1967 Brief Pfarrer Pötzleinsdorf 2 S.

15.2.67

Sehr geehrter Herr Pfarrer!


Seit vielen Monaten besuche ich in der neuen Christkönigskirche die Sonntagsgottesdienste und auch meine beiden Töchter wurden in Pötzleinsdorf getauft. Ich darf mich daher beinahe als Pfarr-angehöriger vorstellen. Ich habe mich sehr über Ihre Einladung gefreut, Anregungen für die Fürbitten zu geben und möchte dies mit einigen anderen Bemerkungen zur liturgischen Praxis in Pötz-leinsdorf verbinden.


1) Bei den Fürbitten stört mich das kirchenamtliche Protokoll. Immer wird mit der Kirche und dem Klerus begonnen, als ob diese der Fürbitte wirklich am meisten bedürfte und, außerdem, wie im christlichen Universalismus des Mittelalters, der Nabel der Welt wären. “Wer sich erhöht, wird erniedrigt werden,… setze dich daher an das untere Ende der Tafel” etc. Wir müssen unsere Fürbitten hauptsächlich für jene darbringen, die Gottes Barm-herzigkeit am meisten bedürfen. Wer sind aber diese? Allen voran doch jene, die die Kirche verfolgen, die Menschen Unrecht tun und von Haß erfüllt sind. Dann kommen jene, die durch Mitschuld der Kirche und der Europäer zu Schaden oder nicht zu ihrem ge-rechten Anteil gekommen sind. Um ihr Verzeihen sollten wir bitten. Zusammenfassend: die Fürbitten sollten noch konkreter werden; warum immer “die Staatsmänner” – warum nicht einmal “die Bundes-regierung” oder “die Sozialpartner”? Dann konkrete Anliegen der Pfarre.


2) Unsere Kirche ist klein genug, um einen echten “Gemeindegeist” entstehen zu lassen. Jeden Sonntag sieht man fast die gleichen Besucher von Prof. Fellinger bis zu dem hohen Jugendanteil. Wäre es da nicht wert, wenn sich die Zelebranten vor dem Gottes-dienst mit einigen Begrüßungsworten an die Versammelten wendeten eine kurze Einführung in das liturgische Hauptthema gäben und auch die Ankünigungen schon vorbrächten. Die Messe könnte dann “punkt 5 Minuten nach der Zeit” beginnen, was überdies den Vor-teil hätte, dass die meisten Zusäätkommenden schon da wären. Es ist doch wohl wesentlicher, sie bekommen die ganze Messe mit, als bei den Ankünigungen nach dem Schlußsegen ja dabei zu sein. In vielen amerikanischen Kirchen (ich war ein Jahr in den USA), schüttelt der Zelebrant auch nach der Messe einige Hände- sicher keine schlechte Sache. Im übrigen hat ja auch Bischof Schoiswohl vor kurzem dem “vorgottesdienstlichen Gespräch” das Wort geredet.


3) Ein großes Problem ist überall die Frage der Kleinkinder. Offen-gesagt weiß ich (noch) nicht, inwieweit sich der “Babysitterdienst” während der 9 Uhr-Messe bewährt oder bewährt hat. Die Amerikaner haben dafür in modernen Kirchen eine geniale Lösung gefunden. Am rückwärtigen Teil der Kirche, meist rechts vom Eingang -das wäre im Raum des rechten Seiteneinganges in Pö’dorf wird eine durch eine schalldichte Glasscheibe abgetrennte “Kabine” mit zweibis drei Bankreihen eingebaut. Dort nehmen die Mütter mit ihren Kleinkindern am Gottesdienst teil. Den Ton erhalten sie über eine ganz einfache Lautsprecheranlage. Freilich müßte das in die Kirche eingeplant sein, wiewohl man ästhetische Gründe vor seelsorglichen zurückstellen sollte.


4) Ein Spezialproblem ist die Orgel, Seitdem in unserer Kirche die elektrische Orgel aufgestellt wurde, singt nur mehr die Hälfte mit. Es war eins der schönsten Erlebnisse in der Christkönigs-kirche, a capella zu singen. Einfacher Grund: die Orgelnoten, die in Österreich verwendet werden, sind viel zu hoch für die körperlich gewandelten Menschen des 20. Jahrhunderts. Deshalb versprech ich mir von der neuen Orgel in Grunde garnichte. Es sei denn, man verwendet der natürlichen Stimmausbildung angemesse-ne Noten. Ich bitte Sis, verehrter Herr Pfarrer, dringend, dies schon jetzt in die Wege zu leiten.


5) Abschließend möchte ich noch ein altes Anliegen, das ich schon in verschiedenen Artikeln in der “Furche” vertreten habe, vorbringen. Brutal formuliert: wie kommt der Christ dazu, daß ihm das Erhaben-ste, daß ihm die Meßliturgie bietet, nämlich Christi Einsetzungs-worte, verschwiegen werden? Ich bin mir bewußt, daß die Fortsetzung der Liturgiereform hier abhilfe schaffen wird, aber könnte man nicht wirklich die Wandlungsworte laut sprechen (wie in der Krim) oder durch einen Lektor mitsprechen lassen auf deutsch?


Mit der Bitte, dieses Schreiben als konstruktive Kritik zu betrachten bin ichmit herzlichen Grüßen Ihr…