Peter Diem (in Kirche und Zukunft 2007):
Zu Wilfried Daims Initiativen zur Entfeudalisierung der katholischen Kirche
Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger und sagte:
Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen. Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen. Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewänden lang, ei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gem grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen. Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. Der Größte von euch soll euer Diener sein. (Mt. 23:1-11)
Das Zweite Vatikanische Konzil war von Papst Johannes XXIII. am 25. Jänner 1959 angekündigt worden. Am 20. Juli 1961 ließ der Papst wissen, dass ihm auch die Mitwirkung der Laien ein Anliegen sei. Diese Aufforderung nahm die im Herder-Verlag erscheinende Zeitschrift „Wort und Wahrheit zum Anlass, zu einer Umfrage einzuladen. An die 100 prominente Katholiken aus dem deutschsprachigen Raum nahmen teil und formulierten ihre Anliegen an das Konzil. Auch Wilfried Daim war einer der Teilnehmer. In seinem Beitrag stellt er zum ersten Mal seine – aus der im Jahr davor erschienenen „Kastenlosen Gesellschaft” abgeleiteten – Thesen zur Entfeudalisierung der Kirche und seine Forderung nach einem umfassenden Schuldbekenntnis des Papstes vor. Die letztere lautete:
Umfassendes Schuldbekenntnis des Papstes im Namen seiner christlichen Brüder für die Untaten der Kirche an den Juden, den Islamiten, den Heiden, den eigenen Mitgliedern, die zu Unrecht verfolgt, gemartert, indiziert usw. wurden, an den Sklaven, den Farbigen, an den Kastrierten um des schönen Gesanges willen, an den Bürgern, am Proletariat für alle Handlungen und für alle Unterlassungen; Bitte um Vergebung. (S. 585 f.)
Knapp vor Eröffnung der zweiten Konzilsperiode, Ende September 1963, entbrannte im österreichischen Katholizismus eine heftige Diskussion. Es ging um das kurz vorher im gewerkschaftsnahen Europa-Verlag erschienene Buch von Wilfried Daim “Kirche und Zukunft”. Neben einer Abhandlung über das Zusammenleben von Christen und Atheisten von Friedrich Heer und einer Betrachtung über die verschiedenen Funktionen von “Katholischer Aktion” und “Aktion der Katholiken”, verfasst von August Maria Knoll, enthielt der in den Kirchenfarben Gelb-Weiß gehaltene Paperback 29 Thesen zur “Entfeudalisierung der Kirche”. Daim geriet alsbald als “Linksreformer” in das Schussfeld zahlreicher sachlicher wie unsachlicher Angriffe.
Den Anfang machte der Münchner Jesuitenpater Hans Wulf in der Septembernummer 1963 der “Stimmen der Zeit”. Die Forderungen der “Reformer” seien “maßlos”, ihr Buch enthalte “zentrale theologische Irrtümer”, argumentiere “aus einer aufklärerisch-ungeschichtlichen Position” und könne deshalb dem katholischen Christen “keine konkret mögliche Therapie anbieten”. Wobei sich die theologischen Einwände nur auf die Position von Knoll bezogen, der eine strikte Aufgabentrennung zwischen dem von Wulf so bezeichneten „Weltstand” und dem „Rätestand” (den Personen, die ein Leben den evangelischen Räten gemäß führen) verlangt hatte.
Der eigentliche Vorwurf an Daim, dessen zentrale These von der universellen Brüderlichkeit Wulf aber durchaus unterstützte, war die Behauptung, dass Daims Forderungen allesamt nicht praktikable Maximalforderungen” seien. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Daims Thesen hielt der gelehrte Pater nicht für nötig, obwohl der äußerst umfangreiche Artikel dafür genügend Platz geboten hätte.
Auch der damalige Wiener Oberhirte, Kardinal König von der Nachwelt gerne zu den “progressiven” Bischöfen gerechnet – hielt sich mit Kritik nicht zurück. Bei der Mariä Namen-Feier in der Wiener Stadthalle 1963 verstieg er sich zu den Worten, die Autoren schlagen die Kirche ans Kreuz”. Das traf den tiefgläubigen August Maria Knoll besonders hart – er starb übrigens drei Monate später. Kardinal König hat jedoch Knoll noch in seinen letzten Tagen eine Grußadresse geschickt. Dazu Daim: “Wie voller Widersprüche ist doch das Leben!”
Wie es sich für die Hofberichterstattung am Stephansplatz geziemt, feuerte auch das kirchenamtliche Wiener Diözesanblatt am 1. Oktober 1963 eine Breitseite unter dem beziehungsvollen Titel “Stellungnahme zu einem Buch” ab. Die Autoren von “Kirche und Zukunft” hätten “den breiten Rahmen der Diskussionsfreiheit bereits überschritten und den Boden der Kirche, wenigstens zum Teil, verlassen”. Man verspüre “nach der Lektüre ein ausgesprochenes Unbehagen”, fordere doch das progressistische Machwerk nicht eine “Entfeudalisierung” sondern eine “Entgesellschaftung der Kirche”. In einem Vortrag nahm Daim zu diesem 11-spaltigen Artikel wie folgt Stellung:
Der Artikel war nicht gezeichnet. Anonym. Aber wie dies eben schon so ist, wusste man schon spätestens am dritten Tag danach, dass er von Pater Riener S.J., dem langjährigen Leiter der katholischen Sozialakademie stammte. Eigentümlich an dem Artikel – die Anonymität sollte wohl das Autoritative des Artikels unterstreichen – war, dass er sich nur mit Knolls und meinem Beitrag beschäftigte, nicht jedoch mit dem von Heer, der mit keinem Wort auch nur erwähnt wurde. Als Heer gefragt wurde, ob er wisse, warum er gar nicht erwähnt wurde, meinte er, er hätte keine Ahnung, es sei ihm aber auch egal.
Ich vermute, dass Heer schon einen internationalen Ruf hatte und man deshalb vorsichtiger war. Man hatte dabei den Eindruck, dass dem Autor die ganze Sache außerordentlich peinlich war. Denn es gibt darin eine Reihe sehr wohlwollender Passagen, doch hatte er ja schließlich offenkundig den Befehl zu einem feststehenden Ergebnis. Ich fand darunter kein Argument gegen unsere Thesen, das in irgendeiner Weise Gewicht gehabt hätte. Das Wesentliche war schließlich die Feststellung -die eben von vornherein feststand und auf die hin die Argumentation hinzubiegen war – wir hätten uns mit unseren Forderungen “außerhalb der Kirche gestellt”, obwohl der Diskussionsrahmen, in welchem man sich bewegen dürfe, ohnehin sehr groß wäre. Wir hätten ihn also überschritten. Es wurden jedoch die Worte „Häretiker”, „Ketzer” oder „Irrlehrer” nicht verwendet, die waren schon obsolet. Denn nunmehr waren diese Leute ja getrennte Brüder”, sollte man sagen, dass etliche unserer Aussagen, solche getrennter Brüder” wären?
Die große Bedeutung, die dem damals auch im Vatikan gelesenen Buch „Kirche und Zukunft” für die innerkatholische Meinungsbildung über die „ecclesia semper reformanda” auch heute noch zukommt, rechtfertigt eine genaue Auseinandersetzung mit den darin aufgestellten 29 Thesen – aus damaliger wie heutiger Sicht.
