2005 Zum Haus der Geschichtes 5 S.

Peter Diem, Martin Haidinger


Überlegungen zum Haus der Geschichte


„Die Standortfrage ist sekundär, primär geht es darum, was das ‚Haus der
Geschichte’ sein soll: ein Ausstellungshaus, ein Gedankenzentrum oder ein
klassisches Museum – da gibt es viele Vorbilder.“


Andreas Khol im ORF-Mittagsjournal, 16.7.2005
Das Projekt eines „Hauses der Geschichte“ wird seit mehr als einem
halben Jahrzehnt in verschiedener Intensität diskutiert. Das Kabinett
Schüssel II nahm den Plan, eine Institution zur Pflege und Darstellung der
österreichischen Zeitgeschichte zu schaffen, in das Regierungsprogramm
2003-2006 auf:

„Auf der Grundlage der Parlamentsentschließung und der
Vorbereitungsarbeiten wird ein konkretes Projekt zur Errichtung eines
“Hauses der Geschichte” erstellt. Die dafür notwendigen Mittel werden von
öffentlicher und privater Hand aufgebracht.“


Aber erst in den letzten Monaten der Legislaturperiode, ausgerechnet am
20. April laufenden Jahres, wurde die Regierung konkret. An diesem Tag
wurde in Wien eine “ständige Historiker-Expertengruppe” mit 23 Fachleuten
zur Erarbeitung eines inhaltlichen Grobkonzeptes für ein “Haus der
Geschichte der Republik Österreich” gegründet. Dem Gremium gehören
Spitzenvertreter der zeitgeschichtlichen Forschung an den Universitäten,
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Staatsarchiv, der
Vorsitzende der Landesarchive, von Forschungs- und
Volksbildungseinrichtungen an. In der diesbezüglichen Aussendung heißt
es:
“Die Expertengruppe wird in der nächsten Zeit die inhaltlichen
Themenfelder für ein ‚Haus der Geschichte der Republik Österreich’
vorschlagen und anschließend einen breiten, interdisziplinären
Diskussionsprozess mit allen an der Thematik Interessierten initiieren.“
Gelenkt wird die Diskussion von einer Arbeitsgruppe unter dem ehemaligen
Leiter des Wien-Museums, Dr. Günter Düriegl, der weiter angehören: Dr.
Manfred Jochum (Radiojournalist), Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner
(Kriegsfolgenforscher), O. Univ.-Prof. Dr. Herbert Matis – (Vizepräsident
der Akademie der Wissenschaften) und Mag. Dr. M. Christian Ortner –
(interimistischer Leiter des Heeresgeschichtlichen Museums). Zur
Durchführung der Arbeiten wurde ein eigenes Büro im Palais Dietrichstein
eingerichtet, dem der bewährte Betreuer des Gedankenjahres 2005, der
Kulturjournalist Hans Haider, vorsteht. Aufgabe der Arbeitsgruppe und der
Expertenrunde ist es, möglichst noch vor dem Sommer 2006 eine
„Roadmap“ zu erstellen, die folgendes umfassen soll:


– Durchführungsschritte zur inhaltlichen Konzeption,
– Vorlage eines organisatorischen Konzepts,
– Vorschläge zu Standort und Finanzierung, Zeitplan.
Wenn man die Terminsituation in der feiertagshältigen Periode Mai-Juni
berücksichtigt, wird sicher viel Fleiß nötig sein, um fristgerecht mehr als nur
Gemeinplätze zu liefern.
Die Autoren bieten ihre Hilfe mit folgenden Überlegungen an:


1. Zielsetzung
Das Haus der Geschichte (HDG) hat die Aufgabe, wichtige Dokumente und
Objekte aus dem Werden der Republik Österreich zu sammeln, zu
bewahren und der Öffentlichkeit zu präsentieren. In den meisten Fällen
wird es nicht möglich sein, Originale aus den Archiven und Sammlungen
des Bundes, der Länder und Gemeinden in das HDG zu transferieren. Man
wird daher mit temporären Leihgaben und den heute ja in hoher Qualität
herstellbaren Kopien arbeiten müssen. Dokumente und Gegenstände der
Alltagsgeschichte – vom Notgeld bis zur I-Karte, von der Kochkiste bis zum
Kübelwagen – können auch heute noch erworben und durch Aufrufe der
Bevölkerung gesammelt werden.
Wie gut das funktioniert, erwiesen das reichhaltige Ergebnis der
Sammelaufrufe für die Ausstellung auf der Schallaburg im Jubiläumsjahr
2005 und schon 2003 die Bemühungen des Grazer „Büros der
Erinnerungen“, dem nicht weniger als 20.000 Objekte übergeben worden
waren.


