Der Teletest ist das elektronische Zuschauermeßsystem, mit
dem seit 1. März 1991 alle Daten zur Nutzung des Fernsehgeräts und aller in Österreich
empfangbaren Fernsehangebote telemetrisch erfaßt werden. Es trat an die Stelle des davor
verwendeten kontinuierlichen Infratests, eines seit 1. März 1981 gelaufenen
Tagebuchverfahrens. Elektronische Reichweitenmessung bedeutet also, daß das
Zuschauerverhalten nicht erfragt, sondern durch dafür geeignete Geräte gemessen
wird.
Der Teletest wird von der "Projektgemeinschaft
Fessel-GfK und ifes" im Auftrag des ORF betrieben. Zum Einsatz gelangte dabei
zunächst in 600 Haushalten das in der Schweiz entwickelte Meßgerät Telecontrol VI.
Die 1995 unter Generalintendant Gerhard Zeiler angetretene neue Geschäftsführung des ORF
verfügte eine Verdoppelung der Panelgröße auf 1200 Haushalte und den Einsatz des
modernen, mit einem eigenen Tuner ausgestatteten Meßgerätes Telecontrol XL. Die
für Österreich passende Software entwickelten die beiden Forschungsinstitute in
Abstimmung mit der ORF-Medienforschung. Um die Ergebnisse auch für die kleineren
Bundesländer zuverlässig auswertbar zu machen, wurde ein disproportionaler
Stichprobenansatz gewählt. Erfaßt und ausgewertet werden sowohl die Nutzung der
Fernsehprogramme des ORF als auch aller übrigen in Österreich terrestrisch, per Kabel
oder per Satellit empfangbaren Programme, der Gebrauch des Videorecorders sowie die
Nutzung der Zweit- und Drittgeräte. Die Auswertung erfolgt mit Hilfe des von GfK
Nürnberg in Auftrag gegebenen Programms "PC#TV", für das eine eigene
Österreich-Version entwickelt wurde.
In Österreich erfolgt die Verkabelung nach rein
marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Rund 270 kommerzielle Kabelunternehmen
verschiedener Größe haben bisher über ein Drittel (38,1 %) aller Fernsehhaushalte
Österreichs angeschlossen. Weitere 37,3 % der österreichischen Privathaushalte
haben sich Satellitenantennen angeschafft (Stand: 2. Quartal 1998). Das letztere ist eine
Entwicklung, die noch längere Zeit andauern wird, wenngleich sich die jährliche
Zuwachsrate bereits verringert (s. Entwicklung
der Heimelektronik). Dazu kommt noch der grenzüberschreitende Empfang deutscher und
schweizerischer Sender über terrestrische Frequenzen. Es ist selbstverständlich, daß
sich diese Konkurrenzsituation im Teletest-Panel genau widerspiegeln muß.
In jedem Testhaushalt steht ein Meßgerät. Ist ein Zweit- oder
Drittgerät vorhanden, so wird auch dieses mit einem "Meter" versehen
("Slave"), das mit dem Hauptgerät ("Master") über das häusliche
Stromnetz kommuniziert. Jeder Haushalt verfügt über ein zusätzliches
Fernbedienungsgerät mit Personentasten. Von den Meßgeräten wird durch eine alle 30
Sekunden stattfindende Statusüberprüfung registriert, wer wann welches Programm
wie lange sieht. Die so gewonnenen Daten werden jeden Morgen zwischen 2:30 und
5:30 Uhr telefonisch abgerufen, durchgerechnet, mit den aus dem elektronischen
Sendeprotokoll des ORF und den Sendeprotokollen der wichtigsten bundesdeutschen
TV-Programme gewonnenen Sendungstiteln verbunden und über ISDN in das ORF-Rechenzentrum
übermittelt.
Mit den eingeplanten Sendungskosten versehen, werden diese
"Overnights" über das EDV-Netz des ORF allen Dienststellen zugänglich gemacht.
