von vornherein anderer
Meinung sein. Womit mögliche Meinungsverschie–denheiten neuerlich in die Gegend des Punktes Omega rücken -was um-gekehrt 

 

nichts anderes bedeutet, als daß christliche und nichtchristliche Progressive bei der Weltgestaltung beruhigt zu kooperieren beginnen können, bei welcher Tätigkeit es sich herrlich über das Weltende dialogisie-ren läßt.
1) Vergleiche hierzu: Wilfried Daim, Progressiver Katholismus 1, Manz, Mün chen, 1967, S. 12.
Der eindimensionale Mensch, Luch-terhand, Neuwied, 1968, S. 13 (Fuß-note).
Die interessante und notwendige Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen” und Gewalt auch gegen Per-sonen”, wie sie in der studentischen Re-formbewegung herausgearbeitet wurde, würde an sich die Einführung der Sym-bole A ^ * und A” rechtfertigen, nur ginge eine Betrachtung darüber zu sehr ins Detail.

Quelle: Nid-Library