Mein Dorf Oedt an der Wild
Ein Lokalaugenschein nach dreißig Jahren (1978)
von Peter Diem
Viele meiner Freunde in Wien besitzen ein Bauernhaus in Niederösterreich.
Ich habe kein Haus auf dem Lande – dafür gehört aber mir ein ganzes Dorf.
Es heißt Oedt an der Wild, liegt an der Franz-Josefs-Bahn und wurde 1971
der Großgemeinde Ludweis-Aigen im Bezirk Waidhofen an der Thaya
eingegliedert. In diesem Dorf verbrachte ich, im April 1937 geboren, die
ersten zehn Sommer meines Lebens. In den letzten beiden Kriegs- und
den ersten beiden Nachkriegsjahren besuchte ich dort und im Nachbardorf
Blumau an der Wild die Schule. Als Kind und als Schulbub habe ich mein
Dorf in Besitz genommen, das Dorf, wie es damals war, und tief in meinem
Herzen verschlossen. Deshalb gehört es mir, dem Wiener – auch heute
noch.
“Das Dorf Oedt hat 33 Hausnummern und 184 Einwohner, ist vollständig
der Herrschaft Wildberg untertänig und hat das Besondere, dass es keine
fremden Inleute oder Herberger aufnimmt.”
So berichtet die Dorfchronik aus dem Jahr 1808. Im Jahre 1925 zählte
Oedt 33 Häuser und 183 Einwohner. Heute (1978) hat das Dorf
134 Einwohner, davon 46 noch nicht Wahlberechtigte. Sie wohnen in 31
Häusern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist ein Haus verfallen, ein neues
wurde errichtet. Oedt ist somit ein geschlossenes Dorf ohne Neuansiedlung
geblieben, ein Reihendorf, auf dessen breiter Straße in der Ortsmitte eine
Kapelle steht. Bis auf die Gemeindeschmiede und das Gemeindehäuschen
sind alle Häuser bewohnt; die kleine, bald nach dem Krieg aufgelassene
Volksschule hat ein Bauer als Wohnhaus für seine Töchter gekauft. Außer
einem Eisenbahner und einem Berufssoldaten sind alle Bewohner von
Oedt Landwirte. Sie haben relativ große Wirtschaften – 28 bis 30 ha Felder
und 5 bis 10 ha Wald. Angebaut werden Weizen, Gerste und Roggen. Der
Erdäpfelanbau ist unrationell geworden und hat der Kultur von Futtermais
Platz gemacht. Damit änderte sich in den letzten Jahren das Bild der
Waldviertler Felder, aber auch das sonst noch intakte Ortsbild: hinter den
meisten Bauernhäusern lugen neue Hochsilos hervor, in denen der bereits
auf dem Feld gehäckselte Kukuruz zu hochwertigem Viehfutter vergärt.
Oedt an der Wild ist bekannt für sein gutes Zuchtvieh. Schon 1912 wurde
eine Weidegenossenschaft gegründet, die bis heute funktioniert, wenn
auch schon manche Bauern ihr Vieh nicht mehr austreiben. Die meisten
Veränderungen hat es im Inneren der breit ausladenden Bauernhäuser
gegeben. Moderne Küchen, Wohn- und Badezimmer – freilich meist im
Dutzendstil und oft mit unschönen Verbundglasfenstern, Fernsehen,
Telefon und selbstverständlich alle Kühleinrichtungen. Nur ein Haus verfügt
über keinen eigenen Pkw.
Die Mechanisierung der Landwirtschaft ist weit vorangeschritten, wobei
man vermieden hat, sich über die Maßen zu verschulden.
