2021 Stephansdom 50 S.

Der Stephansdom und seine politische Symbolik

von Peter Diem

Seit einem halben Jahrtausend prägt der Wiener Stephansdom mit seinem
unverwechselbaren Profil die Silhouette der Stadt. Wie ein Pfeil strebt sein
einsamer Turm zum Himmel – der “schönste Turmgedanke der Gotik”, das von
Sagen und Legenden umwobene Wahrzeichen Wiens. Das mächtige Steildach
und die hochaufragende Westfassade mit den beiden Heidentürmen tun ein
Übriges, um diese Domkirche aus der großen Zahl gotischer Kathedralen
herauszuheben und ihr eine Sonderstellung zu geben. Nicht nur das Äußere des
Kirchenbaus, sondern auch die besondere Auffassung ihres Innenraumes macht
die Stephanskirche zu einem immer wieder faszinierenden Erlebnis.
Niemand geringerer als der berühmte österreichische Architekt Adolf Loos hat
dafür 1906 folgende Worte gefunden:
(Aus: Trotzdem, Brenner-Verlag, Innsbruck, 1931
(zitiert nach: Unvergängliches Wien, Europaverlag, 1964, 395
Und ein gewisser Aniceto Sardo y Vilav meinte:
Der gotische Stil des Stefansturmes ist der vollendetste, feinste und eleganteste,
welcher in der ganzen Welt existiert und der sich stark von der Kathedrale von
Reims, Mailand und Burgos unterscheidet. Es ist fast unglaublich, dass man mit
einer so wenig günstigen Materie, wie der Stein es ist, ein Werk schaffen konnte,
dessen Sanftheit, Eleganz, Feinheit und Schönheit nur mit den künstlerischen
Spitzen von St. Gallen oder den von Malines verglichen werden kann. Der Turm von
St. Stefan, welcher von wunderbaren Legenden umwoben ist, bedeutet mehr als
einfacher Steinbau: er ist eine Glaubenshymne, ein inniges Gebet, das zum Himmel
steigt, er ist die verkörperte gläubige Seele des alten Reiches.

(Wien, die Königin Europas. Reichspost, Wien 1927.)
Der Bau einer Kathedrale stellte zur Zeit der späten Babenberger und frühen
Habsburger ein bewusstes politisch-geistliches Programm dar. An der östlichen
Peripherie des Reiches, in einer Mark ohne politisches Gewicht, wird eine
romanische Riesenkirche im Stil einer kaiserlichen Pfalzkirche geplant. In der
Folge wird eine französische Königskirche nachgeahmt, gleichzeitig aber der
Blick auf Prag gerichtet.

Die Stifter errichten eine Kathedrale in einer Stadt, die nicht einmal Bischofssitz
ist – alles sehr ungewöhnliche Voraussetzungen für einen Bau dieser Ausmaße,
erklärbar nur durch den unbändigen Willen zu politisch-geistlicher
Selbstmanifestation.

Während die ältesten Wiener Kirchen noch die Namen der Salzburger
Heiligen Rupert und Petertragen, ist die Stephanskirche bereits nach dem
Titelheiligen des Passauer Domes, Stephanus, benannt. Die Absicht, politische
und staatsrechtliche Selbstständigkeit vom und im Reich zu erlangen und zu
dokumentieren, ist wohl auch der wichtigste Grund dafür, dass der Wiener
Stephansdom neben zahlreichen religiösen Symbolen auch viele weltliche
Herrschaftszeichen enthält.

St. Stephan – Foto P. Diem

Die Stephanskirche mit ihrem 137 Meter hohen gotischen Turm ist nicht nur das
Wahrzeichen der österreichischen Bundeshauptstadt, sondern kann mit Fug
und Recht als Dom aller Österreicher gelten. (Der bekannte Südturm der
Stephanskirche wird übrigens nur in Reiseführern und im Wiener Lied “Steffl”
genannt, nicht aber im täglichen Sprachgebrauch der Wiener). Das hat vor allem
der gemeinsame Wiederaufbau des in den letzten Kriegstagen in Brand
geratenen Doms gezeigt.
Der Brand, der den alten hölzernen Dachstuhl einäscherte und die Pummerin,
die größte Glocke Österreichs, herabstürzen ließ, war nach allem, was man
weiß, nicht durch militärische Aktion, sondern durch von Plünderern in
Geschäften um den Dom gelegtes Feuer entstanden.

Der Turm im Abendlicht – Foto: P. Diem

Alle österreichischen Bundesländer haben nach 1945 dazu beigetragen, dass
dieses österreichische Nationalheiligtum, in dem sich alle Epochen und
Episoden unserer nationalen Geschichte wie in keinem zweiten Bauwerk
spiegeln, wieder zum geistig-religiösen Mittelpunkt Wiens wurde.
Eine Tafel oberhalb des 1952 eingefügten Schlusssteines im Hauptschiff trägt
folgende Inschrift:

Die dich in dieses Gotteshaus ruft, die Glocke, spendete das Land
Oberösterreich; das dir den Dom erschließt, das Tor, das Land Steiermark; der
deinen Schritt trägt, den Steinboden, das Land Niederösterreich; in der du
betend kniest, die Bank, das Land Vorarlberg; durch die das Himmelslicht quillt,
die Fenster, das Land Tirol; die in festlicher Helle erstrahlen, die Kronleuchter,
das Land Kärnten; an der du den Leib des Herrn empfängst,
die Kommunionbank, das Burgenland; vor dem deine Seele sich in Andacht
neigt, den Tabernakel, das Land Salzburg; das die heiligste Stätte des Landes
behütet, das Dach, spendete im Verein mit vielen hilfreichen Händen die Stadt
Wien.

Gottfried Heindl, Die Welt in der Nuss oder Österreichs Hauptstadt, Paul
Neff, Wien, 1972, 193.

Anmerkung: Es ist an dieser Stelle weder geplant noch möglich, eine genaue
Darstellung der Baugeschichte des Doms oder seiner architektonischen und
künstlerischen Einzelheiten zu geben. Wir müssten dabei auf verschiedene
Besonderheiten näher eingehen, wie etwa die Integration des romanischen
Westteils in eine gotische Hallenkirche, die überdurch-schnittliche Höhe des
Daches oder den Umstand, dass die hohen Türme von Anfang an nicht als Teil
des Westwerks geplant waren, sodass der vollendete Südturm an
der Kirchenmitte zu stehen kam, etc. Im Rahmen dieses Textes kommt es uns
vielmehr auf die Symbol-bedeutung des Gesamtbauwerks und einzelner
Details an:

• Der Dom wurde bereits in seiner romanischen Bauperiode, 1147, dem
Heiligen Stephanus, dem 31 n. Chr. gesteinigten Erzmärtyrer, geweiht.
Seine Längsachse richtet sich genau nach jenem Punkt am Horizont,
an welchem am 26. Dezember, dem Tag des Namenspatrons der Kirche,
die Sonne aufgeht, wie dies bei Kathedralen in der Regel vorgesehen
war.

• Einiges aus der Zahlensymbolik: der Dom ist 111 Fuß breit, 333 Fuß
lang, der Südturm ist 444 Fuß hoch. 7x7x7 = 343 Stufen führen zur
Türmerstube. Der Unterbau des Südturms wird durch zwölf
Filialentürmchen abgeschlossen. Die Langhausfenster (Ort der Laien)
haben je vier, die Chorfenster (Ort der Priester) je drei Teile.

• Der Tradition nach legte Herzog Rudolf IV. am 7. April 1359 selbst den
Grundstein für den neuen Dombau zu Wien. Durch seine Verwurzelung
im mittelalterlichen Denken Zentraleuropas und durch die spezifischen
Ambitionen seines Stifters, der die Stephanskirche als “Capella regia
Austriae”, als Königskirche Österreichs, konzipiert hatte – ist der Dom
von Symbolen geradezu durchwoben. Selbst in der Neuzeit – man denke
nur an die zwei Türkenbelagerungen und die zwei Weltkriege, deren
letzter beinahe die gänzliche Zerstörung des Gotteshauses bedeutet
hätte – wurden immer wieder Akte von höchster Symbolbedeutung für
unser Land an diesem Ort vollzogen. Lassen wir eine Reihe solcher Akte
vor unserem geistigen Auge Revue passieren:

• Vor dem Riesentor des Stephansdoms nahm die
Reichshaupt- und Residenzstadt Wien am 30. November 1916 nach 68-
jähriger Regentschaft Abschied von Kaiser Franz Joseph
I., dessen Leichnam danach in der Kapuzinergruft beigesetzt wurde. Schon seit 1887 befindet sich ein Standbild des Kaisers im Ornat des
ungarischen St. Stephans-ordens von Franz Erler an der nordwestlichen
Strebe des Adlerturms.