Damit erhalten das Management und die Programmverantwortlichen einen unmittelbaren
Eindruck über die Publikumsakzeptanz der Sendungen des Vortages und über den nach dem
Rundfunkgesetz gebotenen wirtschaftlichen Einsatz der Mittel.
Der Teletest umfaßt:
Das Teletest-System ermöglicht
die genaue Vermessung aller Werbezeiten, gliedert die Kontakte nach Zielgruppen auf und
bietet so vielfältige Möglichkeiten zur Kampagnenplanung und Kampagnenkontrolle. Ebenso
mißt der Teletest die Verweildauer der Testpersonen vor dem Fernsehapparat.
Der Teletest beruht wie erwähnt auf der elektronischen
Metermessung in über 1200 für die Wohnbevölkerung Österreichs repräsentativen
Fernseh-Haushalten mit rund 2800 Erwachsenen (ab 12 Jahre) und 350 Kindern (drei bis elf
Jahre). Empirische Analysen des Fernsehverhaltens innerhalb der Altersgruppe der 10- bis
14jährigen nach Jahrgängen sowie Vergleiche mit anderen europäischen Ländern ergaben,
daß heutzutage erwachsenes Sehverhalten nicht erst mit 14 oder 15 Jahren, sondern
spätestens mit zwölf Jahren beginnt. Dafür ist nicht nur die Akzeleration in der
geistigen und körperlichen Entwicklung der Kinder verantwortlich, sondern vor allem die
hohe "media literacy", also das Vertrautsein der Kinder mit dem heute etwa ab
dem dritten Lebensjahr kontinuierlich genutzten Medium Fernsehen, und die Tatsache, daß
für die Heranwachsenden heute ein breites Waren- und Konsumangebot zur Verfügung steht.
Die Panelrotation im Teletest beträgt jährlich rund
15%, wovon 10% auf natürliche Abgänge wie Wohnungswechsel, Scheidung, Ableben etc.
zurückgehen.
Beim Einsatz des Metergeräts wird nach der beim Einschalten des
Fernsehgeräts erscheinenden Lauftextinstruktion "Bitte Personentaste drücken
und gegen Ende jeder Sendung Note geben" nicht nur alle 30 Sekunden der
Bildschirmstatus überprüft und jede Veränderung festgehalten, sondern es werden auch
Beurteilungsnoten für alle Sendungen - also auch für jene der ausländischen
Fernsehprogramme - eingeholt. Dabei sind die Testhaushalte angewiesen, alle Angebote,
"die in den Programmzeitschriften zu finden sind" (das ist das Fernsehprogramm
ohne Werbung, Programmservice und Kurzsendungen), mittels der Noten "sehr gut"
(= 5), "gut" (= 4), "zufriedenstellend" (= 3), "nicht mehr
zufriedenstellend" (= 2), "schlecht" (= 1) und "sehr schlecht" (=
0) zu beurteilen.
Es gelangt somit eine sechsstufige, symmetrische Notenskala zur
Anwendung, die eine Gesamtbeurteilung des Fernseherlebnisses
ermöglicht. Was die Validität dieser qualitativen Meßwerte anbelangt, so haben eine
Reihe von Split-Panel-Versuchen, insbesondere solche des SRG-Forschungdienstes und der
holländischen NOS, nachgewiesen, daß durch die Abgabe von Noten keinerlei Beeinflussung
der Reichweitenmessung erfolgt. Im Gegenteil: Die Möglichkeit, nicht bloß seine
Anwesenheit vor dem Fernsehschirm zu Protokoll zu geben, sondern auch
Sendungsbeurteilungen vornehmen zu können, hat einen positiven Effekt auf die Stabilität
der Stichprobe. Das Verbleiben im Panel wird damit als eine durchaus sinnvolle Aufgabe
erlebt. Den Panelhaushalten wird als Entschädigung für ihre Mitwirkung vierteljährlich
ein Betrag überwiesen, der ungefähr der Fernsehgebühr entspricht. Außerdem finden
gelegentlich Verlosungen mit nicht zu aufwendigen Preisen (z.B. Kaffeeservice) statt.
