2021 Essay über Brücken 14 S.

Brücken – ein Essay


von Peter Diem


Seit Anbeginn seiner Existenz als vernunftbegabtes Wesen ist der Mensch
mit der Notwendigkeit – aber auch mit der Möglichkeit – konfrontiert,
räumliche Distanz und räumliche Trennung zu überwinden.


Zur Überwindung der Entfernung diente ihm zunächst der aufrechte Gang
mit der Fähigkeit zu springen, zu klettern, zu laufen und zu schwimmen.
Diese Möglichkeiten wurden im Lauf der frühesten Entwicklung durch
Leiter, Rad und Boot ergänzt. Damit konnte der “Normalraum” überwunden
werden – Ebene, Hügel, Berg und See. Doch die Erdoberfläche ist so
gestaltet, dass in den meisten Siedlungsräumen der Menschheit
Hindernisse auftreten, vornehmlich schnell fließende Gewässer, Täler und
Schluchten. Diese direkt zu durchqueren, gestaltete sich schwierig, sie zu
umgehen, war entweder unmöglich oder zu zeitraubend. Die
Notwendigkeit, Brücken zu errichten, stand also schon an der Wiege der
Menschheit – wohl mit Ausnahme der nomadisierenden Wüstenvölker. Es
verwundert daher nicht, dass der Bibel das Bild der Brücke offenbar völlig
unbekannt war, sind die Wanderungs- und Siedlungsgebiete der biblischen
Völker ja meist flache Wüstenlandschaften ohne Wasserläufe, sieht man
vom Nil ab. Gerade der extremen Wasserstands-Schwankungen
unterworfene Strom Ägyptens aber ist der wahrscheinlich einzige Fluss der
Erde, in dessen Geschichte die Brücke kaum eine Rolle spielt. Boot und
Damm bilden oberhalb des Nildeltas bis auf den heutigen Tag die
wichtigsten Mittel der Flussüberquerung. Einfache Formen der Brücke
konnten durch Ausgrabungen bis weit in die Vorgeschichte nachgewiesen
werden.


Aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammt die Steinbalkenbrücke (“clapper
bridge”) in der Nähe von Postbridge/Devonshire, die rund neun Meter
überspannt (Bild rechts). Ebenfalls in England, in der Nähe von Chester,
wurde 1854 in einer Tiefe von vier Metern unter der Erdoberfläche eine
Brücke aus über 30 Meter langen Eichenstämmen in drei Lagen entdeckt.
Über diesen Fund wurde erst 1985 wissenschaftlich genau berichtet und
eine Datierung 3000 Jahre vor der römischen Besiedelung angegeben. Es
hat also bereits in der Steinzeit am damaligen Hafen von Liverpool eine
Holzbrücke gegeben. Desgleichen sind Holzbrücken aus der Bronzezeit
(Latene-Kultur) an den Pfahlbausiedlungen bei Neuchâtel/Schweiz (um
500 v. Chr.) in der Länge bis zu 80 Metern nachgewiesen worden.


Clapper Bridge – Quelle: Wikicommons unter CC
Tibet gilt als das Ursprungsland der Hängebrücken. Jedoch auch aus
dem Hindukusch (das Wort bedeutet “hängende Übergänge”!) wird schon
vor unserer Zeitrechnung über Seilbrücken berichtet. Unvorstellbar ist uns
der Mut derer, die wilde Himalaya-Schluchten überwanden, indem sie
zuerst ein dünnes Seil hinüberschossen, an dem dann starke Pflanzenseile
nachgezogen wurden, um schwankende Brücken zu errichten. Dasselbe
gilt für die Inkas, die um 1350 n. Chr. den Apurimac-Canyon mit einer 45
Meter langen Hanfseilbrücke überspannten, die sogar von Ross und Reiter
passiert werden konnte.


Viel früher aber gab es schon feste Brückenbauwerke in Mesopotamien,
darunter die 126 Meter lange Euphratbrücke von Babylon aus dem Jahre
600 v. Chr. Darius ließ 493 den Bosporus, Xerxes 480 v. Chr. die
Dardanellen durch eine aus 700 Fahrzeugen in zwei Reihen bestehende
Schiffsbrücke überspannen. Erst 1973 wurden Europa und Asien endgültig
durch eine über 1000 Meter lange Stahlkabelbrücke über
den Bosporus miteinander verbunden.
Es wird nicht weiter verwundern, dass auch das an Flüssenreiche
China schon ein Land der Brücken war, wie etwa die 1189 erbaute
Marco-Polo-Brücke westlich von Peking beweist, deren
Begrenzungsmauern 280 unterschiedliche Steinlöwen zieren.


