Zum Buch von David Glockner:
Tomáš Garrigue Masaryk – ein Sohn des Kaisers?
Aufgrund des Titels könnte der geneigte Leser meinen, der auf historische
Texte spezialisierte Schriftsteller und Journalist David Glockner habe eine
„Sensations-Reportage“ über die Herkunft von Tomáš Garrigue Masaryk
(1849-1937) verfasst. Das Gegenteil ist der Fall. Glockners Buch ist eine im
Detail recherchierte sozial-historische Analyse der Lebensumstände des
späteren Gründers und Präsidenten der Tschechoslowakei. Dazu kommen
nüchterne Betrachtungen über die Persönlichkeit Kaiser Franz Josef I.,
seiner Frau Elisabeth von Bayern und seines unglücklichen Sohnes Rudolf
– nach den Ermittlungen des Buches wahrscheinlich ein Halbbruder
Masaryks.
Man kann natürlich die perlenkettenartige Aneinanderreihung von Indizien,
dass dem jungen Franz Josef anlässlich eines Aufenthalts in Mähren eine
für den besonderen Zweck geeignete Frau zugeführt wurde, mit der er
einen Sohn zeugte, auch als Spekulation bezeichnen. Doch Glockner
spekuliert nicht, er stellt fest. Viele wichtige Ereignisse in der Kindheit und
frühen Jugend Masaryks lassen sich nur dadurch erklären, dass von Seiten
des Kaiserhauses direkt oder indirekt eingegriffen wurde. Aber auch
Vorkommnisse im späteren Leben des Philosophiestudenten, Dozenten,
Professors und zweimaligen Abgeordneten zum österreichischen
Reichsrat, T.G. Masaryk, lassen vermuten, dass der Kaiser das Schicksal
seines illegitimen Sohn sehr lange Zeit mitverfolgte.
Umgekehrt wird aber auch das große Interesse Masaryks an Details des
Kaiserhauses durch seine eigenen Aussagen bestätigt.
In den kurzen Betrachtungen des Herausgebers zu dem 2015 in Prag
erschienenen Buch soll auf einige Umstände hingewiesen werden, die der
Autor unerwähnt lässt – sei es, weil sie über seine Recherchen
hinausgingen, sei es, weil ihre Erwähnung aus tschechischer Sicht nicht
angemessen erschien oder gar nicht (leicht) möglich war.
Familientradition
Nach den Schilderungen des Buches hatte der junge Masaryk zweimal
eine Schmiedelehre zu absolvieren. Das erste Mal wurde er von einem
Abgesandten der kaiserlichen Kabinettkanzlei mitten in der Nacht aus dem
Bett geholt und nach Wien gebracht. Nach einem Blitzbesuch in
Schönbrunn wurde er in eine Wiener Schlosserwerkstatt gesteckt, wo er
Schuhplättchen ausstanzen musste. Begreiflicherweise sagte diese
langweilige Tätigkeit dem intelligenten Teenager nicht sonderlich zu,
sodass er einfach ausriss. Nur half ihm das nichts. Ihm wurde neuerlich ein
Lehrplatz zugewiesen, diesmal beim Hufschmied in seiner Wohngemeinde
Čejč.
Der Original-Amboss aus der Schmiede in Čejč,ausgestellt im Masaryk-Museum in
Masaryks Geburtsort Hodonin.
Die Arbeit in der örtlichen Schmiede war weitaus kreativer und gefiel
Tomáš auch sehr. Er hatte Gelegenheit, das harte Leben des Arbeiters
kennenzulernen – vermutlich eines der Erziehungsziele. Übrigens: Als
Masaryk 1887 Leo Tolstoi in auf dessen Landgut Jasnaja Poljana traf,
betrachtet dieser Masaryks Hände und fragte ihn „ob er Arbeiter gewesen
sei“ (Čapek, 45). An gleicher Stelle wird berichtet, dass Tomáš jedoch bald
von Esse und Amboss abgezogen wurde, um hinkünftig als
„Lehrerpraktikant“ in Čejkovice zu wirken. Seltsam?