• Einige Schritte davon entfernt, die Nordwand entlang, war am 6.
Dezember 1791 Wolfgang Amadeus Mozart eingesegnet worden, bevor
die sterblichen Überreste des 35- jährigen Komponisten ihre Fahrt zum
einfachen Reihengrab auf dem St. Marxer Friedhof antraten. Welch eine
Spannweite zwischen diesen beiden zutiefst wienerischen und
österreichischen Ereignissen!

• Am 4. 11. 1918, an dem Tag, als durch den missverstandenen
Waffenstillstandstermin die österreichische Armee unterging, fand das
letzte feierliche Te Deum für Kaiser Karl statt, der an diesem Tag
Namenstag hatte.
Einige in den Dombau integrierte oder mit ihm in engem Zusammenhang
stehende nicht unbedingt religiöse Symbole sind die folgenden:

• In der rechten Wand des Torbogens des Riesentors ist der Teil
eines römischen Grabsteines eingemauert. Die
lateinischen Buchstaben lassen erkennen, dass der Stein von einem
Grabmal für einen Soldaten der X. Legion stammt, die im
dritten Jahrhundert gegen die Markomannen und Quaden gekämpft
hatte.

Foto: P. Diem

Den Kolomanistein, eine in Messing gefasste Steinreliquie, ließ Rudolf IV. im
Jahre 1361 in das nordseitige “Bischofstor” einmauern. Seine Umschrift lautet:
“Hic est lapis, super quem effusus est sanguis ex serratione tibiarum S, Colomanni
Martyris, quem huc collocavit illustris Dominus Rudolphus IV. Dux Austriae etc. “
Die Datierung des Bischofstores ist allerdings umstritten – ob der Kolomanistein
wirklich damals dort eingemauert wurde, oder in einen Altar auf der (damaligen)
Westempore, ist nicht sicher.

Unter der Statue des Kirchenstifters und seiner Gemahlin (Originale!) sollte
dieser Stein durch seinen Hinweis auf den ursprünglichen Landespatron
Niederösterreichs, Koloman, die ehrgeizigen politischen Pläne der
österreichischen Herrscher spirituell untermauern.
Details zum Kolomanistein: Am linken Gewände des Bischofs- oder Frauentores
findet sich der durch häufige verehrungsvolle Berührung stark abgegriffene
Kolomanistein. Die nur mehr teilweise lesbare gotische Umschrift am Rahmen
berichtet, dass er unter Herzog Rudolf IV., dem Stifter, im Jahre 1361
eingemauert worden ist. Eine nicht mehr erhaltene Kupferplatte darüber sagt
aus, dass diesen Stein Bischof Petrus von Chur zu Ehren des hl. Koloman und
aller heiligen Märtyrer am 3. Mai 1361 geweiht hat. Hinter ihm fand man in
bleierner Kassette einen Pergamentstreifen mit Inschrift, die bezeugt, dass auf
diesem Stein – unter den Herzog Rudolf mit eigener Hand zahlreiche Reliquien
gelegt hat – noch Blutspuren des hl. Koloman zu sehen waren. Der heilige
Koloman, ein irischer Palästinapilger aus königlichem Geschlecht, war im Jahre
1012 bei Stockerau den Märtyrertod gestorben. Wegen seiner fremdartigen
Kleidung war er der Spionage verdächtigt worden und an einem Baum erhängt
worden. 1014 wurden seine Gebeine in das Stift Melk übertragen und im Jahre
1243 genehmigte der Papst den Kolomanstag als Feiertag für ganz Österreich.
Die Reliquien dieses – offiziell nie heilig- gesprochenen – Märtyrers sollten sogar
in den künftigen Dom von St. Stephan übertragen werden. Die sogenannte
Virgilskrypta, vermutlich als Reliquienstätte gedacht, ist in ihrer Achse auf das
Namensfest des Märtyrers am 13. Oktober ausgerichtet. Rudolf IV., der Koloman
in Melk 1362 ein kunstvolles Grab errichten ließ, verfolgte mit der Anbringung
der Reliquie im Bischofstor eine religiöse aber auch eine politische Absicht. Der
hl. Koloman wurde zum Landespatron von Österreich, bis er 1663 durch den hl.
Leopold abgelöst wurde.

Rupert Feuchtmüller/Franz Hubmann, Der unbekannte Dom, Herder, Wien
1984, 62

Im Vorbau des leider von außen nicht zugänglichen Bischofstores findet sich ein
Stein mit einer geheimnisvollen Inschrift. Rudolf IV. hat sich einer eigenen
gleiche nach der Art von Steinmetzzeichen bedient, um seine Botschaften vor
fremder Neugier zu schützen. Die Inschrift wurde im 18. Jahrhundert entziffert
und lautet: “Hic est sepultus de nobili stirpe dux Rudolphus fundator”.
Beachte: Erst durch diesen Text erhielt Rudolf IV. den Beinamen “der Stifter”!
Die Geheimschrift kommt übrigens auch auf dem des Stifters vor.
Vergleiche: Die Geheimschrift des Stifters

Foto: P. Diem

• Am südseitigen Adlertor hängt der “Asylring” – wer sich an ihn
klammerte, sei einst vor Verfolgern sicher gewesen. Das ist aber eine
Legende: dieser Ring war ursprünglich eine Umlenkrolle für Seile, mit
denen Lasten und Baumaterial auf den Adlerturm aufgezogen wurden.

• Die großen, feierlich-einfachen Wappen an der Sohlbank der südlichen
Turmseite (Steiermark, Niederösterreich, Österreichischer Bindenschild,
Oberösterreich) stammen aus der Periode 1386-1395.

Foto: P. Diem

Es ist nicht voll geklärt, ob die Herzogsgestalt im Bischofstor, deren
Gürtelschnalle sehr prominent den Bindenschild trägt, Rudolf IV., der
Stifter (1358-65, ihm gegenüber seine Gemahlin Katharina von Luxemburg,
mit Bindenschilden als Mantelspangen) ist, wie dies Franz Kieslinger meint,
oder sein Bruder und Nachfolger Albrecht III. (1365-95, mit Gemahlin Elisabeth
von Luxemburg, der Schwester Katharinas), wie dies von anderen
angenommen wird. Die Zuordnung zu Albrecht III. ist bei Hans Tietze (Österr.
Kunst-topographie, 1931) veröffentlicht. Durch die Ähnlichkeit der von
Wappenträgern gehaltenen Wappen (Österreich-Pfirt bzw. Böhmen-Schlesien in
beiden Fällen) ist das offenbar schwierig zu unterscheiden. Für die These
Kieslingers spricht, dass die entscheidenden Bauimpulse von Rudolf IV. kamen
(er war 1359 der Initiator des gotischen Längsschiffs und des Südturms). Die
Frage wurde auch von Antje Kosegarten ausführlich untersucht. Ihre Arbeit ist
die derzeit „gültige“ mit überzeugenden Argumenten. Die beiden
korrespondierenden Skulpturen im südseitigen Singertor, dessen Innenseite zur
Zeit (noch) nicht zugänglich ist, werden allgemein als die Statuen Rudolfs IV.
und Katharinas bezeichnet, wobei der Bindenschild jedoch prominent nur an
den Mantelspangen der Herzogin zu sehen ist. In jedem Falle ergab sich
folgende Symbolik: wenn die Männer den Dom durch das Südtor betraten,
wurden sie durch die zur Rechten stehende Gestalt des Stifters und
Landesfürsten begrüßt, während die Frauen am Nordtor von einer freundlichen
“Landesmutter” willkommen geheißen wurden.