Die Römer sind uns als besonders eifrige Brückenbauer vertraut. Sie
hatten die Kunst des Keilsteinbrückenbaus von den Etruskern
übernommen. Wie für die Ewigkeit erbaut, dünken uns heute ihre Werke –
man denke etwa an die Geschichte der Milvischen Brücke, zweieinhalb
Kilometer nördlich der römischen Porta del Popolo, errichtet im ersten oder
zweiten Jahrhundert: an ihren sieben Bogen entschied sich das Schicksal
des Christentums, das Konstantin nach seinem Sieg über Maxentius (“In
hoc signo vinces” – 28.10. 312) zur Staatsreligion erhob. Über diese Brücke
zog Jahrhunderte lang der Verkehr der Via Flaminia.


Garibaldi ließ die “Ponte Nullo” 1949 sprengen – und dennoch trug sie im
Zweiten Weltkrieg den gesamten Etappenverkehr – zuerst italienische,
dann deutsche und schließlich alliierte Panzer ohne Zahl.


Nehmen wir die spektakulären Rheinbrücken Caesars, in wenigen Tagen
als Holzkonstruktionen mit über 50 Öffnungen errichtet, oder denken wir an
die berühmte Trajansbrücke über den Tejo bei Alcantra, die noch heute
ihren Dienst versieht: pontem perpetui mansurum in saecula, ließ
der Pontifex Maximus – Ehrentitel der römischen Kaiser und später der
Päpste – auf ihr einmeißeln. Wie viele andere Brücken Trajans krönt sie ein
Triumphbogen. Trajan (93-117 n. Chr.) war wohl der größte Förderer der
römischen Bau- und Brückenbaukunst. Neben Brücken über Rhein,
Euphrat und Tigris ließ er eine über 1000 in lange Donaubrücke beim
heutigen Turnu Severin in der Nähe des Eisernen Tores errichten. Die
Bauzeit für das hölzerne Tragwerk auf 20 steinernen Pfeilern betrug nur ein
Jahr.


Der Architekt des Wunderwerks war Appolodorus von Damaskus. Eine
Szene des prächtigen Reliefs auf der Trajanssäule in Rom zeigt den
Kaiser, wie er vor dieser Brücke ein Opfer darbringt.
Pont du Gard im Nimes, Foto: Armin Kübelbeck,
aus: Wikicommons unter CC


Die römischen Tiefbauingenieure (“architecti”) hatten zwar in erster Linie
Straßenbrücken zu bauen – insgesamt umfasste das Imperium Romanum
mindestens 150.000 km an Straßen zwischen Manchester und Alexandria,
Casablanca und Batum – doch soll man auch auf den Wasserleitungsbau
nicht vergessen. Das Wasserleitungssystem der Stadt Rom umfasste 404
km, von denen insgesamt 47 km auf Arkaden liefen.


Die kühnste Aquäduktkonstruktion außerhalb Italiens, der Pont du Gard im
südfranzösischen Nimes, wurde im Jahre 18 v. Chr. unter Agrippa, zur dieser
Zeit Statthalter von Gallien, errichtet. Sie besteht noch heute. Die unterste der drei
Arkadenreihen diente Ross und Wagen, die mittlere den Fußgängern, und die
oberste trug die Wasserleitung (rechts).


Die römischen Brücken, unter auch ihnen die 138 n. Chr. unter Hadrian
erbaute Engelsbrücke, sind durch ihre Bogen- und Keilsteintechnik geradezu zum
Prototyp der Brücke schlechthin geworden. Im Mittelalter wurden die Brücken
weiterhin in dieser Technik erbaut. Berühmte Beispiele hiefür sind die Brücke
von Avignon (1180), im Kinderlied “Sur le pont…” ebenso besungen wie die nach
ihrem Vorbild errichtete Prager Karlsbrücke (1357), die im Studentenlied “Mit der
Fiedel auf dem Rucken …” erwähnt wird.