Durch die Drainagierung der zum Teil nassen Felder rings um das Dorf
wurde zwar der Ertrag in den letzten Jahren spürbar erhöht, gleichzeitig
wurde aber der Grundwasserspiegel beträchtlich gesenkt. Trockene
Sommer sowie erhöhter Wasserbedarf in Haus und Stall taten ein Übriges,
so dass heute neue Brunnen geschlagen werden müssen. Entlang der
staubfreien Dorfstraße ziehen sich neue Metallzäune vor den Hausgärten,
die weder besonders schön noch praktisch sind: lehnt sich eine vom
Weidetrieb müde Kuh gegen eines der Gitterfelder, ist der Zaun gleich
verunstaltet. Früher hätte man ein paar Zaunlatten ausgewechselt. DieSchwemmen (Feuerlöschteiche) sind sauber betoniert, wirken dadurch
aber, anders als die früheren kleinen Dorfteiche, unglaublich steril. Das
neue Kriegerdenkmal neben dem Feuerlöschgerätehaus hätte weit besser
ans Ortsende oder in die unmittelbare Nähe der Kapelle gepasst So aber ist nun einmal mein Dorf heute. Ein Dorf wie viele, aber doch anders. Geschlossener, geradliniger, echter. Doch nicht über mein Dorf heute wollte ich berichten, sondern über alles das, was das Dorf ausmacht, das ich seit meinen Bubentagen in meinem Herzen trage. Nicht über die Siedlungsform Dorf wollte ich erzählen, sondern über die Lebensform Dorf. Denn diese ist in dem Maße verschwunden, in dem die Agrargesellschaft der Industriegesellschaft und die unberührte Wald- und Feldlandschaft der Produktions- und Verkehrslandschaft gewichen sind.
Es gibt keine Maikäfer mehr.
Von einem Zwetschkenbaum konnte man in einem guten Maikäferjahr
beinahe einen Kübel voll Maikäfer schütteln. So viele freilich musste man
als Bub gar nicht zur Verfügung haben, um glücklich zu sein. Es genügte
schon einer, der, aus der Zündholzschachtel befreit, willig ins Tintenfass
krabbelte, um darauf in brummendem Kunstflug einen feinen blauen Strich
an die Decke des Klassenzimmers zu zeichnen. Im Gegensatz zu dieser
humanen Form der Kleintierhaltung waren das Kastrieren eines liebestollen
Katers mit der Rasierklinge oder das Aufschlitzen einer Kröte mit dem
Taschenfeitel (“Grodnschneidn”) schon weit brutalere Beschäftigungen mit
der tierischen Umwelt. Viele der kleineren Tierarten sind ausgestorben, weil
sie sich des Nachts auf dem noch warmen Asphalt der Landstraßen
niederließen und überfahren wurden. Die Fische im Bach sind an den
Detergentien der Waschmittel zugrunde gegangen. Die Krebse sind
wahrscheinlich schon früher verschwunden – sicherlich aber nicht dadurch,
dass wir mit nackten Beinen in den Bach stiegen, sie vom Grund
heraufholten und mit etwas Petersil in den Kochtopf warfen, bis sie rot,
eben krebsrot, wurden. Im Dorf gibt es heute noch ein einziges Pferd.
Zu meiner Bubenzeit hatten die meisten Bauern vier bis fünf, der größte
Bauer im Dorf mag über zehn besessen haben. Vier Familien, die
bescheidensten im Dorf, besaßen Ziegen. Heute meckern sie nur mehr im
Märchenbuch, um ihren Bart zu bewundern, muss ein Kind nach
Griechenland fliegen, und um eine “kuhwarme Geißmilch” zu kosten, muss
man sich dort wohl auf einige Zeit niederzulassen. Die etwa dreißig Schafe,
die es damals noch in meinem Dorf gab, waren alles andere als nur ein
Hobby. Sie niederzuwerfen, zu scheren, die Wolle zu waschen und zu
kämmen, sie zu Wollfäden zu spinnen und daraus Socken für den Winter
zu stricken, war beinahe ein Lehrgang in Wirtschaftsgeschichte. Und wie
warm waren diese Socken in den kalten Waldviertier Wintern, die man mit
Hilfe von am Hofe selbst hergestellten Holzschuhen mühelos bewältigte!
Hatte man sich einen Holzschuh im Straßengraben, am Misthaufen oder in
einer Lacke “geschöpft”, brauchte man ihn nur zu entleeren und am
Brunnen auszuwaschen. Das hat auch der Nachbar mit seinem Holzschuh
getan, als er sich mit dem Mistkreu’n den Fuß hackte und der Schuh mit
Blut volllief.
Libellen schwebten anscheinend bewegungslos über dem Tümpel am
Bahndamm, während flinke Wasserläufer wunderliche Spuren über seine
Oberfläche zogen. Ihre Kollegen im Haus waren die Weberknechte, deren
bedächtige Langbeinigkeit die Schwerkraft an Zimmerwänden mühelos
überwand. In den Büschen wohnten Blindschleiche und Ringelnatter –
stießen wir auf eine Kreuzotter, nahmen wir schreckensbleich Reißaus. Wir
wussten, dass Regenwürmer auch in Teilstücken weiterleben können – ob
sie in kunstdüngergesättigter Krume lebensfähig sind, weiß ich nicht.