Kenotaph Rudolfs IV. Foto: Archiv

Der noch zu Lebzeiten angefertigte Kenotaph für den mit nur 26 Jahren am 27. 7.
1365 bei einem Turnier in Mailand verstorbenen Rudolf IV. zeigt den Stifter des
gotischen Stephansdoms an der Seite seiner Gemahlin Katharina in festlichen
Gewändern. Beider Häupter liegen auf weichen Kissen, das Paar scheint nur zu
ruhen, die Augen sind geöffnet, der Blick ist ins unfassbar Weite gerichtet –
im Erheben dem Osten, dem Licht zugewendet. Am Fußende wachen zwei
Löwen als Sinnbild der Auferstehung.

Die Absicht des Monuments ist es, nicht Tote darzustellen, sondern die
Nachwelt durch einen lebendigen Ausdruck anzusprechen. Leider lässt
die gegenwärtige Aufstellung des Kenotaphs keinen Augenkontakt zu – ähnlich
wie auch die Figur Friedrichs III. für den Besucher praktisch unsichtbar bleibt
(siehe unten). Das Kenotaphdenkmal Rudolfs IV. stand ursprünglich in der
Mitte des Albertinischen Chores, zwischen den Reihen des (alten) Chorgestühles.
Die Gruft, in der der Herzog in einem Kupfersarkophag bestattet wurde, ist
etwas weiter östlich, vor dem Hochaltar, ungefähr unter dem heutigen
Volksaltar.

Am 7. April 1933 wurde der Sarkophag geöffnet und das oben
erwähnte Leichentuch entnommen. Der Sarg neben Rudolfs Sarkophag
ist höchstwahrscheinlich nicht die letzte Ruhestätte seiner Gemahlin Katharina,
die ihn um drei Jahrzehnte überlebte und erst 1395, 53-jährig, als Gattin des
Markgrafen Otto von Brandenburg verstarb.
Rudolf Bachleitner/Peter Kodera, Der Wiener Dom, Dom-Verlag, Wien, 1966,
36 f.

Rupert Feuchtmüller/Franz Hubmann, Der unbekannte Dom, Herder,
Wien, 1984, passim

• Friedrich III.(1415-1493) war der Großneffe Rudolfs IV. Trotz namhafter
Gebietsverluste realisierte der wegen seines Phlegmas als “Schlafmütze
des Reiches” titulierte Herrscher viele der hochfliegenden Pläne des
Stifters. Unter Kaiser Friedrich III. wurde St. Stephan 1469 zur
Domkirche erhoben. Dem sparsamen Herrscher sagt man nach, er habe
bei der Errichtung des nie vollendeten_Nordturms verfügt, den sehr
sauer geratenen und deshalb unverkäuflichen Jahrgang 1450 des
Wiener Weins zum Anrühren des Mörtels zu verwenden, was sich
positiv auf die Haltbarkeit des Fundaments ausgewirkt haben soll. (Für
die Einstellung des Weiterbaus am “Adlerturm” im Jahre 1511 werden
mehrere Gründe angeführt: die Türkengefahr, die
aufkeimende Reformation, der neue Baustil der Renaissance und –
das wahrscheinlichste Motiv – Geldmangel. Zur Einstellung des
Turmbaues gibt es freilich noch andere Theorien, ein sehr wichtiger
Grund war sicherlich auch ein ästhetischer: Der zweite Turm hätte die
Wirkung des ersten nicht gesteigert, sondern verringert.

Foto: Kurt Regschek

Anmerkung: Der leider zu wenig bekannte Wiener Maler Kurt Regschek
(1923-2004), der den Stephansdom dreizehnmal nach Art der
Wiener Phantastischen Surrealisten liebevoll gemalt hat, behauptete
allerdings, bewusst oder unterbewusst sei die gedrungene Gestalt des
Adlerturms als “weibliche” Pendant zum “männlichen” Südturm konzipiert
worden. Regschek, ein engagierter Freimaurer, vertrat im Übrigen die These, das
Vorbild für die zwei Türme, die den meisten gotischen Kathedralen angegliedert
sind, seien die beiden ca. 16 m hohen Bronzesäulen (Jachin und Boas) gewesen,
die König Salomons Baumeister Hiram neben die Vorhalle des Tempels
stellte (1 Könige 7:15 und 2. Chronik 2 f). Um einem religiösen Richtungsstreit im
Lande die Spitze zu nehmen, habe der weise König Salomon einen
ausländischen Architekten, eben jenen Hiram aus der nördlich von Israel
gelegenen phönikischen Kolonie Tyrus, mit dem Tempelbau beauftragt
(vielleicht gab es schon damals Eifersüchteleien zwischen heimischen
Architekten – oder war es einfach eine fachliche Entscheidung Hiram war ja ein
ausgewiesener Fachmann und Sohn eines bekannten phönikischen
Bronzeschmieds?)

Das Thema Turmsymbolik ist etwas heikel. Bei der Grundsteinlegung des
Südturmes 1359 war sicherlich eine Erweiterung zur viertürmigen Anlage
geplant (Vorbild Rheinische Kaiserdome, v.a. Speyer, die Grablege Rudolfs I. von
Habsburg). Für die Planänderung um 1400 war die Bürgerschaft, die damals
federführend den Bau betrieb, verantwortlich, wodurch ein einziger
dominierende Turm in den Vordergrund rückte. Friedrich III. wollte den
ursprünglich vorgesehenen vierten Turm dann dazufügen mit den bekannten
Schwierigkeiten. Die mittelalterlichen Baupläne schwanken erstaunlich oft
zwischen Einturm- und Zweiturm- Fassaden, die wirklich innovativen
Turmprojekte (Ulm, Freiburg, Utrecht, Straßburg, letztendlich auch Prag und
Wien) folgen gerade nicht dem Schema, das Paris und Köln zeigen…….
Elisabeth Jaindl, Der Stephansdom im alten Wien, Kellner-Verlag,
Korneuburg, o.J
Grabplatte Friedrichs III.

An Friedrich III. erinnert vor allem sein Grabmonument. Das freistehende
Hochgrab im Apostelchor des Doms geht in seiner erhabenen Monumentalität
weit über den eigentlichen Zweck einer Begräbnisstätte hinaus: politisch ist es
letzter Aussohldruck der wahrhaft übernationalen römischchristlichen Reichsidee, künstlerisch kann es bereits als spätgotischer Vorbote
einer barocken Gedankenwelt gelten. Das Grabmal wurde vom größten
Bildhauer seiner Zeit, dem Niederländer Niklaus Gerhaert van Leyden, aus rotweiß geädertem “Adneter Marmor” (eigentlich handelt es sich um Kalkstein)
geschaffen. Das vielgestaltige ikonographische Programm des Monuments
umfasst insgesamt 240 Statuen. 1513 wurde der in Linz verstorbene Friedrich III.
in diesem letzten großen mittelalterlichen Kunstwerk beigesetzt. Wie die
meisten Gegenstände aus seinem Besitz trägt es als letzten Gruß des Kaisers an
die Nachwelt das geheimnisvolle Motto AEIOU. Dieses Motto findet sich auch an
der Basis des Wiener Neustädter Altars im Frauenschiff. In diesem befindet sich
auch eine Kopie des “Turiner Grabtuchs”.

Quelle: Institut für Paläontologie
Zu Friedrich III. Kuriositätensammlung zählte auch der rund 8.000 Jahre alte
rechte Schenkelknochen des “Mammuts vom Stephansplatz”. Nach diesem
einem sagenhaften Riesen zugeschriebenen Knochen soll das “Riesentor”
benannt worden sein. Es handelt sich in Wirklichkeit um den
Oberschenkelknochen eines Mammuts, der wahrscheinlich bei der
Grundaushebung für den heute sagenumwobenen Nordturm des
Stephansdoms im Jahre 1443 gefunden wurde und sich seit Mitte des 19.
Jahrhunderts in den Sammlungen des Instituts für Paläontologie der Universität
Wien befindet. Er zeigt auf der Vorder- und Rückseite je eine aufgemalte
Schriftrolle: eine mit der Jahreszahl 1443, die andere mit dem Wahlspruch von
Kaiser Friedrich III. “AEI0U”. Dieser Knochen hing viele Jahrzehnte lang im
Bereich des Riesentores von St. Stephan; dort dürften sich mehrere solcher
Reste befunden haben.