Die bereits 1135 begonnene Regensburger Brücke über die Donau hatte nicht
weniger als 16 Bögen und ist ebenso sagenumrankt wie viele andere Stadtbrücken
des Mittelalters. Diese trugen oft Läden und Werkstätten und waren so wichtige
Umschlagplätze. Ihre Erhaltung wurde durch Mautgebühren und manchmal sogar
durch Ablassgelder sichergestellt.
Spitzbogenbrücke von Mostar, ein Meisterstück der bis ins 19. Jahrhundert hineinreichenden türkischen Brückenbaukunst, zerstört im letzten Balkankrieg und als
Weltkulturerbe wiederaufgebaut. Quelle: Wikicommons unter CC


Beispiele für derartige Brücken sind die 1209 fertiggestellte London Bridge, die
dicht mit mehrstöckigen Häusern besetzt war, die romantischen Ponte Vecchio in
Florenz (1345) und schließlich auch die Rialtobrücke in Venedig, die, auf an die
10.000 Rammpfähle gegründet, 1591 vollendet wurde und damit schon in die
Neuzeit gehört. Aus dieser Periode (1567) stammt auch die bekannte Im vorigen
Jahrhundert erfolgte in Frankreich und England der “Übergang vom empirischen
zum technischen Brückenbau” (Charlotte Jurecka). Die schnelle Entwicklung
der Eisenbahn erforderte zahllose Brückenkonstruktionen. So gab es auf der
Strecke Liverpool-Manchester (1830 fertiggestellt) an die 60 Eisenbrücken,
während die erste derartige Eisenbahnbrücke in Deutschland erst 1853
bei Günzburg in Bayern erbaut wurde.


Der Sohn George Stephensons (1781-1348, Schöpfer der ersten
Lokomotive), Robert Stephenson (1803-1859), errichtete mit der BritanniaEisenbahnbrücke zwischen Wales und der Insel Anglesey ein äußerst
eigenwilliges, aber richtungsweisendes Bauwerk, die erste schmiedeeiserne
Balkenbrücke (1850).


Noch in Steinbauweise hatte Carl Ritter von Ghega zwischen 1848 und 1353
seine berühmten Semmeringbahn-Viadukte errichtet, doch der Stahl entschied
bald den Kampf um die Vorherrschaft im Brückenbau für sich, bis er im nächsten
Jahrhundert zu mindestens zum Teil dem Spannbeton weichen musste.
Eine Zeit kühnster Stahlkonstruktionen brach an: die Periode der Fachwerk-,
Ketten- und Stahlseilbrücken. Die Brücke über den Firth of Forth in
beeindruckender, massiger Kragbauweise mit zwei Stützweiten von je 521 und
einer Gesamtlänge von 2.500 Metern, wurde 1883 begonnen und 1890
fertiggestellt.
Die lange Jahre als Weltwunder geltende, 438 m überspannende Brooklyn
Bridge in New York war bereits 1833 errichtet worden.
Alte Trisannabrücke Aus: Wikicommons unter CC


Die bekannteste stählerne Fachwerkbrücke Österreichs ist die 1884 nach zwei
Jahren Bauzeit fertiggestellte Trisannabrücke, die das Tiroler Paznauntal in 90 m
Höhe mit einem 129 m langen Halbparabelträger überspannt. 1964 wurde das alte
Tragwerk innerhalb von 10 Stunden durch ein neues, im Aussehen gleich artiges
ersetzt.