Das HDG muss freilich mehr sein als eine nach modernsten
museumspädagogischen und museumstechnischen Gesichtspunkten
geführte Sammlung. Es muss als ein überparteiliches, besser: nichtparteiliches „Forum der offenen Gesellschaft“ (Trautl Brandstaller) geführt
werden, das bei kulturellen und politischen Veranstaltungen auch
kontroversielle Fragen aufgreift und in Symposien grundsätzliche Probleme
von Staat und Gesellschaft zur Diskussion stellt.
Es versteht sich von selbst, dass eine derartige Institution nicht ein
komplettes neues Forschungszentrum für Zeitgeschichte sein soll.

Vielmehr soll mit allen bereits bestehenden Forschungseinrichtungen für
Zeitgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, für Kulturgeschichte und
Kulturstudien zusammengearbeitet werden. Insbesondere soll die
Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Politikwissenschaft
geschlossen werden – gemäß der Absichtserklärung Günter Düriegls, dass
das HDG bis in die jeweilige unmittelbare Gegenwart reichen und ständig
erneuert werden soll.


Eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit wird heute im Allgemeinen
mit dem Begriff „Vernetzung“ ausgedrückt. Dabei muss man allerdings
vorsichtig sein, denn durch das Internet sind heute bereits viele Inhalte – ja
fast alle – und sind viele Wissenschafter – praktisch alle – vernetzt. An
dieser Stelle muss auch die selbst von professioneller Seite manchmal
vorgetragenen Idee kritisch beurteilt werden, es genüge, das Haus der
Geschichte „virtuell“ zu errichten. Abgesehen von der gerade im
Internetzeitalter so wichtigen direkten, wenn möglich haptischen, jedenfalls
sinnlichen Begegnung mit Gegenständen der jüngeren Geschichte (vgl. die
Erlebnisqualität des Heeresgeschichtlichen Museums), spricht das traurige
Schicksal des elektronischen Österreich-Lexikons (http://www.aeiou.at)
dagegen. Man bedenke: Österreich ist eines der wenigen Länder, die ein
webbasierendes Nationallexikon geschaffen haben. Statt diesen allgemein
zugänglichen Schatz zu pflegen und zu hegen, hat das zuständige
Ministerium Desinteresse gezeigt, und so verrottet dieser wertvolle Text im
Netz mangels redaktioneller und technischer Aktualisierung.


Es wird an der Leitung der kommenden Institution liegen, fruchtbare
Formen der Zusammenarbeit mit den Zeithistorikern des Landes zu
entwickeln und – jenseits aller professionellen Eifersüchteleien – Folgendes
zu bewerkstelligen:


– sich mit offenen Fragen der Zeitgeschichte kritisch und konstruktiv,
jedoch ohne faule Kompromisse auseinander zu setzen, damit die
Napoleon zugeschriebenen Worte widerlegt werden, Geschichte sei
„die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“.
“Wo wissenschaftliche Forschung und öffentliches Bewusstsein noch
keinen Konsens erreicht haben, wo es offene Fragen und Kontroversen
gibt, sind diese offen zu dokumentieren: Ein „Haus der Geschichte“ kann
Konsens nicht vorspiegeln, wo Dissens herrscht. Das Bekenntnis, Fragen
noch nicht geklärt zu haben, zählt zu den Fundamenten einer
wissenschaftlichen Institution.“


(zit. nach dem Grundkonzept Brandstaller/Diem –
http://members.aon.at/proaustria)

– soziale, religiöse und ethnische Vorurteile und Stereotypen zu
analysieren und zu bekämpfen,
– österreichische Identität im europäischen Kontext darzustellen und
weiterzuentwickeln
– durch gemeinsame Geschichtsbetrachtung die freundschaftlichen
Beziehungen Österreichs zu seinen Nachbarstaaten in Mittel- und
Osteuropa zu festigen und auszubauen.
Insofern messen wir dem HDG also mehr als die bloße Rolle eines
historischen Museums zu – es hat u. E. auch eine wichtige demokratie- und
europapolitische Funktion zu erfüllen.