Telecontrol verfügt neben den sechs Beurteilungstasten
über eine Gästetaste, die es ermöglicht, neben den bis zu acht Haushaltsmitgliedern bis
zu acht Gäste zu registrieren.
Schließlich ist im Teletest-System auch ein Videomodul
installiert. Das bedeutet, daß Telecontrol in den 71 % Videorecorderhaushalten nicht
nur festhält, ob Video genutzt wird oder nicht, sondern auch erkennt, ob ein eben
abgespieltes Videoband selbst aufgezeichnet wurde oder aus einer anderen Quelle stammt. Im
Falle der Aufzeichnung im Haushalt selbst wird das betreffende Videoband mit einem
wiedererkennbaren Kanal-/Zeitcode versehen, wodurch auch das zeitversetzte Fernsehen genau
registriert werden kann. Allerdings hat sich herausgestellt, daß kaum eine aufgezeichnete
TV-Sendung mehr als 1 % bei der Wiedergabe erzielt. Im Schnitt beträgt die
Wiedergabe von aufgezeichneten Programmen nur 0,8 %.
In den schriftlichen Wochenberichten, die die vervollständigten und
endgültig gewichteten Teletest-Daten enthalten, finden sich neben den Maßen
für Reichweite, Benotung, Marktanteil
und (mit der Bevölkerung der Bundesländer gewichteter) Tagestemperatur
auch noch folgende Werte für jede Sendung des ORF-Fernsehens:
Bildschirmnutzung 1997

Ein Problem des Teletests (das
auch in ausländischen Meßsystemen noch ungelöst ist) liegt darin, daß weder das
Fernsehverhalten am Zweitwohnsitz (in Österreich haben 11 % der Haushalte eine
Ferienwohnung), noch in Anstaltshaushalten (Heime, Klöster, Kasernen, Gefängnisse etc.)
gemessen wird. Im Urlaub abwesende Haushalte gelten als "Nullseher", was die
Sommerratings etwas stärker absinken läßt, als es der Wirklichkeit entspricht.
Umgekehrt sind aber auch nie mehr als 6 % der Familien gleichzeitig von zu Hause
abwesend, was z.B. bei einer Sendungsreichweite von 15 % gerade einen Prozentpunkt
zusätzlicher Seherverluste bedeutet.
Erwachsene (ab 12 Jahre) sahen im Jahr 1997 in Österreich
täglich durchschnittlich 142 Minuten fern, in Kabel- und Satellitenhaushalten waren es
145 Minuten. Kinder (3-11 Jahre) sehen weniger lang fern, als allgemein angenommen wird
(im Durchschnitt 72 Minuten). In Kabel- und Satellitenhaushalten lag dieser Wert bei 76
Minuten.
Der Marktanteil des ORF-Fernsehens (das sich als
ein Programm auf zwei Kanälen versteht) betrug im Durchschnitt des Jahres 1997
national 62 %; in Kabel- und Satellitenhaushalten lag er bei 48 %. Bei Kindern
lauten diese beiden Werte 49 % und 33 %.
Die maximale Viertelstunde von ORF1 liegt bei
626.000 Zusehern, bei ORF2 sind es 1,263.000. Die durchgeschaltete Zeit
im Bild 1 kommt im Durchschnitt auf 22,0 % Reichweite, das sind 1,6 Millionen
Zuseher. Das ist einer der Gründe für die hohe Attraktivität des ORF-Fernsehens für
die Werbewirtschaft, die ja nicht nach Marktanteilen, sondern nach "Rating
Points" (= pro Werbeblock erreichten Prozentwerten) und "Tausenderpreisen"
(Kosten pro 1000 Seher) rechnet. Wie die Daten für das Jahr 1997 zeigen, fragmentiert
sich die Seherschaft zwischen den für das österreichische Publikum zwar
gleichsprachigen, aber dem nationalen Sender ORF aus vielerlei Gründen nicht
gleichwertigen bundesdeutschen und schweizerischen öffentlich-rechtlichen und privaten
Angeboten.