Warum wird an dieser Stelle so ausführlich auf Masaryks erzwungene
Kurzkarriere als Schmied eingegangen? Schlicht und einfach deshalb, weil
es bei den Habsburgern die Vorschrift oder jedenfalls den Brauch gab,
dass jeder Erzherzog und jede Erzherzogin ein Handwerk zu lernen hätte.
Wir wissen nicht, ob das in allen möglichen Fällen voll durchgezogen
wurde, doch gibt es dafür einige prominente Beispiele:
Kaiser Karl VI. (1685-1740) ließ sich zum Büchsenmeister ausbilden (sein
Entwurf für ein Kanonenrohr liegt im Heeresgeschichtlichen Museum).
Franz Joseph I. (1830-1916) erlernte die Buchbinderei, seine Tochter Marie
Valerie (1868-1924) die Profession der Bühnenmalerin. Unter allen
Habsburgern aber ragt Kaiser Franz I. (1768 bis 1835) hervor, der den
Beruf des Gärtners nicht nur aus Pflicht erlernt hatte, sondern auch mit
größter Neigung betrieb. Der Wiener Burggarten und der Laxenburger
Schlosspark zeigen noch heute seine Hand. War also die zweimalige
Nötigung des jungen Masaryk, das Schmiedehandwerk zu erlernen, bloßer
Zufall? Wie so viele Umstände, die im Buch geschildert werden, können
auch diese beiden Episoden als starke Indizien gewertet werden.
Mechanismen des kollektiven Unterbewusstseins
Nun wollen wir das Verhältnis T.G. Masaryks zu seinem vermutlichen
biologischen Vater aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Der
bekannte Wiener Tiefenpsychologen Wilfried Daim (1923-2016) hat in
seinem 1960 erschienenen Hauptwerk „Die Kastenlose Gesellschaft“ die
Wirksamkeit des von Sigmund Freud beschriebenen Ödipus-komplexes in
der Gesellschaft und im kollektiven Unter-bewusstsein beschrieben.
Zunächst als Prinzip, dann am Beispiel des Verhältnisses von Mao Tsetung zu seinem Vater (dieser war Gutsbesitzer), beschreibt Daim Ursprung
und Wirkung der Ödipaldynamik. Der Sohn hasst und bekämpft
unterbewusst seinen Vater bis hin zum Kastrationswunsch. Das Objekt des
Kampfes ist die Mutter bzw. ein soziales Ersatzobjekt. Im Falle Maos war
dies China (a.a.O. 231ff., 428ff.)
Des Weiteren hat Wilfried Daim immer wieder auf das Phänomen des
Sekundärfeudalismus hingewiesen, also die spätere Identifikation des
„Bürgerlichen“ mit dem von ihm bekämpften (und besiegten) „Aristokraten“.
Was hat das alles mit Masaryk zu tun? Wir wissen es nicht genau, doch
Glockner vermutet, dass schon der junge Masaryk auf Grund der starken
physischen und psychischen Unterschiede zu seinem (Zieh-)Vater und
seinen beiden Brüdern, auf Grund der steten finanziellen Unabhängigkeit
seiner Familie und auf Grund der mannigfachen „Zufälle“, die seine steile
Karriere begleiteten und begünstigten, geahnt haben muss, dass sein
leiblicher Vater nicht der „mährische Kutscher“ sondern eine hochgestellte
Persönlichkeit war. Für die tiefen- und sozialpsychologische Betrachtung ist
es übrigens irrelevant, ob Masaryk seine biologische Abkunft tatsächlich
kannte oder nur erahnte. Es geht ja um verschiedene nachgewiesene
Reaktionen Masaryks gegenüber Franz Josef als Person und gegenüber
der Monarchie als solcher.
Der plötzliche Hass auf den „Vater“
Bis in die Jahre 1909/11 war Masaryk stets ein loyal gesinnter
österreichischer Bürger tschechischer Nationalität gewesen.