In den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts wurden in Österreich zwei Brücken
fertiggestellt, Beispiele für das bisher modernste Brückenbauprinzip, das der
Schrägseilbrücke: 1972 die Donaubrücke bei Hainburg und 1975 die
Donaukanalüberquerung der Ostautobahn. Die letztere wurde in der so
genannten Drehbauweise ausgeführt, d.h. die beiden Brückenhälften wurden erst
parallel zu den Ufern fertiggestellt und dann zur Mitte verschwenkt.
Wie bei mehreren sehr langen Brücken in Deutschland (z.B. Köhlbrandbrücke in
Hamburg, 3.618 m) oder Frankreich werden die Brückenträger von Zugseilen (oft
in “Harfen” angeordnet), die an Pylonen befestigt sind, gehalten. Inzwischen gibt
es viele derartige Konstruktionen, die durch ihre Zartheit und Eleganz die Kettenund Kabelbrücken abgelöst haben.
Die Geschichte des modernen Brückenbaus ging nicht ohne größere Unfälle vor
sich. Am bekanntesten wurde der Einsturz der Eisenbahnbrücke über den Firth of
Tay am 28.12.1879, dem Theodore Fontane in seiner Ballade ein bleibendes
literarisches Denkmal gesetzt hat: “Tand, Tand, ist das Gebilde von
Menschenhand.” Während man früher immer einen Wintersturm mit Spitzenböen
von 144 km/h als alleinige Ursache für den Einsturz des Mittelteils der drei
Kilometer langen Eisenbrücke hielt, ergaben erst 1976 veröffentlichte
Forschungen, dass die Brücke schon vor dem Unglück Material und
Konstruktionsschwächen aufgewiesen hatte. Aus Gewinnsucht war schlechtes
Material verwendet worden, aus Fahrlässigkeit waren bekannte Mängel nicht
behoben worden. 200 Passagiere ertranken im 130 Meter tiefen, eiskalten Meer.
Tay-Bridge nach dem Einsturz – Aus: Wikicommons unter CC


Obwohl die genannte Katastrophe zu einer gründlichen Revision aller
Konstruktionspläne geführt hatte, kam es 60 Jahre später wieder zu einem durch
Winddruck ausgelösten Brückenunglück. Die Tacoma Narrows Bridge im
Staat Washington, mit einer Spannweite von 855 m die fünftlängste der USA war
mit einer Breite von nur 11,9 m nicht genügend verwindungssteif und wurde vom
Wind so aufgeschaukelt, dass sie am 7.11.1940 einstürzte. Menschen kamen
dabei nicht zu Schaden.


Relativ glimpflich ging auch der Einsturz der 1937 erbauten Wiener
Reichsbrücke am 1.8.1976 um 4.43 Uhr ab, der ein Todesopfer forderte. Ursache
war fehlerhafter Beton am linken Strompfeiler. Unerwähnt müssen hier diverse
andere Einstürze und Unfälle während des Baus moderner Brücken bleiben
Das Thema “Brücke” fasziniert zunächst durch die technischen Leistungen, die seit
den antiken Hochkulturen bei der Überwindung von topographischen Hindernissen
durch Architekten, Ingenieure und Bauleute erbracht wurden. Doch weit über das
wuchtige oder elegante überspannen van Flüssen und Meerengen, Schluchten
und Tälern hinaus, wohnt dem Begriff “Brücke” ein vielfältiger Bedeutungsinhalt
inne.


Etymologisch kommen “Brücke” und “Bridge” von ahd. pruccha, das auch mit
“pritsche” und “Prügel” in Zusammenhang gebracht werden kann. Im romanischen
Sprachraum ist lat. pons die Wurzel, die auf Sanskrit patha/panthan zurückgehen
dürfte. Die deutschen Wörter Brücke und Bruck kommen in Hunderten von
Ortsnamen vor – von Brügge und Osnabrück bis Brückl und Steinabrückl, von
Innsbruck bis Bruck/Leitha. Bridge lesen wir u.a. im englischen Cambridge, und
das slawische most findet sich im bereits erwähnten Mostar, der Stadt mit der
türkischen Brücke in der Herzegowina.
Bemerkenswert ist, dass die Mehrzahl der mit dem Begriff “Brücke”
verbundenen Sprichwörter heute kaum mehr gebräuchlich ist. Man sagt zwar,
man wolle jemandem eine goldene Brücke bauen oder habe alle Brücken hinter
sich abgebrochen, doch wer verwendet schon “jemandem die Brücke treten” (den
Weg bahnen), “über diese Brücke möchte ich nicht gehen” (das glaube ich nicht)
oder “wenn das Wort eine Brücke wäre” (als Hinweis darauf, dass man einer
Aussage nicht traut).