Den zweiten Platz nach dem ORF nimmt der in praktisch allen
Kabel- und Satellitenhaushalten empfangbare Privatsender RTL mit einem
Kabel- und Satelliten-Tagesmarktanteil von 8,4 % ein. Seinen maximalen
Viertelstundenwert erreicht RTL um 20.00 Uhr mit 2,1 %, das entspricht 138.000
Erwachsenen. An dritter Stelle steht PRO7 mit einem Tagesmarktanteil von
7,3 % in den Kabel- und Satellitenhaushalten, einer maximalen Viertelstunde um 21.45
Uhr von rund 2,0 %, das sind 131.000 Erwachsene. Es folgt SAT.1 mit
7,3 % Marktanteil. Das Maximum dieses Senders liegt rund um 21.45 Uhr bei 2,0 %
Reichweite, das sind 115.000 Seher. Den vierten Platz hat sich das erst seit Juni 1993
eingespeiste, aber in einem Großteil der Kabelanlagen empfangbare Programm RTL 2 mit
3,9 % Anteil im Konkurrenzmarkt gesichert. Auf die ARD fallen in
Österreichs Kabel- und Satelliten-Haushalten 3,4 und auf das ZDF
2,8 % Marktanteil mit maximalen Viertelstunden von 1,1 bis 1,3 %, was maximal
84.000 Sehern entspricht. Insbesondere für die Werbewirtschaft bedeutet dies: Während
zwischen 18.30 und 20.15 Uhr im Durchschnitt zwischen 56.000 und 137.000 Seher bei RTL in
Österreich zu Gast sind, erreichen die beiden ORF-Kanäle (mit durchgeschalteter Werbung)
zu dieser Zeit zwischen 900.000 und 1,595.000 Seher. Das RTL-Österreich-Fenster kommt von
Montag bis Freitag auf 16.000 Seher, das sind 1,2%.
Der ORF-Teletest ist eines jener Metersysteme Europas,
dessen Reichweitendaten nicht nur mit der Standarddemographie der Testpersonen, sondern
zusätzlich mit über 200 Konsum- und Lifestyle-Merkmalen verbunden sind,
die einmal pro Jahr mittels schriftlichem Fragebogen im Panel erhoben werden. Diese
Merkmale reichen vom Haustierbesitz bis zur Körperpflege und von den Einkaufsgewohnheiten
bis zum Umweltbewußtsein.
Die Kritiker der Beurteilungsnoten als Instrument qualitativer
Rundfunkforschung bemängeln, daß diese Noten a) kaum vom Mittelwert abwichen und b) als
Generalmaße nicht aussagekräftig seien. Jedoch lagen bei der Tagebuchmessung von
Fernsehsendungen mit Reichweiten über 2 % 1982/83 z.B. nur knapp 40 % der
Infratest-Noten am und um den Mittelwert (4,3), während 24 % darunter und 36 %
darüber lagen. 15 Jahre danach hat sich an der Verteilung der Noten für ORF-Sendungen
kaum etwas geändert. Rund 34 % der Teletest-Noten für den ORF liegen am und um den
Mittelwert, 26 % darunter und 40 % darüber. Nur der Mittelwert selbst ging
etwas zurück - er liegt nunmehr bei 3,9 auf der sechsteiligen Skala von 0 (sehr schlecht)
bis 5 (sehr gut). Wichtig ist dabei folgende Beobachtung: Es besteht kein
zwingender Zusammenhang zwischen Reichweite und Beurteilung. Es gibt Sendungen
mit hoher Reichweite und hohen Noten (relativ selten), Sendungen mit
hoher Reichweite und niedrigen Noten (relativ häufig), Sendungen mit geringer
Reichweite und hohen Noten (in genügender Zahl) und schließlich Sendungen mit geringer
Reichweite und niedriger Beurteilung (sehr oft sind das
"Problemfälle"). Nach den Erfahrungen der ORF-Medienforschung mit zehntausenden
Sendungsbeurteilungen über eineinhalb Jahrzehnte hinweg läßt sich zusammenfassen: Die
Noten messen das Sendungserlebnis, nicht die Sendung.