Die Desillusion Masaryks über die Monarchie entstand spätestens im
Zusammenhang mit der sogenannten Friedjung-Affäre und dem Agramer
Hochverratsprozess 1909. Gehen wir davon aus, dass der nach der
Annexion von Bosnien-Herzegowina (1908) einsetzende und mit dem
Fortschreiten des Kriegs immer heftiger werdende politische Kampf für eine
nationale Wiedergeburt der Tschechen und Slowaken ein unterbewusster
Kampf des „Sohnes“ gegen den „Vater“ um die „Mutter“ war, so stellt sich
diese Konstellation als idealtypisches Ödipaldreieck dar.
Nach einer Mitteilung von Luboš Velek, dem Direktor des Prager MasarykInstituts, schrieb Masaryk kurz nach dem Ableben von Franz Josef I.
(21.11.1916) über Kaiser und Dynastie als von „Degenerierten“.
Zwar scheint es keine Quelle für eine namentliche Nennung von Franz
Josef als Hassobjekt zu geben, doch lesen wir dazu diesen Text aus der
Feder Masaryks:
„Die deutsche Kultur habe ich stets geschätzt, aber ich habe mich in ihr
selten daheim gefühlt. Ich konnte mich nicht begeistern. Insbesondere
vermag ich Preußen nicht zu lieben, aber ich bemühe mich, ihm gerecht zu
werden. Wenn ich wirklich etwas hasse, so ist es das Österreichertum,
besser gesagt, das habsburgische Wienertum, dieser dekadente
Aristokratismus, der dem Trinkgeld nachläuft, dieser falsche, niedrig
gesinnte Habsburgismus, dieses anationale und doch chauvinistische
Kunterbunt von Personen des offiziellen Wiens.
Das Preußentum liebe ich nicht, aber ich habe es lieber mitsamt seinem
robusten Kasernentum und seiner hungrigen Parvenü-rücksichtslosigkeit;
hat doch sogar der Kaiser Wilhelm mit seinem dilettantischen Gerede, mit
seinem Vorsehungspielen, nolens volens, für die Demokratie mehr geleistet
als dieser schweigende »blutige Souverän«, der sich etwas darauf
zugutetat, dass er der vollkommenste Aristokrat der Welt sei – ein
seinem ganzen Wesen nach niedriger Mensch.“
(„Das neue Europa“, Petersburg, 1917/18 – zuletzt erschienen
in Berlin, 1991, S. 129, Hervorhebungen vom Herausgeber)
Deutlicher geht es kaum. Der Kampf um die Unabhängigkeit des von
Masaryk immer wieder als führendes slawisches Kulturland bezeichneten
Tschechien wird unterbewusst personalisiert – womöglich verbunden mit
der Ahnung vom schändlichen „Raub“ seiner leiblichen Mutter.
Eines der wichtigsten Werke Masaryks trägt den Titel „Die Weltrevolution“.
Das Buch enthält 556 Seiten an „Erinnerungen und Betrachtungen aus den
Jahren 1914 bis 1918“ (dt. Berlin, 1925).
Darin heißt es u.a.:
„Im zweiten Zeitabschnitt meiner Abgeordnetentätigkeit (seit
dem Jahre 1907) studierte ich möglichst sorgfältig Österreich
und seine ganze Struktur. Ich sammelte in Wien und überall
Belege über den Kaiser, den ganzen Hof und die ganze habsburgische
Familie; eingehend beobachtete ich die Erzherzoge Franz Ferdinand,
Friedrich u. a. Ich fehlte nicht bei den Reichsratssitzungen, las dort aber
häufig politische Werke und besonders Memoiren. Ich drang als
Abgeordneter pflichtgemäß in den Staatsmechanismus ein und
beobachtete diesen administrativen Mechanismus…
(Weltrevolution S. 335)
Und im letzten Kapitel:
Als ich zum Präsidenten der Republik gewählt wurde, dachte ich natürlich
über das Problem der demokratischen Präsidentschaft nach. Ich hatte
während des Krieges Gelegenheit, die Republik in der Schweiz, in
Frankreich und in Amerika näher zu beobachten, sie mit konstitutionellen
Monarchien (England, Italien) zu vergleichen und so die durch Studium
erworbenen Anschauungen auch praktisch zu beglaubigen. Ich habe
Einiges darüber insbesondere im Bericht über meinen Aufenthalt in
Amerika gesagt.
