2010 Minarett und Kopftuch 6 S.

Minarett und Kopftuch

Die psychologischen Hintergründe einer aktuellen Diskussion.

Türme und Minarette sind Phallussymbole und werden unterbewusst als
Machtsymbole empfunden. Türme können einen politischen oder religiösen
Machtanspruch ausdrücken. Dementsprechend werden sie von der
eigenen Gruppe begrüßt, während sie als Symbole einer anderen Gruppe
als Bedrohung empfunden werden, selbst wenn für eine solche keine reale
Basis existiert.

„Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit der Spitze bis zum
Himmel“ (Gen. 11:4) – vom Turmbau zu Babel bis zum höchsten Gebäude
der Welt, dem im Jänner 2010 fertiggestellten 828 m hohen Dubai-Turm,
reicht die Geschichte architektonischen Imponiergehabes.
Auch in Wien gibt es dafür genügend Beispiele.

Die Wiener Türme

Nach den Siegen über Protestanten, Türken und die Pest wurde 1716 der
prachtvolle Barockbau der Wiener Karlskirche begonnen. Nicht zufällig
weist das Gotteshaus zwei zeltartig überdachte Glockenpavillions und
neben der tempelartigen Säulenvorhalle zwei Triumphsäulen auf. Diese an
der Trajanssäule orientierten Siegessäulen erinnern einerseits an den
salomonischen Tempel mit seinen beiden Säulen Jachin (“Gott wird
aufrichten“) und Boas (“In Gott ist Stärke”), andererseits an zwei
Minarette, auf deren Plattformen flugbereite Adler die Macht des Kaisers
symbolisieren. Dass Fischer von Erlachs Entwurf die nachträgliche
Demütigung der besiegten Türken im Auge hatte, liegt wohl auf der Hand:
1699, mit dem Frieden von Karlowitz, waren Ungarn und Siebenbürgen an
Österreich gefallen, wodurch der Niedergang des Osmanischen Reiches
eingeleitet wurde.

Zur Zweihundertjahrfeier der 2. Türkenbelagerung 1883 wurde der
Schlussstein zum Neuen Rathaus gesetzt. Der neugotische Bau im Stil der
flandrischen Rathäuser ist mit seinen 1.500 Zimmern und seinem – auf
Wunsch des Kaisers nicht 100, sondern nur 98 m hohen – Turm eine
unübersehbare Machtdemonstration des reich gewordenen Wiener
Bürgertums gegen das Herrscherhaus. Dieses Motiv kommt auch durch die
mit Standarte 5,4 m hohe wehrhafte Figur des „Rathausmanns“ zum
Ausdruck: Der 1.800 kg wiegende kupferne Ritter überragt als bewegliches
„Ejakulat“ die vom Kaiser verordnete vorgeschriebene Turmhöhe.
1955, im Staatsvertragsjahr, wurde im Auftrag der kapitalstarken,
sozialdemokratisch dominierten Wiener Städtischen Versicherung der
fehlende Abschlusspunkt der Ringstraße gesetzt. Als Krönung des
markanten Ringturms mit seinen 23 Bürogeschoßen sticht ein 20 m hoher
„Wetterturm“ in den Himmel, der Tag und Nacht seine pulsierenden
Lichtbotschaften aussendet.

Rund zehn Jahre danach, anlässlich der Wiener internationalen
Gartenausstellung 1964 wurde auf dem tiefsten Punkt von Wien das nach
Sprengung des Senders Bisamberg (265 m) zurzeit höchste Bauwerk
Österreichs errichtet, der Donauturm mit 252 m. Seine „Zierde“ ist ein 68 m
hoher Stahlrohrmast über dem drehbaren Restaurant, der heute mit
Sendeantennen versehen ist. Das derzeit (2010) höchste Bürogebäude Österreichs ist der Millennium Tower. Mit 202 Meter Höhe, einschließlich der Antennenmaste, überragt er den Stephansdom um 65 Meter. Er war zur Bauzeit das vierthöchste Gebäude Europas. Die 171 m der Gebäudesubstanz wurden durch trickreiche Ausnützung aller möglichen Sonderbestimmungen der Bauordnung um Aufsätze von fast 30 m in den Himmel verlängert, eine Machtdemonstration gut vernetzter, geltungssüchtiger Architekten.

Bald aber wird auch dieser Tower entthront sein: bis 2012 soll der erste
Perrault-Turm des Zwillingsprojekts „DC Tower“ mit 220 Metern Bauhöhe
an der Reichsbrücke hochgezogen werden. Danach soll Wien auch einen
„Twin Tower“ bekommen – wie einst New York.

