Unsere Prinzipien unter Web 2.0
Es bedarf keiner langatmigen Erklärung, dass wir in einer Informations- und Mediengesellschaft leben, deren elektronisches Netz von Monat zu Monat leistungsfähiger und feinmaschiger wird. So verwenden mit September 2007 bereits zwei Drittel aller Österreicher und Österreicherinnen das Internet. Im berufstätigen Segment der Bevölkerung sind drei Viertel, in der studierenden Jugend an die 100 Prozent Internet-User. Wichtigste Kennzeichen der fortgeschrittenen Informationsmedien sind Ortsungebundenheit und Angebotsvielfalt.
Täglich wächst das Angebot an neuen Möglichkeiten zur elektronischen Kommunikation. Österreich zählt zu den Ländern mit der höchsten Mobilfunkdichte; das nunmehr digitale Fernsehen ermöglicht auch den mobilen Empfang mehrerer Programme. Vor allem ist es die bis vor kurzem unvorstellbare Fülle der Angebote im Internet, die unser Leben merklich verändert. Beispiele gefällig? Ein Kirschkernpolsterl lindert Babys Bauchschmerzen, weiß die junge Mutter von ihrer Oma. Doch auf wie viel Grad ist es zu erhitzen? Die Suchmaschine führt in wenigen Sekunden zur Lösung: „Backrohr auf 110 Grad einstellen”. An der Südküste von Kreta einen Flug buchen? Im Internetcafé des verschlafenen kleinen Fischerhafens ist dies in wenigen Minuten erledigt. Ein Computer-Programm macht Probleme? Die nächstbeste Usergroup weiß Rat! Die Reihe solcher Beispiele ließe sich beliebig lange fortsetzen. Doch was uns hier interessiert, ist die Frage, was das mittlerweile zunehmend interaktive Internet („Web 2.0″) für die Verwirklichung der Prinzipien des ÖCV bedeutet.
Zunächst wollen wir von der Auffassung ausgehen, dass uns der Burscheneid zur Selbstvervollkommnung verpflichtet. Nach den beschworenen Prinzipien zu leben, bedeutet danach mehr als Exitierendes zu bewahren und Normen einzuhalten. Die Prinzipien umfassen vielmehr den Auftrag nach ihrer gestalterischen” Verwirklichung. Dieser Auftrag endet nicht mit der Philistrierung und schon gar nicht mit dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben. Doch was hat diese dynamische Auffassung der Prinzipien mit der Informationsgesellschaft und mit dem Internet zu tun? Der Zusammenhang ergibt sich aus den Besonderheiten des „Weltnetzes”.
Prinizip Amicitia.
Das Internet steht überall, jederzeit und in beliebiger Tiefe zur Verfügung. Mühelos überwindet die E-Mail jede Distanz – der Kontakt unter Bundes-und Cartellbrüdern wird auf Knopfdruck möglich. Von der Aktivitas zu den
Alten Herren sowie zwischen den den, ins Philisterland gezogenen” Verbindungsmitgliedern untereinander. Ohne Probleme können Consemester an beliebigen Orten erreicht werden – nützen wir diese Möglichkeit auch aus? Kümmern wir uns auf diese Weise um vielleicht nicht mehr ganz bewegliche oder gar kranke, einsame Freunde? Manche Philisterchargen tun dies auf vorbildliche Weise – vorausgesetzt, dass die Verbindung über ein gut funktionierendes und stets aktuelles E-Mail-System verfügt. Was noch zu wenig eingesetzt wird, sind die neuen interaktiven Möglichkeiten des Web 2.0: Interessenbezogene Diskussionsforen, gescheite Weblogs (Internet-Tagebücher) oder Bulletinboards für kurzfristige Debatten (viele dafür geeignete Programme sind gratis – siehe die Links im Anhang). Natürlich braucht es dazu auch entsprechender Initiativen – wo gibt es schon die Charge des Webmoderators (xxw), der die Einladung zu einem Forum und die Diskussionsleitung übernimmt?
Web 2.0. bietet die Chance, nach Verlassen der Aktivitas nicht inaktiv sondern interaktiv zu werden. Der diesbezüglichen Möglichkeiten sind viele, nicht zuletzt auch in der beruflichen Sphäre.
Prinzip Patria.
Die jüngste Initiative perspektiven 2010″ der ÖVP, deren Schlussbericht am 1. Oktober 2007 veröffentlicht wurde, beruhte zum Großteil auf internetgestützten Diskussionen via http://www.zukunft.at. Obwohl hauptsächlich mit der Regierungsarbeit beschäftigt, hat die ÖVP als Partei hier gute programmatische Arbeit geleistet. Sie ist damit der Aufgabenstellung einer modernen politischen Partei nachgekommen, Transmissionsriemen zwischen Gesellschaft und Politik zu sein. Frage: Wie viele CVer haben mitgewirkt, ihre beruflichen Erfahrungen und praxisbezogenen Ideen eingebracht? Und wo ist das permanente hochschulpolitische Internet-Forum des ÖCV, in dem CVer im Studium mit Assistenten und Professoren zusammenwirken, um hieb- und stichfeste Lösungsvorschläge zur Misere der Massenuniversität zu erarbeiten? Die Eingabe des Suchbegriffs Hochschule” auf der ÖCV-Website ergibt nur sehr vereinzelte Initiativen. Die existierenden ÖCV-Foren zu den Prinzipien werden wohl deshalb so selten verwendet, weil sie nicht wirklich benutzerfreundlich konstruiert sind und überdies verbandsintern kaum beworben werden.
