2010 50 Jahre Kastenlose Gesellschaft 10 S.

50 Jahre Kastenlose Gesellschaft


Peter Diem


Im Jahre 1960, vier Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil,
veröffentlichte der Wiener Tiefenpsychologe Wilfried Daim (Jgg. 1923) die
umfangreiche sozialpsychologische Studie „Die kastenlose Gesellschaft“.
Dieses Buch ist auch fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen aktueller denn
je, weil durch das starke Anwachsen des muslimischen
Bevölkerungssegments vor dem Hintergrund des internationalen
Terrorismus die Ausländerproblematik in Österreich verschärft wurde.
Im Gegensatz zu vielen anderen Gesellschaftsanalysen von Plato über Karl
Marx, bis Niklas Luhmann beruhen die Thesen des linkskatholischen
Denkers auf empirischen Ermittlungen: das Rohmaterial stammt aus 200
professionell durchgeführten Tiefeninterviews mit Personen der
verschiedenen sozialen Schichten in Österreich – vom aristokratischen
Gutsbesitzer bis zum Straßenkehrer und von der katholischen Chemikerin
bis zum konfessionslosen Versicherungsangestellten. Auch wurden
zahlreiche manuelle Arbeiter und Landwirte befragt, um für die (damalige)
Bevölkerung Österreichs repräsentative Aussagen machen zu können.
Dabei ist dem Autor weit mehr gelungen als nur eine phänomenologische
Beschreibung von schichtspezifischen Verhaltensnormen und traditionellen
Vorurteilsstrukturen. Mit Hilfe des von ihm gewählten tiefenpsychologischen
Instrumentariums wies Daim nach, dass hinter den ökonomischen
Ursachen gesellschaftlicher Konflikte meist unbewusste, irrationale Motive
wirksam sind: “Die Problematik der sogenannten Klasse, der
Klassenkampf, ist im Grunde nichts anderes als die Rationalisierung der
viel tiefer liegenden Problematik der Kasten und ihrer Spannungen
untereinander“.


Auf mehr als 500 Druckseiten führt der Autor seine These, dass den
meisten wirtschaftlichen, sozialen, politischen und religiösen
Spannungszuständen Kastengegensätze zu Grunde liegen, bis ins Detail
aus. Nach seiner Untersuchung liegt das Phänomen der Kaste immer dann
vor, wenn die Angehörigen einer sozialen Gruppe einem zentralen Wert
verpflichtet sind und sich gegenüber ihrer Mitwelt, der sie sich überlegen
fühlen, abkapseln. Die Distanz der jeweiligen Gruppenmitglieder zu den
„anderen“ kann eine Reihe von Ursachen haben. Am tiefsten im
Unterbewusstsein verankert – und damit meistens besonders wirksam – ist
die „Ekelschranke“, also die Unterscheidung zwischen „rein“ und „unrein“.
Dabei kann es um reale Umstände gehen (Schmutzarbeit,
Geruchsbelästigung) oder um ideologische Gründe (Distanz zu
Angehörigen einer „minderwertigen Rasse“, Speisegesetze, Sekten).
Weitere Trennungslinien nach dem Muster von „oben“ und „unten“ sind die
Sakraldistanz (Priesterschaft), die Herkunftsdistanz (Aristokratie), die
Bildungsdistanz (Akademiker), die Vermögensdistanz (z.B. Großbauer) und
andere. Immer geht es um bewusste oder unbewusste Gruppenschranken,
die den gesellschaftlichen Umgang miteinander bis hin zur Praxis der
Ehe(aus)schließung bestimmen. Wenn auch die Mechanisierung der
Güterproduktion die Schmutzarbeit stark reduzierte und die
Demokratisierung der Gesellschaft die früheren Standesunterschiede stark
eingeebnet hat, so sind kastendynamische Prozesse heute wie gestern
wirksam.