Anmerkung: Vorläufer der folgenden Vorschläge Daims waren: Zunächst ein Beitrag zum Sonderheft von “Wort und Wahrheit”, XVI. Jg., Heft 10, Oktober 1961, S. 585 ff. Vollständig und ergänzt erschien der gleiche Beitrag in “Werkhefte, Zeitschrift für Probleme der Gesellschaft und des
Katholizismus”, 16. Jg. Heft 1, Jänner 1962. Gemeinsam mit Beiträgen von Leo Gabriel, Friedrich Heer, August M. Knoll und Hans Kriegl erschienen einige der vorliegenden Gedanken in “Österreichische Academia”, der Zeitschrift des ÖCV, 13. Jg., 6, 1961/62, unter dem Titel “Kirche auf der Höhe der Zeit”. S. 6 ff.
Im Folgenden werden die Thesen Daims zur Entfeudalisierung der Kirche” in gekürzter Form und mit Anmerkungen des Verfassers versehen wiedergegeben.
Der Bruderbegriff
Christus ist ein Bruder-, keinesfalls ein Vatertypus. Das Wort Vater reserviert er ausschließlich für Gott und sagt demnach zu den künftigen Erzbischöfen einschließlich des künftigen Papstes: “Auch Vater nennt keinen von euch auf Erden, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel ist” (Mat. 23:9-10), selbst ein klares Beispiel gebend. Natürlich geht es hier nicht um die Funktionsbezeichnung in der Familie, sondern um den Vatertitel in der Gesellschaft. An der gleichen Stelle heißt es: “Ihr aber seid alle Brüder.” (Mt. 23:8). Was hat es nun mit dem Gebrauch des Wortes „Vater” beziehungsweise Bruder auf sich? Der Vater in der Familie ist dem Kleinkind in allen Wertkategorien überlegen, nur nicht im Hinblick auf die Entwicklungspotenz. Zwischen Vater und Kind besteht ein essentieller Unterschied. Dort eine Wert-Akkumulierung, hier eine Wertarmut. Der Vaterbegriff als Titel verwendet impliziert eine vielfaltige Überlegenheit, die der absoluten Überlegenheit Gottes im kindlichen Erleben nahe kommt.
Der Bruderbegriff hingegen differenziert nicht dermaßen einschneidend zwischen den Menschen… Indem Konstantin die Bischöfe (die spätere Bezeichnung für Apostel) zu Eminenzen machte, feudalisierte er sie und erstickte damit den Sozialrevolutionären Impuls des Christentums. Die Schuld liegt jedoch keineswegs allein bei Konstantin, denn die Hierarchen waren ja nicht gezwungen, die Feudalisierung anzunehmen. Wie bei den frühen Sozialisten Orden und Ehrenzeichen verpönt waren, so auch bei den frühen Christen. Aber wie später Sozialisten und Kommunisten der Versuchung nicht widerstanden, so auch die Christen.
Wenn wir also zur ursprünglichen Reinheit der Christenheit zurückkehren wollen – Johannes XXIII. († 3. Juni 1963) stellte diese Aufgabe dem Konzil heißt es den ursprünglichen, brüderlichen Geist beschwören und zugleich den zutiefst unchristlichen Feudalismus, der das Antlitz der Kirche seit mehr als anderthalb Jahrtausenden bestimmt, wiederum auszuscheiden…Ich möchte hierzu bemerken, dass diese Thesen vor Beginn des Konzils -bewusst pointiert aufgestellt wurden. Es ist sicher, dass das Konzil im Großen und Ganzen die Richtung der meisten Thesen verfolgt, wenn auch der notwendigerweise schwerfällige Apparat nur schrittweise in der angegebenen Richtung vorwärts kommt. Dort, wo das Konzil oder wesentliche Träger desselben sich in die angezielte Richtung vorwärtsbewegen, fügte ich nun nach der ersten Session dem ursprünglichen Text noch entsprechende Hinweise bei.
Entfeudalisierung
Unter Entfeudalisierung verstehe ich die umfassende Ausscheidung einer dem Ursprung des Christentums völlig fremden Lebens- und Herrschaftsform, die unter Einfluss des Byzantinismus und des germanischen Feudalismus sich innerhalb der Kirche ausbreitete und dem Zeremoniell, das umfassende Brüderlichkeit (heute: Geschwisterlichkeit -pd) ausdrückt, zutiefst zuwiderläuft. Die nach Ausdruck ringende Verbrüderungstendenz müsste daher befreit und ihrem schöpferischen Wirken Raum gegeben werden. Nach einer Meldung des Wiener Kirchenblattes sagte Kardinal Montini (= Paul VI. 1963-1978), dass die Kirche den “purpurnen Königsmantel ablegen und der Welt in Gestalt einer Magd entgegentreten müsse”. Dies bedeutet grundsätzlich dasselbe, was ich unter Entfeudalisierung verstehe, nur ist es im gehobenen Predigerstil formuliert.
Im Besonderen wären folgende Maßnahmen Ausdruck der Entfeudalisierung:
1. Reduktion des Vatertitels
Verringerte Verwendung des Vatertitels, wenn nicht überhaupt seine Ersetzung durch den Bruderbegriff, der für alle Christen in gleichem Maße signifikant sein müsste, wie für die französischen Revolutionäre das Wort “Bürger” oder für die sozialistischen Parteien das Wort “Genosse”. Die universelle Brüderlichkeit ist der eigentliche, revolutionäre Sprengstoff des Christentums. Dass sie (mit schlechtem Gewissen) aufgegeben wurde, ist eine schwere Schuld. Die revolutionären Werte Freiheit der Hauptwert liberaler “Bürger” – sowie Gleichheit – der Hauptwert proletarischer “Genossen” sind rechte und linke Flankenwerte der Brüderlichkeit. Insofern sind sie auch über die Brüderlichkeit heimholbar. Das Wort “Bruder” ist daher mit Recht den Worten “Bürger” und “Genosse” vergleichbar.
Anmerkung: Das Wort „Vater” hat sich als langlebiger erwiesen als die Wörter „Bürger” und „Genosse”. Trotz des biblischen Auftrags („Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.” Mt. 28:9) nimmt niemand Anstoß am Wort „Pater” als der Bezeichnung eines katholischen Priesters.
2. Schuldbekenntnis
Ein umfassendes Schuldbekenntnis des Papstes im Namen seiner christlichen Brüder für die Untaten der Kirche an den Juden, den Islamiten, den Heiden, den eigenen Mitgliedern, die zu Unrecht verfolgt, gemartert, indiziert etc. wurden, an den Sklaven, den Farbigen, an den Kastrierten um des schönen Gesanges willen, an den Kaisern, die man zu Funktionären des Papstes machen wollte, an den Bürgern, am Proletariat etc. für alle Handlungen und für alle Unterlassungen. Der Papst soll sie alle um Vergebung bitten.
Im Anschluss an die erste Session des Konzils hat Kardinal Augustin Bea in einer vielbeachteten Rede unter anderem erklärt:
“Eine andere Verirrung falsch verstandener Liebe zur Wahrheit waren die schmerzlichen Religionskriege, da man im Namen der Wahrheit versuchte, gewisse Überzeugungen anderen Menschen mit Gewalt aufzuzwingen, dabei aber eine Tatsache vergaß, die nicht weniger grundlegend ist als die Liebe zur Wahrheit: nämlich die menschliche Freiheit.
Das sind goldene Worte, die eine Absage an die Ritterordensmethoden darstellen und ein partielles, jedoch außerordentlich wichtiges Schuldbekenntnis implizieren. Es ist dies nicht nur ein gutes Beispiel für andere Konfessionen, sondern auch etwa für die Kommunisten.
Natürlich geht die hier vertretene Forderung viel weiter als die Äußerung Kardinal Beas, doch handelt es sich hier sicherlich um einen äußerst wertvollen Anfang, der entsprechende Folgen haben wird.
