1962 CV Landesvater 2 S.

Peter Diem
Rede zur Landesvaterkneipe am 5. Juni 1962 (64. Stiftungsfest)
Liebe Bundesbrüder!
Stand ich nicht gestern an jenem Ort, wo deine grünenden Fluren einst dem Marschtritt römischer Kohorten lauschten, wo um das Lager der XIV. Legion Handel und Handwerk blühten und wo ein urkräftiges Christentum nach Überwindung des unbesiegten Sonnengottes zum Sprung nach Germanien ansetzte? Habe ich nicht viele Male von jenem Berg nach Sonnenaufgang geblickt, auf dessen Spitze sich der heilige Babenberger Leopold eine feste Burg erbaute und dabei die Größe des Auftrages erahnt, den er dir damals gab? Hörte ich nicht das Splittern der Lanzen und das Schnauben der Pferde an Leitha und March, als ich jüngst deine Ostgrenze entlangfuhr? Und weht mir nicht aus der Aula deiner ältesten hohen Schule und aus den kühnen Bogen deines größten Domes der Geist des Jünglings Rudolf entgegen, dessen Namen unsere Gemeinschaft trägt? Erinnert mich der beschauliche Spaziergang auf der Türkenschanze nicht an die Gefahr, in der deine Hauptstadt schwebte, als der Halbmond zur Todessichel der westlichen Kultur zu werden drohte? Wie fühle ich deine wiedergewonnene Lebensfreude, wenn ich die Kuppel der Karlskirche bewundere und wie bewegt es meinen Sinn, wenn ich den Klängen jener Symphonie lausche, die als die “heldenhafte” deinem Demütiger zugedacht war! Wie schnell ziehen nach den Idyllen des Biedermeier drohende Gewitterwolken am Horizont deiner Länderpalette auf! Neben die Stücke Raimunds und Nestroys und die Werke deines großer Sohnes Grillparzer stellt die Geschichte das Buch einer Frau: Bertha von Suttner. Allein die Waffen schwiegen nicht. In jedem deiner Dörfer steht heute noch ein schlichtes Mahnmal: Unseren Helden von 1914-1918. Um diese Zeit beginnst DU uns wirklich bewusst zu werden. Nicht aus den Geschichtsbüchern, anders als aus den versteinerten Resten der Frühgeschichte, oder aus den Pergamenten des Mittelalters, aus den Gemälden spanischer Meister oder den Tonbildern unserer heimischen Musiker; du wirst uns nun schmerzvolles Bewusstsein aus unseren persönlichen Schicksalen – aus den Wunden, die der erste Krieg schlug, aus den Schussspuren im Gemäuer der ersten Republik, aus den Blutstropfen, die hinter den Fenstern des Bundeskanzleramtes für dich vergossen wurden, aus den Abschiedsworten, die für dich am 12. März 1958 über den Rundfunk ertönten. Du sankst uns dahin unter den Tritten fremder Stiefel, die widerrechtlich unsere Grenzen überschritten. Man versuchte, dich aus den Hirnen jener zu verbannen, die hinter den Stacheldrähten teufelsbeherrschter Konzentrationslager schmachteten. Im fliehenden Kriegsglück deiner größenwahnsinnigen Herren legt sich über dich der Flammenteppich ihrer überlegenen Gegner. Dein Antlitz prägen Hunger, Kälte und Not. Seit 1918 ein Torso, bist du 1945 ein Trümmerhaufen. Deine stolzen Türme liegen in Schutt und Asche und mit ihnen scheint alles Leben versiegt zu sein. Doch das Unglaubliche wird Wahrheit: durch den Fleiß deiner Menschen wie auch durch großzügige Hilfe anderer – vor allem aber durch das selbstlose Wirken beherzter Männer und ihre unverbrüchliche Treue zu jener Idee, zu der du, ÖSTERREICH, in uns geworden bist, erstehst du wieder. Zehn Jahre nach dem absoluten Chaos erlangst du deine volle Freiheit. Mit der Verpflichtung zu immerwährender militärischer Neutralität hast du 1955 deine alte Rolle in einem neuen Gewände zurückerhalten: Wegkreuz Europas zu sein nicht nur Wachtposten an seinem Ostrand, sondern versöhnende, verbindende Mitte.
Liebe Bundesbrüder!
Wir haben uns heute hier versammelt, um in überlieferter studentischer Art unsere Liebe zu unserem Vaterland Österreich zu dokumentieren. Wir wollen diese Feier nicht mit Phrasen begehen. Wir wollen uns vielmehr auf den Auftrag besinnen, den unser Vaterland heute für uns bereithält.
Grundlage dafür ist unsere bedingungslose Bereitschaft, der Heimat so zu dienen, wie wir dies kraft unserer besonderen Verhältnisse vermögen. Vor allem in unserem Beruf, sei dies eine Stellung im öffentlichen oder privaten Leben. Absolute Integrität des einzelnen, Einsatz für die Interessen der Gemeinschaft, Verständnis für die Anliegen des anderen sollten uns als Rudolfinen, als CVer auszeichnen. Es dürfte für uns weder das sanfte Ruhekissen eines falsch verstandenen Staatspostens noch das “warum den i, wo san denn die anderen?” des politisch Desinteressierten geben. Für den jungen Mann, dem der notwendige Schutz des Staatswesens eine neunmonatige Wehrdienstpflicht auferlegt, dürfte es keine künstlichen Wehwehchen und Sehfehler vor der Stellungskommission geben, wenn er vielleicht kurz davor mit einem feierlichen Versprechen dem Vaterland die Treue gelobte. Auch scheint es mir vor wenig Achtung vor der Heimat, in der wir auch in der heutigen Weltgesellschaft noch wurzeln, zu zeugen, wenn der frischgebackene Akademiker nichts schneller tun kann, als seine Koffer zu packen und einem guten Verdienst im Ausland nachzujagen. Liebe Bundesbrüder, es ist müßig, Wege und Mittel aufzuzeigen, wie wir unser beschworenes Vaterlandsprinzip verwirklichen können. Was wir tun müssen, ist mehr in unser Inneres, in unseres Herzens Grund zu horchen und dem Rufe jener Stimme zu folgen, die uns von dorther aufruft, der Heimat zu dienen, von der Anton Wildgans schreibt:
Österreich heißt das Land! Da er’s mit gnädiger Hand Schuf und so reich begabt, Gott hat es lieb gehabt.