Prinzip Religio.
Hand auf’s Herz – wann hast du zuletzt eine Bibelstelle aufgeschlagen und darüber ein wenig nachgedacht? Oder eine der letzten Enzykliken (kritisch?) durchgeblättert? Gib doch einmal Matthäus 23, 1-4 oder eine andere Bibelstelle in eine beliebige Suchmaschine ein und lies Dir ein paar kräftigende Worte unserer Herrn Jesus Christus durch. Kann gut sein, dass Du mehr davon hast als von manch gut gemeinter Sonntagspredigt. Nicht nur Juden, Muslime und Lutheraner gehören einer Buchreligio an, auch wir Katholiken! Web 2.0 ist auch ein Schlüssel zu religiöser Einkehr und theologischer Erkenntnis.
Prinzip Scientia.
„Nach der Wissenschaft zu streben, sei und allen ernste Pflicht” durfte ich 1960 im ÖCV-Lied formulieren. Doch wo bleibt das ernsthafte Streben nach Wissen nach Abschluss des Studiums? Vielfach ersetzt die berufliche Spezialisierung jede andere Form der Weiterbildung. Doch kann das alles gewesen sein – lebenslang ein Spezialist? Die gestiegene Lebenserwartung und das elektronische Füllhorn Internet bieten gerade nach Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben eine Reihe von Chancen zur Wissenserweiterung und zum Wissensaustausch. Praktisch jedes „ältere” Mitglied unseres Verbandes trägt einen „Wissensrucksack” mit sich, von dem andere profitieren könnten. Web 2.0 ist die perfekte Gelegenheit, das Prinzip „Wissenschaft” zu verwirklichen. Hier eine aktuelle Möglichkeit: Der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Informatiker Hermann Maurer von der TU Graz hat vor kurzem eine Wissenschaftsplattform vorgestellt: http://austria-forum.org
Das auf einer Reihe innovativer lexikographischer Methoden beruhende Projekt besteht aus drei Teilen:
– Dem Österreich Lexikon mit zurzeit 14.000 Einträgen,
einer systematischen Wissensdatenbank mit Beiträgen bekannter Autoren,
einem Community-Teil mit der Möglichkeit zur Diskussion und einem jedem Nutzer zur Verfügung stehenden Bildarchiv.
Die Herausgeber haben sich ein hohes Ziel gesetzt: eine universelle, interdisziplinäre Wissensplattform – vornehmlich mit Österreichbezug -zu schaffen. Bewusst in Konkurrenz zur internationalen Wikipedia, deren Beiträge bekanntlich nicht gezeichnet, stets im Fluss und damit nicht wissenschaftlich zitierbar sind. Dieses Ziel kann nur mit Hilfe eines großen Stabes (ehrenamtlicher) Editoren erreicht werden – hiermit seien alle CVer herzlichst eingeladen, an diesem Projekt aktiv mitzuwirken.
Abschließend sei fairerweise erwähnt, dass es natürlich auch Einwände gegen eine allzu eifrige Verwendung der virtuellen Kommunikation gibt. Zum Teil tragen diese Einwände kulturpessimistischen Charakter, wie dies bei jedem Auftreten eines neuen Mediums der Fall ist. So hatte der scharfzüngige Karl Kraus anlässlich der Einführung des Radio um 1920 gespottet: „Großes Heil ist der Welt erflossen, der Hausmeister ist an den Kosmos angeschlossen”. Aber wie hätte der weitsichtige Kritiker wohl reagiert, wenn er seine „Fackel” zur Gänze im Netz durchblättern hätte können? Andere Einwände sind informationspolitischer Natur – sie richten sich gegen die Gefahr der Datenmonopole, wie sie durch den Betrieb großer Suchmaschinen und marktbeherrschender Softwaresysteme entstehen. Jedenfalls gilt die alte römische Weisheit: „ne quid nimis” – allzu viel ist immer ungesund, also auch beim Einsatz des Internets. Eine nüchterne Einschätzung der Situation – „nehmt alles nur in allem” – ergibt freilich: Web 2.0. das interaktive Internet, bietet viele noch bei weitem nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten, der Verwirklichung unserer Prinzipien auf zeitgemäße Weise näher zu kommen.
Links zu interaktiven Gratisprogrammen:
Programm für ein Internet-Forum (Bulletin-Board): http://www.mybboard.de/
Programm für ein Internet-Tagebuch (Weblog): http://wordpress-deutschland.org/
Für Academia 25_12_07