Anmerkung: Am 16. März 1998 beklagte der Vatikan im Dokument „Nachdenken über die Shoa” die Mitschuld von Christen am Holocaust. Das päpstliche mea culpa am 12. März 2000 wurde als historischer Akt bezeichnet. Johannes Paul II. hatte in sieben Vergebungsbitten” kirchliche Verfehlungen im Zusammenhang von Glaubenskriegen, Judenverfolgungen und Inquisition eingestanden, freilich in eher allgemein gehaltenen Worten. Auf seiner Pilgerreise nach Israel, Jordanien und in die Palästinensergebiete im Jahr 2000 betete der Papst an der Klagemauer, dem bedeutendsten jüdischen Heiligtum, und besuchte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Paul VI. setzte in der ihm eigenen Art auf symbolische Gesten: So wurden geraubte Reliquien an die Ostkirchen zurückgegeben. Auch die Versteigerung der Papstkrone, der Tiara, zu Gunsten der Armen in der Welt beinhaltete eine derartige “Reinigung des Gewissens” der Kirche. Schließlich kniete Paul VI. 1975 am zehnten Jahrestag der wechselseitigen Aufhebung der Exkommunikation mit den Orthodoxen im Petersdom vor dem Gesandten des Patriarchen von Konstantinopel, Metropolit Meliton, nieder, um ihm die Füße zu küssen.
3. Der Papst lege die Tiara ab
Bei dieser Gelegenheit könnte der Papst zum letzten Mal die Krone tragen. Danach wäre sie als interessantes Relikt der kirchlichen Feudalzeit den vatikanischen Museen als Ausstellungsobjekt zu übergeben. Die Krone, von weltlichen Despoten und Fürsten übernommen, ist das massivste Feudalsymbol im Rahmen des gesamten höfischen Zeremoniells. Sie hat in einer entfeudalisierten Kirche keinen Platz. Weder Petrus 1. noch Christus trugen je Kronen, mit Ausnahme der Dornenkrone, die Christus mit Sadismus und Hohn aufgesetzt wurde.
Anmerkung: Nach der ersten Sitzungsperiode des 1962 einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzils starb Johannes XXIII. am 3. Juni 1963. Kardinal Montini wurde am 21. Juni 1963 im 5. Wahlgang zum neuen Bischof von Rom gewählt. Er nahm den Namen Paul VI., in direkter Bezugnahme auf den Völkerapostel an. Am 30. Juni 1963 setzte Kardinal Alfredo Ottaviani ihm auf der Piazza von St. Peter eine modern gestaltete Tiara auf. Im Jahr darauf legte Papst Paul VI. die Tiara, ein Geschenk der Mailänder Diözese, auf dem Altar der Peterskirche nieder. Sie wurde zu Gunsten der Armen vom Heiligtum der Immaculata, Washington D.C. (USA) erworben, wo sie noch heute ausgestellt ist. Paul VI. († 1978) war der letzte Pontifex, der sich krönen ließ, da sein Nachfolger dieses Ritual abschaffte.
4. Abschaffung der Wir-Formel der Päpste, der Titel “Seine Heiligkeit” und “Heiliger Vater”
Dieser Feudalstil wirkt auf außerkirchliche Personen immer hemmend, das jeweils Gesagte ernst zu nehmen. Wenn Petrus I. “ich” sagte, so ist dies auch dem Papst zumutbar. “Seine Heiligkeit” ist noch schlimmer. Der Vatertitel schließlich, der völlig zurückgedrängt werden müsste, ebenso wie “Hochwürden” und ähnliches, kann in Bezug auf den Papst verschwinden.
Auch das Wort Papst von Papa, Vater, kommend, ist späteren Datums. Es besteht durchaus kein Anlass, den Bischof von Rom anders zu nennen als eben Bischof, wenn man diese Vokabel schon beibehalten will. Das Jurisdiktionsprimat des Bischofs von Rom würde viel leichter etwa von der Ostkirche anerkannt, wenn es mit brüderlichen Formen einherginge…
Funktionell ist der Papst Bischof (Apostel) von Rom mit dem Jurisdiktionsprimat innerhalb der übrigen Bischöfe (Apostel). Dass Papst Johannes XIII. immer wieder aus der Wir-Form in die Ich-Form fällt, zeigt wiederum, wie wenig er in das feudale Joch passt, das ihm aufgelastet ist.
Anmerkung: Viele Vorschläge Daims, auch solche, deren Verwirklichung man nicht für möglich gehalten hätte, wurden in die Tat umgesetzt. Seine Würdentitel als Papst abzulegen, würde freilich eines sehr starken Charakters bedürfen, sozusagen eines „Super-Johannes XIII.”
Immerhin gab es im Pontifikat von Paul VI. bereits Augenblicke, wo er bei Ansprachen in die dritte Person Einzahl auswich (Rede vor der UNO) oder sogar die Ich-Form verwendet. So berichtete “Kathpress” am 12. September 1966:
“Paul VI. zelebrierte auf dem Hauptplatz des aufstrebenden Industriestädtchens Colleferro vor Tausenden von Arbeitern und ihren Angehörigen eine heilige Messe… Nach dem Evangelium richtete der Papst in ungemein herzlichem Ton seine Ansprache an die Versammelten. “Unser wirklicher, großer Gruß gilt heute euch Arbeitern. Um euretwegen bin Ich gekommen. Ihr seid der Hauptgrund Meines Besuches. Es lebe das arbeitende Colleferro’ rief der Papst und löste damit erneut ungeheuren Beifall aus.” (Man beachte die Großschreibung im Singular der ersten Person – sonst eigentlich nur für Gott gebräuchlich)
Der pluralis maiestatis wird ohne Skrupel bis heute verwendet. So formuliert Benedikt XVI. ausgerechnet in einem Dokument, in dem es um die Bekämpfung der Säkularisierung geht am 10. Oktober 2010 wie folgt:
„Deshalb legen Wir im Licht dieser Reflexionen, nach sorgfältiger Prüfung aller Dinge und nach Einholung der Meinung von Experten, fest und bestimmen wie folgt: Art. 1
§ 1 Es wird der Päpstliche Rat für die Förderung der Neu-evangelisierung als Dikasterium der Römischen Kurie gemäß der Apostolischen Konstitution Pastor bonus errichtet. § 2 Der Rat verfolgt seine Ziele, indem er sowohl das Nachdenken über Argumente einer Neuevangelisierung anregt als auch geeignete Formen und Mittel auswählt und fördert, um dieselbe durchzuführen.
5. Abschaffung von Kniefall und Ringkuss
Wie wir schon zitierten, hat Petrus I. es kann dies nicht genügend betont werden – gegenüber dem Centurio Cornelius, der sich ihm “ehrfurchtsvoll zu Füßen warf” folgendes erklärt: “Steh auf auch ich bin nur ein Mensch” (Apg. 10:26). Gerade damit tut er jedoch kund, dass er den Kniefall vor einem Menschen als Unrecht empfindet. Im Sinne von Petrus I. haben wir daher das gegen die Brüderlichkeit verstoßende, aus dem Despoten-Zeremoniell stammende Unterwerfungszeremoniell zu liquidieren. Das Händereichen ist ein sehr gutes Symbol für die innere Verbindung zwischen Menschen. Daher wäre es zum Zeremoniell zu erheben.
Anmerkung: Sowohl Kniefall wie Ringkuss scheinen sich mittlerweile (seit der Abfassung der Daim’schen Thesen ist immerhin fast ein halbes Jahrhundert vergangen) auf „Untergebene” also auf Angehörige des Klerus zu beschränken. Schicken sich Weltchristen zu diesen Gesten an, werden sie vom Papst meist sanft an ihrer Ausführung gehindert.