Von den Pflanzen besonderer Art, die ich in meiner Kindheit kannte, liebte
und sammelte, haben die Schwammerln überraschenderweise überlebt.
Man sucht sie heute mit der Taschenlampe. Aber die Kuhschellen am
Steinbruch gegen Ludweis hin gibt es nicht mehr.
Die Heidelbeeren und Preiselbeeren, einst die Hauptattraktion für einen
Gang in den Wald – die “Wild”, ein geschlossener Nadelwald zwischen
Horn und Göpfritz -, sind verschwunden. Die Zahl der Imker im Dorf ist von
neun auf vier zurückgegangen – die zum Teil auch von Flugzeugen aus
durchgeführte Schädlingsbekämpfung hat den Bienen den Nektar wohl
ziemlich vergällt. So dürfte es im Sommer zwar noch summen und blühen,
aber die Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die es damals gab, ist wohl für
immer dahin.
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann
Das Dorf, wie ich es noch kannte, stellte viele Gebrauchsgegenstände selbst her. Wie viele Kenntnisse konnte sich ein Bub damals aneignen,
wenn er bloß zusehen durfte! Welche Beziehung zur Kunstfertigkeit der
eigenen Hände herstellen, wenn er selbst mit anpackte! Und welche
Freude empfand ich, wenn irgendein Werkstück seiner Vollendung
entgegenging! Da gab es in jedem Haus die HoanzIbank, in die das
hölzerne Werkstück eingeklemmt und durch Druck mit dem Fuß
festgehalten wurde. Wichtigstes Werkzeug zur Herstellung von Rechen,
Sesselbeinen und ähnlichem war das Roafmesser, ein scharfes
Holzmesser mit zwei zur Schneide rechtwinkeligen Griffen. Größere
Holzstücke wurden mit der Broadhockn bearbeitet.
Die einfachste Form der Holzverwertung war das Biadlhockn: auf dem
Hackstock wurden die Fichtenäste zerkleinert und mit Bandelstroh in
handliche Bündel (Biadl) gebunden, die, feinsäuberlich aufgestapelt, den
ganzen Winter Brennholz für den Herd ergaben, auf dem die Bäuerin den
Schweinsbraten mit Waldviertler Gummiknödeln (Erdäpfelknödeln)
zubereitete. “Sechzig Biadln am Tag hat a brave Dirn aus Böhmen ghackt”,
sagte mir die Gattin meines Volksschullehrers, der heute in Horn im
Ruhestand lebt.
Auf einem Bauernhof in Oedt gab es früher bis zu fünf Knechte und Mägde.
Im gesamten Dorf mögen es an die vierzig Dienstboten gewesen sein, die
nach meiner Erinnerung gut behandelt wurden, wenn auch im Waldviertel
manch “Schöne Tage” ihre “Schattseiten” gehabt haben werden. Für ein
Kind gab es mit dem Gesinde nie Schwierigkeiten – standen Kind und
Knecht doch gemeinsam unter der oft despotischen Gewalt des dörflichen
Paterfamilias. Und es war eine Familie, die da nach dem Rhythmus der
Dorfglocken – fünf Uhr Morgengebet, sieben Uhr Einspannen, elf Uhr
Ausspannen, zwölf Uhr Mittag, sieben Uhr Gebetläuten – auf die Felder
hinausging, wo sie den ganzen Tag über blieb. Die Großmutter schickte
uns oft mit dem Essen nach: der Brotlaib, eine Schüssel Topfenkas und
dazu eine Stiftn klaren Brunnenwassers, durch deren metallisch
schmeckendes Trinkrohr das kühle Nass in gemessenen Zügen in durstige
Schnitterkehlen gesogen wurde.
Brot wurde in Oedt bis etwa 1960 selbst gebacken. Die würzige,
wasserhaltige und in Modeln zu Striezeln verarbeitete Butter lagerte in
feuchten Tüchern in der Speis. Sie ließ sich leicht auf eine
überschuhsohlengroße Reankn Brot streichen; und es wäre ein Sakrileg
gewesen, etwas anderes darauf zu tun als das grobe Salz, das man im
einzigen Gemischtwarengeschäft des Ortes kaufte.