Ganz gleich in welcher Konstruktion das HDG letztlich errichtet werden
wird, aus der Natur der Sache ergibt sich, dass neben einem permanenten
Ausstellungskern Sonderausstellungen zu aktuellen Schwerpunkten
historischer Forschung die Regel sein werden. Man denke nur an
Themenkomplexe wie „Der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867“,
„Österreich und die Ukraine“ oder „Das Schicksal der Kosaken in
Südösterreich 1945“ – Vorgänge von großer kulturgeschichtlicher und
politischer Bedeutung, die so einem breiten Publikum vorgestellt werden
können.
2. Zeitlicher Rahmen
„Die Geschichte Österreichs beginnt weder 1945 noch 1918. Um die
heutige Situation des Landes und die Beziehungen Österreichs zu seinen
Nachbarn in Europa zu verstehen, muss man zumindest ins 19.
Jahrhundert zurückgehen. Die bürgerliche Revolution des Jahres 1848, die
ganz Europa erfasst hatte, sollte vielmehr zum Ausgangspunkt für die
Darstellung der neueren österreichischen Geschichte genommen werden.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierten sich alle jene
politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bewegungen, die die
Geschichte unseres Landes bis weit hinein in das 20. Jahrhundert
bestimmt haben. Staatsrechtlich geht Österreich auf das Jahr 1804 zurück.“
(Brandstaller/Diem a.a.O.)


Die Geschichte der Republik Österreich ist ohne ihre im 19. Jahrhundert
liegenden geopolitischen, wirtschaftsgeschichtlichen, sozialgeschichtlichen
und geistesgeschichtlichen Wurzeln nicht zu erklären. Vielvölkerstaat und
Sozialreform, Frühkapitalismus und Marxismus, Deutschnationalismus und
Antisemitismus, Frauenemanzipation und Sezession, technischer
Fortschritt und neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse – alles das sind
Phänomene, die für die weitere Entwicklung Österreichs und Europas
grundsätzliche Bedeutung hatten. Sie müssen genauso in ein umfassendes
Geschichtsbild Österreichs einbezogen werden wie Entstehung und
Untergang der Ersten Republik, autoritärer Ständestaat und
Nationalsozialismus, Opferrolle und Mittäterschaft Österreichs und der
Österreicher, Befreiung und Wiederaufbau. Nichts darf ausgespart, nichts
unter den Teppich gekehrt werden.


3. Ein konkreter Gestaltungsvorschlag: Das „Labyrinth der Ideologien“
Wo es nicht gelingt, sich auf eine wissenschaftlich redliche einheitliche
Darstellung zu einigen, müssen die Gestalter auch den Mut haben, die
„Geschichte der Geschichte“ zu erzählen.


Die österreichische Zwischenkriegszeit, und hier speziell die Jahre 1927
(Brand des Justizpalastes) bis März 1938 („Anschluss“ an das Deutsche
Reich) zählt zu den in der Bevölkerung wie unter Historikern umstrittensten
Themen österreichischer Geschichte.


Auch wenn über wesentliche Fragen Konsens erzielt werden kann und
wahrscheinlich auch muss, bleiben doch große Verschiedenheiten in
Wahrnehmung und Gewichtung übrig, die sich bislang auch in noch so
sachlichen Fachdiskussionen nicht auflösen lassen. Vor allem die Dollfuß/
Schuschnigg-Ära führt noch heute zu Verhärtungen auf allen Seiten, die
ebenfalls Bestandteil der Geschichte sind und erklärt und hinterfragt
werden sollen.


Wie aber soll man nun diese Phase österreichischer Geschichte
inhaltsreich und umfassend darstellen, ohne in Unverbindlichkeiten
auszuarten? Wie kann man die Wucht der Konfrontation und die Heftigkeit
der aufeinanderprallenden Parteien bis hin zur kontroversiellen
Rezeptionsgeschichte adäquat darstellen? Wie kann man hier die
„Geschichte der Geschichte“ erzählen?


Eine Möglichkeit dafür böte ein „Labyrinth der Ideologien“:
In einem passenden (vor allem ausreichend großen) Raum betritt der
Besucher ein Szenarium, das ihm die Geschehnisse unmittelbar vor dem
Brand des Justizpalastes schildert. Der Brand selbst wird durch zwei
Leinwände dokumentiert, die synchron den berühmten WochenschauBericht über Brand und Polizeieinsatz zeigen. Bekanntlich wurden schon
1927 zwei Varianten dieses Stummfilms gezeigt – mit den gleichen Bildern,
aber völlig konträren Texttafeln (pro, bzw. contra Polizeieinsatz). Nach
diesem Schlüsselereignis trennen sich die Wege der Österreicher, und die
ideologische Zwei-, bzw. Dreiteilung wird einzementiert.


