Aber bei uns in Bagdad…
Von einem Land, wo Auslandsstudenten keine Kameltreiber sind
Es ist gerade ein halbes Jahr, seit ich die ehrwürdigen Hallen Alma Mater Rudolfina mit klimageregelten Klassenzimmern und den weiten Rasenflächen Southern Illinois University vertauscht habe. In dieser Zeit musste ich mich in vielem umstellen. Tollerweise bedeutete das eine Rückkehr zu Mittelschulgewohnheiten (Anwesenheitspflicht, Zensuren usw.). Teilweise habe ich hier so manches dazugelernt (korrekte und dennoch zeitsparende Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten, moderne bibliothekwissenschaftliche Methoden). Daneben sind es vor allem die vielen “extracurricular activities”, die sportlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Ereignisse auf Hochschulboden, die den Europäer überraschen.
Ein großer Teil der studentischen Selbstverwaltung am Universitätsgeschehen wird z. B. durch den gesamten Inscriptionsvorgang von Studenten unter der Aufsicht einiger weniger Verwaltungsbeamter betreut. Mit Hilfe von neun Lochkarten werden alle Gebühren berechnet, der Stundenplan erstellt und die Noten nach einem Punktesystem ermittelt. Von der Kultur bis zum Stadion und vom Theater bis zur Bibliothek, überall sind Studenten beschäftigt (sogar mit dem Staubsauger!). Das hat nicht nur budgetäre Einsparungen zur Folge (weniger volle Gehaltsempfänger, ausreichendes Personal), sondern ist auch eine erfolgreiche soziale Maßnahme. Darüber hinaus ergibt dies eine äußerst kollegiale Atmosphäre; ich kann mich kaum an die Distanz zwischen Studenten und Dekanaten erinnern.
Wie Österreich durch seine wissenschaftliche Tradition, seine geographische Lage und außenpolitische Neutralität, sind die Vereinigten Staaten durch die vorhandenen materiellen Mittel zu einem Eldorado der Auslandstudenten geworden. Es wäre jedoch verfehlt zu glauben, dass finanzielle Stärke das einzige Kriterium für die aufmerksame Betreuung der ausländischen Studenten in diesem Land bildet. Die Amerikaner sind stolz auf ihre gefestigten demokratischen Einrichtungen, sie sind gastfreundlich und werden sich immer mehr ihrer gestiegenen Verantwortung anderen Völkern gegenüber bewusst.
Hier sind einige Beispiele aus meinen eigenen Erfahrungen. Jede Universität hat einen offiziellen Auslandsstudentenberater, der sämtliche Belange koordiniert. Sein Büro, in dem meist in- und ausländische Studenten mitarbeiten, bearbeitet zusammen mit den hauptsächlich verantwortlichen Stellen die Stipendienvergabe an Ausländer. Zusammen mit dem Zimmernachweis der Universität bemüht es sich, vor oder unmittelbar nach Ankunft der ausländischen Studenten um deren Unterbringung. Während ihres Aufenthaltes werden den Auslandstudenten Einladungen in amerikanische Familien und durch öffentliche und private Einrichtungen vermittelt. Das Büro legt ein Verzeichnis mit Adressen, Studienrichtungen, Religion und besonderen Interessen der ausländischen Studenten an. Wochenendtouren mit Führungen werden organisiert, Grund dessen interessierte Stellen, wie Schulen, Clubs und andere Vereinigungen, Studenten zu Vorträgen und Diskussionen einladen.
An der Universität existiert zudem ein internationaler Club. Ihm gehören in- und ausländische Mitglieder gleichermaßen an. Die Mitgliedschaft ist mit einem kleinen Mitgliedsbeitrag verbunden, der für Verwaltungskosten und Erfrischungen für den gesellschaftlichen Teil der Veranstaltungen ausreicht. Wie alle studentischen Vereinigungen steht auch dem “International Relations Club” ein akademischer Lehrer beratend zur Seite (faculty adviser). Dadurch wird eine gewisse Kontinuität über die Semester hinweg sowie der Kontakt zu den Professoren gesichert. Das Programm umfasst neben Vorträgen ausländischer Studenten und Professoren Diskussionen über internationale Probleme sowie kulturelle Darbietungen ausländischer Gruppen. So fand im Januar eine kulturelle Festwoche statt, deren Programm von Kunstausstellungen bis zu einer chinesischen Oper reichte.
Es war für mich immer wieder lehrreich, aus erster Hand Informationen über jene Länder zu erhalten. Ich darf nicht vergessen, dass Wissen um die Eigenarten unserer Mitmenschen in anderen Erdteilen keineswegs in das erhalten bleibt, in denen es buchstäblich um die Zukunft geht. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einer Zeit leben, in der die geographischen Entfernungen durch das moderne Verkehrs- und Nachrichtenwesen geschrumpft sind. Eine wichtige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme bieten religiöse Veranstaltungen. Hier zeigt sich, dass die katholische Kirche eine wirkliche Weltkirche ist.
Eine Veranstaltung, die mich stark beeindruckt hat, war die Modelsitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN). Mehr als fünfzig Nationen waren durch vierköpfige Delegationen vertreten. In vier Ausschüssen, den Hauptausschüssen der UNO nachgebildet, wurden die Fragen der Zulassung, die Kongo- und Algerienkrise, die Probleme Abrüstung und Entwicklungs-hilfe vorberaten, dann in der Generalversammlung (übrigens von einer Kärntner Kollegin geleitet) debattiert und entsprechende Resolutionen gefasst. Dies war eine Gelegenheit, bei der Ausländer und Inländer internationale Verständigung auf gehobener Ebene praktizieren konnten.
Es soll nicht gesagt werden, dass bei uns in Österreich nichts geschieht. Die österreichische Hochschülerschaft hat neuerlich einen Block von Beobachtungen veröffentlicht. Diese Beobachtungen zeugen davon, dass man sich in den USA ernsthaft bemüht, dem ausländischen Studenten die Anpassung zu erleichtern und einen fruchtbaren Gedankenaustausch zu fördern. Der ÖCV arbeitet aktiv am Werk. Doch sie allein kann es nicht schaffen. Es bedarf der Mithilfe der studentischen Vereinigungen. Anfang 1900 wurde ein Auslandstudentenmemorandum veröffentlicht. Fragen wir uns: In welchen Punkten sind wir ernsthaft weitergekommen? Der Cartellverband hat die Möglichkeit des Afro-asiatischen Instituts angestoßen. Hat deine Verbindung, lieber Cartellbruder, einen Arbeitskreis über relevante Probleme abgehalten? Hast du, lieber Alter Herr, schon einen asiatischen Studenten zu Gast gehabt? Was willst du, lieber Aktiver, über Kenia oder Vietnam wissen? Willst du wissen, warum außerhalb von Kuba Tausende von Kubanern unter Waffen stehen, um die Insel zurückzuerobern? Hast du, lieber Cartellbruder, schon je mit einem Ausländer auf Universitätsboden gesprochen oder diskutiert? Das Beispiel des katholischen Akademikers zählt. Enttäuschen wir nicht durch mangelndes Beispiel.