An meine Präsidentschaft habe ich vorher die ganze Zeit hindurch nicht gedacht, der Gedanke war mir niemals gekommen, — die
Aktion, die Befreiungsarbeit nahm mich voll in Anspruch.
Ich sah mich in der neuen Republik gewohnheitsmäßig (auch ein
Anthropomorphismus!) als Abgeordneter und Schriftsteller, der an ihrem
Ausbau arbeitet (die Professur beanspruchte ich nicht mehr.)Schon früher
hatte ich mich mit der rein theoretischen Frage beschäftigt, ob der
Präsident nicht ein Überrest des Monarchismus sei (im republikanischen
Rom gab es zwei Konsuln, in Japan zwei Kaiser usw.); aber auch der
Monarchismus besteht, wie schon gesagt, nicht darin, dass es einen
Monarchen gibt, — in einem größeren Staate regiert niemals nur e i n
Mensch, weil das administrativ unmöglich ist, sondern mehrere, und die
Monarchie ist eine Art von Oligarchie; die Regierung eines einzigen
Menschen ist eben praktisch unmöglich…
(Weltrevolution, S. 509)
Der „republikanische Monarch“
Masaryk hat Zeit seines Lebens über Freiheit, Demokratie, Humanität und
Religion nachgedacht und geschrieben. Er war lange Zeit ein
österreichisch-loyaler Politiker, der sich erst in den Jahren zwischen 1908
und 1911 vom Gedanken der Monarchie als einem übernationalen,
föderativen Staatswesen abkehrte. Masaryk war tief enttäuscht darüber,
dass sich die tschechische Politik seit 1848 um die Idee der
Gleichberechtigung und Föderalisierung vergeblich bemüht hatte, was
schließlich zu der Auffassung führte „Wenn nicht mit Österreich, dann eben
ohne oder gegen Österreich“.
In einem Aufsatz schreibt Luboš Velek, dass Masaryk sich kurz vor dem
Ersten Weltkrieg infolge der allgemeinen politischen Frustration in der
tschechischen Gesellschaft radikalisierte und „sich an die Spitze des
Widerstandes gegen die Monarchie stellte. So wurde aus dem politische
Exhibitionisten, “Judenbeschützer”, nationalen Nihilisten usw. der Gründer
eines selbstständigen Staates und gleichzeitig eine verehrte politische
Ikone, die sich nicht zufällig gern selbst in die Form und den Stil des
Auftretens des alten Monarchen stilisierte…” (Referat beim MasarykSymposium am 22.6.2017 in Wien)
Obwohl er – wie gesagt – in seinen Äußerungen prinzipiell für Demokratie
und Gleichheit eintrat, legt Masaryk als Präsident der neu entstandenen
Republik sogleich eine Art „monarchischen“ Gehabens an den Tag. Es ist
das typische sekundärfeudale Verhalten des siegreichen Revolutionärs, der
– bewusst oder unbewusst – den sozialen Habitus des vom Throne
gestürzten (Vaters) übernimmt bzw. nachahmt.
Luboš Velek, der dem Glockner-Buch übrigens äußerst skeptisch
gegenübersteht, argumentiert, dass der Stil des Herrschens dank der
langen Ära Franz Josephs in Tschechien tief verwurzelt war, und dass die
Multinationalität der jungen Tschechoslowakei ein verbindendes
Staatsoberhaupt (also eine Art „Ersatzkaiser“) erforderlich machte.
Das stimmt sicher, doch ist beides kein Argument gegen die Intensität, mit
der Masaryk als republikanischer Präsident die Sache anging.