Der Besucher hat nun die Wahl, ob er den roten, den schwarzen oder den
braunen Gang betritt. In den Tunnels durchlebt er die Ereignisse aus der
Sicht eines Sozialdemokraten/ Sozialisten, eines Christlichsozialen/
Heimatschützer, bzw. eines Großdeutschen/ Nationalsozialisten. Da (wie
schon an diesen Bezeichnungen sichtbar wird) diese Gruppen keineswegs
in sich homogen waren, soll es natürlich auch innerhalb der drei Tunnels
Differenzierungen geben, vor allem aber immer wieder die Möglichkeit,
mittels Verbindungsgängen zwischen den drei Tunnels zu wechseln, v. a.
bei Schlüsselereignissen (z.B. Februar 1934). Natürlich muss bei der
Darstellung behutsam vorgegangen werden. Es darf keine
propagandistische Wirkung auf den Besucher ausgeübt werden, sondern
die (naturgemäß verengte) Sicht der Akteure der damaligen Zeit soll, wenn
schon nicht nachvollziehbar, so doch verständlich werden.
Die drei Gänge münden schließlich in den März 1938, der wieder in einem
zentralen Raum dargestellt wird.


Wer nacheinander alle drei Gänge dieser kontroversiellen Weltbild-Schau
durchwandert, wird bleibend informiert werden und einseitigen
Darstellungen künftig nicht mehr „auf den Leim gehen.“


4. Organisation
Es ist eine Frage der Zweckmäßigkeit und der Aufbringung der
notwendigen Mittel, ob die Trägerschaft des HDG von einem Verein, einer
Stiftung oder einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, wahrgenommen
wird. Im Hinblick auf die Bedeutung der geplanten Institution ist eine
öffentlich-rechtliche Lösung zu bevorzugen, die es dem Haus der
Geschichte ermöglicht, seine Tätigkeit unabhängig von der Tagespolitik
auszuüben. Dabei ist den Bundesländern ein angemessenes
Mitspracherecht einzuräumen – nicht nur weil auf Landesebene wichtige
Sammlungen vorhanden sind, sondern weil die Rolle der Bundesländer
sowohl in der Zwischenkriegszeit wie auch beim Wiedererstehen der
Republik Österreichs dies rechtfertigt. Wie bei anderen in jüngster Zeit
erfolgten Gründungen (z.B. Mozarthaus Vienna)


ist an eine gemeinsame Finanzierung durch öffentliche und private Mittel zu
denken („Public-Private-Partnership“). Der wissenschaftliche und der
kaufmännische Leiter sollten aus einer internationalen Ausschreibung
hervorgehen.


5. Standort
Bisher wurden weniger Zielsetzung und Inhalt als vielmehr mögliche
Standorte eines Hauses der Geschichte diskutiert. Dabei wurde nur
darüber Konsens erzielt, dass es nicht ausreicht, ein bestehendes
Gebäude zu adaptieren. Das galt für das in einer frühen Phase diskutierte
Palais Epstein ebenso wie für aufgelassene Kasernen, das Schulgebäude
in der Wiener Hegelgasse oder die ebenfalls genannte ehemalige
Staatsdruckerei. Ohne einen Neubau oder Zubau in angemessener Größe
lassen sich weder moderne museumspädagogische Erfordernisse
verwirklichen noch die Betriebskosten in Grenzen halten. Der Vorschlag,
einfach das Heeresgeschichtliche Museum zu erweitern, ist nicht nur
geistesgeschichtlich problematisch, sondern leidet auch darunter, dass am
Arsenal zu wenig geeignete Baufläche vorhanden ist. Überdies wird die
Errichtung des Zentralbahnhofes das Gelände wohl auf ein Jahrzehnt in
eine Baustelle verwandeln. Interessanter ist der jüngst gemachte
Vorschlag, das Wiener Künstlerhaus durch Erweiterungsbauten so zu
vergrößern, dass eine gemeinschaftliche Nutzung mit dem Haus der
Geschichte möglich wird. Vor allem die zentrale, verkehrsgünstige Lage
spräche für diesen Plan. Eine weitere Alternative eröffnet sich in den jüngst
aufwendig restaurierten und ungenutzt leer- stehenden Räumlichkeiten der
abgesagten „Galerie der Forschung“ an der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften. Man darf gespannt sein, welche Vorschläge die
interministerielle Arbeitsgruppe mit ihrem Expertenbeirat zu diesem Thema
machen wird.