6. Abschaffung der pharaonischen Straußenwedel
Die am vatikanischen Hof Verwendung findenden Straußenwedel kommen über Byzanz von jenen Pharaonen, gegen die Moses bereits vor dreieinhalb Jahrtausenden revoltierte. Der ursprüngliche Zweck war, dem Pharao frische Luft zuzufächeln, ihm Kühlung zu verschaffen, vielleicht die Sonnenstrahlen abzuhalten. Niemand wird nun dem Bischof von Rom die frische Luft missgönnen, doch sollte die Assoziation -byzantinischer Kaiser, und Pharao -unbedingt vermieden werden.
Anmerkung: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Es ist zu vermuten, dass die Straußenwedel schon unter Johannes XXIII. oder kurz nach ihm abgeschafft wurden.
7. Abschaffung aller Sonderrechte der römischen Aristokraten am vatikanischen Hof
Geburtsvorrechte spielten innerhalb der von Christus gegründeten Kirche keine wie immer geartete Rolle. Christus wählte die Apostel sicherlich nicht auf Grund ihrer mehr oder weniger vornehmen Geburt aus, sondern auf Grund ihrer mehr oder weniger großen Fähigkeit, die Funktion eines Apostels, eines Gesandten zu erfüllen, Geburtsvorrechte jeder Art sind deshalb in der Kirche zu liquidieren.
Anmerkung: Am 26.1.1968 meldete Kathpress, dass die traditionelle Neujahrsaudienz, die der Papst immer Mitte Jänner dem römischen Adel gewährt hat, in diesem Jahr nicht stattfindet: „Das teilen die beiden Päpstlichen Thronassistenten, die Fürsten Colonna und Torlonia, in diesen Tagen mehr als 500 Exponenten des römischen Adel in persönlichen Briefen mit”.
8. Ersetzung der vatikanischen Baulichkeiten durch ein modernes, zweckdienliches Bürohaus
das den kirchlichen Funktionären gestattet, in adäquater Weise ihren Geschäften nachzugehen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten könnten als Museen Verwendung finden.
Anmerkung: Hier kann man sich der Kritik von P. Wulf anschließen – der Vorschlag ist maßlos und weitgehend impraktikabel. 9. Radikale Vereinfachung des Zeremoniells
Die Etikette des römischen Hofes wäre der einer Präsidentschaftskanzlei in einer westlichen Demokratie etwa der der Schweiz – anzupassen. Viel unnötiger Kraftaufwand könnte so vermieden, die ersparten Energien produktiver eingesetzt werden.
Anmerkung: Mit dem motu proprio „Pontificalia insignia ” und einer
dazugehörigen Instruktion vom 21. Juni 1968 wurden die Bischofsinsignien neu geregelt. Der Begriff Thron” wurde durch „Cathedra” ersetzt, der Baldachin und die Kniebeuge vor dem Bischof abgeschafft. Dazu wurde der Wunsch ausgesprochen: „die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen”.
10. Abschaffung der vom vatikanischen Hof zu verleihenden Adelsprädikate, Orden, Ehrenzeichen und der funktionslosen “Würden”
Feudale Spielereien, wie die Verleihung von Adelsprädikaten, funktionslose Titel und Würden, gehören auf den Schutthaufen der Weltgeschichte. Vorkommnisse wie Verteilung von Fürstentiteln an Papstneffen, wie sie Pius XII. praktizierte, sind beschämend, entwürdigend und entmutigend für die ganze Christenheit. Es wäre dafür zu sorgen, dass sich solche Dinge nicht wiederholen…
Anmerkung: Paul VI. unternahm die notwendige Distanzierung von einer Bindung der Kirche an die Aristokratie in unmissverständlicher Weise zu Beginn des Jahres 1964. Wörtlich erklärte der Papst auf den Neujahrsgruß, den ihm Fürst Colonna überbrachte:
“Vor Ihnen, Erben und Vertretern der alten und führenden Familien des päpstlichen Rom und des päpstlichen Staates stehen Wir mit leeren Händen. Wir können Ihnen nicht mehr Ämter, Benefizien, Privilegien und Vorrechte, über die ein weltlicher Staat verfügt, übertragen Wir können nicht mehr, wie in der Vergangenheit, Uns Ihrer weltlichen Mitarbeit bedienen. Wir sagen dies zögernd und mit innerem Unbehagen und befürchten, Wir könnten den Traditionen zu wenig verbunden scheinen, Ihre Verdienste zu wenig anerkennen. Aber dem ist nicht so. Das Konzil stellt der Kirche das gewaltige Problem, sich zu modernisieren, ein Problem, mit dem sich auch der Vatikan auseinandersetzen muss.’
Damit war die Idee, dass Geburtsvorrechte in der katholischen Kirche fürderhin keine Bedeutung mehr haben sollten, offiziell ausgesprochen worden. Wie die Praxis der letzten Dezennien war, müsste gesondert untersucht werden.
11. Verpflichtung aller kirchlichen Funktionsträger nicht nur zur Fußwaschung, sondern auch zum gemeinsamen Tisch mit Vertretern der verschiedensten Volksschichten
Die natürliche Tischgemeinschaft soll die übernatürliche vorwegnehmen. Die Fußwaschung ist das demonstrativste und ausdrucksvollste Demutsritual christlicher Autorität. Christus zwang Petrus I., der anfänglich hier widerstrebte, mit der Androhung der Exkommunikation, diese Demütigung Christi anzunehmen. Die Bereitschaft, den niedrigsten Dienst am anderen zu verrichten, berechtigt autoritative Funktionäre der Kirche erst, ihre Funktion auszuüben. Die Tischgemeinschaft aller wird von Christus als Symbol für den Himmel gebraucht: “Das Himmelreich ist gleich einem Gastmahl…”
Denn der gemeinsame Tisch ist ein profanes Verbrüderungszeremoniell und baut unnötige Distanzen ab. Wie viel würde ein Bischof erfahren können, wenn er sich die Mühe machte, mit verschiedensten Person, Vertretern aller Volksschichten, zu Mittag oder zu Abend zu essen.
Anmerkung: Papst Benedikt XVI. wusch erstmals am Gründonnerstag 2006 die Füße von zwölf katholischen Laien. Anders als seine Vorgänger wusch der Papst in der Lateran-Basilika in Rom nicht zwölf Priestern die Füße, sondern wählte der Kirche nahestehende Weltchristen für das Zeremoniell aus. So hat sich in der Kirche vieles geändert, obwohl nicht anzunehmen ist, dass etwa ein österreichischer Kardinal sehr oft mit einfachen Leuten speist.
12. Größere Mobilität des Bischofs von Rom
Er soll nichtkatholische Kirchenfunktionäre aufsuchen und nicht warten, bis diese kommen. In Fragen von extremer internationaler Bedeutung – wie Frieden oder Abrüstung – sollte er auch wichtige Politiker aufsuchen. In dem großangelegten Hirtengleichnis (Lk 15:3-7) lässt Christus den guten Hirten das verlorene Schaf suchen. Er wartet nicht, bis es von selbst zurückfindet, sondern sucht es und freut sich mehr über dieses eine als über 99 andere (und die guten Schafe mit ihm)… Sowohl Christus als auch Petrus hielten das anders. Obwohl die Kirche das politische Gebiet den Weltchristen (den “Laien”) überlassen sollte, würde es keineswegs fehl am Platze sein, wenn in so extremen wesentlichen Fällen, wie in der Frage des Weltfriedens, nicht nur offiziell von Rom aus Botschaften erlassen würden, sondern der Papst sich selbst zu den entscheidenden Politikern begeben würde, um Einfluss auf sie zu nehmen.