Das Verschwinden dieser Redensarten deutet darauf hin, dass die in die antike
und mittelalterliche Stadtarchitektur sehr stark integrierte Brücke, vor allem aber
die dem Schutz dienende Zugbrücke, weitgehend aus dem Bewusstsein des
modernen Menschen verschwunden ist.
Heutzutage sind Brücken in der Regel nicht mehr schwankende Stege oder von
vielen Menschen zu Fuß überschrittene Verbindungen, sondern sich kaum von der
sonstigen Strecke unterscheidende Bauwerke im Bahn- oder Autoverkehr, die
ohne besondere Empfindungen überfahren werden
Dennoch bildet der Begriff “Brücke” zweifellos einen im kollektiven
Unterbewusstsein auch des heutigen Menschen tief verwurzelten Mythos.
Es ist nicht mehr nur der konkrete Bedeutungsinhalt der unmittelbar erlebten
Steinbögen (“Auf der Prager Brücke begegnet man entweder einem Mönche, einer
Hure oder einem weißen Pferde”), sondern das abstrakte Überwinden von
Gegensätzen, das Überspannen des (künstlich) Getrennten, also die übertragene
Bedeutung, die den Brückenbegriff heutzutage mitbestimmt. Dementsprechend
zitiert auch der Duden das Beispiel. “Die Begegnungen der jungen Menschen
sollen Brücken schlagen zwischen den Völkern”.


Der Gedanke des geistigen, weltanschaulichen und politischen Brückenschlags
hat wohl auch dazu geführt, dass für die 1995 in Wien und Budapest
geplante Weltausstellung das Thema “Brücken in die Zukunft” gewählt wurde.
Das Bild von der traditionellen “Brückenfunktion” Österreichs ist dabei zweifellos
Pate gestanden, wenn auch klar sein muss, dass diese Metapher manchmal
bereits überstrapaziert wurde. So hat sich etwa schon der Ständestaat als Brücke
zwischen dem Deutschtum und der Welt der Slawen und Magyaren gesehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Doktrin der immerwährenden Neutralität
Österreichs zu einer anderen Auffassung von “Brücke” geführt, nämlich zu der
einer Drehbrücke zwischen den im Kalten Krieg einander weithin unversöhnlich
gegenüberstehenden Machtblöcken. Liegt ja unser kleines Land geopolitisch und
zum Teil auch rnentalitätsmäßig in der Tat genau zwischen diesen Blöcken,
obwohl niemand daran zweifelt, dass Österreich sich politisch voll den westlichen
Demokratien zugehörig fühlt. Zumindest was die Beratungen über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE-Prozess betrifft, hat der Konferenzort Wien und
die Vermittlerrolle Österreichs sicher positive Auswirkungen gehabt-
“Brücken in die Zukunft” lässt aber noch viele andere Assoziationen als die
Überwindung der geopolitischen Ost-West-Spannungen zu ergibt sich doch gerade
aus der weltweiten stürmischen Entwicklung der modernen Technik eine Fülle von
schier unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen verschiedenen Lebensfaktoren.
Man denke nur an die wachsenden ökologischen Probleme oder an die schon
heute spürbare gefühlsmäßige Kälte technischer Abläufe, denen ein steigendes
Bedürfnis nach menschlicher Wärme und Geborgenheit gegenübersteht. Man
betrachte die sich weiter öffnende Schere zwischen dem Reichtum in der Ersten
und der Armut in der Dritten Welt.


Brücke bei Patras – Foto: P. Diem


Wenn sich manches davon auch nur in den Köpfen gesellschaftlich Eilten abspielt,
so ist dennoch davon auszugehen, dass diese Prozesse erst am Anfang stehen
und uns noch viele Jahre und in immer intensiverer Form begleiten werden.
Das Bild der Brücke trägt vor allem Hoffnung, aber auch Momente der Gefahr in
sich. Mythologisch gesehen, ist die Brücke der Ort des Übergangs von einem
Lebenszustand in einen anderen. Im Urzustand, dem “Goldenen Zeitalter”, in
dem es noch keinen Tod gab, konnte der Mensch nach Belieben hinüber- und
herüberschreiten. Später wird die Brücke zum Ort des Überganges von Tod zur
Unsterblichkeit, vom Unwirklichen zum Wirklichen.


Im persischen Mythos gehen die in der Hölle geläuterten Seelen über eine
Brücke ins Lichtreich.