Am deutlichsten werden die Unterschiede in der Beurteilung bei Sportereignissen.
Ein noch so perfekt gefilmtes und kommentiertes Fußballspiel, das für die heimische
Mannschaft schlecht ausgeht, wird kaum einen guten Beurteilungswert erhalten. So wurde
etwa das Spiel Österreich:Dänemark am 9. Oktober 1991, das 0:3 verlorenging, von den
15 % Zusehern mit der vernichtenden Note 2,1 belegt. Am 12. August 1997 gewann FC
Tirol mit 2:1 gegen Celtic Glasgow. Das Spiel wurde von den 9 % Zusehern mit der Note
4,4 gut bewertet. Auch bei der Fußball-WM 1998 ergaben sich ganz unterschiedliche
Bewertungen: Kamerun:Österreich (1:1) wurde von 1,7 Mio gesehen und mit 3.8
durchschnittlich bewertet, während Italien:Chile (2:2) nur 824.000 mitverfolgten, und das
Spiel die gute Note 4,3 erhielt. Größere Sportereignisse mit prominenten heimischen
Teilnehmern lösen also je nach Erfolg derselben besonders positive oder negative Noten
aus: Als der Österreicher Thomas Sikora den Slalomlauf am 14. Jänner 1996 gewann, sahen
ihm 19% zu und honorierten seinen Sieg mit der Note 4,6.
Tiersendungen wie "Im Reich der
Eisbären" (eine Folge aus der Reihe "Universum" vom 3.2.1998) lösen beim
Publikum in der Regel eine sehr hohe Sendungszufriedenheit bei überdurchschnittlichen
Reichweiten aus (in diesem Fall 17,2 % und Note 4,8). Derartige Angebote werden
sowohl als informativ / bildend wie auch als unterhaltend / entspannend empfunden. Sie
sind unpolitisch und unpolemisch - eine Sendungsform, die insbesonders beim
harmoniebedürftigen älteren Publikum sehr beliebt ist.
Fernsehkrimis werden in der Regel von vielen
gesehen, bringen aber kaum eine überdurchschnittliche Note. Wenn ein Krimi gut ist, liegt
er dennoch nur am Notendurchschnitt. So erreicht die durchschnittliche Folge von
"Derrick" in Österreich ein Freitag-Hauptabend-Rating von rund 15 %, aber
nur eine Bewertung von 3,8. Auch die meisten Kinofilme erreichen kaum
mehr als den Notendurchschnitt. Doch gibt es auch hier Fälle mit außerordentlich guter
Aufnahme durch das Publikum: Paradebeispiel dafür war der am 4. April 1993 ausgestrahlte
Film "Pretty Woman", der sagenhafte 32 % bei einer Traumnote von 4,4
einheimste. Dagegen erzielte "Der weiße Hai - die Abrechnung" bei einer
Sehbeteiligung von 25,7 % nur die Note 3,4. Offenbar war die Neugierde groß, aber
das Erlebnis der Sendung dann nicht angenehm. Heile-Welt-Angebote, wie
z.B. alte Heimatfilme, werden von den Sehern in der Regel gut beurteilt - wieder völlig
unabhängig von der Reichweite. Dabei haben es Schwarzweißfilme beim verwöhnten Publikum
von heute jedoch ziemlich schwer, eine hohe Beurteilung zu erreichen. Ein Beispiel für
hohe Benotung bei guter Reichweite ist etwa "Klingendes Österreich". So z.B. am
Samstag, dem 15. August 1998: (Besuch es Nationalparks Hohe Tauern): 12 % (800.000)
und Note 4,7.
