Vor dem Nationalfeiertag – Assoziationen zu einem Symbol
von Peter Diem (1998)
Ein paar Tage vor dem Nationalfeiertag sitze ich in einem bekannten
Ringstraßencafé (jenes, das ein Jubiläum feierte statt seinen Untergang
anzukündigen) und überlege, wie es diesmal sein wird – nein, was alles
nicht sein wird – an diesem Montag, dem 26. Oktober 1998. Sechzig Jahre
vergangen seit 1938, dreißig Jahre vergangen seit 1968. Ein verlängertes
Wochenende wird sein – mit Hilfe der diesbezüglich besonders
einfallsreichen Lehrerschaft mancherorts ein besonders verlängertes.
Mildes Herbstwetter wird sein, es kann aber auch stürmisch werden. Das
letztere wäre ein Pech. Wegen der Fitmärsche. Und wegen der
Beflaggung. Privat beflaggt der Österreicher zwar kaum mehr das
achtreichste Land der Erde. Sein Nationalstolz weist mehr nach innen,
äußere Symbole sind seine Sache nicht. Was das seit 1230 bekannte rotweiß-rote Tuch betrifft, verlässt er sich mehr auf Amtsdiener und Portiere.
Die aber haben am Freitag, wenn sie nicht ohnedies dienstfrei sind (siehe
oben) jedenfalls Frühschluss. Also schnell die amtseigene Fahne
hinausstecken, damit sie am Montag schon früh weht. Wenn sie der
Herbstwind nicht schon verweht hat.
An den Museen und einigen anderen Ringstraßengebäuden werden die
Flaggen mit dem schwarzen Adler, wie ihn die Verfassung vorsieht und wie
ihn die Wiener Traditionsfirma liefert, wehen, am Ballhausplatz aber regiert
der graue Adler, wie er von der Konkurrentin aus der Provinz geliefert wird.
Bitte, so sag ich mir bei meiner Melange, nicht aufregen, schließlich gibt es
hierzulande ja auch mehrere Arten von Kaffee – ist das nicht eher ein
Vorteil? Mein Blick aber schweift zum Rathaus: trotzig auf dem Eckturm die
Wiener Farben im Format 1:2, obwohl das neue Wappengesetz der Stadt
1:1.5 vorschreibt. Dasselbe bei der Europaflagge. Wird wohl noch viele
Jahre dauern, bis das einem Beamten auffällt. Aber man soll nicht sagen,
dass uns nicht doch etwas einfällt. Bei der Angelobung der heurigen
Soldaten wird diesmal nicht nur die Bundeshymne erklingen, sondern auch
die Europahymne. Das ist löblich, denn erstens führt Österreich noch zwei
Monate den Vorsitz im vereinten Europa, zweitens wurde die Melodie in
Wien komponiert. Und drittens besitzt sie keinen (aktuellen) Text, also kann
auch niemand in Verlegenheit kommen, einen solchen mitsingen zu
müssen. Der Herr Bundespräsident wird wieder einen Kranz niederlegen.
Vor dem in roten Marmor gehauenen toten Soldaten, unter welchen der
Bildhauer bekanntlich ein Nazimanifest eingemauert hat. Das wird aber
auch heuer wieder niemanden stören. Wie überhaupt die Einfallslosigkeit
des immer gleichen stummen Rituals niemandem auffallen wird – es wird ja
praktisch niemand in der Stadt sein, gilt es doch, den herbstlichen Blättern
auf dem Rasen des Landhauses zu Leibe zu rücken. Ja, ja das Herbstlaub
– grün, gelb, rot – die Ampelkoalition in Deutschland fällt mir dazu ein.
Zweifellos das politische Ereignis des Jahres 1998.
Der eigentliche Anlass des Nationalfeiertags, die immerwährende
Neutralität Österreichs, wird auch diesmal kaum erwähnt werden. Der
Bevölkerung ist sie seit 1955 als sittlich reine Staatsdoktrin ans Herz
gewachsen, jetzt soll es damit auch wieder vorbei sein? Ein schwieriges
Problem, also kein Thema für einen Feiertag. Es ist ohnehin besser, vom
reinen Geist etwas abzulenken: mens sana in corpore sano. Fitmärsche
sind politisch unbedenklich. Schließlich ist „Wellness“ (eine höhere Form
von „Fitness“) angesagt. Da gibt es noch viele unausgenützte
Möglichkeiten. Lieber also im Wald mitlaufen als bei einem Symposium
mitdiskutieren. Was es da alles an interessanten Themen gäbe – etwa
einen Zukunftsdialog mit Jugendlichen aus den Nachbarstaaten. Oder
konkrete Vorschläge für ein Nationalmuseum. Ein Museum, das mehr wäre
als eine Sammlung von Fliegerbomben und Maschinenpistolen mit
Rundmagazinen – eingerichtet als das erste kindergerechte multimediale
Museum Österreichs. Eine Nationalstiftung statt einer Rundfunkstiftung, die
ohnedies nur der Ersatz einer Staatsbindung durch eine andere wäre (der
heutige Wiener Kulturstadtrat hat als Sekretär von Bundeskanzler Klaus
schon daran geschrieben, die Pläne sind erst dreißig Jahre alt!). Oder
einen wirklich gut dotierten Schülerwettbewerb zum Thema Ausländer (was
Hänschen nicht lernt…). Themen gäbe es genug – bis hin zur Funktion von
Parteiprogrammen im Zeitalter der „neuen Mitte“. Vielleicht sollte man ein
interministerielles Komitee zur Themenfindung einsetzen, denn der nächste
Nationalfeiertag kommt bestimmt. 1999 wird er auf einen Dienstag fallen.
Das ergibt einen Fenstertag. Wieder nichts. Doch siehe, das Jahr 2000: der
Nationalfeiertag fällt auf einen Donnerstag. Das ist die Chance des
Jahrtausends!