Im Islam ist diese Brücke schmäler als ein Haar und schärfer als eine
Schwertklinge, so dass die Verdammten abstürzen und die Auserwählten je nach
ihren Verdiensten rascher oder langsamer ins Paradies eingehen. Nach nordischer
Vorstellung wanderten die Seelen der abgeschiedenen Frommen über die
Bienenbrücke ins Reich der Seligkeit.
In der Edda wird der Regenbogen zur Himmelsbrücke, deren Betreten allein den
Asen, den Angehörigen des Göttergeschlechts, vorbehalten ist. Nach alter
finnischer Vorstellung führt eine nur aus einem Faden bestehende Brücke über
den Todesfluss. Im deutschen Volksglauben werden nach Grimm die Seelen der
Gerechten von ihren Schutzengeln über den Regenbogen in den Himmel geführt.


Wie schon erwähnt, spielt die Brücke in der judeo-christlichen Tradition keine Rolle
– tatsächlich war ihr Bild den Wüstenvölkern nicht vertraut. Sehr wohl aber kennt
die Bibel den Regenbogen Gott setzt nach der Sintflut seinen Bogen (gemeint ist
der Blitze schleudernde Kriegsbogen als – friedlichen – Regenbogen an das
Firmament zum Zeichen seines Bundes mit den Menschen. Und wenn der Prophet
Ezechiel Gottes Herrlichkeit erschaut, ist die Erscheinung von einem strahlenden
Regenbogen umgeben (Ez 1,28).


Der Regenbogen – in der griechischen Mythologie der Verkörperung der
Götterbotin Iris – ist ein häufiges Symbol der Verbindung zwischen Himmel und
Erde. Den Indianern war er Leiter zur anderen Welt. Im Buddhismus symbolisiert er
die höchste Stufe, die der Mensch im SANSARA, in der Wanderung durch die
Wiedergeburten, erreichen kann, bevor er das “klare, helle Licht” des NIRVANA
erlangt. Der Regenbogen ist somit ein Transfigurationssymbol, er bildet die Brücke
zum Paradies oder auch den Thron des Himmelsgottes.


In der Offenbarung an Johannes heißt es: “Im Himmel stand ein Thron, darauf
saß einer. Sein Gesicht glänzte wie die kostbaren Edelsteine Jaspis und Karneol.
Über dem Thron stand ein Regenbogen, der leuchtete wie ein Smaragd.” (4,2 f)
und ebenda: “Dann sah ich einen anderen mächtigen Engel vom Himmel auf die
Erde hinuntersteigen. Er war von einer Wolke umgeben, und ein Regenbogen
stand über seinem Kopf. Sein Gesicht war wie die Sonne, und seine Beine glichen
Säulen aus Feuer.” (10,1). In mittelalterlichen Darstellungen trifft man
dementsprechend auf Christus als Weltenrichter auf dem Regenbogen sitzend – als
“Schutz gegen die geistliche Sintflut” (Dante). Der Regenbogen wird weiters auch
als Symbol Marias, der Vermittlerin der Versöhnung verwendet. Der “christliche”
Regenbogen besteht entweder aus den drei Grundfarben als Symbol der Trinität
oder aber den Farben Blau (himmlische Herkunft Christi), Rot (Passion Christi) und
Grün die neue Welt.


Im Islam hat der Regenbogen die vier Farben Rot, Gelb, Grün, Blau, die den vier
Elementen entsprechen.


Es wundert nicht, dass die relativ seltene, ein Gewitter beendende und damit
Freude ausstrahlende Erscheinung des Regenbogens auch die Phantasie von
Dichtern und Musikern beflügelt hat. So ruft Friedrich Schiller aus: “Und sieh! da
hebt von Berg zu Berg sich prächtig ausgespannt, ein Regenbogen übers Land”
(aus: “Die Herrlichkeit der Schöpfung”). Und im Ring des Nibelungen zieht sich
“mit blendendem Leuchten eine Regenbogenbrücke über das Tal hinüber bis zur
Burg”, auf die der Gott Froh im Finale von “Rheingold” freudig hinweist, liegt sie
doch als ersehntes Ziel vor den Göttern.


“Somewhere, over the rainbow, way up high.”


So kann also der Regenbogen, die “Himmelsbrücke”, als symbolhafte
Überhöhung der irdischen Brücke verstanden werden. Als sehr positiv besetztes
Symbol hat er deshalb auch mannigfachen Eingang in die Welt
der Werbung gefunden.