Ein herrscherlicher Bauherr
Am 14. November 1918 wird T.G. Masaryk von der Tschecho-slowakischen
Nationalversammlung in Abwesenheit zum Präsidenten gewählt, am 21.
Dezember 1918 kehrt er in die Tschechoslowakei zurück.
Nach Übernahme des Präsidentenamtes geht Masaryk sogleich daran, der
jungen Republik eine entsprechende Symbolik zu geben. Dazu gehört
zunächst ein entsprechender Amtssitz. Bewusst auf die Geschichte
Tschechiens aufbauend, wählt er nicht etwa eine Stadtwohnung, sondern
bestimmt die Burg auf dem Hradschin zu seiner Residenz. Als Sommersitz
wählt er das Barockschloss Lány (dt. Schloss Lana, etwa 35 km westlich
von Prag) aus. Er beruft den aus Laibach stammenden, zu dieser Zeit in
Wien wirkenden Otto-Wagner-Schüler Jože Plečnik (1872—1957) nach
Prag. Zusammen mit seiner kunstsinnigen Tochter Alice beauftragt
Masaryk den Slowenen mit der umfangreichen Renovierung und
künstlerischen Ausgestaltung der herabgekommenen Burg. Masaryk und
sein kongenialer slawisch-österreichischer Partner entwerfen nicht nur ein
bauliches Gesamtkunstwerk in einem ein wenig an Otto Wagner
angelehnten, aber dennoch eigenständigen Stil, sondern beziehen auch die
unmittelbare Umgebung der Burg mit ein – also ein
landschaftsplanerisches Konzept, das Jože Plečnik begeistert umsetzt.
Wer wollte da nicht an die gerade erst fünf Jahre vorher fertiggestellte
Neue Hofburg in Wien denken, die Masaryk sicher gut kannte. Oder an die
visionären Umbaupläne für Schloss Schönbrunn durch Fischer von Erlach
in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts?
Der Obelisk, die Obelisken
Bei Planung und Ausführung der Bauten wurde an nichts gespart. Einen
Wunsch aber wollte sich Masaryk jedenfalls erfüllen – er wollte unbedingt
einen großen Obelisken. Plečnik war dieser Wunsch Befehl. Den
Granitsteinbrüchen von Mrákotín bei Telč – nahe an der heutigen
österreichischen Grenze – wurde der Auftrag für einen riesigen Monolithen
erteilt. Der rund 17m lange Obelisk zerbarst jedoch beim Transport. Aber
Masaryk und Plečnik gaben nicht auf. Masaryk erklärte sich bereit, die
Kosten für einen neuen Obelisken aus eigener Tasche zu tragen –
immerhin ging es um 380.000 Kronen! Als auch vom zweiten, einem
ursprünglich 19 m langen Granitkoloss noch im Steinbruch ein größeres
Stück absprang, beschloss Plečnik, die verbleibende 15,5 m lange
Granitsäule zu verwenden – vor allem auch deshalb, weil sich kein anderer
Lieferant mehr fand, und weil es aus mythologischen, ästhetischen und aus
Gründen der Dauerhaftigkeit Granit sein musste, wie ihn Plečnik schon für
das Wiener Zacherl-Haus verwendet hatte. Der nunmehr oben
abgeflachte Monolith wurde behauen, auf einen quadratischen Sockel
gesetzt und erhielt einen Ehrenplatz im für offizielle Zeremonien gedachten
dritten Burghof. Jahre später wurde ihm noch eine Pyramidenkontur aus
vergoldetem Metall aufgesetzt, um die für Obelisken typische Spitze
anzudeuten.