Am 9. Mai 1968 meldete Kathpress:
Papst Paul VI. deutete Mittwoch vor Piigern aus aller Welt an, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche sein Amt bald noch weit weniger “statisch” als in den vergangenen Jahren ausüben werde. An seine Absicht anknüpfend, am Eucharistischen Weltkongress in Bogota im August dieses Jahres persönlich teilzunehmen, stellte Paul VI. fest: “Der Papst hat seine Bewegungsfreiheit wiedergefunden, die der modernen Zeit eigene Beweglichkeit hat auch Eingang in das eher statische Leben des Papstes gefunden.” Diese Entwicklung sei “bezeichnend und wichtig”. Sie könne vielleicht im Verlauf der Zeit “beträchtliche Veränderungen in der praktischen Ausübung des apostolischen Amtes veranlassen”.
Anmerkung: Was sich doch im Jahr 1968 alles tat! Die Forderung Wilfried Daims nach Beweglichkeit” des Papstes wurde durch Johannes Paul II. (1920-2005, Papst ab 1978), zumindest in quantitativer Hinsicht geradezu übererfüllt. In qualitativer Hinsicht steht fest, dass der erste slawische Papst auch zum Zusammenbruch des Kommunismus beitrug.
Johannes Paul II. absolvierte 104 Auslandsreisen, in denen er 127 Länder besuchte. Seine Reisetätigkeit trug ihm den Spitznamen „Eiliger Vater” ein. Johannes Paul II. unternahm während seiner Amtszeit mehr Auslandsreisen als alle früheren Päpste zusammen. Auf seine erste Reise, die ihn in die Dominikanische Republik, nach Mexiko und auf die Bahamas führte, begab er sich bereits rund drei Monate nach seiner Wahl. Von politischer Bedeutung waren insbesondere die Reisen in sein Heimatland, durch die er den polnischen Widerstand gegen das kommunistische Regime stärkte. 1982 besuchte Johannes Paul II. als erster Papst seit der Trennung der Anglikanischen Kirche vor 450 Jahren Großbritannien. Im Jahr 2000 begab sich der Papst auf eine Reise ins Heilige Land (Israel, Jordanien, Palästinensergebiete). Am 21. Januar 1998 führte ihn eine Pilgerreise ins sozialistische Kuba. Deutschland, die Schweiz und Österreich wurden mehrfach besucht.
Was die Mehrzahl der heutigen Papstreisen anbelangt, so handelt es sich um meist sehr aufwendig organisierte Pastoralbesuche”, die als
Massenveranstaltungen leider auch Züge eines undifferenzierten Starkults tragen, womit die Frage nach der eigentlichen pastoralen Wirkung aufgeworfen wird. Dazu kommt das Problem erheblicher Kosten, die von der jeweiligen Lokalkirche zu tragen sind. Benedikt XVI. hat bis Oktober 2010 17 Reisen ins Ausland gemacht, von denen nur wenige (Israel, Jordanien, Großbritannien) über rein pastorale Anliegen hinausgingen.
13. Abschaffung der Titel Eminenz und Exzellenz,
Verwendung des Begriffes Apostel anstelle von Bischof, Entlastung der Bischöfe von unnötigem Zeremoniell. Die Titel Eminenz und Exzellenz entstammen dem byzantinischen Hofvokabular und sollten völlig aus dem Wortschatz verschwinden, ebenso “Euer Gnaden” etc. Man kann ruhig darauf verzichten. Psychologisch noch schwerwiegender und problematischer wäre jedoch eine Änderung der Funktionsbezeichnung “Bischof” und “Erzbischof” (“Fürst” Erzbischof ist ja abgeschafft). Bischof bedeutet “Aufseher”, womit die Grundfunktion sehr schlecht und sehr missverständlich ausgedrückt wird. Viel eindrucksvoller und adäquater jedoch ist das Wort “Apostel”, das Sendbote, Abgesandter bedeutet…
Anmerkung: Die Österreichische Bischofskonferenz hat in ihrer ersten Sitzung nach dem Konzil auf die Titel und Anreden “Eminenz” und “Exzellenz” offiziell verzichtet. Ob sich dadurch die Praxis im Land der Professoren und Hofräte geändert hat, sei dahingestellt.
14. Begrenzung der Amtsdauer in kirchlichen Funktionen (Pensionierung)
Einer der Gründe für die schwerfälligen Bewegungen und die überlangen Reaktionszeiten des hierarchischen Machtapparates liegt in der Überalterung der zentralen Funktionärsgarnitur…
Man könnte ohne weiteres, um die Sache weniger schmerzvoll zu machen, erst die neu zu ernennenden Bischöfe ihr Amt etwa mit 60, die künftigen Päpste mit 65 Jahren enden lassen. Die pensionierten Würdenträger könnten verschiedene Ehrenpräsidien übernehmen. Es stünde ihnen frei, wissenschaftlich zu arbeiten und zu publizieren und sie könnten in verschiedenen Gremien beratende Funktion ausüben. Eine solche Verjüngung des Apparates würde eine ungleich initiativere Führung und damit einen ununterbrochenen Ablauf der notwendigen Erneuerung möglich machen. Anmerkung: Das Bischofsamt ist ein Amt auf Lebenszeit. Aber mit
Vollendung des 75. Lebensjahres sind alle Bischöfe gemäß Kirchenrecht Can. 401 §1 CIC angehalten, dem Papst den Amtsverzicht anzubieten. Ein solcher Amtsverzicht wird allerdings nicht immer angenommen. Wahlberechtigt im Konklave sind alle Kardinäle der römisch-katholischen Kirche, die am Tag vor dem Eintritt der Sedisvakanz (z. B. dem Todestag des Papstes) ihr 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Bei der heutigen Lebenserwartung kann gesagt werden, dass dieser Vorschlag von Wilfried Daim damit verwirklicht wurde
15. Abschaffung jeder Art von Beweihräucherung im wörtlichen wie im sublimierten Sinn
Ausschlaggebend für die “Feudalisierung” der Kirche war die Förderung des Christentums durch Kaiser Konstantin und in der damit einhergehenden Änderung der Organisation der Kirchenführung. Die Geistlichen, vor allem die Bischöfe, erhielten einen völlig neuen Rechtsstatus. Sie waren nun Reichsbeamte geworden, und zwar in einer sehr hohen Stellung. Dazu erhielten die Bischöfe von Konstantin den Auftrag, in bestimmten Zivilprozessen höchstinstanzlich Recht zu sprechen. Mit dieser Rangerhöhung ging wohl auch das Recht auf die dazugehörigen Statussymbole einher. Deshalb ist wohl auch der Brauch zu erklären, beim Einzug des Bischofs Leuchtenträger und Weihrauchfass vorauszuschicken. Das ist die Form, in der uns der Weihrauch zum ersten Mal in einer schriftlichen Quelle in der römischen Liturgie begegnet. Das Beräuchern des Altars war hingegen in Rom Mitte des neunten Jahrhunderts noch unbekannt.
Anmerkung: Hier wäre wohl nur eine “Neuinterpretation” der Verwendung von Weihrauch nötig: “Incensierung” ohne Personenbezug.
16. Auflösung der Ritterorden,
da deren feudale Herkunftswertung nicht einmal die Apostel als Mitglieder dulden könnte beziehungsweise hätte dulden können.
Anmerkung: Daim hatte es besonders auf den Deutschen Ritterorden abgesehen, dessen unrühmliche Geschichte bei der Unterwerfung der späteren deutschen Ostgebiete er immer als Belastung der deutsch-polnischen Beziehungen sah. Ob das heute noch in gleichem Ausmaß gilt, bleibe dahingestellt.