Es gibt eine ganze Reihe von Berichten über Riesenknochen, die im 18.
Jahrhundert an den Wänden von Kirchen und Schlössern aufgehängt waren. So
mancher dieser frühen Funde von Riesenknochen wurde allerdings oft auch als
vermeintlicher Rest von Einhörnern angesehen und landete als kostbare Medizin
in Apotheken, wo er für teures Geld verkauft wurde.
Aus Wien gibt es noch weitere Hinweise auf Riesenfunde: 1723 wurden auf dem
Thurygrund (heute: 9. Bezirk) Reste eines „Riesen” gefunden. Sie wurden als
Backenzähne eines eiszeitlichen Fellnashorns identifiziert. Leider sind die
Originalfunde verschollen. Auf eine weitere Erwähnung von Riesenfunden aus
Wien stößt man in der „Wienerischen Chronika” von Wolfgang Lazius aus dem
Jahre 1546 (deutsche Übersetzung: 1619). Er berichtet, dass im Boden Wiens die
Gebeine der in der Bibel genannten Riesen Gog und Magog gefunden worden
seien. Näheres ist darüber leider nicht bekannt.

Quelle:
Katalog des Wien-Museums “Wiener Sagen und ihre Zeichen” (vergriffen)

• Etymologie “Riesentor”: Nach anderer, glaubhafterer Lesart kommt das
Wort “Riesentor” aus dem Mittelhochdeutschen: das Westportal weist
nämlich in die Richtung, in welcher die Sonne ze rise geht (= untergeht).
Eine dritte Theorie sagt, das Wort “Riesentor” stamme von mhd. risan =
fallen, weil es durch ein “Risgater” (Fallgitter) gegen den StephansFreythof hin abgeschlossen werden konnte. Schließlich wird noch die
These vertreten, das althochdeutsche Wort risen (hineinziehen) sei
die etymologische Wurzel für den Begriff “Riesentor”. Es ist nicht
auszuschließen, dass die besondere Form tief abgestufter gotischer
Trichterportale mit Mandorla im Tympanon unterschwellig sexuelle
Bedeutung besitzen – als Gegenstücke zu den phallischen Turmsymbolen.
Zum Thema “Sexualsymbolik” siehe weiter unten bei “Westfassade”.

• Judenhut
Auf dem Fries über den Ziersäulen am Riesentor erkennt man einen
spitzen Hut, dessen Spitze abgebrochen ist. Dabei handelt es sich um die
Darstellung des “pileus cornutus”, des spitzen Judenhuts, den nach der
Wiener Synode von 1267 alle Juden als Erkennungszeichen tragen
mussten.

Judenhut am Riesentor – Foto: P. Diem
Bild in der Kreuzkapelle – Foto: P. Diem

• Auf den in der Südwestecke des Langhauses, unter dem sogenannten
Oexl-Baldachin befindlichen Altar, wurde im Jahr 1945 das Gnadenbild
der “Maria Pócs”, vom Typ her eine „Wegweiserin”, vom alten
Hochaltar übertragen, wo diese seit dem Jahr 1697 zur allgemeinen
Verehrung vom Kaiser persönlich aufgestellt worden war. Nach seinem
Herkunftsort Pócs in Ungarn benannt, und durch ein Tränenwunder
ausgezeichnet, erregte das Bild die Aufmerksamkeit des Wiener
Kaiserhofes, und das umso mehr in einer Zeit, da die Türkengefahr
durch den Sieg des Prinzen Eugen bei Zenta am 11. September 1697
endgültig gebannt werden konnte; Ein Ereignis, das der entscheidenden
Hilfe der Gottesmutter zugeschrieben wurde. Näheres

• Die Kreuzkapelle links vom Haupteingang ist zugleich das Grabmal des
Prinzen Eugen von Savoyen (1663-1736, des erfolgreichsten Feldherrn
Österreichs und großen Mäzens der Barockzeit. Er lebt nicht nur im
bekannten Volkslied “Prinz Eugen, der edle Ritter, wollt’ dem Kaiser
wied’rum kriegen Stadt und Festung Belgerad …”, sondern vor allem
durch sein Sommerschloss Belvedere und seine Bücher- und
Kartensammlung in der Nationalbibliothek weiter. In der Kapelle hängt
ein großes hölzernes Kruzifix. Das Kinn des Gekreuzigten ziert
anstelle eines geschnitzten Bartes ein schwarzer Bart aus echten
Haaren. Die Legende sagt, der Bart sei immer wieder
nachgewachsen, nachdem ihn fürsorgende Jungfrauen alljährlich am
Karfreitag gestutzt hätten. Der Begriff vom „Herrgott, dem der Bart
wächst“ hat allerdings eine junge Tradition, er wird im 18. Jh. noch nicht
erwähnt.
Sonnenuhr am Südpfeiler des Chors – Foto P. Diem

• An einem Pfeiler an der Südseite des Apostelchors befindet sich eine
Sonnenuhr, die dem Hofastronomen Friedrichs III. Georg von
Peuerbach zugeschrieben wird.

• Die Katharinenkapelle, deren Eingang unterhalb des Südturms liegt, ist
ein architektonisches Juwel (14./15. Jh.). Der aus einem Achteck
entwickelte Zentralraum besitzt einen kleinen Chor. Frei schwebende
Rippen des Sterngewölbes vereinigen sich zu einem hängenden Zapfen,
dessen Schlussstein die Halbfigur der hl. Katharina von Alexandrien,
Patronin der Philosophen, mit Schwert und Rad zeigt.

Foto: P. Diem

• An der Westseite dieser Kapelle hing einige Zeit ein 4 m hohes Bild des in
den USA sehr bekannten katholischen Malers und Bildhauers F.C.
Shrady (1907-1990), das den Titel “The Last Nail” trägt. Es wurde 1947
von Katholiken der amerikanischen Besatzungsmacht gestiftet. Der
letzte Nagel vor der Kreuzabnahme soll den letzten Leidensnagel
des österreichischen Volkes, die zehnjährige Besetzung durch die
alliierten Siegermächte, symbolisieren. In den Jahrzehnten nach dem
Krieg hing das Bild an verschiedenen Stellen der Stephanskirche. Zuletzt
befand es sich in totaler Finsternis am staubigen Dachboden des Domes,
wo es bei den samstäglichen Abend-Führungen besichtigt werden
konnte, aber nicht ausdrücklich gezeigt wurde. Wie es scheint, ein
typisch österreichisches Schicksal. Seit das Gemälde im Mai 2005 in eine
kleine zeitgeschichtliche Ausstellung integriert wurde, gibt es
Bestrebungen, das Bild an einem prominenterem Ort auszustellen. Hier
die Beschreibung des Bildes bei seiner Übergabe an die Domkirche:
Kathpress Nr. 500 – Wien, am 23.09.1947

Major Shradys Gemälde an St. Stephan übergeben
Am Nachmittag des 22. September 1947 fand im Konsistorialsaal des
Erzbischöflichen Palais eine Feier statt, bei der das Gemälde des
amerikanischen Malers Frederick C. Shrady an den Dom übergeben wurde.
Der Feier wohnten bei: Kardinal Dr. Innitzer, Erzbischof Dr. Kamprath mit den
Mitgliedern des Domkapitels, Bürgermeister Körner, in Vertretung des
Bundeskanzlers Dr. Figl Sektionschef Dr. Chaloupka und zahlreiche
Persönlichkeiten der Politik, der Wissenschaft und Kunst.

Von amerikanischer Seite waren Prälat Oberst Nuwer mit dem Maler Major
Frederick Shrady, sowie zahlreiche hohe Offiziere mit ihren Angehörigen
erschienen. Die Feier wurde eröffnet durch eine Ansprache des Domdechanten
Prälaten Josef Wagner, der eine kurze Würdigung der Persönlichkeit des Malers
gab, wobei er u.a. am die starke Bindung erinnerte, die der Künstler mit Wien
einging. Universitätsprofessor Dr. Anselm Weissenhofer bot eine
großangelegte fachliche Würdigung des Bildes und erklärte u.a.