Von großer Bedeutung sind die Noten bei typisch
öffentlich-rechtlichen Angeboten, wo der Programmauftrag in besonderer Weise zum Tragen
kommt. Dabei kommt es durchaus vor, daß Programme mit geringen Reichweiten auch
unterdurchschnittlich benotet werden. Das ist insbesondere bei Angeboten mit modernem
Theater, zeitgenössischer Musik und Kunst der Fall, aber auch
bei schwieriger Literatur, modernem Jazz etc. So erhielten die vom ORF jeweils im Juni
1991 aus Klagenfurt mit beträchtlichen Kosten übertragenen Lesungen der Anwärter für
den "Bachmann-Preis" die magere Note von 3,1 bei Reichweiten von praktisch immer
nur einem halben Prozent. Das am 1. Juni 1992 ausgestrahlte Theaterstück "Lulu"
erzielte 2,1 % bei einer Note von nur 2,8 und die "Zauberflöte" vom
30.08.97 "fiel durch" (3,7 %, Note 3,5) Umgekehrt kann eine nur von ganz wenigen
(komplett) gesehene anspruchsvolle Oper eine hohe Bewertungen erhalten
("Oberone" vom 15.8.96):
Opern

Im Falle von Politikerdiskussionen
werden die Noten oft durch die Zahl der jeweiligen Anhänger beeinflußt, d.h.
Popularität nach Parteisympathie ausgedrückt. Daneben aber lassen sie sehr genau auf die
Telegenität eines Politikers und die Entwicklung seines Images in der Öffentlichkeit
schließen.
Im Falle des immer wieder Kontroversen auslösenden Jörg Haider,
des Obmanns der Freiheitlichen Partei Österreichs, blieb die Note, die er bei den
traditionellen Sommergesprächen des ORF erhielt, auch im Jahre 1998 bei 4,0 stabil (1994:
4,1; 1995: 3,9: 1996: 4,0; 1997: 3,9). Die Reichweite dieser Sendung fiel hingegen von
12,3 % (1994) über 11,3 % (1995), 9,5 % (1996) und 11 % (1997) auf
8,4 % (1998).
Die Konsequenz aus diesen differenzierenden Betrachtungen ist
klar. In vielen Fällen geht es um eine programmpolitische Gratwanderung: Wer seinem
Publikum zu viele "Prüfungen" auferlegt, d.h. wer als öffentlich-rechtlicher
Anbieter immer und immer wieder nicht nur ein kleines, sondern auch ein unzufriedenes
Publikum produziert, handelt langfristig gegen die Interessen der Seher und damit auch des
Senders. Es wird nämlich nicht nur relativ viel Geld für wenige Adressaten aufgewendet,
sondern es werden einfach zu viele Ab- und Umschaltimpulse abgegeben. Auch - und gerade -
öffentlich-rechtliche Sender, die ja zu einem großen Teil aus den vom Publikum
entrichteten Entgelten finanziert werden, brauchen für ihre langfristige Akzeptanz hohe
Reichweiten und hohe Beurteilungen, also "Quote" und "Note".
Eine wichtige Funktion der Sendungsbeurteilung besteht darin,
daß man die Publikumseinstellungen genau studieren kann. Wenn man etwa eine regelmäßige
Kultursendung betreut und eine Liste der Sendungen eines Jahres mit ihren
Beurteilungswerten auswertet, kann man genau ablesen, wann man das Publikum verärgert
oder erfreut, gefordert oder überfordert hat. Der Teletest-Note kommt überdies
eine deutliche prognostische Qualität zu:
Beginnt eine Serie oder Reihensendung mit einem unterdurchschnittlich bewerteten
Sendungserlebnis, kann man trotz hoher Quote der ersten Ausstrahlung davon ausgehen, daß
die zweite Folge bereits fühlbar weniger Seher haben wird. Gerade bei Eigenproduktionen
ist die Note daher von großem Wert: Die Programmverantwortlichen können sich bereits am
Morgen nach der Sendung Korrekturen bei weiteren Folgen überlegen, um damit rechtzeitig
vor dem nächsten Sendetermin fertig zu sein.