17. Wahl der Bischöfe durch das gläubige Volk aus einer größeren Anzahl der vorgeschlagenen Kandidaten
Um ein echtes Verantwortungsgefühl für die Kirche zu erwecken, ist es nötig, die Mitglieder der Kirche auch für die Auswahl der kirchlichen Führungskräfte heranzuziehen. Verantwortung erzieht und Erziehung schafft Verantwortung. Dazu sollte, um eine entsprechende Übergangszeit für Verantwortungserziehung zu schaffen, für etwa 20 Jahre das in Polen übliche Wahlsystem eingeführt werden: “Elite”-Verbände und Obrigkeitsinstanzen erhalten das Recht, Kandidaten vorzuschlagen, und das Volk wählt dann, nachdem sich die Kandidaten samt ihren Programmen gestellt haben, einen von ihnen aus. Nach dieser Übergangszeit müsste ein stärker “westlich” orientiertes Wahlsystem an dessen Stelle treten und das Recht, einen Kandidaten vorzuschlagen, erheblich erweitert werden.
Anmerkung: Evangelische Amtsträger (Landesbischöfe) werden in der Regel von der Synode (Kirchenparlament) für eine bestimmte Zeit oder auf Lebenszeit (meist bis zum 65. oder 68. Lebensjahr) gewählt. Herbert Kohlmaier, Vorsitzender der katholischen „Laieneninitiative” Österreichs meint zum Thema Bischofswahl:
Wäre vom Vatikanum die Wahl der Bischöfe eingeführt worden, dann – so sei es deutlich betont – wäre die Krise der Kirche ausgeblieben oder zumindest wesentlich weniger dramatisch geworden. Man erinnere sich, dass die eklatanten Fehlbesetzungen der Diözesen in Österreich gegen Ende der 80er Jahre die Gläubigen entsetzen und das Kirchenvolks-Begehren auslösten. Jener Kardinal Ratzinger, der es nun zum Papst gebracht hat, stand hinter der damit beabsichtigten Disziplinierung der Kirche durch Austreiben eines fortschrittlichen „Ungeistes”.
18. Proportionale Festsetzung der Wahlmännerzahl für die Papstwahl (Kardinäle), entsprechend der Volkszahl der Katholiken
Das jetzige Wahlsystem fördert eine Art von Klerus-Inzucht. Das System ist nach unten nur durch das Zölibat offen. Die Ernennung von Kardinälen durch den Papst ist wenig gesund. Das amerikanische Präsidentschafts-Wahlsystem wäre hier wohl das am ehesten angebrachte. Nach der Volkszahl der Katholiken in einem Lande wird eine Zahl von Wahlmännern gewählt, die nach alter Tradition keineswegs Kleriker sein müssen, und diese wählen dann den Bischof von Rom aus den vorhandenen Bischöfen aus. Anmerkung: Dem Papst die Bestimmung der Kardinäle aus der Hand zu schlagen, diese Idee Daims rührt an die zentrale Machtbasis der Amtskirche und ist deshalb unter die auf länger utopischen Vorschläge zu reihen.
19. Grundsätzliche Umgestaltung der hl. Messe
Vereinfachung, das heißt radikale Reduktion auf das Wesentliche; das Lesen in der Landessprache; Liquidation der Kommuniongitter, an welchen man “abgespeist” wird; Sitzen von Priestern und Weltchristen (“Laien”) am gleichen Tisch; Ersatz der dünnen Oblate durch richtiges Brot und Einführung des Kelches für die Weltchristen (“Laienkelch”); das eucharistische Gemeinschaftsmahl muss wieder die zentrale Verbrüderungszeremonie aller werden; Leib- und Blutsbruderschaft mit Christus und mit allen seinen Gliedern soll die Messe nicht nur sein, sie soll auch so erlebt werden…
Dass die Messe im wahrsten Sinn das tief in Gott eingesenkte, durch Christus geschaffene Verbrüderungszeremoniell der Christen ist, soll nicht nur ontologisch oder metaphysisch so sein, sondern vielmehr auch so erlebt werden. Und ein solches Erlebnis muss durch die äußere umfassende Gestaltung der Messe vermittelt oder wenigstens nahegelegt werden. Diesem Ziel sind nötigenfalls schwere Opfer zu bringen…
Kurzmessen in Hausgemeinschaften, von nötigenfalls nebenberuflichen Priestern gehalten (auch Paulus verdiente sich sein Geld durch Handwerksarbeit), das Lesen der Messen in Privathäusern, all das wäre möglich und der Zeit angemessen. Das gemeinsame Sitzen am Tisch ist so wichtig, dass man alle Konsequenzen auf sich nehmen müsste. Die Kirche könnte dann immer noch als Ort für größere Versammlungen benützt werden.
Natürlich muss man auch auf Goldkelche und ähnliche Dinge verzichten. Will man Rost vermeiden, dann gäbe es heute Becher aus rostfreiem Material, die ein sinniges Geschenk zur ersten Kommunion sein könnten. Eine übermäßige Reinigung ist unnötig, da man Weinreste in Molekulargröße ohnehin nicht entfernen kann. Der Becher dürfte nur zu nichts anderem verwendet werden.
Anmerkung: Weitgehend verwirklicht wurde die Forderung Daims nach Umgestaltung und Vereinfachung der Messfeier. Die Diskussion um die Liturgiereform hat in der Folge so ziemlich alle ihre Aspekte, von der Landessprache bis zum Laienkelch, berührt.
So forderte etwa der Grazer Univ.-Prof. Dr. Karl Amon auf der Weihnachts-Seelsorgertagung 1965 die “Verwendung von echtem Brot in der Eucharistie an Stelle der wie Papier aussehenden schneeweißen Hostien” – ein Anliegen, dessentwegen Wilfried Daim zwei Jahre vorher erheblichen Angriffen ausgesetzt war.
Der Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie und die Messfeier am Volksaltar haben sich als wichtigste Elemente der Liturgiereform des 2. Vatikanums durchgesetzt. Gelegentliche “Rückschläge” wie die durch Benedikt XVI. erteilte Erlaubnis, die Messe auch nach dem vorkonziliären tridentinischen Ritus auf lateinisch zu feiern (Motu Proprio “Summorum Pontificum” vom 7. Juli 2007) ändern daran kaum etwas. Freilich ist auch eine in jeder Hinsicht “versus populum gestaltete Eucharistiefeier noch immer kein “Herrenmahl” (besser: “Brudermahl”) im Sinne der obigen Forderungen Wilfried Daims.
20. Entfeudalisierung der Caritas
Nicht mildigliche Spenden gnädiger Herren und Damen zur Notlinderung, sondern tatkräftige kameradschaftliche und verpflichtende Hilfe ist nötig. Einrichtung von Forschungszentren, die notleidenden Menschen die Mittel verschaffen, sich selbst zu helfen.
Anmerkung: Diese Formulierung trifft auf die Caritas von heute nicht zu -dennoch ist der Grundgedanke richtig: vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.
21. Abschaffung der chefideologischen Position der Scholastik in der Theologie
Im Besonderen ist zu beachten, dass Aristoteles ein Ideologe der Sklavenhaltergesellschaft gewesen ist. Christus wurde nicht zwischen Plato und Aristoteles, sondern zwischen Moses und Elias verklärt. Der revolutionäre Charakter der Befreiungstat des Moses, wie des Dekalogs -“Ich bin der Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Haus der Sklaverei”, der das erste Revolutionsgesetz darstellt, wäre entsprechend herauszustellen; ebenso die ideologischen Folgen dieser ersten Revolution. Damit würde ebenso eine Integration des Judentums eingeleitet, wie die Aufgabe des Standpunktes, dass das Christentum “selbstverständlich” konservativ sei…
Anmerkung: Hier handelt es sich um eine der „realutopischen” Thesen Daims, die er in mehreren Büchern (v.a. im „Progressiven Katholizismus”) im Detail vertreten hat: das Christentum sei als Religion mit revolutionärer Sprengkraft zu verstehen und nicht als konservatives hierarchisches System mit der Tendenz, die jeweils bestehende Gesellschaftsordnung „abzusegnen”.
