Peter Diem (1966)
Brüderlichkeit – Problem dieser Zeit
Ort, Wort und Jahreszeit verleiten zum Pathos. Weltlage, Begriff und Jahrzehnt erleiden pathetische Behandlung. Brüderlichkeit als Leitwert und Leitwort in Kirche, Gesellschaft,
Carteilverband kann nur nach rationaler Analyse ihres aktuellen Sinngehaltes existentiell akzeptiert werden.
Begriff. Der familienhafte Bruderbegriff ist in der Natur des Menschen vorgegeben. Er beinhaltet die Solidarität innerhalb der überschaubaren Verwandtschaft, der Familie, der Sippe. In bewusster Nachahmung der biologischen Affinität entwickelt der Mensch den bündnishaften Bruderbegriff als Ausdruck eines besonderen Naheverhältnisses zwischen Personen mit starken gemeinschaftlichen Interessen. Musterbeispiel hierfür ist die primitiv-heidnische Blutsbrüderschaft. Mit der alttestamentarischen Offenbarung wurde der Bruderbegriff erstmalig metaphysisch überlagert. Die Einsicht in die Gotteskindschaft der Menschen, im Besonderen das Verhältnis des auserwählten Volkes zu seinem Vatergott („Ihr seid Kinder des Herrn eures Gottes! 5 Moses 14, 1), lässt die Forderung nach der brüderlichen Begegnung der Gläubigen untereinander ansatzweise hervortreten. Aufbauend auf der jüdischen Schrift-Tradition vollzieht Jesus Christus den Übergang zum heilsnotwendigen Bruderbegriff: „Ihr alle aber seid Brüder!” (Mt. 23, 8).
Während Seines ganzen Lebens, in Seinen Werken und in Seiner Lehrtätigkeit hat Christus Seinen Zeitgenossen und Jüngern und damit Seiner Kirche eindringliche Beispiele brüderlichen Verhaltens gegeben. Für den Christen ist Brüderlichkeit damit zum Maßstab der Befolgung des obersten Gebotes unserer Religion geworden: des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe. Dass sich die Nächstenliebe und damit die Brüderlichkeit keineswegs nur auf Angehörige der eigenen gesellschaftlichen Gruppe erstreckt, sondern auf alle Menschen, selbst auf Feinde und Verfolger, wurde von Christus deutlich vorgelebt.
Jahrhundertelang verschüttet, gelangte dieser allgemeingültige christliche Bruderbegriff erst in unserer Zeit, mit dem Entstehen der einen Welt” im Gefolge einer Weltkatastrophe und mit Hilfe der modernen Informationsmittel wieder ins öffentliche Bewusstsein der Weltkirche. Mit dem Zweiten Vatikanum gelang der Durchbruch zum Begriff der „universellen Brüderlichkeit”. Wir lesen dazu in den Konzilsbeschlüssen: „In Seiner Predigt gab Er den Kindern Gottes das klare Gebot, einander wie Brüder zu begegnen, und in Seinem Gebet flehte Er, dass alle Seine Jünger eins seien. “(Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, 32.)
„Denen also, die der göttlichen Liebe Glauben schenken, gibt Er die Sicherheit, dass sich allen Menschen der Weg der Liebe eröffnet und dass der Versuch, eine universale Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist.” (ebenda, 38.)
Die universale Brüderlichkeit, die jede Diskriminierung ausschließt:
Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Gesinnung der Tat verweigern. Das Verhalten des Menschen zu Gott dem Vater und sein Verhalten zu den Menschenbrüdern stehen so eng im Zusammenhang, dass die Schrift sagt:
Wer nicht liebt, kennt Gott nicht” (1 Joh. 4, 8).
So wird also jeder Theorie oder Praxis das Fundament entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bezüglich der Menschenwürde und der daraus entstehenden Rechte einen Unterschied macht. Die Kirche verwirft also jede Diskriminierung eines Menschen, jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil das dem Geist Christi widerspricht.” (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, 5.)
Äußerliches Kennzeichen der Wiederentdeckung der Brüderlichkeit in der Kirche ist die Tendenz zur Entfeudalis erung” und das Streben, Distanzen zwischen den Gläubigen abzubauen. Direkter Ausfluss dieser Geisteshaltung ist die Atmosphäre des „Dialogs” mit der Welt, mit den getrennten Brüdern”, ja mit den Nichtgläubigen, selbst mit denen, die die Kirche verfolgen.
Brüderlichkeit in ihrer höchsten Entwicklungsstufe ist demnach das im Wesen des Christentums begründete Bemühen, die Beziehungen unter den Menschen und Menschengruppen unabhängig von deren besonderen Merkmalen oder Einstellungen mit Liebe zu erfüllen.