„Das vom Maler Frederick Shrady gewidmete Bild der Kreuzabnahme ist auf Holz
gemalt und soll in gegebener Zeit in das Gewände der Eligiuskapelle in der Höhe
von ungefähr 4 Meter. Größe und Umriss der Tafel bestimmen weitgehend die
kompositionelle Anlage des Bildes. Die übliche Darstellung mit dem Kreuzstamme
in der Bildmitte war ausgeschlossen. Der Künstler verstand es nun in höchst
origineller Weise, von der traditionellen Auffassung abweichen, das uralte Thema
sinngemäß umzustellen. Man sieht nur das Linke Ende des Querbalkens in die
Bildfläche hineinragen. Es ist der Moment gewählt, da die linke Hand des Erlösers
losgelöst wird und der Leichnam Christi in die Hände seiner Freunde gleitet. Es
sind dies nach biblischem Berichte Johannes, Joseph von Arimathea und
Nikodemus, letzterer als Jüngling, der die schwierige Aufgabe der Loslösung zu
besorgen hat. Unten Maria Magdalena in rotem Kleid und die Mutter des Herrn in
blauem Mantel, also in traditioneller Farbgebung. Das Fehlen weiterer
Nebenpersonen – die Zuschauermenge ist auf einen Knaben am Fuße des Kreuzes
reduziert – sowie das weite baumlose Hügelgelände im Hintergrund, sichern dem
Bilde eine geschlossen monumentale Wirkung.

Der ganze Bildaufbau, meisterlich belebt, durch starke Kontrastlinien und Kurven,
die das Heruntergleiten in bezwingender Form zum Ausdruck bringen, ist klar und
fest gefügt, so dass ein leichtes Verrücken auch nur einer Figur das ganze Gefüge
ins Wanken bringen müsste, eine vorzügliche Eigenschaft, die nur ganz großen
Meisterwerken eigen ist. Die Helligkeit, die sich aus der großen Finsternis der
Todesstunde wieder durchringt, sowie die sorgsame Auswahl und
Zusammenstimmung der kräftig lebendigen, aber keineswegs bunten Farben,
verstärkt den Ernst des weltgeschichtlichen Vorgangs ungemein. Die herben, ganz
in sich gefassten Züge der Gottesmutter, die dem Beschauer zugewandt, unter
dem Kreuze steht, verraten das Erwarten des bitterseligen Augenblicks, da der
Leichnam ihres geliebten Sohnes ihr in den Schoß gelegt werden wird. Das
Gemälde ist nicht nur eine hochkünstlerische Leistung, sondern in jedem Sinne
weihevoll, und geeignet, die frommen Empfindungen des gläubigen Volkes
mächtig anzuregen.”

Major Shrady erwähnte bei der Übergabe des Bildes an die amerikanische
Besatzungsmacht, dass er schon vor Jahren mit seiner Mutter den Stephansdom
besucht hatte und ergriffen war von der erhabenen Architektur dieser Kirche. Er
widme das Bild zu einer Zeit, da viele Kunstwerke vernichtet wurden. Sodann
bat Prälat Nuwer Kardinal Innitzer, die Kreuzabnahme als Geschenk
anzunehmen, nicht nur als Geschenk des Malers, sondern auch als ein solches
der ganzen amerikanischen Besatzungsmacht in Österreich. Mit diesem Bilde
schenkt Amerika etwas für die Seele. Es heißt „Der letzte Nagel“. Alle Qual
musste der Heiland erleiden, nichts war ihm erspart, ein Nagel nur hat diesen
Körper noch ans Kreuz festgehalten. Ist dieser letzte Nagel herausgezogen, dann
ruht der Gottesmensch, um bald darauf seine Auferstehung zu feiern. Qual um
Qual musste Österreich über sich ergehen lassen und nach dem letzten Nagel
wird auch Österreich wieder auferstehen. Der Blick zum Kreuz soll unser aller
Trost sein. In diesem Sinne übergebe ich dieses Bild und erbitte von Christus
reichsten Segen und Glück für Österreich.“ Hierauf dankte Kardinal Innitzer
bewegt dem Künstler und nahm das Bild in Empfang. „Möge dieses Bild des
amerikanischen Volkes eine Visitkarte sein, möge es den Anfang einer Reihe von
Kunstwerken sein, die in der jetzigen Zeit geschaffen werden und Ausdruck des
20. Jahrhunderts sind.“

Foto: P. Diem

Vor dem Eingang in die Katharinenkapelle erinnert eine genau unter der
Turmspitze des Südturms in den Boden eingelassene Gedenktafel an den
vornehmsten von sieben Vermessungspunkten der Grundsteuerbemessung von
1817, mit welchem die gesamte Donaumonarchie mit Ausnahme der Länder der
Stephanskrone katastriert wurde.

Beachte: Die Bestimmung der geographischen Länge erfolgt hier nicht nach
dem 1884 eingeführten Nullmeridian von Greenwich, sondern “nach Ferro”.
Dieses Maß wurde im Jahr 150 n. Chr. von Claudius Ptolemäus an die
westlichste Grenze der bekannten Welt, an die Isla del Meridiano (El Hierro oder
Ferro), die westlichste Insel der Hesperiden (heute Kanarische Inseln) angelegt.
Im April 1634 wurde die Insel Ferro von einem Gelehrtenkongress aller
seefahrenden Nationen bestätigt. Ab 1738 wird in England der Meridian von
Greenwich angewandt. In Deutschland wird er 1885 übernommen, in Frankreich
um 1900. Österreich-Ungarn verwendet ihn bis 1918 parallel mit dem alten
Ferro-Meridian.

Foto: P. Diem

Die unterhalb des Nordturms liegende Barbarakapelle (1492) ist ebenfalls aus
dem Oktogon gestaltet.

Ihr Doppelsterngewölbe läuft jedoch in zwei Hängezapfen aus, die Reichsadler
und Bindenschild tragen. Unter dem Kruzifix wurde eine Kapsel mit Asche aus
den Krematorien des Konzentrationslagers Auschwitz eingelassen. Sie war
1983 von Franciszek Kardinal Macharski im Beisein von Papst Johannes Paul
II. an Franz Kardinal König übergeben worden.

o Feuerwache: 421 Jahre lang, bis 31. Dezember 1955, versah ein
Feuerwehrmann in der Türmerstube, in 72 Metern Höhe, seinen Dienst. Bei
Ausbruch eines Brandes warnte er die Bevölkerung mit einem blechernen
Sprachrohr. Dazu schwenkte er bei Tag eine rote Fahne, bei Nacht eine rote
Laterne.

o Inschrift: Am linken Bogen des Primtors sind noch kyrillische Buchstaben
erkennbar: sie stehen für “Provereno” (= überprüft). Sie stammen aus dem April
1945, als die Soldaten der Roten Armee alle öffentlichen Gebäude nach
Angehörigen der SS oder nach Sprengladungen durchsuchten und sie dann
durch diese Inschrift kennzeichneten.

o Die Pummerin ist die größte Glocke Österreichs.
In der “Wendenstadt”, heute Burggasse 55 bei der Stuckgasse (die wegen der
Gießerei ihren Namen hat) hergestellt, läutete die 22.500 kg schwere alte
Pummerin von ihrem hölzernen Gestühl im Südturm aus zum ersten Mal am 26.
Jänner 1712, als Karl VI. nach der Kaiserkrönung in Wien einzog. Die alte Glocke
zeigte den hl. Josef mit den Wappen von Böhmen und Ungarn, die Jungfrau
Maria mit dem kaiserlichen Wappen und den hl. Leopold mit dem
österreichischen Wappen.