22. Autonomisierung der päpstlichen Universitäten in ähnlicher Form wie in bürgerlich-demokratischen Staaten
Dies gehört zu jenen Freiheiten, die das Bürgertum gegenüber dem Feudalismus erkämpft hat. Die Diskussions- und Lehrfreiheit erfordert natürlich Vertrauen zu den Theologen. Es ergibt sich jedoch aus dem Willen, die Initiative und die Selbsttätigkeit zu vermehren, automatisch die Notwendigkeit, die Freiheit zu vergrößern
23. Dezentralisierung wesentlicher Entscheidungsgewalten, das heißt: Abgabe von Autorität nach unten
Ebenso wie man zu den Theologieprofessoren, die doch zum weitaus größten Teil guten Willens sind, muss man zu den Bischöfen mehr Vertrauen haben, die ja schließlich Nachfolger der Apostel sind. Je weniger der Bischof von Rom von seinem Jurisdiktionsprimat Gebrauch macht, umso freiere Persönlichkeiten werden die Bischöfe werden und umso elastischer könnten sich diese den jeweils lokalen Gegebenheiten anpassen. Die erniedrigende Form, mit der römische Kurialbeamte mit Bischöfen umzugehen pflegen, müsste sich außerdem gründlich ändern.
Anmerkung: Das in Kernproblem der Gegenwart ist nicht der Umgang der Kurie mit den Bischöfen, sondern die päpstliche Einsetzungspraxis, die nur “linientreue” Priester zu Bischöfen werden lässt. Luthers These „Von der Freiheit eines Christenmenschen” steht dabei gar nicht zur Debatte.
24. Abschaffung des “Index librorum prohibitorum”
Die Wirkung des Index gegenüber echt substantiell antichristlichen Auslassungen nähert sich Null. So wurde z. B. Hitlers “Mein Kampf’ nicht indiziert, obwohl sich darin die Behauptung findet, dass die Erbsünde “Die Rassenmischung” sei (14). So ein vollendeter theologischer Unsinn, der die verbrecherischen Absichten Hitlers noch mit dem Feigenblatt einer jüdisch-christlichen Vokabel zudeckte, wurde aus opportunistischen Gründen nicht indiziert.
Man lasse das Indizieren daher am besten ganz bleiben. Die meisten, auch durchaus ausübenden Christen kümmern sich im Übrigen um den “Index” denkbar wenig. Entweder haben sie eine Erlaubnis, oder sie hüten sich sorgfältig zu erfahren, welche Bücher auf dem “Index” stehen, um bona fide lesen zu können. Das ist die Realität…
Anmerkung: Daim bezog sich vor allem auf die Indizierung der Werke des Jesuitenpaters Teilhard de Chardin (1881-1955). Der Index überlebte das
2. Vatikanische Konzil nicht. Drei Jahre nachdem diese Zeilen geschrieben worden waren, setzte die Glaubenskongregation durch die Erlässe vom 14. Juni und 15. November 1966 mit Wirkung vom 29. März 1967 den Index außer Kraft.
25. Änderung des Erziehungszieles in allen pädagogischen Einrichtungen der Kirche:
Erweckung von Kritikfähigkeit, von Initiative und Selbstentscheidung von moses- und eliasähnlichem, revolutionärem Widerstandsgeist und entschiedene Reduktion der Gehorsamsideologie. Eigenständiges, produktives Initiativgewissen müsste anstelle von infantilem Gehorsamsgewissen erzogen werden. (Gott mehr gehorchen als den Menschen.)…
In Wahrheit steht diese Gehorsamspädagogik im Dienste infantiler Autoritäten, die Angst vor einem echten Erwachsenwerden ihrer Untergebenen haben. Sie haben gewissermaßen Angst, die Kinder allein über die Straße gehen zu lassen. Hieraus folgt dann die geringe Widerstandsfähigkeit breiter Kreise von Gläubigen gegenüber totalitären Regimen…
Anmerkung: Kardinal König, drei Jahre nach der erwähnten Predigt in der Stadthalle und mittlerweile 61 Jahre alt geworden, schrieb in der Oktobernummer 1966 der Zeitschrift “Analyse”:
“Ich glaube, dass es gut ist, wenn man alles, was angreifbar ist, auch wirklich angreift und kritisiert. Die Kirche soll nicht geschont werden. Wir wollen keine Ausnahmestellung. Die Chance der Kirche liegt in ihrer Freiheit. Diese Freiheit ist aber nicht nur eine Freiheit für sie selbst, sondern auch für alle anderen. Das war ein Jahr nach dem Ende des 2. Vatikanischen Konzils. Eine solche Formulierung wird man heute aus dem Mund eines kirchlichen Amtsträges wohl nur selten hören.
26. Änderung der Heiligsprechungsideale
Wenn man nun in den letzten Jahrzehnten nur solche Menschen heiligsprach, die ein Leben lang ganz brav und harmlos waren, die Antialkoholiker und Nichtraucher und nie exzessiv waren, so leistet man zwar dem falschen pädagogischen Ziel, dem kleinbürgerlichen Bravheitsideal, einen Dienst, nicht jedoch dem kraftvollen Durchbruchsdrängen, von dem das Christentum erfüllt zu sein hätte.
Leuten mit Vergangenheit erschwert man so ihre innere Wandlung und lässt damit wertvolle Kraft vor dem Tor stehen.
Anmerkung: Die These Daims, dass auch ehemalige Sünder heiliggesprochen werden könnten, trifft unseres Erachtens nicht den Kern des Problems. Es geht doch eher um cie gelegentlich wenig glaubwürdige Beweisführung für eingetretene „Wunder”.
27. Änderung der Missionspraxis
Vorbereitung der künftigen Missionare unter anderem auch zum gemeinsamen Tisch mit den zu missionierenden Völkern. Ein Leben unter den gleichen äußeren Bedingungen ist nötig, um den Angehörigen fremder Kulturen wirklich nahezukommen. Auf Grund kolonialistischer und feudaler Vorstellungen gab es, und gibt es zum Teil heute noch, eine arrogante Haltung europäischer Missionare den farbigen Völkern gegenüber. Es wird gleichzeitig der Versuch gemacht, diesen Völkern das Christentum in europäischer Form zu bringen….
Anmerkung: Der Vorwurf der „Arroganz” von Missionaren ist sicher nicht aufrecht zu erhalten und es ist fraglich, ob er in den 60er Jahren noch stimmte. Mission erfolgt heute meist in ökumenischer Partnerschaft. Sie umfasst karitativ-medizinische Aktivitäten und ist Teil westlicher Entwicklungshilfe.
28. Einsatz der neuen technischen Hilfsmittel für die Selbstdarstellung des Christentums
Also neue Propagandamethoden.
Anmerkung: Daim verfiel damals der Faszination des Satellitenfernsehens und warf der Amtskirche Technikfeindlichkeit vor. Heute bedient sich die Kirche durchaus aller Kommunikationsmittel bis hin zum Internet. Doch die Probleme der Kirche in der Welt von heute sind inhaltlicher Natur – sie können durch effizienteres „Marketing” allein nicht gelöst werden.
