Es geht doch auch um Österreichs Identität
Replik. Die Pläne für ein Haus der Geschichte am Heldenplatz erregen manche bürgerlichen Gemüter. Bitte auf dem Boden der Fakten bleiben!
Seit 1999 enthielt jede Regierungserklärung das Versprechen, ein „Haus
der Geschichte“ zu errichten oder wenigstens zu planen.
Nach eineinhalb Jahrzehnten findet sich ein Kulturminister, der diese
Willenserklärung der Vorgängerregierungen ernst nimmt und einen
konkreten, durchführbaren Plan vorlegt. Statt ein schwer finanzierbares und
einen jahrelangen Errichtungsprozess erforderndes Neubaukonzept
vorzulegen, schlägt Pragmatiker Josef Ostermayer vor, das Projekt in der
Neuen Hofburg zu verwirklichen. Die Vorbereitungsarbeiten legt er in die
Hände des ausgewiesenen Zeitgeschichteprofessors Oliver Rathkolb. Mehr
hat er nicht gebraucht. Mit einem „Genossen im Geiste“ will er das
durchziehen. Am Heldenplatz will er es machen, der doch mit
österreichischer Geschichte kaum etwas zu tun hat. Den Mittelbalkon der
Hofburg will er einbeziehen, auf den doch niemand hinaustreten darf, seit
„ER“ dort gesprochen hat. Da könnte ja jeder kommen! Die
Musiksammlung will er verlegen, die doch so luftig angelegt ist, dass man
lustvoll durchspazieren kann. Nein, so haben wir das nie gemacht. Da ist
zumindest Entrüstung angesagt.
Bürgerliche Geister haben sich über solche Umtriebe wirklich aufzuregen.
Leider auch mein lieber Freund Chorherr. Nochmals zu seiner Erinnerung:
In der Regierungserklärung des Kabinetts Schüssel II hieß es 2003:
„Auf der Grundlage der Parlamentsentschließung und der
Vorbereitungsarbeiten wird ein konkretes Projekt zur Errichtung eines
„Haus der Geschichte“ [sic] erstellt. Die dafür notwendigen Mittel werden
von öffentlicher und privater Hand aufgebracht.“
Seit Jahrzehnten schläft die ÖVP einen kulturpolitischen Dauerschlaf. Darf
man bitte fragen, wer Kultursprecher der ÖVP ist? Wer es nicht wissen
sollte: es ist eine „Sie“. Früher Finanzministerin und Innenministerin, jetzt
Geschäftsführerin eines Kieswerkes. Was hat man von ihr zuletzt gehört?
Gibt es ein Gegenkonzept zum Plan, das „Haus der Geschichte“ an die
Nationalbibliothek organisatorisch und räumlich anzudocken?
Die Gefahr, dass der Heldenplatz neuerlich „entweiht“ oder gar
„umdefiniert“ wird – sollte er das Containerdorf (nicht für Flüchtlinge,
sondern für Parlamentsmitarbeiter) überleben – muss schon gewaltig sein,
wenn ein Thomas Chorherr davor zittert.
Und dann noch das leidige Thema, dass es zwei Häuser der Geschichte
geben soll – eines für die Republik und eines für Niederösterreich. Das ist
ja auch wieder typisch: ein „rotes“ und ein „schwarzes“. Mit anderen
Worten: auch der Historiker Karner, verantwortlich für das Projekt in
St. Pölten, wird nicht objektiv sein. Er wird selbstverständlich den
„Korneuburger Eid“ verschweigen, genauso wie Rathkolb die
legitimistischen Widerstandskämpfer unter den Teppich kehren wird.
Bleiben wir doch bitte auf dem Boden der Tatsachen.
Wer zu geringe Mittel hat, ein Haus zu bauen oder eine
Eigentumswohnung zu kaufen, zieht in eine Mietwohnung. Stellt sie ihm ein
Verwandter ohne Ablöse zur Verfügung, umso besser. Ist sie stattlich und
geräumig, noch besser. Steht sie mitten in der Stadt, wird das viele Vorteile
haben.
Wird es eine Schulklasse aus Dornbirn nicht zu schätzen wissen, wenn sie
nach Besuch der Schatzkammer nur ein paar Schritte zum wahrlich
geschichtsträchtigsten Ort Österreichs hat? In einem räumlichen Lehrstück
ohnegleichen, und nur eine (Pärchen)ampel bis zu den großen Museen!