Zum letzten Mal vor ihrem traurigen Ende ertönte ihre zwischen dem großen B
und dem großen H angesiedelte Stimme zu Ostern 1937. Die mächtige Glocke
zerschellte beim Brand des Doms am 12. April 1945, nachdem sie 50 m in die
Tiefe gestürzt war.
Entstehungsgeschichte
Die abgestürzte Glocke und die neue Pummerin
(Foto: Gryffindo Aus: Wikicommons unter CC)

Der Dom im Vollbrand
ÖNB/Bildarchiv Austria
In einem Pfarrführer aus dem Jahre 1958 berichtet der bekannte Wiener
Publizist und Kommunalpolitiker Jörg Mauthe (1924-1986) über die
tatsächlichen Vorgänge beim Brand des Doms: Als der Dom in Flammen
stand…

Sonntag, 8. April 1945:
Truppen der deutschen Wehrmacht kontrollieren noch immer auf ihrem
Rückzug den ersten Wiener Gemeindebezirk, die Innere Stadt. In den frühen
Nachmittagsstunden Bombenangriff russischer Flieger. Eine Bombe fällt neben
den Hochturm von St. Stephan, eine andere durchschlägt das rechte
Seitenschiff. Kein bedeutender Schaden. Aber eine andere Gefahr droht: Feuer!
Die Häuser des Stephansplatzes gegenüber dem Riesentor sind in Brand
geraten. Der ewig durch Wien fegende Wind überschüttet den Dom mit einem
wahren Funkenregen. Das Gerüst des unausgebauten Turmes beginnt zu
brennen. Unter großer Mühe einiger weniger freiwilliger Helfer – die Wiener
Feuerwehr war bekanntlich mitsamt ihren Geräten von Wien abgezogen worden
– kann das Feuer gelöscht werden. Auch ein Brandherd auf dem hohen Turm,
dem „Steffel”, unterhalb der „Pummerin”, wird rechtzeitig entdeckt und
beseitigt. Am Abend scheint alle Gefahr gebannt. Doch um 10.30 Uhr neuer
Alarm: Die Turmspitze brennt! Inmitten des Artilleriefeuers, ohne Rücksicht auf
den Funkenflug, bekämpft eine Handvoll Männer allein mit Wassereimern den
Brand in 120 m Höhe. Mit Erfolg.

Montag, 9. April 1945:
Die Innere Stadt ist noch immer Kriegsschauplatz; einige russische Granaten
schlagen in und neben dem Turm ein. Kein besonderer Schaden.

Dienstag, 10. April 1945:
Truppen der Roten Armee rücken durch die Straßen der Inneren Stadt zum
Donaukanal vor.

Mittwoch, 11. April 1945:
Um die Mittagszeit eröffnen deutsche Batterien von jenseits der Donau starkes
Feuer auf den Stadtkern von Wien. Der Turm von St. Stephan erhält neue Treffer,
das Dach des Doms wird an vielen Stellen durchlöchert. Banden, hauptsächlich
ziviler Plünderer, ziehen umher. Nach ihrem Abzug beginnen die bisher noch
nicht zerstörten Häuser des Stephansplatzes von unten zu brennen. Starker
Funkenflug. Der Wind dreht sich und trägt das Feuer auch in das Churhaus. Über
dem Dom geht ebenfalls ein neuer Funkenregen nieder. Brandherde im Dach
über dem rechten Seitenschiff können gelöscht werden. Ebenso ein neuer Brand
im hohen Turm.

Donnerstag, 12. April 1945:
Zwischen 0.00 Uhr und 1.00 Uhr früh fängt das Gerüst des nicht ausgebauten
Nordturmes abermals Feuer. In kurzer Zeit entwickelt sich eine hohe Feuersäule.
Prasselnd steigt sie gegen den Himmel. Diesmal reichen die Kräfte nicht mehr.
Die Handvoll todesmutiger Männer steht einem hoffnungslosen Werk
gegenüber. Weitere Kräfte heranzuziehen, ist unmöglich. Die Katastrophe ist da:
Das Feuer greift auf das Innere des Turmes über und frisst sich in das hölzerne
Glockengestühl ein. Bald bricht es zusammen. Brennende Balken fallen auf das
Dach des Langhauses und stecken es ebenfalls in Brand. Um zirka 11.00 Uhr
vormittags steht bereits der ganze Mittelteil des gewaltigen Dachstuhles in
Flammen. Ein einziges Lichtbild von der Katastrophe gibt diese Situation wieder.
Um 13.00 Uhr sinkt der Dachreiter auf dem First des Chordaches um. Der
Glockenstuhl des Hauptturmes wird ein Opfer des Feuers. Binnen kurzem ist er
zerstört. Die „Pummerin” zerspringt und fällt mit den brennenden Balken in das
Kircheninnere neben den Eingang. Durch eine große Gewölbeöffnung über der
Orgel fällt — es ist bereits Donnerstag Nachmittag – Glut in das Orgelwerk. Im Nu
brennt es lichterloh und entwickelt im Kircheninneren eine furchtbare Hitze.
Schließlich springen die Flammen noch auf das Innere des südlichen
Heidenturmes über. Noch immer glaubt man, das Innere der Kirche mit
Ausnahme der großen Orgel und des “Wimpassinger Kreuzes” erhalten zu
haben…

Freitag, 13. April 1945:
Kurz war diese Hoffnung. Um 4.15 Uhr früh stürzt eine Stützmauer des
Dachstuhles ein, durchschlägt die Gewölbe, zertrümmert die Emporen und das
gotische Chorgestühl. Alles brennt augenblicklich. Die Katastrophe war
vollständig.

Gerhard Klinkicht – der Retter des Stephansturms
Gedenktafel für Gerhard Klinkicht – Foto: P. Diem
In den frühen Morgenstunden des 10. April 1945 besetzen die Spitzen der Roten
Armee kampflos die Innere Stadt. Unbekannte hissen auf dem Stephansturm
eine weiße Fahne.

Hauptmann Gerhard Klinkicht befehligte zu diesem Zeitpunkt eine 8,8
Flakbatterie im Wiener Flakgürtel. Er erhält von Stadtkommandant Sepp
Dietrich am 10.4.1945 den Funkbefehl: “100 Granaten gegen den Stephansdom
abfeuern und sollte das nicht genügen, bis zum Einsturz des Turmes
weiterfeuern”. Dies sollte aus Vergeltung für die von der Bevölkerung gehisste
weiße Fahne geschehen.

Klinkicht verweigerte die Ausführung dieses Befehls aus moralischen Gründen.
Er ließ zurückfunken, dass er kein Kulturschänder sei und nicht auf die
Bevölkerung schießen wolle, die er so lange verteidigt hatte. Seine Batterie
befand sich nämlich am Bisamberg und ein Beschuss des Doms aus dieser
Distanz hätte auch in der Umgebung Schäden verursacht. So rettete Klinkicht
den Stephansdom vor der totalen Zerstörung.
Trotzdem wurde der Dom zu 45 Prozent durch einen Brand zerstört, der am 11.
und 12. April 1945 infolge Funkenfluges von den brennenden Häusern der
Umgebung ausgelöst wurde. Es wurden vernichtet: der gotische Dachstuhl, das
hochgotische Ratsherrengestühl, die Glasfenster, das Lettnerkreuz, die
Kaiseroratorien, Chor- und Riesenorgel, die meisten Glocken, darunter die
„Pummerin und vieles mehr.

Zur Erinnerung an die mutige Tat Gerhard Klinkichts wurde am Fuße des
Südturms neben der oberen Sakristei eine Gedenktafel mit dem Text:
“Hauptmann Gerhard Klinkicht zum Dank. Durch seine Gewissensentscheidung
bewahrte er im April 1945 den Stephansturm vor der Zerstörung” enthüllt.
Einige Monate vor seinem Tod am 14. März 2000 in Bayern überreichte Klinkicht
Dr. Christoph Kardinal Schönborn noch einen Scheck über rund 70.000 Euro für
die Restaurierung des Stephansdoms. Insgesamt spendete Klinkicht 150.000
Euro für “Unser Stephansdom”.
Quelle: Rolf M. UrriskObertynski Wien. 200 Jahre Garnisonsstadt, Band 3 Innere
Stadt, Wien, 2013

In der Glockengießerei St. Florian am 5. November 1951 nach
einem misslungenen ersten Versuch auf Kosten des Bundeslandes
Oberösterreich aus dem alten Metall wieder gegossen, kehrte die neue
Pummerin am 26. April 1952 in einem ergreifenden Triumphzug nach Wien
heim. So wie die alte “Josephinische Glocke” einige Monate nach dem Tod
Josephs I. mit ihrem Einzug am 29. Oktober 1711 das Ende der Türkenkriege und
Ungarnaufstände signalisierte, galt die neue Pummerin sieben Jahre nach dem
Ende des Zweiten Weltkrieges als ein Symbol für die glückliche
Wiedergeburt Österreichs aus Trümmern und Not.