Der große Obelisk im dritten Burghof
Symbolpolitik mit unterbewusster Bedeutung
So war der „republikanische Monarch“ zu dem von ihm heiß ersehnten
Phallus-Symbol gekommen – wahrscheinlich hatte Masaryk nicht nur an
die römischen Obelisken und jene von Schönbrunn gedacht, sondern auch
an das 1885 fertiggestellte, 169 m hohe Washington Monument in der
amerikanischen Bundeshauptstadt. Als „Abfallprodukt“ bekam das
mächtige „Sonnensymbol“ in der Burg 1926 übrigens noch einen kleinen
„Bruder“: Vor den Eingang von Schloss Lány setzte Plečnik ein elegantes
Gefallenenmonument in Form eines mit einer Granitstele verbundenen
Flaggenmastes. Schon 1923 hatte der geniale Architekt für seinen
Bauherrn einen schlanken, 10 m hohen Obelisken mit schwerem jonischen
Kapitell auf der „Mährischen Bastion“ errichtet. Damit aber nicht genug, gibt
es auf den „Wällen“ auch noch einen 8 m langen ovalen, diesmal aber
horizontal liegenden Monolithen. Insgesamt verfügte Masaryk also um
einen Monolithen mehr als das Schloss Schönbrunn.
Man mag diese teils tiefenpsychologisch ausgerichtete Analyse der
„republikanischen Hofarchitektur“ Masaryks vielleicht für übertrieben halten,
doch sollte man noch eines beachten: Am 5. Dezember 1941 verlangte der
stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich (er war am 27.
September 1941 in Prag eingetroffen) von Staatspräsident Emil Hácha die
Entfernung des großen Obelisken. Der Staatskanzlei gelang es mit
tschechischer List, diesen diabolischen Akt unter Hinweis auf die
Schwierigkeiten und Kosten des Abtransports zu verhindern. Heydrich kam
bis zu seiner Ermordung durch Widerstandskämpfer (Attentat am 27. Mai
1942) nicht mehr dazu, nachzuhaken. Aber zeigt nicht dieser Versuch der
„Kastration“ der Tschechoslowakei durch einen nationalsozialistischen
Gewaltherrscher die tiefe Symbolik, die hinter dem Wunsch nach einem
möglichst langen und hohen Obelisken am Amtssitz des Präsidenten steht?
„Republikanisch“ waren diese baulichen Strukturen jedenfalls nicht, eher
nach Wilfried Daim „sekundärfeudal“ im unbeugsamen Willen, den
verachteten „Vater-Herrscher“ zu übertrumpfen.
Personen und Unpersonen
Das verdienstvolle, nach langjähriger Arbeit im Verlag „Bibliothek der
Provinz“ (Weitra, 2019) erschienene gemeinsame österreichischtschechische Geschichtsbuch „Nachbarn“ enthält auf 410 großformatigen
Seiten magere 25 Zeilen über die Person Tomáš Garrigue Masaryks –
immerhin war er Gründer der Tschechoslowakei und von 14. November
1918 bis 14. Dezember 1935 ihr erster Präsident. Wie zu erwarten – kein
Wort über irgendwelche Besonderheiten im Lebenslauf des „mährischen
Kutschersohnes“.
Natürlich wäre dort nicht der Ort gewesen, über Masaryks biologische
Herkunft zu spekulieren, doch mutet es etwas seltsam an, dass seine
Biografie zwischen dem Geburtsjahr 1850 und seinem mutigen Auftreten
anlässlich des Hilsner-Prozesses 1899 (es ging um einen angeblichen
Ritualmord) – also über 40 Jahre hinweg – keinen einzigen Eintrag enthält.
Aber auch sein politischer Gegenspieler und wahrscheinlicher biologischer
Vater, Kaiser Franz Josef I., wird als Person in diesem wichtigen Werk
totgeschwiegen. Das führt zur Frage der Verankerung beider
Persönlichkeiten im jeweiligen kollektiven Bewusstsein Österreichs und
Tschechiens. Dafür gibt es mittlerweile einiges an empirischen Belegen. In
einer 2019 vom renommierten Marktforschungsinstitut Integral bei 1.007
Österreichern durchgeführten Repräsentativerhebung wird auf die offene
Frage nach einer wichtigen historischen Persönlichkeit von genau einem
Drittel der Befragten Franz Josef I. genannt, während auf T.G. Masaryk
keine einzige Nennung fällt. Umgekehrt zeigt eine Umfrage des Zentrums
für Meinungsforschung am Institut für Soziologie der Tschechischen
Akademie der Wissenschaften vom Oktober 2013 folgendes Ergebnis: Auf
die offene Frage nach wichtigen Persönlichkeiten der tschechischen
Geschichte antworten 24 % mit Kaiser Karl IV. und 23 % mit T.G. Masaryk.