Apropos Twin Tower. Wenn man die kapitalistische Weltmacht USA im
Mark treffen wollte, wie müsste man vorgehen? Am unteren Ende der Insel
Manhattan, am Zentrum der wirtschaftlichen Macht, stehen zwei über 400
m hohe Türme – der Nordturm noch von einem 110 m hohen Mast
überragt. Ein Doppelphallus. Ihn zu abzuschneiden, wäre das nicht die für
die stolze Nation psychologisch schmerzvollste Operation? Leider ist dieser
Plan am 9.11.2001 furchtbare Wirklichkeit geworden.

Grundrecht Religionsfreiheit

Apropos Karlskirche. Wodurch unterscheidet sich ein Minarett von einem
„normalen“ Turm? Erstens dadurch, dass ein Minarett ein religiöses Symbol
ist, und zwar eines einer bereits seit 1912 in Österreich anerkannten
Religionsgemeinschaft, aber das soll man nicht so ernst nehmen.
Auch wenn es im Staatsgrundgesetz heißt, „Die volle Glaubens- und
Gewissensfreiheit ist jedermann gewährleistet. Der Genuss der
bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnisse
unabhängig“, so bedeutet das noch lange nicht, dass die Bauordnung für
alle gleich sein muss. Zweitens ist das glatte, weiße Minarett einem
erigierten Penis viel ähnlicher als der schlankste Zwiebelturm: ein
kerzengerader heller Schaft, darauf eine eichelartige Verdickung und eine
Spitze, aus der meist ein Stab mit Halbmond herausragt.
Was also tun mit Minaretten, wenn solche von Angehörigen der 350.000
(2010!) Muslime umfassenden Glaubensgemeinschaft beantragt werden?
Wenn es schon sein muss, dann möglichst niedrig bauen und am besten in
einer Ecke im Hofe – sozusagen in der Hose bleiben (Bad Vöslau)! Dort
dürfen es sogar zwei Minarette sein. Oder weit weg von den Gläubigen, am
besten neben dem Donauturm – der ist so hoch, da fällt ein Minarett
daneben gar nicht auf. Aber lassen wir den Zynismus beiseite.
Natürlich kann man ein Minarett, wenn man nur will, in Material und Form in
die Umgebung einpassen. Das ist in Telfs verwirklicht worden und würde
auch für jeden neuen Kirchturm gelten. Aber darum geht es ja nicht. Das
muslimische Phallussymbol steht stellvertretend für die als bedrohlich
empfundenen „Migranten“ (das Wort insinuiert, dass sie – hoffentlich –
weiterwandern): Türken und Angehörige der Balkanvölker sind in der
Mehrzahl etwas dunkler als die heimische Bevölkerung, verrichten in der
Regel einfache, oft mit Schmutz verbundene Arbeiten und sind in der
Mehrheit deutlich weniger gebildet. Sie sind vorwiegend Muslime oder
gehören einer orthodoxen Kirche an.

Im Fall der türkischen Minderheit kommt noch die Fruchtbarkeit der Frauen
hinzu, was ja umgekehrt eine hohe Potenz der Männer andeutet. „Die
Migranten begrapschen unsere Mädchen“ (© H.C. Strache). Dazu kommen
Ärgernisse wie fremde Kochgewohnheiten und körperliche Stärke. Alle
diese Elemente gehen als kulturelle Gegensätze mit allfälligen
ökonomischen Konflikten Hand in Hand. Sie erklären die besonders für die
unmittelbar angrenzenden (oft auch anwohnenden) unteren
Bildungsschichten charakteristische Konkurrenzangst und Aggressivität.
Diese Emotionen sind oft irrational, weil sich für viele Arbeiten, die
Zuwanderer verrichten, überhaupt keine Österreicher finden. Es verwundert
nicht, dass in den Bezirken mit hohem Ausländeranteil der Wechsel
männlicher Wähler von der SPÖ zur FPÖ beinahe zur Regel geworden ist.
Diese irrationalen Emotionen und Ängste sind der Grund, warum der FPÖWahlkampf so ist wie er ist und warum sich die anderen Parteien fürchten,
sich ehrlich und eindeutig zum europäischen Grundwert der
Religionsfreiheit und allen damit verbundenen Rechten zu bekennen.
Warum aber wählen Frauen FPÖ? Wieso provoziert sie das Kopftuch?
Bewundern sie unterbewusst die stolzen Türkinnen, die sie u.a. wegen der
„mehrfach kassierten Kinderbeihilfe“ kritisieren? Das Kopftuch (in Istanbul
sieht man es kaum) ist das psychologische Gegenstück zum Minarett – ein
Symbol für weibliche Macht – nicht Ohnmacht. Es ist die Betonung des
Fraulichen – eine Geste, die der emanzipierten Frau im Westen nicht mehr
bedeutsam erscheint. Während das Kopftuch bei älteren türkischen Frauen
Ausdruck anatolischer Tradition ist, wird es von vielen jungen Türkinnen
freiwillig als Symbol ihrer ethnischen Zugehörigkeit getragen. Darin liegt
nicht nur Stolz, sondern auch Trotz –Ärgernisse für manch eine
österreichische Durchschnittswählerin.