Die neue Pummerin hat einen Durchmesser von 314 cm und ist mit Krone 294
cm hoch. Mit ihren 21.383 kg ist sie nach der “Deutschen Glocke” des Kölner
Doms (23.500 kg) die zweitgrößte Kirchenglocke der Welt. Für den Neuguss 1951
wurden auch historische türkische Kanonen aus dem Bestand des
Heeresgeschichtlichen Museums verwendet. Die Glocke trägt sechs Türkenköpfe
auf den Armen der Henkelkrone, drei Bildreliefs (Madonna, Türkenbelagerung
1683 und Dombrand 1945) und eine Weiheinschrift, deren lateinischer Text in
deutscher Übersetzung lautet:

o “Wiederhergestellt unter Theodor Kardinal Innitzer über
Betreiben von Heinrich Gleißner durch Werkmeister Karl Geisz;
geweiht der Königin von Österreich, damit durch ihre
mächtige Fürbitte Friede sei in Freiheit. 1951″

o “Gegossen bin ich aus der Beute der Türken, als die
ausgeblutete Stadt nach tapferer Überwindung der feindlichen
Macht jubilierte. 1711.”

o “Geborsten bin ich in der Glut des Brandes. Ich stürzte aus
dem verwüsteten Turm, als die Stadt unter Krieg und Ängsten
seufzte. 1945.”

Über dieser Inschrift befindet sich eine Darstellung des Bundeswappens,
darunter das oberösterreichische Landeswappen sowie die Wappen Kardinal
Innitzers, des Linzer Bischofs Dr. Josef Fließer und der Glockengießerei St.
Florian.

Als der Dom nach den Kriegszerstörungen am 27. April 1952 feierlich
wiedereröffnet wurde (am siebenten Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung!),
wurde die neue Pummerin das erste Mal angeschlagen. Am 5. Oktober 1957 in
ihre neue Glockenstube unter dem Helm des 68 m hohen Nordturms
aufgezogen, erschallte ihr nunmehr auf das kleine c+4/16 gestimmtes Läuten
bereits über einem freiem Österreich, zum ersten Mal am 13. Oktober 1957.
Seither begleitet ihr sonorer Klang die hohen kirchlichen Feste und das
ausgelassene Treiben am Silvesterabend – ganz im Sinne von Franz Karl
Ginzkey, der ihr diesen Hymnus widmete:

Sei gegrüßt uns, Heimgekehrte,
Uns im Herzen lang Entbehrte,
Wieder uns zum Trost verliehn!
Als Vermächtnis neu gestaltet,
Und von Treugefühl verwaltet,
Ziehst du in dein altes Wien.
Wieder wird auf starken Schwingen
Deine dunkle Stimme singen,
Wie sie einst den Vätern klang.
Gottes Huld sei dir beschieden!
Singe du das Lied vom Frieden
Und dem Schöpfer Preis und Dank!
1945 Chronologie einer Zerstörung, Der Dom zu St. Stephan, Dom-Verlag,
Wien, 2000, S. 68 f.

Foto: P. Diem

Über dem nördlichen Eckstein des Riesentores erinnern zwei Norm-Maße (alte Wiener
Elle mit 77 cm und Klafter mit 90 cm) und darüber ein geheimnisvolles Kreismaß daran,
dass hier einst ein Ort der Rechtsprechung war. Während die eisernen Längenmaße
manch betrügerischem Stoffhändler zum Verhängnis wurden, stammt der Kreis von
einem Eisenhaken, der zur Befestigung des geöffneten linken Flügels des
mächtigen Gittertores diente.

In der Bevölkerung hielt sich freilich hartnäckig der Glaube, dass es sich bei dem Kreis
um das richtige Maß für Brotlaibe handle.
Grobe Verstöße gegen das Gewicht des Brotes wurden in Wien bekanntlich durch das
“Bäckerschupfen” geahndet: der geizige Bäcker wurde in einem versperrten Eisenkorb
einige Male in das Wasser eines Donauarmes versenkt. Links im Bild sieht man noch
Einschusslöcher von den Straßenkämpfen um den Dom im April 1945.
prowerena (überprüft) – Foto: P. Diem
Kwartal prowerena (Häuserblock überprüft) – Foto: P. Diem
Soldaten der Roten Armee haben nach der Einnahme Wiens im April 1945 an
der Südecke der Westwand eine zyrillische Inschrift angebracht. Sie ist nur
mehr undeutlich zu erkennen. Das Wort könnte auf Russisch ” ПРОВЕРЕНО “
oder ” ПРОВЕРЕННЫЙ ” heißen: auf Deutsch “überprüft”. Es könnte sich darauf
beziehen, dass der Dom für minenfrei erklärt wurde.

Vielleicht können Fotos aus der Nachkriegszeit zur Klärung dieser Frage
beitragen. Man sollte dieses zeitgeschichtliche Dokument erhalten, also
eventuell restaurieren, jedenfalls aber durch Glas schützen wie die Inschrift am
Haus 1., Akademiestraße-Kärntnerring (Bild rechts).

Den Gedanken des tragenden Ecksteines greifen Statuen des
Stifterehepaares auf, deren Originale sich heute im Wien Museum befinden: An
der südlichen Eckstrebe die Statue Erzherzog Rudolfs IV. mit Erzherzogskrone
und zwei Wappenträgern, am nördlichen die seiner Gemahlin Katharina,
Tochter Kaiser Karls IV. Rudolf war schon als Neunjähriger der sechsjährigen
Kaisertochter angetraut worden, deren Vater dem 19-jährig zur Herrschaft
gelangten Habsburger zum großen Vorbild werden sollte.

So ist der Stephansdom auch in Konkurrenz zum 1344 gestifteten Prager
Veitsdom entstanden – wie auch die Wiener Universität (1365) der Prager KarlsUniversität (1348) nacheiferte. Interessant das Wetteifern des Schwiegersohns
mit dem Schwiegervater – der Stadt an der Donau mit der Stadt an der Moldau.
Ein Standbild (Kopie) Kaiser Karls IV. (um 1365) befindet sich an der
südwestlichen Strebe des Südturms. Die Originale der dort aufgestellten Figuren
befinden sich heute im Wien Museum.

Westfassade – Foto: P. Diem
Nicht alltäglich für einen Kirchenbau sind die beiden doppelten Halbsäulen an
der Westfassade des Stephansdoms, deren nördliche in einem naturgetreuen
männlichen und deren südliche in einem ebensolchen weiblichen
Geschlechtsorgan enden. Sie stehen in einem Spannungsverhältnis zu den
Formen der beiden “Heidentürme”. Ihre Funktion ist es, die Vollkommenheit des
Menschen in seiner Zweigeschlechtlichkeit auszudrücken…
Zeichen der Widerstandsbewegung O5.
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter
Ebenfalls an der Westfassade, gleich rechts neben dem Riesentor, findet sich das
in den uralten Stein gemeißelte Zeichen “O5”. Es wurde in den letzten Monaten
der NS-Herrschaft von der vorwiegend bürgerlichen Widerstandsbewegung O5
als Kürzel für “OEsterreich” verwendet. Als eines der wenigen
Widerstandszeichen erinnert es an jene Österreicher, die nicht mit den Wölfen
heulten, sondern ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Ehre Österreichs zu retten.
Das Zeichen ist in der heutigen Form (mehrmals) nachgraviert worden –
als bleibende Mahnung: zu verzeihen, aber niemals zu vergessen.
Foto: P. Diem

Das nach dem Brand im April 1945 völlig neu konstruierte Dach
(Metalldachstuhl statt Lärchenholz, glasierte Ziegel – wie die aus der Gotik
– aus Poštorná bei Břeclav/Lundenburg in Mähren) wurde 1950 fertiggestellt. Auf
dem Dach sieht man eine heraldische Besonderheit: aus Gründen der Courtoisie
gegenüber dem Wappen der Bundeshauptstadt Wien blickt der Adler im
österreichischen Bundeswappen nicht wie üblich nach (heraldisch) rechts,
sondern über seine linke Schulter zu seinem Wiener “Kollegen” nach links
(“widersehend”).