Dort, wo man die neu eingelangten, bunt lackierten Federstiele holte und
wo es immer so gut nach dem Pech und Leder frischer Pferdepeitschen
roch.
Die großen Arbeiten, jene, bei denen es mehr um Eisen als um Holz ging,
erledigte der Gemeindeschmied. Welch ein Erlebnis, in die Dorfschmiede zu
gehen! Schon der Geruch von glosender Holzkohle, heißem Hammerschlag
und verbrannten Hufen! Der Blick in die glühende Esse, das Zischen der
Werkstücke im härtenden Wasserbad und der klingende Takt, in dem
Meister und Geselle abwechselnd die schweren Hämmer auf das über den
Amboss wandernde Bandeisen fallen ließen! Hinter der vor der Schmiede
schnaubenden Stute, die eben ein Paar neue Arbeits-schuhe angemessen
bekam, wurde dem alles mit weit offenen Augen in sich hineinstehlenden
Stadtkind die erste Lektion in Sexualkunde erteilt, als der bösträge
Gemeindestier so wenig kunstvoll auf die sanfte Kuh des Nachbarn aufritt,
dass dieser den roten Ziemer mittels Handsteuerung zum Andocken bringen
musste.
Auch einen Schuster gab es damals im Ort, und die Bescheidenheit seiner
Werkstatt wird mir zeitlebens in Erinnerung sein. Heute ist von den beiden
Wirtshäusern nur mehr eines in Betrieb. Und während in der Zeit, aus der
ich erzähle, im Monat 46 Kisten Bier und 1000 Liter Wein umgesetzt
wurden, war die Losung der Weihnachtstage 1977 vier Achtel Wein und
drei Coca-Cola. Denn die dörfliche Gemeinschaft, bei Kartenspiel am
Wirtshaustisch versammelt, gibt es nicht mehr. Das Fernsehen hat sie
zerstört. Die jungen Leute steigen in ihren Pkw, um abends Entfernungen
zurückzulegen, für die in meinem Dorf Ein- oder Zwei-Tages-Reisen
erforderlich gewesen wären.
Wir ratschn, wir ratschn den Englischen Gruß
Waren die Kirchenglocken ,,nach Rom geflogen”, sorgten die
Ratschenbuam im Dorf für die Zeiteinteilung. Von Gründonnerstag bis
Karsamstag zogen sie dreimal täglich mit ihren schnarrenden Holzfahnen
über die Dorfstraße. Aber nicht nur in der Karwoche hatten wir Dorfkinder
alle Hände voll zu tun. Das in die Natur gefügte alte Dorf lud zu jeder
Jahreszeit zum spontanen Werken und Spielen ein: im Frühjahr wurden die
Weidenpfeiferl geschnitzt, später die selbstgebauten Wasserradln im
Straßengraben in Gang gesetzt, im Sommer wurde Vogerlschliaf gespielt –
reife Ähren wanderten den Rockärmel des Großvaters hinauf – und im
Herbst war es das juckende Innere der Hetscherln, das der vorderen
Banknachbarin im Schulkleid brannte. Das Taschenmesser diente nicht
bloß zum Schnitzen von Rindenschifferln und zur Herstellung von
gummibandbetriebenen Zwirnspulpanzern, sondern kam beim Messerln zu
seiner eigentlichen Ehre. Eine andere Art des edlen Bubensports war das
Pfleckln, bei dem gespitzte Holzstücke in die Grasnarbe geschleudert
wurden.
Für die Überwindung größerer Entfernungen dienten der Pfitschipfeu und
die Stoaschleuder – beide ebenso nach Geheimrezepten angefertigt, wie
der mit Mehlpapp verkleisterte große Packpapierdrache, der selten genug
wirklich hoch stieg.
Auf jedem Bauernhof gab es einen Heuboden. Er war das natürliche
Refugium der Kinder, die dort auch die ersten Erfahrungen mit ihren
Geschlechtsorganen – wohl nach dem Muster der Tiere – machten.