Gesellschaft. Kaum je in der Geschichte hat ein revolutionärer Kampfruf ein solches Echo hinterlassen wie die Parole der Französischen Revolution: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!” Kaum je hat ein Slogan so viel über Menschenträume ausgesagt, so sehr über die Zeiten gegriffen und so viel
Leid mit sich gebracht, wie dieses Schlagwort des Jahres 1789. Der Grund für Erfolglosigkeit, Blut und Tränen in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen mag in der Reihenfolge liegen, in der die Menschen an die Verwirklichung der genannten drei Ideale herangegangen sind. Wäre Brüderlichkeit am Beginn und im Zentrum der liberalen und sozialistischen Revolutionen gestanden, wäre der Lauf der Geschichte ein anderer gewesen. Denn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind die zentralen Anliegen dreier gewaltiger geistiger Systeme: Der bürgerlichen Ideologie des Liberalismus, der proletarischen Ideologie des Marxismus und der solidaristischen Ideologie des Christentums.
Nur die metaphysisch überhöhte Kraft bewusster universeller Brüderlichkeit wäre imstande, mit den großen Menschheitsproblemen fertig zu werden:
– den Frieden in der Welt herzustellen und zu erhalten,
Der Friede kann in dieser Welt nicht erreicht werden, wenn nicht das Wohl der Personen sichergestellt wird und die Menschen sich nicht freimütig gegenseitig an ihren geistigen Reichtümern teilnehmen lassen. Der beste Wille, die anderen Menschen und Völker in ihrer Würde zu achten, und das bewusste Beispiel der Brüderlichkeit sind zur Erreichung des Friedens unerlässlich.
„Zum Aufbau einer internationalen Ordnung, in der die Freiheit aller wirklich geachtet wird und brüderliche Freundschaft herrscht, sollen die Christen gern und von Herzen mitarbeiten… die Menschen dürfen kein Ärgernis nehmen müssen in der Tatsache, dass einige Nationen, in denen die Mehrzahl der Einwohner Christen sind, Güter in Fülle besitzen, während andere nicht genug zum Leben haben und Fülle besitzen, während andere nicht genug zum Leben haben und von Hunger, Krankheit und Elend aller Art geplagt werden.” (Pastoralkonstitution, 87)
an die Stelle des Rüstungswettlaufes ein System funktionierender internationaler Institutionen zu setzen
„Der Rüstungswettlauf ist eine außerordentliche Gefahr für die Menschheit und eine unerträgliche Verletzung der Armen”, „Die bereits bestehenden internationalen und regionalen Institutionen machen sich gewiss um die Menschheit hochverdient. Sie erscheinen als erste Versuche, für die Gemeinschaft der Menschen ein internationales Fundament zu legen, damit so die schweren Fragen unserer Zeit gelöst werden… auf all diesen Ge-bieten freut sich die Kirche über den Geist wahrer Brüderlichkeit zwischen Christen und Nichtchristen, der zu immer größeren Anstrengungen drängt, um die ungeheure Not zu lindem. ” (Pastoralkonstitution 81.)
Es besteht kein Anlass daran zu zweifeln, dass es auf lange Sicht möglich sein wird, nach dem Muster der innerstaatlichen Rechtsordnung, die die Rechtsdurchsetzung dem Staat überträgt, zu einer internationalen Friedensordnung zu gelangen, die die bewaffnete Sanktion zwischenstaatlicher Rechtsverletzungen in die Hände einer übernationalen Institution legt. Ferment hierfür wird die Erkenntnis sein, dass wahrer Fortschritt bewusster Brüderlichkeit bedarf. In gleicher Weise kann nur durch die Einsicht in die Notwendigkeit brüderlicher Hilfeleistung eine internationale Sozialordnung aufgebaut werden.
Für unseren österreichischen Bereich bedeutet Brüderlichkeit die Solidarität aller Staatsbürger „in necessariis”. Ob es sich dabei um die Beseitigung der Hochwasserschäden, um die Erhaltung unserer wirtschaftlichen Leistungskraft durch kluge Strukturpolitik oder um die Erschließung neuer Bildungsmöglichkeiten handelt in allen Fällen kann nur das gemeinsame Werk zum Ziel führen.
Auch im Anhänger einer anderen politischen Partei, im Angehörigen einer anderen Religion und im Vertreter eines anderen Berufsstandes wollen wir den Bruder sehen, mit dem wir über Methoden, nicht aber über das Ziel -das Wohl unseres Gemeinwesens – diskutieren. Sind wir heute schon dazu bereit, dies ohne Verteufelung unserer politischen und weltanschaulichen Gegner zu tun?