Oliver Rathkolb hat einen international besetzten Beirat von
Museumsfachleuten und Historikern um sich geschart. Schon jetzt gibt es
mehr Anregungen, als man je verwirklichen wird können. Das auf einen
Neubau ausgerichtete Konzept Haas/2009 (es hatte große Mängel) soll der
neuen Situation angepasst werden. Man wird sehen, was es bringt. Eine
„Steuerungsgruppe“ – hoffentlich kein interministerieller Unterausschuss im
Sinne Robert Musils – kümmert sich um die bauliche Ausgestaltung des
Heldenplatzes samt Tiefgarage und Bücherspeicher. Ein
Architektenwettbewerb soll schon im Herbst ausgeschrieben werden, denn
die Zeit drängt – 2018 kommt bestimmt. Und im Land der Jubiläumsmythen
muss dann alles fertig sein.
Oliver Rathkolb ist nicht zu beneiden. Ein Geschichtsprofessor als Manager
– ob er das schafft? Bald nach den Ferien will er diverse Prozesse der
öffentlichen Auseinandersetzung mit Geschichte starten. Gut so! Einen
breiten Diskurs über das Werden Österreichs, seine Eigenstaatlichkeit seit
1804, seinen Weg in Rechtsstaat und Demokratie, seine kulturelle
Glanzzeit um 1900, und die leidvolle, letztlich aber triumphale Entwicklung
der Republik Österreich seit 1918 – das hat es schon lange nicht mehr
gegeben.
Dieser Diskurs muss freilich auch die unangenehmen und kontroversiellen
Phasen der Zeitgeschichte Österreichs thematisieren.
Trautl Brandstaller und ich, die wir seit zwei Jahrzehnten für ein „Haus der
Geschichte“ werben, meinten schon 2006 in unserem Konzept:
„Wo wissenschaftliche Forschung und öffentliches Bewusstsein noch
keinen Konsens erreicht haben, wo es offene Fragen und Kontroversen
gibt, sind diese offen zu dokumentieren: Ein “Haus der Geschichte” kann
Konsens nicht vorspiegeln, wo Dissens herrscht. Das Bekenntnis, Fragen
noch nicht geklärt zu haben, zählt zu den Fundamenten einer
wissenschaftlichen Institution.“ (http://0cn.de/5nf3)
Fassen wir zusammen:
→ Das geplante „Haus der Geschichte“ soll sich den genius loci der
Hofburg und des Heldenplatzes auf kluge Weise dienstbar machen.
→ Das „Haus der Geschichte“ muss überparteilich geführt werden.
→ Es darf sich nicht auf die politische Geschichte beschränken, sondern
muss Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte einbeziehen.
→ Die Geschichte Österreichs wäre keine Geschichte Österreichs, würde
sie erst bei 1918 ansetzen.
→ Die Entwicklung Österreichs ist im Zusammenhang mit der Entwicklung
seiner Nachbarländer und seiner Rolle in Europa zu sehen.
→ Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Republik Österreich
muss die Geschichte der Bundesländer angemessen berücksichtigen.
Schließlich ist festzustellen:
– Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, in konkreter Form über
Themenstellungen und Fortschritt der Vorbereitungsarbeiten informiert zu
werden. Nur so kann ein konstruktiver Diskurs geführt werden.
– Umgekehrt haben Minister Ostermayer und Professor Rathkolb samt
Mitarbeitern einen Anspruch auf Fairness und Sachlichkeit bei der
Diskussion ihrer Vorschläge.
– Bei der Frage nach der Zukunft unseres Landes geht es nicht nur um
Wirtschaftswachstum und soziale Sicherheit. Es geht auch um die Identität
Österreichs, die aus einer erkannten und bewältigten Vergangenheit die
Kraft schöpft, um im Europa von morgen bestehen zu können.
Zum Autor:
Dr. Peter Diem, Jahrgang 1937, Politikwissenschaftler und Publizist. 1979
bis 1999 Leiter der Abteilung Medienforschung im ORF. Führte ab 2000 die
Online-Marktforschung bei GfK Austria ein. Mitherausgeber des
österreichischen Wissensnetzes „Austria-Forum“ (http://austria-forum.org).