Man darf dabei nicht nur an die westeuropäische Gesellschaft denken,
sondern muss das Thema global sehen. Kastenmechanismen bestimmen
nämlich nicht nur das Verhältnis zwischen ethnischen und religiösen
Gruppen innerhalb einer Nation, sondern beeinflussen auch das Verhalten
ganzer Nationen in der Weltpolitik. Neben die statischen
Abgrenzungsphänomene zwischen sozialen Gruppen treten dynamische
Prozesse wie sozialer Auf- oder Abstieg, Identifikation nach oben oder
unten, vor allem aber der Kampf um die jeweiligen Kastenwerte. Diesen
affektiven Mechanismen liegen tiefenpsychologische Konstellationen, wie
etwa die Ödipaldynamik (der unterbewusste Kampf um die Frau), zu
Grunde. Daim hat dies anhand historischer Beispiele demonstriert, wir
werden ähnliche Phänomene in der Gegenwart aufzeigen.
Kaste und Ideologie


Die Kastendynamik, die die Französische Revolution begleitete, ist uns aus
„Figaros Hochzeit“ bekannt, wo es darum geht, die Ausübung des jus
primae noctis durch einen dümmlichen, aber mächtigen Aristokraten zu
verhindern. Die blutigen Höhepunkte bei der Beseitigung des Ancien
Régimes in der Zeit von 1789-93 sind durch Klassengegensätze allein nicht
erklärbar.


Die idealtypische Form des Kasteneffekts stellte der Nationalsozialismus
dar. Die „deutsche Volksgemeinschaft“ wurde auf einen sakralisierten
Zentralwert, nämlich jenen der „nordischen Rasse“, die allen anderen
Rassen überlegen sei, ausgerichtet. Neben anderen „Untermenschen“ –
wie den „Negern“, „Zigeunern“ und Slawen – waren es die Juden, auf die
die meisten Aggressionen gerichtet wurden. Der Jude wurde zum
minderwertigen „Sünden-Bock“ stilisiert, der sich erfrechte, nach den
arischen Mädchen zu greifen (Ödipaldreieck!). Die Weimarer Republik – ein
nach der Demütigung durch den Ersten Weltkrieg bei vielen Teilen der
Bevölkerung verhasster Staat, der sich zudem mit „Judenbengeln“
eingelassen hatte –, sollte abgeschafft werden, um die Wiedervereinigung
mit der „Mutter Germania“, der rassenreinen Volksseele, zu erlangen. Denn
„Wie viel hat der Jude unserer Mutter Deutschland angetan!“ (Joseph
Goebbels).
Die mit modernsten Propagandamitteln bewerkstelligte Indienstnahme des
bereits vor dem Nationalsozialismus existenten Antisemitismus zusammen
mit der These von der Überlegenheit der „arischen Rasse“ konnte jene
Dynamik auslösen, die Deutsche (und Österreicher) dazu antrieb, ihrem
„Führer“ in einen perfiden Angriffskrieg zu folgen und dabei mitzuwirken,
seinen mörderischen Befehl zur „Endlösung der Judenfrage“ auszuführen.
Während der Nationalsozialismus den zentralen Kastenwert im Handeln
der „Herrenrasse“ sah, kommt die aktive Rolle im Verständnis des
Marxismus dem Proletariat zu, dem geradezu mythologische
Erlösereigenschaften zugeschrieben werden. Zur „Wiedergewinnung des
Menschen“ stilisiert Karl Marx das Proletariat zum Träger der
Weltrevolution hoch. Während im Kommunismus die Aggression gegen die
Oberkasten im Vordergrund steht, erscheint dem demokratischen
Sozialismus das Wohl der Unterkasten wichtiger. In beiden Fällen stehen
ökonomische Auseinandersetzungen im Vordergrund, hinter denen sich
jedoch auch Kastenkonflikte auf der Basis ödipaler Aggressionen
verbergen. Sowohl Marx wie auch Mao Tse-tung versuchten, das Bild vom
„dreckigen Proleten“ umzukehren, indem sie die Kapitalisten als
„schmutzig“ und das aufständische Proletariat als „rein“ bezeichnen. Und
noch Nikita Chruschtschow verglich die Koexistenz von Kapitalismus und
Kommunismus mit der Arche Noah, in welcher „reine“ und „unreine“ Tiere
zusammen befördert würden.

Quelle: Nid-Library