29. Abschaffung des Zölibats für den Weltklerus
Es ist völlig unnötig, dass Ehelosigkeit und Priestertum miteinander verknüpft erscheinen, ein Faktum, das obendrein einen rosaroten oder himmelblauen Anstrich erhält. Die Erklärung, dass die Ehelosigkeit notwendig sei, weil sich der Priester “verströmen” müsse und für eine Familie “keine Zeit” hätte, sind allesamt nicht stichhaltig und graue Theorie. Viel handfester und ehrlicher ist der ökonomische Grund, dass verheiratete Priester zu teuer kämen. Hierüber wäre jedoch offen zu reden.
Der größte Nachteil des Zölibats ist die Tatsache, dass er zu einer Anreicherung von infantilen Typen im Klerus führt. Ich sage ausdrücklich Anreicherung, denn natürlich gibt es im Klerus auch männliche Typen, welchen es trotz der negativen Erziehungsweise gelang, Priester zu werden. Aber diese Anreicherung ist an sich schon eine üble Sache. Mutterfixierte, die große Hemmungen der erwachsenen Frau gegenüber haben, machen aus ihrer Unfähigkeit, die reife Frau seelisch zu bestehen, dann die Tugend der “Reinheit”. Diese hat nichts mit Ehelosigkeit, ja im Grund auch nicht speziell etwas mit Sexualität zu tun. Das “reine Herz” der Bergpredigt bedeutet wohl jene klare Wahrhaftigkeit und Weltoffenheit, die in der kindlichen, ursprünglichen Vertrauensseligkeit ihre minderdifferenzierte Unterlage hat..
Aber die pansexualistische Betrachtungsweise (der hl. Alfons meinte, dass 99 Prozent aller Verdammten wegen Missachtung des sechsten Gebotes verdammt werden), liegt durch den Zölibat nahe. Eine weitere Folge der Anreicherung unmännlicher Typen im Klerus ist das vielfach anzutreffende unoffene Intrigantentum und ein Narzissmus, der meint, dass man sich für die Eheentbehrung nun anderweitig schadlos halten dürfe. Die in der Ehe notwendig erlebte Verantwortung für andere – auch in einem höchst realistischen, materiellen Sinn (die hungrigen Mäuler der Kinder) – wird in eben jenem harten und nüchternen Sinn nicht realisiert. Wir erhalten dann jene salbungsvolle Scheinväterlichkeit, die nur allzu oft an die Stelle jenes belastenden Wir-Bewusstseins eines Familienvaters tritt (Ausspruch eines Pfarrherrn: “Ich hab’s halt gut; ich kann mein Bier allein trinken.”).
Nun ist sicher, dass eine allgemeine Liquidation des Zölibats nur möglich ist, wenn zugleich damit eine umfassende Entfeudalisierung durchgeführt würde. Denn eine Frau Bischof ohne einen Bischof, der sich des erzbischöflichen Palais und aller Feudalismen entledigte, wäre geradezu. unerträglich. Schließlich würde die Abschaffung des Zölibats auch noch die Re-Integration ganzer Gruppen abgespaltener Christen wesentlich erleichtern. Denn ein anglikanischer Priester mit Familie wird weit eher katholisch werden, wenn ihm bei seinem Übertritt die Möglichkeit gegeben wird, Priester zu bleiben auch mit Familie.
Anmerkung: Die letzte These Daims wurde im Hinblick auf die gegenüber den 60er Jahren verschärfte Situation des Priestermangels im Volltext belassen, weil darin die psychologischen Folgen des Zölibats beleuchtet werden es ist ja das generelle Bestreben Daims, gesellschaftliche Probleme auf ihre tieferen psychologischen Ursachen zu untersuchen.
Abschließende Bemerkungen zu den 29 Thesen Wilfried Daims:
→ Das Buch „Kirche und Zukunft” war eine der wesentlichsten Ursachen für die Punze „Linkskatholik”, die Daim nie wieder loswurde.
Dabei muss man bedenken, dass sich Daim bei seiner Forderung nach „Entfeudalisierung” der Kirche in keiner Weise in dogmatische oder Glaubensfragen eingemischt hat. Seine sozialpsychologischen Thesen betrafen ausschließlich „Äußerlichkeiten”, vor allem kirchen-organisatorische Dinge. Daims Intention war es, die Kirche durch „symbolische Änderungen” näher an ihre Wurzeln heranzuführen. Wenn die Sakramente als „äußere Zeichen innerer Gnade” definiert werden, dann waren die aus der Feudalzeit übernommenen Verhaltensweisen der Amtskirche für Daim äußere Zeichen innerer Distanz zum wahren Christentum”.
Wie dies oft bei Kirchenreformatoren vorkommt, war der Forderungskatalog Wilfried Daims eine Mischung aus idealistischen, (real)utopischen Ideen und konkreten, durchaus praktikablen Vorschlägen. Die Thesen wurden ursprünglich 1961, also noch vor dem Konzil und lange vor dem Umbruchsjahr 1968 aufgestellt. Seither ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. Vieles wurde verwirklicht, aber wichtige Forderungen bleiben
weiterhin unerfüllt. In den Anmerkungen des Verfassers wurde versucht, das Zeitbezogene vom Überzeitlichen zu trennen. Das konnte natürlich nur teilweise geleistet werden. Aber:
Die fortschreitende Entchristlichung der österreichischen Gesellschaft, die allgemein fühlbare Irrelevanz amtskirchlicher Aussagen und das Fehlen zeitgemäßer Glaubensinhalte zusammen mit dem drückenden Priestermangel lassen einen Rückgriff auf “radikalere” Ansätze als sie von gegenwärtigen Reformplattformen
(“Wir sind Kirche”, “Laieninitiative” etc.) vertreten werden, angezeigt erscheinen.
Dabei sei nochmals darauf verwiesen, dass der bekennende Katholik Daim damals wie heute in keiner seiner Äußerungen Glaubensinhalte, ja nicht einmal ethische Normen, in Frage stellte. Alles, was er im Kem mit seinen Schriften und Vorträgen wollte, war die „Rückkehr zur Brüderlichkeit”.
In dem weiter unten besprochenen Moskauer Vortrag 1964 bringt Daim die Sache auf den Punkt:
Der Linkskatholik ist nicht bereit, in allem und jedem der kirchlichen Autorität zu gehorchen. Er schränkt ihre Autorität funktionell auf den dogmatischen Bereich ein. Das Recht der hierarchischen Autoritäten, in Politik, Wissenschaft und Kunst Normen zu geben, sieht er als sehr beschränkt, als nur negativ an. So kann die Kirche zum Beispiel verlangen, dass ein christlicher Psychologe keine Psychologie ohne Seele vertritt, kann ihm jedoch keine Vorschriften machen, den Ödipuskomplex für wichtig oder für unwichtig zu halten. (Linkskatholizismus, S. 71)
Wenn man die Ursachen der heutigen Kirchenkrise analysiert, kommt man nicht umhin, mehr als nur Äußerlichkeiten und Organisations-mängel zu problematisieren. Während die Aufrechterhaltung des Zölibats pragmatischen und nicht dogmatischen Überlegungen entspringt, rühren die Probleme voreheliche Sexualität, Empfängnisverhütung, Homosexualität, Doppelzüngigkeit bei der Ehetrennung und gnadenlose Behandlung der Geschiedenen, Einstellung zu Krieg und Gewalt, Primat des Papstes und zaghaftes Vorgehen in der Ökumene doch sehr stark an die Grundlagen des Glaubens und der Moral. Für die Akzeptanz der „Kirche in der Welt von heute” vor allem durch junge Menschen ist eine rationale Lösung solcher „inhaltlichen” Fragen von entscheidender Bedeutung.