An dritter Stelle kommt Vaclav Havel mit 20 %. Der Rest der Antworten
liegt im einstelligen Bereich, wobei Kaiserin Maria Theresia und Kaiser
Rudolf II. mit je 1% die Schlusslichter bilden. Franz Josef I. wird überhaupt
nicht erwähnt. Dazu meint ein tschechischer Kollege:
In der tschechischen Mentalität besteht immer noch eine anhaltende
Abneigung gegen jede Art von Hegemonie, unter der die Tschechen in der
Vergangenheit zu leiden hatten. Tschechien soll in den Augen seiner
Bevölkerung so unabhängig wie möglich wahrgenommen werden. Es ist
daher davon auszugehen, dass der ehemalige Kaiser Franz Josef –
während er (vielleicht noch aus der Schule) durchaus in Erinnerung ist –
absichtlich nie erwähnt wird, auch nicht in Umfragen über historische
Persönlichkeiten.
Während Kaiser Franz Josef I. in Tschechien also einem sozialen
Verdrängungsmechanismus unterliegt, ist die mangelnde Wahrnehmung
von T.G. Masaryk durch die österreichische Bevölkerung auf die bewusste
Nichtbeachtung seiner Person durch die österreichische
Geschichtsschreibung zurückzuführen, die wieder mit der Vorurteilsstruktur
der Österreicher in Bezug auf unser nördliches Nachbarland
zusammenhängt. In diesem Sinn ist die Analyse Glockners von großem
Wert, weil sie ohne jede Polemik, nüchtern und eindringlich das Leben
einer für die Geschichte Österreichs sehr relevanten Persönlichkeit
ausleuchtet, wie dies kein Geschichtsbuch bisher getan hat. Aber auch die
ungeschminkten Einblicke in das Leben der kaiserlichen Familie haben
einen hohen Erkenntniswert für den österreichischen Leser, dem ja im
Großen und Ganzen ein eher verzuckertes Bild der Ära und Persönlichkeit
von Franz Josef vor Augen gestellt wird.
Noch zwei weitere Indizien
Um die starken Anhaltspunkte für eine Vaterschaft Franz Josefs entweder
zu verifizieren oder zu falsifizieren, war für das Jahr 2017 ein DNAVergleich mit vom Masaryk-Museum in Horodin zur Verfügung gestellten
Materialproben angesetzt worden. Die Untersuchung wurde jedoch durch
die in New York lebende Urenkelin von T.G. Masaryk, Frau Charlotta Kotík,
geboren am 13. Dezember 1940 in Prag, mit der Begründung verboten,
dass eine DNA-Analyse ein Eingriff in ihre Privatsphäre und die ihrer Kinder
wäre. Diesen Umstand konnte Glockner 2015 noch nicht berichten, obwohl
er das Thema „DNA“ ja am Ende des Buches anspricht.
Jiří Gruša (1938-2011) war ein tschechischer Schriftsteller, Lyriker,
Dissident und Diplomat (von 1998 bis 2004 Botschafter in Österreich). Von
2005 bis 2009 war Gruša Direktor der Diplomatischen Akademie Wien.
Nach David Glockner „hielt er mit seinem Verdacht, Tomáš Masaryk sei ein
Sohn Franz Josefs gewesen, keineswegs hinterm Berg“.
Dieses Buch so wie die oben genannten zusätzlichen Indizien machen
es wahrscheinlich.
Der Herausgeber
pd/21.8.2019