Die kontinuierliche Sendungsbeurteilung leistet auch einen
wertvollen Beitrag zur Frage der Leistungsbeurteilung ("Performance
Indicators", Qualitätskontrolle) des Fernsehens. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk
steht unter einem immer stärkeren Legitimationsdruck: gegenüber dem Gebührenzahler, der
kritischen Öffentlichkeit in Kunst, Kultur und Volksbildung, gegenüber der Politik und
nicht zuletzt auch gegenüber der Werbewirtschaft. Dabei erhebt sich immer häufiger die
Frage nach operationalisierbaren - d.h. möglichst direkt meßbaren - Parametern der
Publikumsakzeptanz, der Erfüllung des gesetzlichen Auftrages und der Gebote der
Wirtschaftlichkeit, Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit. Nach Meßwerten also, die über die
vielzitierte Quote hinausgehen.
Im Zuge einer vom Management initiierten und von den Mitarbeitern
breit mitgetragenen Diskussion über das "Selbstverständnis des ORF"
kristallisierten sich im Verlauf des Jahres 1993 fünf Leistungsindikatoren für
öffentlich-rechtlichen Rundfunk heraus, von welchen sich zumindest vier in Zahlen
ausdrücken lassen.
Die vier Leistungsindikatoren lauten:
Seit 1998 werden die telemetrischen Daten mithilfe einer Online-Datenbank auf der Basis eines SQL-Servers innerhalb des ORF den Programmverantwortlichen zugänglich gemacht. Für das Management werden die Werte täglich analysiert und kommentiert.
Qualitative Fernsehforschung
Neben der Erfassung der quantitativen Sendungsparameter durch den Teletest
und neben dem Einsatz der üblichen Repräsentativumfragen spielt die qualitative
Forschung im ORF eine immer größere Rolle. Mithilfe von Gruppendiskussionen,
Tiefeninterviews und Spezialmethoden (semiotischen Analysen, Inhaltsanalysen etc.)
versucht die Abteilung Medienforschung, den Sendungsmachern ein möglichst
"farbiges" Bild von ihrem Publikum zu geben und Publikumsreaktionen möglichst
eingängig darzustellen. Zu diesem Zweck werden die Gruppendiskussionen ("Focus
Groups") mit semiprofessionellen Kameras auf Video aufgezeichnet. So können die
Programmverantwortlichen einen unmittelbaren Eindruck des Publikumsverhaltens gewinnen.
Zur Zeit wird auch an der Entwicklung von Geräten gearbeitet, mithilfe derer die
Akzeptanz eines Angebots elektronisch aufgezeichnet werden kann (Reaktionstests).
Ein umfangreiches neues Arbeitsgebiet ist auch die Messung der
Akzeptanz von Internet-Angeboten (z.B. ORF online). Die
wichtigsten Ergebnisse der ORF-Medienforschung können auf folgenden Web-Sites im Detail
studiert werden: http://www.orf.at/facts.
Weiterführende und ergänzende Literatur zur ORF-Medienforschung:
Peter Diem: Die Praxis der ORF-Medienforschung.
In: Media Perspektiven, 9/93, 417-431.
Peter Diem: Leistungsindikatoren für öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In: Media
Perspektiven, 2/94, 67-71.
Wolfgang J. Koschnick: Media-Lexikon Österreich. München u.a. 1995 s.v.
ORF-Teletest.
Peter Diem: Audience Research in Austria: History, Design and Recent Research Findings.
In: Communications. The European Journal of Communication Research, 2/96, 221-233.
Basics of On-Line Measurement (1997)
The Challenge of On-Line Measurement (1998)
Methods to Measure Internet and Other Online Use
(1998)
Comments welcome
| Dr. Peter Diem - Mail:
onlineforschung at eunet dot at Türkenschanzstr. 46, A-1180 Vienna / Austria URL: http://peter-diem.at/paper3.htm © 2001 |