Weniger harmlos waren Kinderspiele wie das Rauchen von Kleebotzn im
Heu, das Aufschlagen von scharfer Gewehrmunition, um zum
Schwarzpulver zu gelangen, das so schön duftend brannte, und das
Erklettern des Bahndamms, um Münzen unter den daher brausenden
Schnellzug zu legen. Da war das Mitdrehen auf dem ochsengezogenen
Göpel oder das Schaukeln als in der Mitte stehender Quargeltreter schon
weit gefahrloser.
Ein Gleis verliert sich im Nebel
Foto: P. Diem
Obwohl ohne eigene Bahnstation, war mein Dorf stets auf die unmittelbar
hinter der nördlichen Häuserzeile verlaufende Trasse der Franz-JosephsBahn orientiert. Die zwei dem Dorf zugehörigen Wachterhäusln, in denen arme Bahnwärterfamilien lebten, sind heute verschwunden. Die Bahnlinie,
am 1. Jänner 1870 eingleisig in Betrieb genommen, hatte 1903 ihr zweites
Gleis erhalten. Als dieses 1959 wieder weggerissen wurde und zehn Jahre
später die Dampfloks verschwanden, war ein weiteres Stück heiler Welt
unwiederbringlich dahin.
Was war über diese Bahnstrecke Wien-Gmünd-Prag alles an
schicksalhaften Transporten gelaufen, besonders in den letzten Monaten
des Krieges! Ungezählte Gefangenentransporte der Deutschen
Wehrmacht; Nachschubzüge, die ihr Ziel in den Maitagen 1945 nie
erreichten, und aus denen brauner Rohzucker und bunt gemusterte Seide
in die Bauernhäuser wanderten. Und schließlich jener aus Viehwaggons
zusammengestellte Zug, in dem mein Vater, von den Russen verschleppt,
seine Fahrt nach Konstanza am Schwarzen Meer antreten musste, von wo
er erst nach Monaten völlig abgezehrt wieder heimkam. Wie kann ein Kind
jemals den Augenblick vergessen, als sich das schwere Schloss am Hoftor öffnete und durch den dunklen Schwibbogen die Gestalt des Vaters nach
langer, unerklärlicher Abwesenheit trat, um die Seinen in die Arme zu
schließen! Durch dasselbe Hoftor waren vorher russische Soldaten in ihren
Pluderhosen zum alten Brunnen gestürmt, hatten sich kurz gewaschen und
darauf von der Bäuerin gebieterisch eine Eierspeise von dreißig Eiern
verlangt. Nach der hastig verschlungenen Mahlzeit ging es wieder hinaus
vor das Haus zum Panzer, wo die Granaten fein säuberlich aufgestapelt
zum Putzen hergerichtet waren. Wir Kinder waren dabei, Mädchen und
junge Frauen befanden sich freilich auf dem Heuboden oder im Wald…
Die Turmuhr der Dorfkapelle wird nicht mehr aufgezogen
Foto: P. Diem
Die Frage nach der Zukunft meines Dorfes ist relativ leicht zu beantworten.
Sie besteht im Status quo. Die Bauernwirtschaften werden von den beiden
Hofinhabern, Mann und Frau, als vollmechanisierte Landwirtschaftsbetriebe
geführt.
Der Weg dazu führte von Sense und Sichel, Pledern und Sichel,
Grasmaschine und Sichel, Häufelmaschine und Sichel über den zuerst von
Pferden, dann vom Traktor gezogenen Garbenbinder zum seit etwa vor 10
Jahren eingeführten Mähdrescher, der in der Regel von zwei Familien
betrieben wird. Zur Getreidewirtschaft kommt eine intensive Milch- und
Fleischviehzucht. Nebenerwerb gibt es keinen, weder als Lohnarbeit noch
als Fremdenverkehr. Von den 46 Kindern des Dorfes werden gut die Hälfte
abwandern. Das Ausgedinge wird trotz Bauernpension auch in Zukunft
mehr schlecht als recht funktionieren. Urlaub wird es für die Landwirte auch
weiterhin kaum geben, höchstens einen Kuraufenthalt oder einen
Tagesausflug. Nach Wien zur Eisrevue oder einmal im Sommer
irgendwohin in Österreich. Die Feuerwehr wird einmal im Jahr ein Tanzfest
veranstalten. Sonstige Formen früherer Dorfkultur werden kaum wieder
entstehen. Die Versorgung wird durch ins Dorf kommende Bäcker,
Weinhändler und Bierführer besorgt, Supermärkte sind mit dem Auto leicht
erreichbar. Die Messe wird von einem Pfarrer aus dem Nachbardorf
gelesen oder dort besucht. Die müden Abende vergehen schnell vor dem
Fernsehschirm. Vielleicht wird eine elektrische Turmuhr angeschafft
werden, damit wenigstens deren Zeiger symbolisieren, dass das Leben
weitergeht.