Cartellverband. Brüderlichkeit und Korporiertsein sind untrennbare Komplementärbegriffe. CVer zu sein, heißt, Brüderlichkeit darleben. Einer katholischen Studenten-verbindung anzugehören, heißt, an der Brüderlichkeit in der kleinen, eng geschlossenen Gemeinschaft zur großen Brüderlichkeit heranzuwachsen. Der unnachahmliche Königsgedanke unserer Gründer besteht in der Integration der universellen Brüderlichkeit des Christentums in die spezielle Brüderlichkeit akademischer Freundesbünde. Ihre spezifischen Formen-Du-Wort, Band und Convivium führen zur Herausbildung einer intensiv erlebten Brüderlichkeit. Die den Korporationen (wie auch den Orden) eigene Disziplinargewalt verleiht der Bundes- und Carteilbrüderlichkeit noch eine zusätzliche Qualifikation, eine differentia specifica gegenüber der allgemeinen Form christlich oder humanistisch begründeter Brüderlichkeit: Im Gegensatz zur reinen Sanktion durch das Gewissen, die unbrüderlichem Verhalten allgemein zu folgen pflegt, kann die Verletzung der Bundes- oder Carteilbrüderlichkeit zum Ausschluss aus dem Freundesbund führen. Wir wollen diesen Umstand nicht überschätzen, doch kann er als wesentlicher
Erziehungsfaktor angesehen werden. Desgleichen sollten wir die Bedeutung unserer couleur-studentischen Formentradition im Zeitalter der mit Stereoanlagen versehenen, neonbeleuchteten Verbindungsheime nicht überbewerten. Dennoch bleibt die verbrüdernde Wirkung des gemeinsamen Tisches ein ebensolches Faktum wie das den Geist der brüderlichen Zusammengehörigkeit fördernde gemeinsame Abzeichen, solange dieses nicht als Distanzierungsmerkmal gesehen wird.
Brüderlichkeit im Carteilverband, Weihnachten 1966. Runde, kleine, heitere Welt im Wohlstand, während weit hinten in Vietnam die Völker aufeinanderschlagen. Was geht vor in unseren Herzen, was ist es, das Jung und Alt in unserer Gemeinschaft bewegt? Ist es mehr als die Sorge um den Cholesterin-spiegel und die Sehnsucht nach Stille in der Hektik der Kommerz-weihnacht? Wo engagiert sich wer wofür? Der Beitrag des Carteilverbandes zur Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen war das das Colloquium Austriacum, wird das die Satzungsdiskussion sein? Wo wird Brüderlichkeit aktualisiert?
Nun, wir helfen einander, wo wir können. Im Privatleben, im Beruf, im öffentlichen Leben. Dass wir das nur dürfen, wenn niemands Rechte, besonders nicht die der Allgemeinheit, verletzt werden, ist uns das hinreichend bewusst? Dass Brüderlichkeit und Protektion nichts miteinander zu tun haben? Und wie handelt der Bruder, der sich nach dem Urteil seines Gewissens grob gegen die guten Sitten oder die Normen des Strafrechts vergangen hat, seinen Freunden gegenüber? Wartet er, bis sie nach rechtskräftigem Abschluss eines öffentlichen Verfahrens über ihn zu Gericht sitzen und ihm seine Schuld vorhalten? Oder sollte er nicht vielmehr selbst die notwendigen Konsequenzen ziehen auf dass seine Freunde ihm verzeihen? Und wie lange noch wird man in unseren Reihen den Kriechstrom des Antisemitismus spüren? Wie lange noch jeden primitiven Weißrassismus, der das Christentum als Hausmarke des Abendlandes ansieht und die studentische Ebenbürtigkeit genau an den Grenzen des ehemaligen Großdeutschen Reiches enden lässt? Wie lange noch wird es möglich sein, dass ein jurger CVer bei einer Debatte über die Betreuung der Auslandsstudenten ungestraft ausrufen darf: „Das würde ja heißen, dass Tschuschen, Kameltreiber und Neger, am Ende gar Chinesen auf unsere Bude kämen!” Das mindeste, was ihm gebührte, wären Weihnachten in einem fremden Land und ohne Familienanschluss.
Brüderlichkeit ist ihrem Wesen nach Vertrauensvorschuss und Liebesbereitschaft. Sie erlaubt Kritik, verbietet Verketzerung. Sie überwindet das Generationenproblem, indem sie den Älteren dazu bestimmt, einzusehen, dass geistige Potenz nicht unbedingt eine Funktion des Lebensalters ist. Den Jüngeren wird sie veranlassen, Argumente reiferer Freunde doppelt sorgsam abzuwägen.
Die Neuentdeckung der Brüderlichkeit ist voll im Gang. Sie bedeutet eine Revolution der Herzen. Soll sie nicht Schlagwort bleiben, verlangt sie persönliches Engagement im Dienst an der Welt, am Mitmenschen. Für den Carteil-verband wird dies nicht ohre ein tiefgreifendes Umdenken in Theorie und Praxis möglich sein. Wie die Kirche, ist auch der ÖCV verpflichtet, seine triumphalistische Vergangenheit gegen eine engagierte Zukunft einzutauschen. Möge uns das bevorstehende Christfest, die Erinnerung an den brüderlichen Solidaritätsakt Gottes, die Besinnung auf die Werte der Brüderlichkeit nach dem Vorbild Seines Sohnes bringen.
Für Academia