Von den feierlichen Glasmalereien aus der Zeit zwischen 1330 und 1350
überlebten nur 90 die Barockzeit, die sich durch die Entfernung der das ganze
Langhaus zierenden bemalten Fenster mehr Licht verschaffen wollte. Nur die
Fenster des Chores wurden nach dem Krieg mit erhalten
gebliebenen Originalscheiben ausgestattet. So befindet sich gegenüber
dem erzbischöflichen Thron das neu arrangierte Glasgemälde mit der großen
Kreuzigung: – in der untersten Reihe der hl. Stephanus, Patron der
Kathedrale, bei seiner Steinigung, – darüber die Wappen von Kärnten,
Niederösterreich und Steiermark, – oben Fensterarchitektur gekrönt von der
Kreuzigungsszenen mit Assistenzfiguren.

o Die etwa 1390 entstandenen “Fürstenfenster” aus der
südwestlichen Bartholomäuskapelle des Doms zählen zu den
eindrucksvollsten Exponaten des Wien Museums. Darunter befinden sich die
nach Prager Vorbild in der Wiener Hofwerkstatt gestalteten
“Habsburgerfenster”, die – im Gegensatz zu den um 1280 entstandenen
Babenberger-Fenstern im Brunnenhaus des Stiftes Heiligenkreuz – nicht dem
Gedächtnis der Ahnen, sondern der Verherrlichung des regierenden Geschlechts
(von Rudolf I. bis Friedrich III.) dienten.
Die Uhr am Westwerk – Foto: P. Diem

Die mit verzierten goldenen Zeigern und einem Sonnensymbol versehene Uhr
am Westwerk zeigt die Vanitassymbole “Totenschädel” und “Waage des
Jüngsten Gerichts mit Richtschwert”, aber auch eine Krone und einen Uroborus
– eine sich in den Schwanz beißende Schlange als Symbol der Ewigkeit. Dazu
tritt die Inschrift “in aeternam” (in Ewigkeit).
1514-1519, Messing, vergoldet, 141,5 x 145 cm, Foto: Wien-Museum
Der “Mondschein”

Die Spitze des Südturmes von St. Stephan wurde nach ihrer Zerstörung durch
Blitzschlag Anfang des 16. Jahrhunderts durch den „Mondschein” ersetzt. Diese
neue Turmbekrönung stellte die Gestirne dar und sollte vermutlich damit – pars
pro toto – den gesamten Kosmos symbolisieren. Während der Ersten
Türkenbelagerung hatten die Wiener Halbmond und Stern als islamische
Feldzeichen kennengelernt. Damit fand der „Mondschein” Eingang in die
österreichische, aber auch in die türkische Sagenwelt: Beide Seiten erzählen die
Legende, dass das Zeichen auf Forderung des Sultans Süleyman nach der
Ersten Türkenbelagerung auf dem Turm angebracht worden sei.
153 Jahre später, bei der Zweiten Türkenbelagerung, gelobte Kaiser Leopold I.,
das Christenkreuz auf die Spitze des Turmes setzen zu lassen, wenn durch
Gottes Beistand die Stadt von den Türken befreit würde.

Aber erst 1666, nach der Rückeroberung Ofens, wurde der „Mondschein”
abgenommen. Zwei der acht Strahlen der Sonne wurden abgebrochen und für
den Guss des neuen Kreuzes verwendet; der Kupferstecher Johann Martin
Lerch ätzte die Inschrift „Haec Solymanne Memoria tua” („Dieses, Süleyman, zu
Deinem Gedächtnis”) mit einer Feige (Neidhand) und der Jahreszahl „Ao1529″
ein.

Die besondere Beschaffenheit der reifen Feige, der ältesten von den Menschen
kultivierten Frucht, hat im Orient zur Fica-Geste geführt, einer symbolische
Gebärde, die den bösen Blick abwehren und überhaupt gegen feindselige Wesen
und Kräfte schützen sollte. Dabei wird bei geschlossener Faust der Daumen
zwischen Zeige- und Mittelfinger durchgesteckt, was als »obszöne Geste« und
Symbol des Sexualaktes gedeutet wird. Der Glaube an die Abwehrwirkung mag
mit der Überlegung zusammenhängen, dass Dämonen als Geistwesen
geschlechtslos seien und daher sexuelle Anspielungen aller Art scheuten (dies
mag auch die Vergesellschaftung von Genitalbildern, Pentagrammen und
christlichen Symbolen auf alpinen Felsritzbildern erklären – vergleiche oben das
Westportal des Domes). Die »Neidfeige«, ein Amulett aus roten Korallenstücken,
ist noch heute in vielen Gegenden ein beliebtes Amulett, das u. a. an Uhrketten
und Halsbändern getragen wird. – In mittelalterlichen Bildern der Passion Christi
wird dargestellt, dass missgünstige Beobachter des Leidensweges des Erlösers
ihn durch Zeigen der Feigengeste verspotten.
Hans Biedermann, Knaurs Lexikon der Symbole, München, 1989, 142

Altes Kreuz
Neues Kreuz

Wien Museum – Foto: P. Diem
Wien Museum – Foto: P. Diem

Neues Kreuz vor der Neuvergoldung (Foto: Dombauhütte)
Das neue Turmkreuz – Foto P. Diem

Am 13. Oktober 2008 wurde das aus dem Jahr 1864 stammende 200 kg schwere
kupferne Turmkreuz, neu vergoldet, mit Hilfe eines Hubschraubers auf die
Spitze des Südturms gehoben. Es trägt die Initialen FJ I. und die Devise Franz
Josefs “Viribus Unitis”. In der ebenfalls neu vergoldeten Turmkugel wurden eine
“Wiener Zeitung”, ein Satz Euromünzen, eine Kreditkarte und diverse andere
zeitgenössische Gegenstände verborgen. Insgesamt wurden 6.000 Stück
Blattgold für die Restaurierung des traditionellen Symbols verwendet.

• Abschließend zu diesem Versuch einer “symbolkundlichen
Interpretation” von St. Stephan soll noch eine Stimme zu Wort kommen,
welche den Dom als ein Symbol besonderer Art zu würdigen wusste. Es
sind die Worte des Wiener Kulturpublizisten Willy Lorenz (1914 -1995):
“Die Mystiker des Mittelalters hatten das “himmlische Jerusalem” als eine
kristallene Stadt geschaut, mit leuchtenden Wänden aus Edelsteinen, von
göttlichem Licht durchschienen. Diese Visionen, welche die Mystiker mit dürren
Worten in die Sprache der Erde zu verdolmetschen suchten, wollten die gotischen
Architekten mit den Mitteln der Erde vor die Augen der Menschen zaubern.
Tatsächlich gelang es ihnen durch Auflösung der Wände in Glasfenster,
durch Beschränkung der Steinverwendung auf das Mindestmaß
eines Konstruktionsgerippes, durch Auflösung dieser Steine in filigranste Formen,
eine Entmaterialisierung des Materials vorzutäuschen und den Bewohnern der
Erde in den Kathedralen nicht nur ein Symbol, sondern ein sichtbares Abbild des
himmlischen Jerusalem zu geben. So erwuchs innerhalb der Mauern
des “irdischen Jerusalem” die Pracht des “himmlischen Jerusalem”. Gegen diese
Konzeption hatte sich der Protest der Bettelorden erhoben. Sie lehnten es ab, aus
der Kirche eine eitle Schau zu machen. Für sie ist die Kirche nichts anderes als ein
Haus neben anderen Häusern, eine schlichte Gebetshalle neben den Markthallen.
Die Kathedrale von Wien stellt den großartigen Versuch einer Synthese zwischen
beiden Formen dar: der Chor ist “Bettelordengotik”, das Langhaus
“Kathedralgothik.” Die große Kraft und Kunst des Österreichers, immer
wieder Synthesen zu finden, hat sich auch an diesem Bauwerk bewiesen: es
gelang hier, den Stil der Könige und der Bettler, die Kunst der mächtigsten Herren
und der mindesten Brüder, zu einer Einheit werden zu lassen und in der Stadt des
irdischen Königs von Jerusalem (die Habsburger trugen diesen Titel) dem
himmlischen Jerusalem des Königs der Könige ein Abbild von einmaligem
Glanz erstehen zu lassen.”

Festschrift zur Wiedereröffnung des Albertinischen Chores, Verlag der
Dompfarre,Wien, 1952, 27.
850 Jahre St. Stephan – Symbol und Mitte in Wien, Katalog des Wien
Museums, Wien 1997,491 Seiten
Reinhard H. Gruber, Die Domkirche Sankt Stephan zu Wien, 1989
Robert Bouchal, Reinhard H. Gruber, Der Stephansdom, 

Quelle: Nid-Library