Hans Haas:
Oedt an der Wild – kurz präsentiert
Das im Grenzbezirk Waidhofen an derThaya gelegene Dorf Oedt an der
Wild ist durch eine selbst im Waldviertler Maßstab überdurchschnittliche
agrarische Kontinuität gekennzeichnet. Von den seinerzeit 24
Vollerwerbsbauern sind immerhin noch 12 erhalten geblieben, die übrigen
betreiben heute die Landwirtschaft als Nebenerwerb, vier Althöfe sind
heute gänzlich ohne Landwirtschaft, Schmiede und Gemeindehaus sind
abgekommen. Die verbliebenen Höfe haben teils durch Heiratsstrategien
und Kauf, teils durch Pacht die vakanten Gründe als Nutzfläche gewonnen.
Diese Strukturkontinuität ist die Folge einer zielgerichteten sukzessiven
Anpassung einer von jeher gut situierten mittel- bis großbäuerlichen
Landwirtschaft an die Erfordernisse der rationellen Landwirtschaft, sei es
durch rechtzeitige maschinelle Nachrüstung ohne existenzgefährdende
Verschuldung, sei es durch Umstellung einer im Ganzen gesehen
gemischten Acker- und Viehwirtschaft auf marktgängige Produkte. So
wurde der nach 1945 rentable Kartoffelanbau in den frühen Siebzigerjahren
durch den Maisanbau als Futterbasis einer florierenden Viehwirtschaft
ersetzt, wobei einige Betriebe von der Milchwirtschaft ganz auf
Nutzviehwirtschaft umgestiegen sind, einige wenige Schweinezucht
betreiben. Die 1912 gegründete und für die Zeitverhältnisse mustergültige
Weidegenossenschaft auf dem gemeinschaftlich angekauften Terrain
zweier weichender Bauern musste allerdings 1975 mangels an
Hüterpersonal aufgelassen werden. Auch der in „Robat” gemeinschaftlich
betriebene Genossenschaftswald ist kürzlich parzelliert worden.
Wirtschaftliche Betriebseinheit ist seit dem gänzlichen Wegfall des
Gesindes und der – hier ohnehin nur saisonal zu Arbeitsspitzen benötigten –
Taglöhner die bäuerliche Kernfamilie. Darauf beruht auch der Rückgang
der Bevölkerung bei gleichbleibender Hausanzahl bei knapp über 30
Häusern. (1915: 183 Einwohner, 1925: 183 EW, 1935: 146 EW, 1949: 156
EW, 1956: 131 EW, 1978: 134 EW, 2001: 87 EW.) Modernisierung
bedeutete jedoch auch den Verlust wesentlicher Elemente der dörflichen
Infrastruktur, wie der Volksschule, der zwei Gasthäuser und der
Gemischtwarenhandlung. Im Zeitalter von Fernsehen und Motorisierung
verlor das Dorf sukzessive auch seine kulturelle Steuerungsfunktion. Die
heute teils unter Anregung öffentlicher politischer Instanzen durchgeführte
Dorferneuerung kann hier in Oedt an der Wild freilich noch an Traditionen
der ökonomischen Selbststeuerung und kulturellen Integration anknüpfen,
so dass den kulturell desintegrativen und sozial vereinsamenden
Tendenzen gewisse sozial und kulturell integrative Einrichtungen und
Initiativen entgegenwirken, wie das kürzlich am Dorfplatz errichtete
Gemeinschaftshaus und die Fortdauer ländlicher Brauchtumsformen etwa
bei Hochzeiten.
Quelle: Arbeitsbericht vom 12.7.2010
Vergleiche hierzu:
Hanns Haas: Die Kraft der Bewahrung: Oedt an der Wild
Erschienen im Buch “So nah, so fern – Menschen im Waldviertel und in
Südböhmen 1945-1989″ (Hg. Nationales Fotomuseum Neuhaus,
Südböhmisches Museum Budweis, WALDVIERTEL AKADEMIE, Verlag
Bibliothek der Provinz 2012)