So formuliert Joseph von Eichendorff in seinem “Morgengebet”:


Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu Dir Herr, übern Strom der Zeit,
(“Land im Strom der Zeit – Österreich gestern, heute, morgen” heißt ein wichtiges
Buch von Friedrich Heer, 1958 in Wien erschienen)
Die Brücke ist für Hermann Hesse Verbindung zwischen Sehnsucht und Erfüllung
(“Abends auf der Brücke”)
“Abends muss ich auf der Brücke stehen,
Nieder in den dunkeln Strom zu sehen,
Wie er strömt und zieht und mit Gebrause
Sehnlich weiterstrebt – wohin – nach Hause.”
Eine entscheidende Komponente in der Brückenmetaphorik besteht in der Rolle
der Brücke als einem zentralen, neuralgischen Punkt, an dem Entscheidungen im
menschlichen Schicksal fallen. Die exponierte Lage jenes Menschen, der die
Brücke überquert, zwischen dem Erreichen des ersehnten Zieles und der in der
Tiefe drohenden Gefahr, wird zum willkommenen Anlass, schicksalhafte
Verstrickungen zu beschreiben
Thornton Wilders Novelle “Die Brücke von San Luis Rey” verknüpft eine Reihe
von Menschenleben, die nichts miteinander gemein haben außer dem Tod bei
einem Brückeneinsturz in Peru.


Abschied und Wiedersehen – nirgends lässt sich dies symbol- trächtiger
inszenieren als auf einer Brücke, der gefährdeten Verbindung zweier Ufer. Dessen
sind sich auch Trivial-Literatur und Filmdramaturgie bewusst: als Beispiel sei hier
der sentimentale Streifen “Abschied auf Waterloo Bridge” erwähnt, dessen
Musik auf dem altschottischen Volkslied “Auld Lang Syne” basiert.
Viele Filme haben sich des Motivs der Brücke bedient – in der Regel handelt es
sich dabei um (Anti-)Kriegsfilme, in denen die Brücke als Verbindung zum
angestrebten Ziel umkämpfter Brennpunkt des Geschehens wird. “Die Brücke am
Kwai”, “Die letzte Brücke”, “Die Brücke von Arnheim” und nicht zuletzt
Bernhard Wickis Antikriegsfilm “Die Brücke” sind Beispiele dafür.


Diese Streifen erinnern unwillkürlich an die Zerstörung fast aller Rhein- und der
meisten Donaubrücken im Zweiten Weltkrieg und an ihren erfolgreichen
Wiederaufbau – nicht zuletzt dadurch wurde eine neue Phase des friedlichen
Miteinanders in West- und Mitteleuropa eingeleitet. Und vermögen diese
wiedererrichteten “Brücken in die Zukunft” nicht in der Tat besser zu verbinden als
die eingestürzten?


Wir haben aufgrund der zitierten Stellen aus der Literatur – Novellen und Romane
zufolge ihrer Vielzahl einmal beiseite gelassen – durchaus erkannt, dass der Begriff
der “Brücke” schon aufgrund der technischen Gegebenheiten – sehr wohl auch die
Nebenbedeutung des “Prekären”, “Unsicheren”, “Gefahrvollen” in sich trägt, wofür
auch noch die Bilder des Stammvaters der Expressionisten, Edvard Munch
herangezogen werden könnten. Viele von ihnen stellen Personen auf Brücken dar,
als berühmtestes “Der Schrei” –


Aber Munch mag auch der Anstoß dafür gewesen sein, dass sich 1905 in Dresden
eine Malergruppe bildete, die sich “Brücke” nannte. Neben Emil Nolde gehörte ihr
auch Karl Schmitt-Rottluff an, der den Namen “Brücke” vorgeschlagen hatte:
“das sei ein vielschichtiges Wort, würde kein Programm bedeuten, aber
gewissermaßen von einem Ufer zum anderen führen”
Hier schließt sich der Kreis:


Von Schillers “Von Perlen baut sich eine Brücke hoch über einen grauen See” bis
zu Simon & Garfunkels “Bridge over Troubled Water” sind Brücke und
Regenbogen Symbole der Hoffnung und des Trostes im Strom des Lebens und der
Zeit.